Süße Früchte ◊ Andreas Petz ◊ Eine Erzählung für Kinder

Es war einmal vor noch gar nicht langer Zeit, da geschah in dem kleinen, abgelegenen Dorf Großapfelweiler etwas, das allen Bewohnern einen gehörigen Schrecken versetzte.
Es fing damit an, dass die kleine Katrin, ein Mädchen im Alter von acht Jahren, an einem wunderschönen sonnigen Herbsttag ihre Freundin Leonie im knapp zwei Kilometer entfernten Nachbardorf namens Kleinapfelweiler besuchen wollte um den Tag mit ihr zu verbringen.
calf-374602_1280wjule    Ihre Mutter brachte sie mit dem Auto hin und sagte dann zu Katrin: „Nach Hause musst du heute Nachmittag laufen, denn ich bin in der Stadt und dein Vater ist auf dem Feld, aber du kennst ja den Weg und dein Bruder ist zu Hause und kann dir aufmachen.“Die beiden Mädchen spielten dann auch wunderschön zusammen. Zuerst spielten sie auf der Wiese hinter dem Haus mit ihren Puppen. Später gingen sie zu den Tieren, denn auch Katrins Freundin Leonie lebte auf einem Bauernhof. Hin und wieder schaute Leonies Mutter nach den beiden, ließ sie aber sonst in Ruhe alleine spielen, denn auf einem Bauernhof gibt es immer viel zu tun und so hatte Leonies Mutter gar nicht die Zeit sich mehr um die beiden zu kümmern. Die Kinder waren es auch nicht anders gewohnt.
Mit den Tieren auf dem Bauernhof kannten sie sich gut aus und so gingen sie furchtlos in den Kuhstall um die Kühe und Kälber zu streicheln und zu den kleinen Schweinchen mit ihren lustigen Ringelschwänzchen um ihnen zuzuschauen wie sie am Bauch ihrer Mutter ihren Hunger stillten. Auch vor den Hühnern hatten sie keine Angst. Nur vor dem Hahn, da nahmen sie sich in acht, denn der konnte manchmal ganz schön böse werden.
Schnell verging die Zeit und um halb fünf Uhr am Nachmittag machte sich Katrin auf den Weg nach Hause. Ihre Puppe trug sie sorgfältig zugedeckt mit einer rot-weiß karierten Decke in einem kleinen Körbchen.
Abends um Acht Uhr kam Katrins Mutter von der Stadt und zu gleicher Zeit kam ihr Vater vom Feld nach Hause. Draußen brach gerade die Dunkelheit an.
child-933267_640    Die Mutter fragte Kevin, Katrins Bruder: „Habt ihr beiden schon zu Abend gegessen, oder soll ich euch noch etwas richten?“ „Katrin ist noch gar nicht hier“, antwortete Kevin etwas ängstlich.
Die Mutter erschrak: „Das kann doch nicht sein!“ Sie rannte zum Telefon und rief bei Leonies Eltern an. Sie erfuhr, dass Katrin pünktlich um halb fünf losgelaufen war, also schon längst zu Hause sein müsste. „Wir machen uns hier vom Dorf aus auf den Weg und suchen nach ihr“, sagte Leonies Mutter sofort.
Nun wurde in beiden Dörfern Alarm geschlagen. Sofort machten sich fast alle Bewohner auf den Weg um Katrin zu suchen. Zu Hause blieben nur die kleinen Kinder und die Alten, die auf die Kinder aufpassten. Leonie machte sich große Sorgen um ihre Freundin.
Die Bewohner von Kleinapfelweiler gingen im Abstand von etwa 5 Metern mit Taschenlampen bewaffnet nebeneinander den Weg in Richtung Großapfelweiler und die Bewohner von Großapfelweiler gingen genauso in Richtung Kleinapfelweiler.
Als sich die Bewohner etwa in der Mitte zwischen den beiden Ortschaften trafen hatte niemand etwas von Katrin gesehen. Jedoch hatte einer aus Kleinapfelweiler die rot-weiße Decke gefunden mit der Katrin ihre Puppe zugedeckt hatte und ein anderer hatte in der Nähe des Waldes das Körbchen mit der Puppe entdeckt. Jedoch von Katrin fehlte jede Spur.
Katrins Eltern ließen sich die Stelle zeigen wo das Körbchen mit der Puppe gefunden wurde. Die Stelle lag nah am Waldrand und so machten sich alle Leute auf, um den Wald abzusuchen der abseits vom Weg lag.
Schon nach kurzer Zeit rief Leonies Mutter: „Hier ist sie!“ Schnell kamen alle zu der Stelle und sahen Katrin in einer Mulde neben einem Tannenbaum liegen.
Katrins Vater beugte sich über das unbewegt daliegende Mädchen und untersuchte sie. Ihre Mutter fragte mit entsetztem Blick: „Ist sie …!“, weiter kam sie nicht, denn ihre Stimme versagte.
„Ich glaube nicht!“, sagte der Vater mit aufgeregter Stimme. „Sie ist warm, obwohl ich keinen Puls spüren kann. Sie schläft ganz fest.“ Alle Versuche das Kind wach zu bekommen hatten keinen Erfolg, aber immerhin kam ein leichter Seufzer aus dem Kindermund.
Schnell trug Katrins Vater sie auf seinen Armen nach Hause. Schon von unterwegs wurde von einem klugen Nachbarn mit dem Handy ein Arzt angerufen.
Dieser erschien schon kurze Zeit später und untersuchte Katrin ausführlich. „Ja, sie lebt“, bestätigte er, „aber diesen ungeheuer tiefen Schlaf kann ich mir nicht erklären.“ Denn auch jetzt blieben alle Versuche Katrin aufzuwecken vergeblich. Da meinte der Arzt plötzlich: „Höchstens … ja, das wäre möglich!“
Kurzerhand steckte er dem kleinen Mädchen seinen Finger in den Hals, diese begann zu röcheln und erbrach sich, wachte aber immer noch nicht auf.
pumpkin-995416_1280   „Sehen Sie“, meinte der Arzt und zeigte auf das Erbrochene, „ich hatte Recht!“ „Womit denn?“, fragte Katrins verzweifelte Mutter. „Tollkirschen“, sagte der Arzt, „das Kind hat Tollkirschen gegessen.“
„Oh Gott“, schluchzte Katrins Mutter und dann rief sie, „man muss doch etwas tun!“
„Der Notarzt ist schon informiert, im Krankenhaus werden sie Katrin den Magen auspumpen und wenn sie nicht zu viele gegessen hat dann wird sie wieder aufwachen“, meinte der Arzt.
Da kam auch schon der Notarztwagen mit lautem Martinshorn in das Dorf gefahren und im selben Moment wachte Katrin von dem lauten Geräusch auf. „Mami“, stammelte sie als wäre ihre Zunge gelähmt, „ich habe Durst.“
„Katrin“, sagte der Arzt, „wie viele von den Früchten hast du denn gegessen?“ Katrin überlegte kurz und dann hob sie 2 Finger in die Höhe. „Was für ein Glück!“, sagte der Arzt zu Katrins Mutter, „dann wird alles wieder gut.“
Einige Zeit später als Katrin wieder in die Schule gehen konnte wurde dort ausführlich über Tollkirschen geredet, die einerseits zwar süß schmecken, aber selbst einen Erwachsenen in den ewigen Schlaf schicken, wenn er zu viele davon gegessen hat. Deshalb werden sie in manchen Gegenden auch Teufelskirschen genannt.
Wenn du also irgendwann einmal im Herbstwald Früchte siehst, die ähnlich ausschauen wie Kirschen oder die du nicht kennst, dann lass lieber die Finger davon, sie können sehr gefährlich sein.

© Andreas Petz
Süße Früchte (aus dem Buch „Schneeflöckchens Traum und andere Kurzgeschichten“ von Andreas Petz)

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