Sufjan Stevens – „Carrie & Lowell“ – Wenn die Brücken zur Vergangenheit ins Nichts führen

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Eigentlich hatte Sufjan Stevens vor, Alben zu jedem der 50 US-Staaten aufzunehmen. Bekannt ist er durch zwei von diesen geworden: die schmerzend-schönen Konzept-Folkalben „Greetings From Michigan: The Great Lake State“ (2003) und „Illinoise“ (2005) – dabei ist es bisher leider geblieben. Auf die anderen 48 wartet auch niemand mehr ernsthaft.

Dafür hat Sufjan Stevens zehn (!) Alben mit weihnachtlicher Musik aufgenommen, wunderbaren Elektropop gemacht und die HipHop-Band Sisyphus gegründet. Sein aktuelles Album „Carrie & Lowell“ ist seiner verstorbenen Mutter gewidmet & in seiner Musik schließt sich ein Kreis – eine Reise nach Hause.

„Carrie & Lowell“ ist eine Interpretation seiner Kindheitserinnerungen und der Emotionen, die ihn durch den Tod seiner Mutter überwältigt haben; diese Intensität kannte er bisher kaum. Und obwohl Stevens‘ Darbietung des realen Lebens eine große Kunst ist – manchmal scheint es sehr bzw. zu intim für den Hörer zu werden. Der Rezensent hat diese Stellen dazu genutzt, Parallelen zu seinem eigenen Leben zu suchen –zur Selbstreflexion. 
Die Sache mit der Familie: jeder hat eine. Jeder kommt von irgendwoher, und egal, wie perfekt Ihre Kindheit war –  jeder liebt Mutter oder Vater auf eine Weise – begleitet von der Sehnsucht, dem Verlust und dem Wunsch, Ereignisse, für die Sie vielleicht zu jung gewesen waren um diese zu verstehen, heute vollständig zu erfassen.

Die Texte reichen vom Kopfkino (er masturbiert auf   “All of Me Wants All of You”) zu dem komödiantischen (er wird „Subaru“ in dem Stück  „Eugene“ genannt), aber dies sind alles Musterfolien für die großen emotionalen Auf und Abs und wie er damit im Leben umgeht bzw. sich seinen Umgang damit wünscht. “Should Have Known Better” ist Stevens beste Komposition, mit einer seidigen Melodie sich von traurig zu hoffnungsvoll vorarbeitet und dabei die ganze Skala der emotionalen Höhen und Tiefen – über Generationen hinweg – in sich trägt. Und das mehr als vier Minuten lang. Im Hinblick auf die musikalische Umsetzung von Gefühlen gibt es nicht viele Songs, denen das besser gelingt.

Songs wie „Death With Dignity“ oder das Titelstück sind flüsternd vorgetragene, perlende Akustikwerke – eben wie jene, die ihn weltweit bei Folkfans berühmt & beliebt machten.

Carrie & Lowell ist ein Album über Orte & Situation und wirft für uns Fragen auf, um zu zeigen, dass alles mit allem zusammenhängt und miteinander arbeitet. Nirgendwo wird dies deutlicher als etwa auf halber Strecke  seiner Reise, wenn Stevens die Kühnheit hat, auf dem Album mal subtil mal offen zu wiederholen “we’re all gonna die”. Direkt in dem Stück “Fourth of July”  und vorher “we all know how this will end”. Es folgt sein schönster Song auf diesem Album “The Only Thing”, der einige der bestechensten Texte Stevens beinhaltet, der sich hinter einer hoffnungsvollen, zarten Melodie verbirgt. Wenn er einen Gedanken beendet hat verkündet er “I want to save you from your sorrow“ und eine Flut von Klängen überrollt ihn, und der Hörer fühlt exakt auf die gleiche Weise und möchte nichts mehr als Sufjan Stevens zu trösten – an seinem tiefsten Punkt. Was für ein lustvoller, wundervoller Herzschmerz.

Im September 2015 ist er auf Tour mit „Carrie & Lowell“ – seine Konzerte in Deutschland sind weitgehend ausverkauft – lediglich für sein Konzert in Hamburg soll es noch Restkarten geben.


Mehr Infos und Videos hier: http://music.sufjan.com/

Carrie & Lowell
Erscheinungsdatum: 30. März 2015
Künstler: Sufjan Stevens
Label: Asthmatic Kitty
Musikgenre: Indie-Folk

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