Stefan George – Sieg des Sommers

Wassily Kandinsky - Farbstudie -  Quadrate Mit Konzentrischen Ringen - 1913
Wassily Kandinsky – Farbstudie – Quadrate Mit Konzentrischen Ringen – 1913

Der lüfte schaukeln wie von neuen dingen
Aus grauem himmel brechend milde feuer
Und rauschen heimatwärts gewandter schwingen
Entbietet mir ein neues abenteuer.

Du all die jahre hin mir glanz und glaube
Bei dir · und wo die stummen zeugen waren
Von hoffen und von angst · bei diesem laube.
Denn wird das glück sich je uns offenbaren
Wenn jezt die nacht die lockende besternte
In grüner garten-au es nicht erspäht
Wenn es die bunte volle blumen-ernte
Wenn es der glutwind nicht verrät ?

Den blauen raden und dem blutigen mohne
Entgeht dem lispelnden und lichten korn!
Durchwandert diese waldung Sinnens ohne
Und jeden vielverschlungnen pfad von vorn.

Verharrt nicht vor den zeichen in den birken.
Geschwunden sei die hand die einst sie schnitt
Nun fühlt wie andre namen wunder wirken
Zu jungen frischen stammen lenkt den schritt

Vergesst der schmerzen und des alten blutes
Gerissen am verfallnen dorngesträuch
Und blätter dürrer zeiten leichten mutes
Betretet sie und lasst sie hinter euch!

Du willst mit mir ein reich der sonne stiften
Darinnen uns allein die freude ziere
Sie heilige die haine und die triften
Eh unsre pracht und ihre sich verliere.

Dass dieses süsse leben uns genüge
Dass wir hier wohnen dankbereite gäste!
Und wort und lied ersinnst du dass gefüge
Die klagen flattern in die höchsten äste.

Du singst das lied der summenden gemarken
Das sanfte lied vor einer tür am abend
Und lehrest dulden wie die einfach starken
In lächeln jede träne scheu begrabend:

Die vögel fliehen vor den herben schlehen
Die falter bergen sich in sturmes-toben
Sie funkeln wieder auf so er verstoben
Und wer hat jemals blumen weinen sehen?

Die silberbüschel die das gras verbrämen
Und eine tageskerze die uns nickt
Erkennen uns und forschen ob wir kämen
Von einem gütigeren stern geschickt.

Die reiser streichen über unsre scheitel
Lasst sie vereinen was die furcht noch trennt
Und alle frage sei der lippe eitel
Die brennend einer fremden sich bekennt!

Nun sorgen wir dass uns kein los mehr dräue
Wenn eins des andren heisses leben trinkt
Und schauen einig in die sommerbläue
Die freundlich uns aus heller welle winkt.

Gemahnt dich noch das schöne bildnis dessen
Der nach den schluchten-rosen kühn gehascht
Der über seiner jagd den tag vergessen
Der von der dolden vollem seim genascht ?

Der nach dem parke sich zur ruhe wandte
Trieb ihn ein flügelschillern allzuweit
Der sinnend sass an jenes weihers kante
Und lauschte in die tiefe heimlichkeit.

Und von der insel moosgekrönter steine
Verliess der schwan das spiel des wasserfalls
Und legte in die kinderhand die feine
Die schmeichelnde den schlanken hals.

Wenn trübe mahnung noch einmal uns peinigt
Und schreck in unsre goldnen lande streut
Du sprichst in Zuversicht: mit mir vereinigt
Befürchte nicht was flüchtig sich erneut.

Nur dass du meinem schutz dich nicht entfernst
Bevor das scharfe licht ersterbend loht
Und dir der gartenwald versöhnlich ernst
Mit seinen schatten wieder abend bot.

Wie ein erwachen war zu andrem werden
Als wir Vergangenheit in uns gebändigt
Und als das leben lächelnd uns gehändigt
Was lang uns einzig ziel erschien auf erden.

Auf einmal alle stunden so nur galten:
Ein mühevolles werben um die hohe
Die uns vereinte · die in ihrer lohe
Gestalten um uns tilgte und gewalten.

Die reichsten schätze lernet frei verschwenden
Wie nach den langen strahlen auf verdorrte
Gewächse sollet ihr am frohen orte
Den heissen gliedern milden regen spenden!

Gedenkt vom schönsten pflückend was hier sprosset
Wenn süss und schwül die dämmrungssterne blicken
Wenn glühn und dunkeln wechselnd euch bestricken
Dass ihr soviel verliehen ist genösset!

Und törig nennt als übel zu befahren
Dass ihr in euch schon ferne bilder küsstet
Und dass ihr niemals zu versöhnen wüsstet
Den kuss im traum empfangen und den wahren.

Wenn von den eichen erste morgenkühle
Die feuchten perlen uns ins antlitz blies
So knirrte auf dem pfad der spitze kies
Erinnerte die schweigenden gefühle

Und auch die eigene stimme schien dir rauh
Wenn du im takt verwandter pulse bangen
Vernahmst die enger zu den deinen drangen
Und laues schmiegen trocknete den tau.

Ruhm diesen wipfeln ! dieser farbenflur!
Sie lehrten uns das glück in seinem flüchten
Zu streifen und es bleibt noch zarte spur
An unsrer hand wie schmelz von reifen früchten.

Schon weht das wimpel und es säumt nicht mehr
Aus scheidestunden werden tränen rinnen .
Ob einer zweifelhaften Wiederkehr
In offnem schmerze zogest du von hinnen.

Ich aber horche in die nahe nacht
Ob dort ein lezter vogelruf vermelde
Den schlaf aus dem sie froh und schön erwacht
Der liebe sachten schlaf im blumenfelde.


Stefan George: Tage und Taten. Aufzeichnungen und Skizzen, Gesamt-Ausgabe der Werke, Endgültige Fassung, Band 17, Berlin: Georg Bondi, 1933.

 

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