Stanley G. Weinbaum – Insel des Proteus – Science-Fiction-Kurzgeschichte

Proteus - Jörg Breu - 16. Jhd.
Proteus – Jörg Breu – 16. Jhd.

Der braunhäutige Maori im Bug des Auslegerbootes starrte angestrengt auf die langsam näher schwimmende Insel; dann drehte er den Kopf und richtete seine besorgten braunen Augen auf Carver. „Tabu!“ rief er zurück. „Aussitan tabu!“
Carver betrachtete ihn, ohne eine Miene zu verziehen. Er hob seinen Blick zu der Insel. Stumm und widerwillig tauchte der Maori sein Paddel wieder in das spiegelglatte Wasser, das sich in der langen Dünung hob und senkte. Der zweite Polynesier warf Carver einen bittenden Blick zu.
„Tabu“, sagte er. „Aussitan tabu!“
Der weiße Mann musterte ihn kurz, sagte aber nichts. Die sanften braunen Augen wurden niedergeschlagen, und die zwei paddelten weiter. Das braune Segel klatschte schlaff gegen den Mast. Aber als Carver aufmerksam landwärts spähte, kam es zwischen den Eingeborenen zu einem stummen, bedeutungsvollen Blickwechsel.
Die Proa glitt durch grünschwarzes Wasser auf die schaum­gegürtete Insel zu, dann begann sie langsam abzudrehen und das verlorene Eiland auf Steuerbord zu lassen. Carvers Kinn schob sich eckig vor. „Malloa! Anlaufen habe ich gesagt, ihr braunen Mist­kerle! Anlaufen, habt ihr gehört?“

Er blickte von neuem zur Insel. Austin Island war keine traditio­nell geheiligte Insel, aber diese Eingeborenen fürchteten sie aus irgendeinem Grund. Es war nicht Sache eines Zoologen, dem Warum nachzugehen. Die Insel war unbewohnt und erst vor wenigen Jahren kartographisch aufgenommen worden. Er be­merkte Farnwälder, wie er sie von Neuseeland kannte, Dammara­fichten und am Ufer einen Saum von Buschwerk. Dunkelgrün bewaldete Hügel, einen Bogen weißen Strandes und dazwischen einen Punkt, der sich langsam weiterbewegte — ein Apteryx mantelli, dachte Carver — ein Kiwi.
Die Proa schob sich langsam ans Ufer heran.
„Tabu“, flüsterte Malloa wieder. „Ihm viel Bunyip!“
„Hoffentlich“, grunzte der weiße Mann. „Ich würde ungern zu Jameson und den anderen auf Macquarie zurückkehren, ohne wenigstens einen kleinen Bunyip mitzubringen. Oder einen anderen Märchengeist.“ Er grinste. „Bun­yip carveris. Klingt nicht schlecht, was? Würde sich gut in einem naturgeschichtlichen Werk ausneh­men, mit Bildern.“Als sie den weißen Brandungsstreifen durchfahren hatten und sich rasch dem Strand näherten, flüchtete der Kiwi in den Wald — wenn es ein Kiwi war. Er sah irgendwie komisch aus, und Carver spähte ihm mit zusammengekniffenen Augen nach. Natürlich mußte es ein Apteryx sein; diese Inseln der Neuseeland-Gruppe waren zu arm an Fauna, als daß es etwas anderes hätte sein können. Hunde, Ratten, zwei Arten Fledermäuse — damit war das Säugetier­leben von Neuseeland erschöpft.

Natürlich gab es importierte Katzen, Schweine und Kaninchen, die auf den Hauptinseln verwildert waren und frei herumliefen, aber nicht hier. Nicht auf den Aucklands, nicht auf Macquarie und schon gar nicht hier auf Austin Island, draußen in der einsamen See zwischen Macquarie und den kahlen, sturmumtosten Balleny-Inseln, weit unten am Rand der Antarktis. Nein; das Ding mußte ein Kiwi sein.

Das Boot knirschte leise auf Sand. Kolu, der Maori im Bug, sprang wie ein brauner Blitz auf den Strand und zog die Proa über die sanft auslaufenden Wellen. Carver stand auf und sprang in den Sand, dann hielt er inne, als Malloa, hinter ihm im Heck der Proa, plötzlich zu stöhnen anfing.

„Die Bäume, Wahi!“ ächzte er. „Die Bunyip-Bäume!“

Carvers Blick folgte dem ausgestreckten braunen Finger. Was sollte mit den Bäumen sein? Da standen sie hinter dem Strand, wie sie auf Macquarie und den Aucklands die Ufer säumten. Dann furchte er die Stirn. Er war kein Botaniker; das war Halburtons Fach, der mit Jameson und den anderen von der „Fortune“ auf Macquarie geblieben war. Er war Zoologe und kannte sich in der Flora nur oberflächlich aus. Doch er stutzte.

Die Bäume waren tatsächlich sonderbar. Aus der Ferne hatten sie wie die Baumfarne und die Dammarafichten ausgesehen, die man hier erwarten konnte. Doch jetzt, aus der Nähe, hatten sie einen anderen Aspekt. Der Unterschied war nicht bedeutend, aber sie wirkten nichtsdestoweniger verschieden. Die Dammarafichten waren nicht die üblichen, und auch die Baumfarne waren nicht die gleichen Cryptogamia, wie sie auf Macquarie und den Aucklands gediehen. Natürlich waren diese Inseln viele Seemeilen weiter nördlich, und gewisse lokale Variationen mochten zu erwarten sein. Aber trotz allem …

„Mutationen“, murmelte er stirnrunzelnd. „Scheint Darwins Iso­lationstheorie zu bestätigen. Ich werde Halburton ein paar Proben mitbringen müssen.“

„Wahi“, sagte Kolu nervös. „Wir umkehren jetzt?“

„Jetzt?“ Carver explodierte. „Wir sind gerade angekommen! Glaubst du, wir hätten die ganze Strecke von Macquarie zurück­gelegt, um einen Blick auf die Insel zu werfen? Wir bleiben einen oder zwei Tage hier, damit ich mir das Tierleben auf dieser gottverlassenen Insel ansehen kann. Was ist eigentlich mit euch los?“

„Die Bäume, Wahi!“ jammerte Malloa. „Bunyip! Die Bäume reden, die Bäume gehen!“

„Bah! Reden und gehen!“ Er hob einen Kiesel auf und warf ihn in die dunkelgrüne Busch- und Baumkulisse voraus. „Dann wollen wir mal ein paar Flüche von ihnen hören!“

Der Stein fetzte durch Laub, und dann wurde es wieder still. Doch nicht ganz; etwas Dunkles und Kleines flatterte auf und zeigte sich für einen Moment als schwarze Silhouette vor dem blaßblauen Himmel. Es war klein wie ein Sperling, aber fledermausartig, mit Schwingen, die Hautmembranen zu sein schienen. Carver starrte verdutzt, denn das Tier hatte einen dreißig Zentimeter langen Schwanz, dünn wie ein Bleistift und ganz gewiß kein Anhängsel, wie man es bei einer normalen Fledermaus antrifft.

Das Tier flatterte einen Moment unbeholfen im Sonnenlicht, dann tauchte es wieder in den Wald ein, wo der Stein es aufgescheucht hatte. Carver hatte noch den wilden, schrillen Ruf im Ohr. „Wiir! Whi-i-i-r!“ hatte er geklungen.

„Teufel noch mal!“ sagte Carver kopfschüttelnd. „Auf Neuseeland und den benachbarten Inseln gibt es zwei Arten von Chiroptera, und das war keine von beiden! Keine Fledermaus hat so einen Schwanz!“

Kolu und Malloa jammerten im Chor. Das Tier war zu klein und zu weit entfernt gewesen, um eine regelrechte Panik auszulösen, aber als es durch die Luft geflattert war, hatte es ein unheimlich abnormes Aussehen gehabt. Es war eine Monstrosität, eine Ab­weichung, und unbe­kannter Fremdartigkeit furchtlos entgegen­zutreten war nicht Sache der Polynesier. Und es war auch nicht Sache eines Weißen, reflektierte Carver; er unterdrückte ein merkwürdiges Gefühl nervöser Spannung. Es wäre äußerst unvernünftig, sich als rational denkender Zoologe von Kolus und Malloas abergläubischer Angst beeinflussen zu lassen. „Ruhe jetzt!“ befahl er barsch. „Wir werden den Burschen oder einen seiner Vettern fangen. Ich will ein Musterexemplar von seinem Stamm. Thimolopidae, möchte ich wetten, aber eine völlig un­bekannte Gattung. Heute abend werden wir einen mit dem Netz fangen.“

Die Stimmen der beiden Maoris erhoben sich in hellem Entsetzen. Carver brachte sie scharf zum Schweigen. „Los!“ befahl er, „holt das Zeug aus dem Boot. Ich werde unterdessen den Strand entlang­wandern und einen Bach suchen. Mawson behauptete, auf der Nordseite der Insel Süßwasser gefunden zu haben.“

Malloa und Kolu murmelten mit unterdrückter Heftigkeit, als er sich abwandte. Vor ihm lag der Strand weiß in der Nachmittags­sonne; zu seiner Linken war der blaue Pazifik, ein ungewöhnlich ruhiger Pazifik für diese oft stürmischen Breiten, und zu seiner Rechten schlummerte der dämmrige, stille Wald. Carver bemerkte verwundert die fast unerschöpflich scheinende Vielfalt der pflanz­lichen Formen; kaum ein Baum oder Strauch war darunter, den er zweifelsfrei mit irgendeiner auf Macquarie oder den Aucklands oder dem fernen Neuseeland üblichen Art identifizieren konnte. Aber, so sagte er sich, er war kein Botaniker.

Abgelegene Inseln brachten häufig eigene Spielarten der Fauna und Flora hervor. Das war ein Teil von Darwins ursprünglicher Evolutionstheorie, diese Idee der Isolation. Beispiele gab es genug: Mauritius und der Dodo und die Galapagos-Schildkröten. Oder auch der Kiwi von Neuseeland oder der riesenhafte, ausgestorbene Moa. Und doch — er runzelte die Stirn über den Gedanken — fand man nie eine Insel, die ganz von ihrer eigenen Form pflanzlichen Lebens bedeckt war. Vom Wind angewehte Samen und das Treibgut des Ozeans verursachten immer einen Vegetationsaustausch zwischen Inseln; Vögel übertrugen Saatgut, und sogar die gelegentlich herkommen­den menschlichen Besucher förderten oft ungewollt den Austausch.

Überdies hätte ein sorgfältiger Beobachter wie Mawson, der die Insel 1911 besucht hatte, zweifellos über die Eigentümlichkeiten von Austin Island berichtet. Er hatte es nicht getan; auch nicht die Walfänger, die dann und wann die Insel anliefen, wenn sie unterwegs in die antarktischen Gewässer waren. Allerdings waren Walfänger in jüngster Zeit sehr selten geworden; zehn oder mehr Jahre mochten vergangen sein, seit einer vor der Insel Anker geworfen hatte. Aber welche Veränderungen konnten in zehn oder fünfzehn Jahren eingetreten sein?

Carver kam plötzlich an eine schmale Wasserrinne, die von einem dünnen Getröpfel gespeist wurde, wo das Wasser am Rand des Dschungels über eine bemooste Granitbank rieselte. Er bückte sich, befeuchtete seinen Finger und kostete. Es war trinkbar und darum höchst zufriedenstellend. Er konnte kaum hoffen, auf der Insel einen größeren Wasserlauf zu finden, denn bei einer Fläche von zehn mal sechs Kilometern war das Reservoir zu klein. Vielleicht gab es irgendwo einen Bach, aber notfalls kam er mit diesem Rinnsal aus. Sein Blick folgte dem Wasser in das Gewirr des Farnwaldes, und eine rasche Bewegung ließ ihn aufmerken. Er spähte ungläubig, denn er wußte, daß nicht wahr sein konnte, was er sah!

Das Tier, oder wie man es nennen wollte, hatte anscheinend am Rand des Wasserlaufs getrunken, denn Carver sah es zuerst in kniender Position. Das war Teil der Überraschung, die Tatsache, daß es kniete, denn kein Tier außer dem Menschen nimmt jemals diese Haltung ein, und dieses Wesen, was immer es sein mochte, war nicht menschlich.

Wild blickende gelbe Augen funkelten zurück, und das Ding erhob sich zu aufrechter Haltung. Es war ein Zweibeiner, eine kleine Travestie des Menschen, und stehend nicht größer als fünfzig Zentimeter. Carvers schockiertes Bewußtsein registrierte ein graues, schäbiges Fell, einen beweglichen Schwanz und na­delscharfe Zähne in einem kleinen roten Mund. Aber in erster Linie sah er nur bösartige gelbe Augen und ein Gesicht, das nicht menschlich war, jedoch eine bestürzende Synthese von menschli­chen und raubtierhaften Eigenschaften zu sein schien.

Carver hatte viel Zeit in den Wildnissen des Planeten verbracht. Seine Reaktion hatte beinahe die Natur eines Reflexes. Seine Pistole kam heraus und feuerte, als ob sie sich von selbst bewegte. Dieser Automatismus hatte sich in den wilderen Gegenden der Erde bewährt; mehr als einmal hatte Carver sein Leben gerettet, indem er noch in der Schrecksekunde geschossen und erst hinterher überlegt hatte. Aber die Schnelligkeit der Reaktion ging auf Kosten der Genauigkeit.

Sein Geschoß zerriß neben dem Kopf der seltsamen Kreatur einen hängenden Farnwedel. Das Ding knurrte, und dann, nach einem letzten wilden Blick seiner gelben Augen, sprang es Hals über Kopf in das Blättergewirr und verschwand im Unterholz.

Carver pfiff. „Was, in drei Teufels Namen“, murmelte er laut, „war das?“ Aber er hatte nicht viel Zeit zum Nachdenken; lange Schatten und eine orangene Verfärbung des Nachmittags warnten ihn, daß die Dunkelheit — eine plötzliche, dämmerungslose Dunkelheit — nahe war. Er kehrte um und wanderte am Strand zurück zum Auslegerboot.

Ein niedriges, halb im Sand vergrabenes Granitriff verdeckte das Boot und die beiden Maoris, und die Sonne schien über eine bewaldete Anhöhe der Insel direkt in sein Gesicht. Carver blinzelte ins Licht und sah die Sonne hinter der Kuppe versinken, während er gedankenverloren dahintrottete — um plötzlich wie erstarrt zu verhalten. Aus der Richtung der Proa war ein entsetzter Schrei gekommen!

Er fing an zu laufen. Zum Granitriff waren es kaum hundert Schritte, aber so schnell kam die Nacht in diesen Breiten, daß die dunklen Abendschatten mit ihm um die Wette zu laufen schienen. Er sprang auf das Riff und über­blickte den Strand, wo das Auslegerboot liegen mußte.

Etwas war da. Eine Kiste — Teil seiner Ausrüstung. Aber die Proa war fort!

Dann sah er sie, bereits fünf oder sechs Kabellängen draußen in der Bucht. Malloa kauerte im Heck und paddelte, was das Zeug hielt, Kolu hatte das Segel gesetzt, um den aufkommenden Abendwind auszunützen, und war halb davon verdeckt. Das Boot bewegte sich rasch und gleichmäßig hinaus auf den dunklen Ozean.

Sein erster Impuls war zu brüllen, und er brüllte aus Leibes­kräften. Dann wurde ihm klar, daß der Westwind sein Geschrei verwehte und daß die beiden außer Hörweite waren. Er zog seine Automatik und feuerte dreimal in die Luft, aber da Malloa nicht einmal einen Blick über die Schulter warf, schickte er eine vierte Kugel dem fliehenden Paar nach. Auch sie blieb ohne Wirkung. Die Proa glitt mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, durchstieß den weißen Brandungsgürtel und verschmolz mit der schwarzen Ferne.

Carver starrte den Deserteuren in heißer Wut nach, bis auch vom Segel nichts mehr zu sehen war; dann hörte er auf zu fluchen, setzte sich mißmutig auf die einzige Kiste, die sie ausgeladen hatten, und begann zu überlegen, was sie geängstigt haben mochte. Aber das war etwas, das er nie erfahren sollte.

Nach ein paar Minuten war es völlig dunkel. Am Himmel erschie­nen die fremden Sternbilder des Südens; im Osten stand das großartige Kreuz des Südens, und weiter südlich wurden die geheimnisvollen Magellanschen Wolken sichtbar. Aber Carver hatte keine Augen für diese Schönheiten; der Südhimmel mit seinen Sternbildern war ihm seit langem vertraut.

Er dachte über seine Lage nach. Sie war eher ärgerlich als verzweifelt, denn er war bewaffnet, und selbst wenn er seine Pistole im Boot zurückgelassen hätte, wäre es nicht tragisch gewesen, denn auf diesen kleinen Inseln südlich der Aucklands gab es kein gefährliches Tierleben. Das gab es, mit Ausnahme des Menschen, nicht einmal auf Neuseeland. Aber auf den Aucklands, auf Macquarie oder hier auf dem abgelegenen Austin Island gab es nicht einmal Menschen.

Malloa und Kolu waren ohne Zweifel von schrecklicher Angst befallen worden; doch es bedurfte nur einer Kleinigkeit, um die abergläubischen Ängste eines Polynesiers zu wecken. Eine un­bekannte Fledermausart war genug oder auch ein Kiwi, wenn er wie ein Schatten durch das Unterholz schlüpfte. Vielleicht war es auch bloß ihre eigene Einbildung gewesen, stimuliert von irgendwelchen wilden Geschichten, der die Insel ihr Tabu verdankte.

Was die Rettung anging, sah Carver keine Schwierigkeiten. Malloa und Kolu mochten ihren Mut wiederfinden und ihn abholen. Taten sie das nicht, bestand die Möglichkeit, daß sie zur Macquarie-Insel segelten und die „Fortune“-Expedition verständigten. Selbst wenn sie taten, was er als natürlich von ihnen erwartete — wenn sie Kurs auf die Aucklands nahmen und von dort ihre Heimatinsel Warekauri ansteuerten —, brauchte er nicht zu verzweifeln. In drei oder vier Tagen würde Jameson anfangen, sich Sorgen zu machen, und man würde ihn suchen.

Es gab keine Gefahr, sagte er sich — keine Ursache, Befürch­tungen zu nähren. Das beste war, er ging einfach seiner geplanten Arbeit nach. Glücklicherweise war die Kiste, auf der er saß, diejenige, die sein Zyangas für Insektenproben, Netze, Fallen und Schlingen enthielt. Er konnte sein Programm ausführen, nur mußte er einen Teil seiner Zeit der Jagd und der Essenszubereitung widmen.

Carver zündete seine Pfeife an, sammelte trockenes Treibholz, das in Massen am Strand lag, machte Feuer und bereitete sich auf die Nacht vor. Er sandte den zwei Maoris noch einige ausgewählte Verwünschungen nach, als er merkte, daß sein behaglicher Schlaf­sack mit der Proa verschwunden war, aber das Feuer würde ihn vor der kühlen Nacht dieser hohen südlichen Breite schützen. Er rauchte seine Pfeife nachdenklich zu Ende, streckte sich neben sein Feuer und versuchte zu schlafen.

Als sieben Stunden und fünfzig Minuten später die Sonne über den östlichen Meereshorizont stieg, war er bereit zuzugeben, daß die Nacht etwas anderes als ein Erfolg gewesen war. Er war gegen die aufdringlichen kleinen Sandfliegen und die blutdürstigen Nacht­insekten der Inseln abgehärtet, und doch war sein Versuch zu schlafen ein entschiedener Fehlschlag gewesen.

Warum? Nervosität wegen der Tatsachen einer fremden Um­gebung und der Einsamkeit konnte es nicht gewesen sein. Alan Carver hatte dafür schon zu viele Nächte in wilden und einsamen Gegenden verbracht. Doch die Nachtgeräusche hatten ihn in einem Dauerzustand halbwacher Beunruhigung gehalten, und wenigstens zehnmal war er schwitzend vor Aufregung zu vollem Bewußtsein aufgeschreckt. Warum?

Er wußte, warum. Es waren die Nachtgeräusche selbst. Nicht ihre Lautstärke oder ihre Bedrohlichkeit, sondern ihre — nun, ihre Vielfalt. Er wußte, was die Dunkelheit der Nacht in Form von Geräuschen hervorbringt; er kannte jeden Vogelruf und jedes Fledermausquietschen, das auf diesen Inseln heimisch war. Aber die Nachtgeräusche hier auf Austin Island waren im Wissensschatz seiner Erfahrung nicht unterzubringen. Sie waren sonderbar fremd, unklassifizierbar und weitaus vielfältiger, als sie sein sollten; und doch bildete er sich ein, selbst aus dem wildesten Schrei eine Note beunruhigender Vertrautheit herauszuhören.

Carver zuckte mit den Schultern. Im klaren Tageslicht kamen ihm seine nächtlichen Eindrücke wie alberne Phantasien vor, ganz und gar unentschuldbar vor dem kritischen Verstand eines Mannes, der die Einsamkeit der Natur so gewohnt war wie er. Er stand auf, reckte sich und blickte in das verfilzte Pflanzengewirr unter den Baum­farnen.

Er war hungrig, und irgendwo dort drinnen war sein Frühstück, entweder Frucht oder Vogel. Diese stellten den ganzen Bereich der Auswahl dar, weil er noch nicht hungrig genug war, um eine der anderen möglichen Variationen in Betracht zu ziehen — Ratte, Fledermaus oder Hund. Das erschöpfte die Fauna dieser Inseln.

Wirklich? Er zog seine Stirn in Falten, als plötzlich die Erinnerung über ihn kam. Was war mit dem wilden gelbäugigen Zwerg, der ihn am morastigen Wasserlauf angeknurrt hatte? Er hatte das über der Aufregung vergessen, die Malloas und Kolus Desertion ausgelöst hatte. Dieses Ding war bestimmt weder Ratte, Fledermaus noch Hund gewesen. Was dann?

Immer noch stirnrunzelnd, fühlte er nach seiner Pistole, nahm sie aus der Tasche und vergewisserte sich ihrer Funktionsfähigkeit. Vielleicht waren die zwei Maoris vor einer imaginären Bedrohung geflohen, aber das Ding am Wasserlauf war etwas, das er nicht dem Aberglauben zuschreiben konnte. Er hatte es mit eigenen Augen gesehen. Er wurde noch nachdenklicher, als er sich der geschwänz­ten Fledermaus vom vergangenen Nachmittag entsann. Auch das war kein Fabelwesen der Eingeborenen gewesen.

Entschlossen ging er auf den Farnwald zu. Angenommen, die Insel beherbergte tatsächlich ein paar Mutationsformen und individuelle Spezies. Um so besser rechtfertig­te es die Expedition. Es mochte sogar zum Ruhm eines ge­wissen Alan Carver beitragen, wenn er als erster von die­ser merkwürdigen insularen Tierwelt berichtete. Dennoch — es war verwunderlich, daß Mawson nichts dergleichen gemeldet hatte; weder Mawson noch die Walfänger.

Am Waldrand machte er halt. Plötzlich sah er, was den komischen Eindruck dieses Waldes ausmachte. Er sah, was Malloa gemeint hatte, als er zu den Bäumen hin gestikuliert hatte. Ungläubig blickte er von Baum zu Baum. Es gab keine zwei Bäume, die einander gleich waren. Keine zwei gleichen. Jeder war anders, in der Blattform, in der Struktur der Rinde, im Wuchs. Kein Baum glich dem anderen, stellte Carver fest.

Aber das war unmöglich. Botaniker oder nicht, er wußte um die Unmöglichkeit. Ja, wenn es eine Steigerungsform der Unmöglich­keit gäbe, dann traf sie für diese abge­legene kleine Insel zu, wo notwendigerweise Inzucht herrschte. Die Lebensformen mochten von solchen ande­rer Inseln abweichen, aber nicht voneinander — wenig­stens nicht in diesem Ausmaß. Die Zahl der Arten mußte schon wegen des intensiven Kampfes um Lebensraum auf einer kleinen Insel begrenzt sein. Mußte!

Carver trat zurück und überblickte die Mauer des Waldes. Da waren unzählige Baumfarne; da waren Kaurifichten; da waren Laubbäume — aber in dem hundert Meter breiten Stück, das er genau sehen konnte, waren keine zwei gleichen Bäume!

Er stand in verständnisloser Verblüffung. Was bedeutete das? Welches war der Grund für diesen unnatürlichen Artenreichtum? Wie konnte sich eine der zahllosen Formen reproduzieren, wenn es nicht irgendwo andere von identischer Form gab, die sie bestäuben konnten? Gewiß konnten die Blüten eines Baumes einander bestäu­ben, aber wo waren dann die Nachkommen? Es war ein fundamen­tales Naturgesetz, daß aus Eicheln Eichen werden, aus den Zapfen der Kaurifichte Kaurifichten.

Er wanderte langsam den Waldrand entlang. Die massive Wand aus Laub und Zweigen stand unbeweglich, nur das Laub des äußersten Saumes wurde vom Seewind gekämmt, aber alles, was Carver sah, war die unglaubliche Verschiedenartigkeit dieser Blätter. Nirgends war auch nur ein einziger Baum, der irgendeinem ähnelte, den er schon einmal gesehen hatte.

Da waren glatte und rauhe Blätter, gefiederte, gesägte und gefingerte Blätter, gerippte, palmenartige und schwertförmige Blätter. Da gab es Exemplare jeder Gattung, die er nennen konnte, und selbst ein Zoologe kann eine Anzahl nennen, wenn er mit einem Botaniker wie Halburton gearbeitet hat. Aber es war, als hätten sich auf Austin Island die Trennwände zwischen den Gattungen auf­gelöst und nur die zwischen den Hauptfamilien übriggelassen.

Carver war fast einen Kilometer gewandert, als das Hungergefühl ihn an den eigentlichen Zweck seines morgendlichen Ausflugs erinnerte. Er mußte etwas essen. Mit einem Gefühl entschiedener Erleichterung beäugte er die Seevögel, die mit rauhem Geschrei zwischen dem Treibgut herumliefen und um Krabben und Garnelen stritten; wenigstens sie waren normale Vertreter ihrer Gattung. Aber sie gaben bestenfalls ein zähes und traniges Menü ab, und sein Blick kehrte zu dem mysteriösen Waldrand zurück.

Er sah eine Wegspur oder einen Pfad oder vielleicht nur eine zufällige Verdünnung der Vegetation entlang einer unterirdischen Felsrippe, die in das grüne Dämmerlicht des Waldes und an­scheinend aufwärts zu dem bewaldeten Hügel am Westende der Insel führte. Diese schmale Schneise war der erste bequeme Zugang zum Innern der Insel, den er bisher angetroffen hatte, und Sekunden später schlüpfte er leise durch die dämmrige Wildnis und hielt scharf nach jagdbaren Vögeln und eßbaren Früchten Ausschau.

Er sah Früchte in Mengen. Viele Bäume und Sträucher trugen runde, ovale und bohnenförmige Früchte in verschiedenen Größen und Färbungen, aber für Carver bestand die Schwierigkeit darin, daß er keine sah, die er als eßbar erkennen konnte. Er wagte nicht, auf gut Glück in irgendeine vertrauenerweckende Frucht zu beißen, denn der Himmel allein wußte, was für gefährliche Alkaloide diese sonderbare Insel produzieren mochte.

Vögel flatterten und zwitscherten in den Zweigen, aber im Moment sah er keinen, der groß genug gewesen wäre, daß sich eine Kugel gelohnt hätte. Außerdem beschäftigte eine weitere komische Tat­sache seine Aufmerksamkeit; je weiter er in den Wald eindrang, desto bizarrer wurden die vielfältigen Formen der Waldpflanzen. Am Waldrand war er wenigstens noch in der Lage gewesen, einen einzelnen Strauch oder Baum nach seiner Familie zu bestimmen, aber hier begannen selbst die groben Bestimmungsmerkmale zu verschwinden.

Er wußte, warum. „Die Küstenpflanzen sind mit angewehten oder angetriebenen Samen von anderen Inseln gekreuzt“, murmelte er. „Aber hier im Innern sind sie wild geworden. Die ganze Insel ist verrückt geworden.“

Die Bewegung eines dunklen Körpers vor dem lichtdurchsprenkelten Blätterdach machte ihn aufmerksam. Ein Vogel? Wenn ja, war er viel größer als die sperlingsgroßen Singvögel, die Carver bisher gesehen hatte. Er hob seinen Revolver, zielte sorgfältig und feuerte.

Der unheimliche Wald verschluckte das Krachen der Detonation wie Watte. Ein Körper, groß wie eine Ente, schlug mit einem langen, gellenden Schrei durch die Zweige, zappelte noch einen Moment im Unterholz und war still. Carver eilte vorwärts, um dann fassungslos auf sein Opfer zu starren.

Es war kein Vogel. Es war ein Klettertier irgendeiner Art, bewaffnet mit scharfen Krallen und spitzen kleinen Zähnen in einem dreieckigen roten Maul. Es ähnelte ziemlich deutlich einem kleinen Hund — wenn man sich einen auf Bäume kletternden Hund vorstellen konnte —, und einen Augenblick erschrak Carver über den Gedanken, er könnte jemandes Promenadenmischung erschos­sen haben.

Aber es war auch kein Hund. Die zurückziehbaren Krallen, fünf an jedem Vorderfuß, vier an jedem Hinterfuß, waren Beweis genug, aber noch deutlicher sprachen die nadelscharfen kleinen Zähne dagegen. Dieses Tier gehörte der Familie der Katzen an. Dafür zeugten auch die gelblichen Augen mit den geschlitzten Pupillen, die ihn haßerfüllt anstarrten, aber nun im Sterben ihr wildes Feuer verloren. Dies war kein Hund, sondern eine Katze.

Er dachte an jenes andere Wesen, das er am Wasserlauf an­getroffen hatte. Auch das hatte einen katzenhaft wilden Eindruck auf ihn gemacht. Was für eine Bedeutung steckte dahinter? Katzen, die wie Affen aussahen; Katzen, die wie Hunde aussahen!

Er hatte keinen Hunger mehr. Nach einem Moment hob er den Körper seiner Jagdbeute auf und machte sich auf den Rückweg zum Strand. Der Zoologe in ihm hatte sich durchgesetzt. Dieses schlaff baumelnde, bepelzte Tier war nicht länger eine mögliche Nahrung, sondern ein seltenes Exemplar. Er mußte tun, was er konnte, um den Kadaver zu konservieren. Das Tier würde seinen Namen erhalten, das war klar: Felis carveri.

Ein Geräusch hinter ihm brachte ihn zum Stehen. Er spähte zurück durch den schmalen grünen Tunnel. Er wurde verfolgt. Irgend etwas lauerte dort hinten in den Schatten des Waldes. Er sah es — oder sie — als formlose, dunklere Schatten im wechselnden Helldunkel des windbewegten Laubdaches.

Zum erstenmal schienen die Geheimnisse dieser Insel sich mit einem Gefühl von Bedrohung zu verbinden. Er beschleunigte seinen Schritt. Gleich darauf glaubte er im Wald zu seiner Linken einen leisen Schrei oder eher ein Heulen zu hören, das von rechts beantwortet wurde.

Er wagte nicht zu rennen, weil er wußte, daß der Anschein von Angst Tiere und primitive Menschen allzuoft zum Angriff pro­voziert. Er ging, so rasch er konnte, ohne aus dem Rückzug eine Flucht zu machen, und schließlich sah er den weißen Strand voraus. Dort im Freien konnte er seine Verfolger wenigstens sehen, wenn sie einen Angriff wagten.

Aber sie taten es nicht. Er zog sich an den Rand des Wassers zurück, wo die auslaufenden Wellen an seine Stiefel leckten, aber kein Lebewesen folgte ihm. Doch sie waren da. Während des ganzen Rückwegs zu seiner Kiste und den Resten des Lagerfeuers wußte er, daß knapp innerhalb der grünen Wand schemenhafte Gestalten schlichen und lauerten.

Die Situation begann an seinen Nerven zu zerren. Er konnte nicht einfach unbegrenzte Zeit am Strand bleiben und auf einen Angriff warten. Früher oder später würde er schlafen müssen, und dann — nein. Besser wäre es, den Angriff sofort zu provozieren, zu sehen, mit welchen Gegnern er es zu tun hatte, und sie zu vertreiben oder auszurotten. An Munition fehlte es ihm nicht.

Als er wieder eine Bewegung wahrnahm, hob er seine Pistole und feuerte auf einen schwach erkennbaren, gleitenden Schatten. Ein Aufheulen antwortete, das fraglos tierisch war; bevor es wimmernd erstarb, antworteten andere Laute. Dann erschrak Carver so heftig, daß er unwillkürlich zurücksprang, als die Büsche rauschten und in Bewegung gerieten und er auf einmal sah, welche Art von Lebewesen im Wald gelauert hatte.

Zehn oder zwölf Gestalten sprangen aus dem Unterholz auf den Sand. Für die Dauer eines Atemzuges hielten sie still und sicherten, und Carver wußte, daß der Alptraum eines Zoologen ihn im Griff hatte, denn keine andere Erklärung war zureichend.

Das Rudel war in einer unbestimmten Weise hundeähnlich, aber keines der Tiere ähnelte dem einheimischen Wildhund Neuseelands oder dem australischen Dingo. Sie ähnelten überhaupt keinem Hund seiner Erfahrung, und das einzig Hundeähnliche an ihnen war vielleicht ihre Angriffsweise, ihr Hecheln und Jaulen, ihre triefen­den Mäuler und die Anordnung ihrer Zähne — soweit Carver sie sehen konnte.

Aber die Tatsache, die ihn nun schockte, war eine weitere verblüffende Wiederholung seiner bisherigen Beobachtungen auf Austin Island — sie ähnelten einander nicht! Tatsächlich, dachte Carver, hatte er auf dieser verrückten Insel bisher noch keine zwei Lebewesen angetroffen, tierisch oder pflanzlich von Natur, die einander in allen wesentlichen Merkmalen glichen!

Das Rudel bewegte sich weiter und versuchte ihn einzukreisen. Er sah die unglaublichsten Extremformen unter ihnen — Tiere mit langen Hinterläufen und kurzen Vorderbeinen; eine Kreatur mit haarloser, von Dornen zerkratzter Haut und einem Gesicht, das Carver an die halbmenschliche Visage eines Werwolfs gemahnte; ein kleines rattenartiges Ding, das mit schriller, japsender Stimme bellte; und ein mächtiges, breitbrüstiges Ungeheuer, dessen Körper fast für aufrechten Gang geschaffen schien und das auf den Hinterbeinen lief, während die Vorderpfoten nur in Intervallen den Boden berührten, um den faßförmigen Körper im Gleichgewicht zu halten. Dieses Wesen war eine besonders gefährlich aussehende Monstrosität mit langen gelben Reißzähnen, und Carver erwählte es als sein erstes Opfer.

Das Tier brach ohne einen Laut zusammen, bevor der Schuß verhallt war, die Pistolenkugel hatte es in den Schädel getroffen. Das Rudel antwortete mit einem wütenden Chor aus Gebell, Geheul, Knurren und gellenden Schreien. Sie wichen einen Moment zurück, kamen dann vorwärts.

Wieder feuerte Carver. Ein rotäugiges, hüpfendes Ding lag kreischend und zappelnd im Sand. Die anderen hielten sichtlich beunruhigt inne. Knurrend beäugten sie ihn mit ihren roten und gelblichen Lichtern.

Carver fuhr zusammen, als ein anderes Geräusch an sein Ohr kam, ein Schrei, dessen Natur er nicht bestimmen konnte, der aber von einer Stelle zu kommen schien, wo am Waldrand eine über­wucherte Basaltklippe erkennbar war. Der Schrei hörte sich an, als triebe irgendein unsichtbarer Beobachter das Rudel zum An­griff an, und tatsächlich faßten die Bestien wieder Mut und rückten gegen ihn vor. Im gleichen Augenblick traf ein kraftvoll geschleu­derter Stein schmerzhaft Carvers Schulter.

Er wankte einen Schritt rückwärts, dann suchte er mit seinen Augen den Buschrand ab. Ein geworfener Stein bedeutete Men­schen. Die verrückte Insel beherbergte mehr als diese grotesken Bestien.

Ein zweiter Anfeuerungsschrei, und ein weiterer Stein summte an seinem Kopf vorbei. Aber diesmal hatte er die Bewegung auf der Basaltklippe gesehen und feuerte augenblicklich.

Ein Schrei. Zweige brachen, und eine menschliche Gestalt fiel kopfüber von der drei Meter hohen Klippe in das Gestrüpp an ihrem Fuß. Das Rudel stob heulend auseinander, als hätte diese Schau­stellung von Macht den Mut der Bestien endgültig gebrochen. Sekunden später waren sie im Wald untergetaucht.

Carver wartete eine Weile, dann ging er vorsichtig zu der Stelle, wo sein Angreifer liegengeblieben war.

Die Gestalt war zweifellos menschlich — aber war es wirklich ein Mensch? Hier auf dieser vom Wahnsinn gestreiften Insel, wo die Arten alle Formen anzunehmen schienen, zögerte Carver, dieses Zugeständnis zu machen. Er beugte sich über seinen gefallenen Widersacher, der auf dem Gesicht lag, dann wälzte er den Körper herum. Er stierte.

Es war ein Mädchen. Ihr Gesicht, still und gelöst wie das einer Buddhastatue, war jung und lieblich und hatte feine Züge, denen aber selbst in der Ohnmacht eine Wildheit eigen war. Ihre geschlos­senen Augen waren leicht schräggestellt.

Ihre Haut war zerkratzt und bräunlich, doch wo ihr einziges Kleidungsstück — ein ungegerbtes, bereits steif und brüchig gewordenes graues Tierfell — sich im Sturz verschoben hatte, war sie heller. Es schien, daß sie eine Weiße war.

Hatte er sie tödlich verwundet? Beunruhigt suchte er nach der Schußwunde und fand sie schließlich in einer schwach blutenden Streifschußverletzung über ihrem rechten Knie. Sein Schuß hatte sie nur aus dem Gleichgewicht gebracht; der Sturz von dem drei Meter hohen Felsen hatte den wirklichen Schaden angerichtet, wie eine blutige Anschwellung ihrer linken Schläfe zeigte. Aber sie lebte.

Er hob sie auf und schleppte sie über den Strand, fort vom Waldrand, wo ihre seltsame Meute noch immer lauern mußte.

Er schüttelte seine halbleere Wasserflasche und goß ihr vorsichtig etwas Wasser in den Mund. Sie hustete und spie, und dann schlug sie ihre Augen auf, um verständnislos in Carvers Gesicht zu starren, das über dem ihren hing. Dann weiteten sich ihre Augen. Sie versuchte, aus dem Sand hochzukommen, und fiel wieder zurück, weil ihre Beine sie nicht tragen wollten. Schließlich blieb sie passiv liegen, ohne aber ihre erschreckten Augen von Carvers Gesicht abzuwenden.

Aber Carver war nicht viel weniger verdutzt als sie. Als sie die Augen aufschlug, flammten sie ihn bernsteingelb und wild wie die Augen einer dem Pan Geweihten an. Sie beobachtete den Zoologen mit der Aufmerksamkeit eines gefangenen Vogels, aber ohne dessen Furchtsamkeit, denn er sah ihre Hand nach einem zugespitzten Stock oder Holzmesser fummeln, das in einem Schlitz ihres Fellkleides steckte.

Er hielt ihr seine Wasserflasche hin, und sie schreckte vor seiner ausgestreckten Hand zurück. Er schüttelte den Behälter, und auf das Glucksen hin nahm sie die Aluminiumflasche vorsichtig an, schüttete etwas Wasser in ihre hohle Hand und roch zu Carvers Erstaunen daran, wobei ihre Nasenflügel sich weit aufblähten. Dann trank sie aus ihrer Hand, schüttete nach und trank wieder. Es kam ihr offenbar nicht in den Sinn, direkt aus der Flasche zu trinken.

Allmählich kam sie zu klarem Verstand. Sie erblickte die Kadaver der zwei erschossenen Monstren und gab murmelnde Laute der Trauer von sich. Als sie einen neuen Versuch machte, auf die Füße zu kommen, schmerzte sie die Streifschußwunde, und mit einem Wehlaut und erneuter Angst richtete sie ihre seltsamen Augen auf Carver.

„Thumbi?“ fragte er. „Du Maori?“

Kein Resultat. Sie blickte auf seine Pistole, zeigte dann auf den Kratzer an ihrem Bein und die Prellung an ihrer Schläfe; an­scheinend schrieb sie beides der Waffe zu.

Carver nickte grimmig. Es konnte nicht schaden, wenn er das Mädchen mit seiner Macht beeindruckte. „Paß auf!“

Er zielte auf den erstbesten Gegenstand, den er sah — einen ausgebleichten toten Ast im Sand. Er war armdick, aber er mußte schon vor langer Zeit angetrieben worden sein, denn statt ihn zu durchbohren, wie Carver erwartet hatte, zerfetzte die Kugel das morsche Holz, und der Ast zerbrach in zwei Teile.

Das Mädchen schrie und preßte beide Hände an ihre Ohren; dann sprang es auf in Panik und wollte fliehen.

„Nichts da!“ sagte Carver und hielt sie am Arm zurück. „Du bleibst hier!“

Er staunte über ihre geschmeidige Kraft. Ihre freie Hand riß den hölzernen Dolch heraus, und er packte auch dieses Handgelenk. Sie zerrte und suchte sich verzweifelt loszureißen, dann gab sie plötz­lich auf und stand still, ohne Widerstand zu leisten.

Er ließ sie los. „Setz dich!“ knurrte er.

Sie gehorchte seiner Geste, setzte sich in den Sand und blickte aus ihren wachsamen honigfarbenen Augen zu ihm auf.

„Wo sind deine Leute?“ fragte er scharf, zeigte auf sie und anschließend in einer umfassenden Geste auf den Wald.

Sie starrte verständnislos, und er variierte seinen Symbolismus. „Dein Haus?“ Und er machte eine Pantomime des Schlafens.

Das Ergebnis war das gleiche, nur ein besorgter Ausdruck in ihren unwahrscheinlichen Augen.

„Zum Teufel!“ murmelte er. „Du hast doch einen Namen, nicht wahr? Einen Namen. Paß auf!“ Er tippte auf seine Brust. „Alan. Kapiert? Alan, Alan.“

Das verstand sie sofort. „Alan“, wiederholte sie pflichtbewußt.

Aber als er versuchte, ihren Namen in Erfahrung zu bringen, versagte sie völlig. Die einzige Wirkung seiner Bemühungen war zunehmende Verwirrung in ihren Zügen. Zuletzt beschränkte er sich auf das Problem, ihr klarzumachen, daß sie ihn zu ihrem Heim und ihren Leuten führen solle. Nachdem er die Möglichkeiten seiner Zeichensprache nahezu erschöpft hatte, schien sie endlich zu begreifen.

Sie erhob sich unsicher und stieß einen sonderbaren, traurig — langgezogenen Ruf aus. Er wurde sofort aus dem Busch beant­wortet, und Carver sah mit Unbehagen das gleiche Rudel unbestimm­barer Bestien hervorkommen, dessen Bekanntschaft er bereits gemacht hatte. Die Tiere näherten sich trottend, mieden aber die Nähe ihrer toten Gefährten.

Carver riß seine Pistole heraus. Auf seine Bewegung folgte ein Angstgeheul des Mädchens, und sie warf sich mit ausgebreiteten Armen vor ihn, als wollte sie die wilde Meute vor seiner Waffe beschützen. Sie sah ihn angstvoll, aber zugleich trotzig an, und auch eine verwirrte Frage war in ihrem Gesicht. Es war, wie wenn sie ihn anklagte, daß er ihr befohlen habe, ihre Gefährten zu rufen, nur um sie dann zu töten.

Er zuckte die Schultern, schüttelte den Kopf und sagte: „Ich will sie nicht in meiner Nähe haben. Schick sie fort.“

Sie gehorchte seiner befehlenden Geste. Das unheimliche Rudel schlich gehorsam in den Wald zurück, und das Mädchen ging zögernd rückwärts, als wollte es ihnen folgen, blieb auf Carvers Wort aber sofort stehen. Sie hatte sich gefangen, und ihre Haltung war von Furcht und Neugier bestimmt, doch Carver schien, daß ihre Faszination die Oberhand gewonnen hatte. Anscheinend war sie sich über die Natur des Zoologen nicht im klaren.

Dies war ein Gefühl, das er bis zu einem gewissen Grad teilte, denn auf dieser verrückten Insel ein weißes Mädchen anzutreffen, war nichts weniger als mysteriös.

„Wir werden dich Lilith nennen“, sagte er nachdenklich. Der Name paßte zu ihren wilden, vollkommenen Zügen und ihren bernstein­farbenen Augen. Lilith, das geheimnisvolle Wesen, das Adam nach der Legende im Paradies vorfand, bevor Eva geschaffen wurde. „Lilith“, wiederholte er und zeigte auf sie. „Alan — Lilith. Siehst du?“

Sie imitierte die Worte und die Geste. Ohne Frage akzeptierte sie den Namen, den er ihr gegeben hatte, und daß sie das Wort als einen Namen verstanden hatte, war durch ihre Reaktion klar. Als er ihn einige Minuten später wieder aussprach, blickten ihre Bernstein­augen sofort in sein Gesicht und warteten in stummer Frage.

Carver lachte, zog seine Pfeife aus der Jacke und stopfte sie. Er riß ein Zündholz an und setzte sie in Brand. Das Mädchen stieß einen leisen, faszinierten Laut aus, und als er aufblickte, sah er ihre ausgestreckte Hand. Er begriff nicht gleich, was sie suchte, und dann schlossen ihre Finger sich um das noch brennende Zündholz! Sie hatte versucht, die Flamme anzufassen.

Sie schrie vor Schmerz und Angst. Sofort erschien das Rudel ihrer treuen Anhänger am Waldrand und machte zornigen Gefühlen lärmend Luft. Diesmal wartete Lilith trotz ihrer schmerzhaften Überraschung nicht, bis Carver seine Pistole gezogen hatte, und brachte die Bestien mit beruhigenden Lauten zum Verstummen. Sie lutschte an ihren angesengten Fingern und gab ihm einen un­sicher fragenden Blick. Carvers Verwunderung nahm zu. Sie kannte kein Feuer!

In seiner Kiste hatte er eine Flasche Alkohol; er holte sie, zerriß sein Taschentuch und band einen befeuchteten Streifen um ihre zwei verbrannten Finger, an denen sich bereits Blasen bildeten. Dann betupfte er die Streifschußverletzung an ihrem Bein. Sie stöhnte leise, und als das Brennen nachließ, lächelte sie, während ihre seltsamen Bernsteinaugen wie gebannt die Rauchwolken aus seiner Pfeife betrachteten und ihre Nasenflügel den scharfen Tabakgeruch schnupperten.

„Was soll ich jetzt mit dir anfangen?“ fragte Carver nachdenklich.

Lilith hatte offenbar keinen Vorschlag.

„Wenigstens müßtest du wissen, was man auf dieser Insel essen kann“, sagte er und führte ihr eine Pantomime des Essens vor.

Das Mädchen verstand sofort, stand auf, ging zu der Stelle, wo die hundeartige Katze lag, und schien einen Moment den Geruch des Kadavers zu schnuppern. Dann zog sie ihr hölzernes Messer, stemmte einen bloßen Fuß auf den Tierkörper und hackte und riß ein Stück Fleisch heraus. Sie hielt ihm den blutigen Fetzen hin und war sehr überrascht, daß er mit entschiedener Gebärde ablehnte.

Nach einem weiteren zweifelnden Blick zu Carver biß sie selber in das Fleisch und begann mit unverkennbarem Genuß zu kauen.

Aber Carvers eigener Hunger war ungestillt, und er grübelte über das Problem, wie er sich ihr verständlich machen könnte. Schließ­lich fiel ihm etwas ein. Er zeigte auf das Fleisch in ihren Händen, winkte dann zu den Bäumen hinüber. „Früchte“, sagte er, „Von den Bäumen.“ Und er spielte ihr eine Pantomime des Pflückens und Essens vor.

Das begriff sie gleich. Es war komisch, wie rasch sie manche Dinge verstand, während andere, ebenso einfache Sachverhalte einfach über ihr Begriffsvermögen zu gehen schienen. Es war sonderbar wie fast alles auf dieser Insel. War Lilith womöglich auch eine Mutation? Er folgte ihr zum Waldrand, wo sie die bröckelige Böschung hinaufsprang und wie ein Schemen im Blätterdschungel unter­tauchte. Carver kämpfte sich unbeholfen hinterdrein, alarmiert von ihrer Gewandtheit; hier im Wald konnte sie ihm so leicht entwischen wie eine Maus. Zwar hatte er kein Recht, sie zurückzuhalten, abgesehen von dem fragwürdigen Anlaß, den ihr Angriff ihm gegeben hatte; aber er wollte sie nicht verlieren — noch nicht. Oder vielleicht gar nicht mehr.

Nach zehn Schritt im Dickicht rief er: „Lilith!“

Sie kam, keine drei Meter entfernt, zum Vorschein. Sie stand unter einem merkwürdigen Rankengewächs, das grünlichweiße Früchte von der Form und Größe kleiner Hühnereier trug. Lilith pflückte eine, brach sie mit geschickten Fingern auf und hob eine Hälfte an ihre Nase. Sie schnüffelte vorsichtig und lange, dann warf sie die Frucht fort.

„Pa bo!“ sagte sie und rümpfte die Nase.

Kurz darauf fand sie eine andere Art wenig einnehmender Früchte, bestehend aus fünf fingerartigen Auswüchsen auf einer schwammig aussehenden Scheibe, so daß das Ganze den Anschein einer großen, mißgestalteten Hand hatte. Sie beroch die Frucht so sorgfältig wie zuvor, dann lächelte sie Carver von der Seite an. „Bo!“ sagte sie und streckte ihm das Ding hin.

Carver zögerte. Schließlich war noch keine Stunde vergangen, seit das Mädchen versucht hatte, ihn umzubringen. War es nicht möglich, daß sie dieses Ziel auch jetzt verfolgte und ihm eine giftige Frucht anbot?

Sie schüttelte das unangenehm geformte Ding. „Bo!“ wiederholte sie, und dann, als ob sie sein Zögern genau verstünde, brach sie einen der fingerförmigen Auswüchse ab und steckte ihn in den Mund. Sie lächelte.

„Gut, genug, Lilith!“ Er lächelte zurück und nahm die Frucht an. Sie schmeckte besser, als ihr Aussehen vermuten ließ. Das Fleisch hatte einen herb-süßen Geschmack, der ihm auf eine unbestimmte Weise bekannt vorkam, aber er konnte ihn nicht identifizieren.

Nachdem er gegessen hatte, lenkte Carver seine Gedanken in andere Bahnen. Irgendwo auf der Insel war das Geheimnis dieser biologischen Unordnung, und es erschien ihm vernünftiger, den Ursachen auf den Grund zu gehen, als seine Zeit mit der endlosen Aufgabe der Klassifizierung zu vergeuden. Er mußte die Insel erforschen. Irgendein vulkanisches Gas, überlegte er vage, konnte für die monströsen Mutationen verantwortlich sein, oder eine radioaktive Ablagerung.

Es mußte eine Antwort geben.

„Komm mit, Lilith“, sagte er und zeigte nach Westen, wo die höchste Erhebung der Insel war. Sie folgte ihm gehorsam. Nachdem sie sich eine gute halbe Stunde durch dichtes Unterholz gekämpft hatten, begann der Boden anzusteigen, und sie kamen besser voran. Austin Island war wie die Aucklands dicht bewaldet, aber es war ein Wald der gemäßigten Breiten, kein tropischer Dschungel, und auf den Hängen der vulkanischen Basaltkuppen war das Unterholz weniger dicht als in den Niederungen.

Ein Schatten flitzte durch das grüne Laubdach davon, dann ein zweiter. Aber der erste war nur eine Königstaube, der zweite ein Eulenpapagei. Die Vögel auf Austin Island waren normale Vertreter der südpazifischen Vogelwelt. Warum? Weil sie nicht an eine Insel gebunden waren; sie flogen oder wurden von Stürmen von Insel zu Insel getragen.

Der Nachmittag war halb vorbei, als sie den Gipfel erreichten, eine kahle Kuppe aus schwarzem Basalt wie ein Wachturm. Er kletterte das letzte Stück über den erodierten Fels und stand mit Lilith auf der kleinen Gipfelfläche. Sie blickten über das zentrale Tal hinaus nach Osten zu dem Hügel am anderen Ende, dessen vulkanische Kuppe kaum niedriger erschien als die, auf der sie standen.

Dazwischen breitete sich der wilde Wald aus, in dessen Tiefen hier und dort blaugrüne Schatten spielten, wo der Seewind die Baum­kronen bewegte. In der Mitte des Tals schimmerte an mehreren Stellen Wasser durch das Grün. Das mußte der kleine Bach sein, dessen Mündung er gesehen hatte. Aber nirgendwo gab es ein Zeichen menschlicher Besiedlung, das Liliths Anwesenheit erklärt hätte: keine Lichtung, keine Hütten, nichts.

Das Mädchen berührte leicht seinen Arm und deutete auf den gegenüberliegenden Hügel.

„Pa bo“, sagte sie. Er schaute sie fragend an, und sie merkte, daß er nicht verstand. „R-r-r-r?“ knurrte sie und entblößte dabei die Zähne. „Pa bo, le scha.“ Und wieder zeigte sie auf den östlichen Hügel.

Versuchte sie ihm klarzumachen, daß in der Gegend dort wilde Bestien hausten? Carver konnte ihre Erläuterung nicht anders interpretieren, und sie hatte den gleichen Ausdruck gebraucht wie für die giftigen oder nicht eßbaren Früchte.

Er spähte zur östlichen Erhebung hinüber, dann stutzte er. Da war etwas, nicht auf dem Hügel, sondern weiter unten in der Nähe des Wasserlaufs, wo der Hang auslief.

An seiner Seite hing der Prismenfeldstecher, den er für die Identifizierung der Vögel brauchte. Er hielt ihn an die Augen. Was er sah, war noch immer nicht klar genug, um ganz sicher zu sein, aber es schien sich um die überwucherten Mauerreste eines kleinen Hauses zu handeln.

Die Sonne sank am Westhimmel abwärts. Zu spät am Tag für eine Erforschung, aber die Ruine, oder was es war, würde morgen auch noch dort stehen. Er merkte sich die Stelle und machte sich mit Lilith an den Abstieg.

Als es dunkler wurde, begann Lilith einen seltsamen Widerwillen zu zeigen, je weiter nach Osten sie kamen. Manchmal zog sie an seinem Arm, manchmal blieb sie zurück, um dann doch mitzukom­men. Zweimal sagte sie: „No, no!“, und Carver fragte sich, ob das Wort Teil ihres eigenen Vokabulars sei oder ob sie es von ihm habe.

Trotz der Früchte, die Lilith dann und wann für ihn pflückte, war er wieder hungrig geworden. Am Strand konnte er einen Riesensturmvogel schießen, sammelte Treibholz, und als die Nacht kam, zündete er das Feuer an.

Er lachte über Liliths Entsetzen, als die Flamme vom Zündholz im ausgetrockneten Tang Nahrung fand und auf das Treibholz über­griff. Ohne Zweifel erinnerte sie sich ihrer versengten Finger, und sie umkreiste vorsichtig das knisternde Feuer, um sich schließlich hinter Carver niederzukauern, während er den großen Vogel rupfte und ausnahm.

Sie starrte verständnislos, als er seine tranige Jagdbeute auf­spießte und über dem Feuer röstete, aber er lächelte, als ihre empfindliche Nase den fremdartigen Geruch brennenden Holzes und gebratenen Fleisches schnüffelte.

Als der Vogel gar war, schnitt er ihr eine Portion heraus und lächelte über ihre Bestürzung. Sie aß das etwas zähe und tranig schmeckende Fleisch, aber sehr behutsam, verwundert über die Hitze und den veränderten Geschmack; fraglos hätte sie es roh und blutig vorgezogen.

Das Feuer brannte nieder. Carver gähnte bedeutungsvoll und lächelte sie an. „Es ist deine Sache, was du tun willst“, sagte er freundschaftlich. „Ich würde mich freuen, wenn du in der Nähe bleibst, aber ich bestehe nicht darauf.“

Sie antwortete mit ihrem schnellen, blitzenden Lächeln, aber sie sagte nichts. Carver streckte sich im Sand aus, und nach einer Weile schlief er übermüdet ein.

Sein Schlaf war entschieden unruhig. Der wilde Chor der Nachtgeräusche beunruhigte ihn wieder mit seinen unerklärlichen Stimmen, und als er einmal die Augen aufschlug, sah er das Mädchen unverwandt in die Glut des erlöschenden Feuers starren. Einige Zeit später wachte er wieder auf; vom Feuer war nur noch ein kleiner, rötlich glühender Rest übriggeblieben, aber Lilith stand. Während er sie aus halbgeschlossenen Lidern beobachtete, ent­fernte sie sich zum Wald. Er fühlte einen leisen Schmerz; sie verließ ihn.

Doch er irrte. Sie beugte sich über etwas Dunkles — den Körper einer der beiden Monstrositäten, die er erschossen hatte. Es war der Kadaver des großen, hüpfenden Ungetüms. Sie versuchte ihn aufzuheben, und als sie das Gewicht zu schwer fand, zerrte sie ihn mühsam über den Sand auf das Felsriff hinaus und wälzte ihn in die dunkle See.

Langsam kehrte sie zurück. Sie hob den kleineren Körper mit beiden Armen auf und trug ihn wie ein Kind zum Riff, wo sie auch ihn dem Ozean übergab. Danach stand sie lange Minuten bewegungslos. Als sie schließlich zurückkehrte und sich in der Nähe der Feuerstelle in den Sand warf, hörte er sie leise weinen. Er begriff, daß er Zeuge eines Begräbnisses gewesen war.

Die aufgehende Sonne weckte ihn. Lilith schlief noch, wie ein Kind im Sand zusammengerollt, und er stand eine Weile und betrachtete sie. Sie war sehr schön, und nun, da ihre seltsamen Augen geschlossen waren, erschien sie ihm viel weniger geheimnisvoll. Einfach ein schönes, wildes, primitives Mädchen. Doch er begann die verrückte Wahrheit über Austin Island zu ahnen, und wenn seine Ahnung sich als richtig herausstellte, dann könnte er sich ebensogut in eine Sphinx, eine Meerjungfrau oder einen weiblichen Zentaur verlieben.

Er holte Luft, seufzte und rief: „Lilith!“

Sie erwachte und erschrak, Panik in den Augen. Dann erinnerte sie sich und gab ihm ein unsicheres Lächeln, das ihn bis ins Innerste rührte.

Er lächelte zurück und machte eine auffordernde Geste, und sie folgte ihm zum Wald. Von ihren tierischen Leibwächtern war nichts zu sehen, obwohl Carver das Gefühl hatte, daß sie in der Nähe waren. Er frühstückte mit Früchten, die sie für ihn aussuchte. Ihre Nase wußte mit unbeirrbarer Sicherheit unter der fast unbegrenzten Vielfalt zu unterscheiden.

Nach der Mahlzeit wanderten sie am Strand entlang nach Osten. Carver hatte vor, dem kleinen Wasserlauf aufwärts bis zu den Ruinen der Hütte zu folgen, wenn es Ruinen einer Hütte waren. Wieder bemerkte er die Nervosität des Mädchens, als sie dem Wasser näher kamen, dessen Lauf das Tal durchschnitt. Wenn ihre Ängste nicht auf bloßem Aberglauben beruhten, mußte es dort etwas Gefährliches geben. Er fühlte nach der Pistole in seiner Jackentasche und ging weiter.

Etwa hundert Meter landeinwärts, am sumpfigen Ufer des kleinen Baches, begann Lilith Schwierigkeiten zu machen. Sie faßte seinen Arm, zog daran und winselte in furchtsamer Wiederholung: „No, no, no.“

Als er sie ungeduldig fragend anschaute, konnte sie nur ihren Ausdruck vom Vortag wiederholen. „Le scha“, sagte sie angstvoll. „Le scha!“

Er hob nicht verstehend die Schultern, dann gab er ihr einen ermutigenden Klaps auf den Rücken, lächelte und zeigte ihr die Pistole.

Aber nach kurzer Zeit blieb Lilith zurück. Sie brachte es nicht über sich, ihm weiter in den Wald zu folgen. Er blieb stehen, blickte zurück zu ihrer schmalen, lieblichen Gestalt, drehte sich um und ging weiter. Es war besser, sie blieb, wo sie war. Es war besser, wenn er sie nie wiedersah, denn sie war zu schön, als daß ein Mann von ihrer Gegenwart unberührt bleiben konnte.

Aber Lilith rebellierte. Sobald sie merkte, daß er zum Weitergehen entschlossen war, rief sie ängstlich: „Alan! Al-an!“

Er drehte sich nach ihr um, erstaunt, daß sie seinen Namen behalten hatte, und sah sie zu ihm rennen. Sie war blaß und zitterte vor Angst, aber sie ließ ihn nicht allein gehen.

Ihr Verhalten erschien ihm um so rätselhafter, als nichts darauf hindeutete, daß diese Region der Insel gefährlicher war als der Rest. Die Vegetation wies die gleiche verrückte Überfülle von Formen und Arten auf, die gleichen unklassifizierbaren Blätter, Früchte und Blüten. Nur — oder bildete er es sich ein? — gab es weniger Vögel.

Sie kamen langsam voran. Zuweilen schien das Ostufer des Wasserlaufes offener und besser begehbar zu sein als die Seite, auf der sie gingen, aber Lilith weigerte sich standhaft, ihn hinüber­zulassen. Wenn er es versuchte, klammerte sie sich so verzweifelt und heftig an seine Arme, daß er nachgab und seinen Weg weiter durch Morast und Unterholz bahnte. Es war, als ob der Bach eine Trennlinie darstellte, oder — er runzelte die Brauen — eine Grenze.

Um die Mittagszeit hatten sie einen Punkt erreicht, der nicht mehr weit von der Stelle sein konnte, die Carver suchte. Er spähte durch den grünen Tunnel, der sich über den Wasserlauf wölbte, und gerade voraus, so überwachsen, daß es völlig mit dem Wald verschmolzen war, sah er es.

Es war der Rest einer Hütte. Die bröckelnden Außenmauern aus Bruchsteinen standen noch, aber das Dach, zweifellos aus Farn­wedeln oder ähnlich vergänglichem Material gemacht, war längst eingefallen. Aber die Anlage mit ihren Fenster- und Türöffnungen bewies, daß es keine Eingeborenenhütte gewesen war. Dieses ebenerdige kleine Haus mit zwei oder drei Räumen hatte einmal einem weißen Mann gehört.

Es stand am Ostufer des kleinen Baches, der hier im abschüssigen Gelände kleine gurgelnde Wasserfälle und Tümpel bildete. Carver sprang hinüber, ohne sich um Liliths ängstlichen Ausruf zu kümmern. Aber nach einem kurzen Blick in ihr Gesicht blieb er stehen. Ihre honigfarbenen Augen waren angstgeweitet, während ihre Lippen eine gespannte kleine Linie grimmiger Entschlossenheit bildeten. Sie sah aus, wie eine Märtyrerin im alten Rom ausgesehen haben mußte, wenn sie sich in der Arena den Löwen gegenübersah.

Doch innerhalb der brüchigen Mauern war nichts, was ihre Angst hätte rechtfertigen können. Bis auf ein rattenartiges kleines Wesen, das bei ihrem Erscheinen davonhuschte, war überhaupt kein Tierleben zu sehen. Carver blickte umher. Zwischen den ver­faulenden Resten der Dachträger und einiger Möbelstücke wuchsen Farne, Gras und ein paar bereits übermannshohe Büsche, Es mußten viele Jahre vergangen sein, seit dieser Ort menschliche Bewohner gesehen hatte, dachte Carver; mindestens eine Dekade.

Sein Fuß stieß gegen etwas. Er bückte sich und sah einen menschlichen Schädel und einen Schenkelknochen zwischen ver­modertem Laub. Er stocherte weiter und sah mehr Knochen, aber keiner von ihnen war in seiner natürlichen Position. Ihr ehemaliger Besitzer mußte gestorben sein, wo die rostigen Sprungfedern einer verfaulten Couch in einer Ecke durcheinanderlagen. Dann war er von irgendwelchen Tieren hierhergezerrt worden.

Er warf Lilith einen verstohlenen Seitenblick zu, aber sie starrte unverwandt und furchtsam in östliche Richtung. Sie hatte die Gebeine nicht bemerkt, oder wenn sie sie gesehen hatte, bedeuteten sie ihr nichts. Carver stocherte behutsam weiter, um vielleicht einen Anhaltspunkt für die Identität des lange Verblichenen zu finden, aber außer einer rostigen Gürtelschnalle entdeckte er nichts. Das war wenig; schon an den Backenknochen hatte er gesehen, daß es ein männliches Skelett war. Die meisten Reste lagen unter einer dicken, modernden Laubschicht. Er stieß mit dem Stiefel in den Fragmenten eines kleinen Schrankes herum, und wieder traf sein Fuß etwas Hartes und Rundes — keinen Schädel diesmal, sondern ein gewöhnliches Konservenglas.

Er hob es auf. Es war etwas darin. Die Korrosion von Jahren hatte den Schraubdeckel hoffnungslos festfressen lassen; Carver zer­schlug das Glas auf einem Stein. Was er in den Scherben fand, war ein Notizbuch, stockfleckig und im Zerfall begriffen. Er fluchte leise, als ein Dutzend Seiten sich in seinen Händen auflöste, aber was übrigblieb, schien fester zu sein. Er setzte sich in eine Fensteröff­nung und überflog die verblaßte Schrift.

Die Innenseite des Deckels trug Namen und Datum. Der Name war Ambrose Callan, und das Datum war der 25. Oktober 1921. Er legte die Stirn in Falten. 1921 war er noch in die Schule gegangen, doch der Name Ambrose Callan hatte einen vertrauten Klang.

Er las mehr von den verblaßten Zeilen, dann starrte er nach­denklich ins Leere. Das also war Callan gewesen. Er entsann sich der Callan-Expedition, weil er sich als Junge für ferne Länder, Entdeckungen und Abenteuer interessiert hatte. Professor Callan; er begann sich zu erinnern, daß Morgan in seinen Arbeiten über künstlich erzeugte Mutationen — die er synthetische Evolution nannte — auf Callans Beobachtungen zurückgegriffen hatte.

Aber Morgan war es nur gelungen, durch Bestrahlung mit harten Röntgenstrahlen ein paar neue Unterarten der Fruchtfliege Drosophila zu erzeugen. Kein Vergleich mit dieser verrückten Insel.

Liliths plötzliches Angstgewinsel schreckte ihn aus seiner Lektüre auf. „Le scha!“ schrie sie. „Alan, le scha!“

Er folgte ihrer Blickrichtung, sah jedoch nichts. Ihre Augen waren vermutlich schärfer als seine, aber — da! In den tiefen Nachmittags­schatten des Waldes bewegte sich etwas. Einen Moment sah er es deutlich — ein bösartiges kleines Ungeheuer wie das katzenäugige Schreckensding, das er am Bach beim Trinken überrascht hatte. Wie dieses? Nein, dasselbe; es mußte dasselbe sein, denn hier auf Austin Island glich keine Kreatur der anderen.

Das Ding verschwand, bevor er seine Waffe ziehen konnte, aber im Unterholz lauerten andere Gestalten, andere Augenpaare, aus denen eine nicht menschliche Intelligenz zu leuchten schien. Er feuerte und hörte einen sonderbar quäkenden Schrei, und die Gestalten schienen sich für eine Weile zurückzuziehen. Aber sie konnten jeden Augenblick wiederkommen.

Er steckte das Notizbuch in eine Tasche und faßte Lilith am Handgelenk, denn sie stand wie gelähmt vor Entsetzen. Sie wirkte benommen, halb hypnotisiert von den Bestien, die ihnen folgten. Carver feuerte einen weiteren Schuß in die Schatten.

Das schien Lilith zur Besinnung zu bringen. „Le scha!“ wimmerte sie noch einmal, dann hatte sie ihre Fassung wiedergewonnen. Sie stieß ihren komischen Lockruf aus, der aus zwei Richtungen zugleich beantwortet wurde.

Ihre Meute sammelte sich zu ihrer Verteidigung.

Carver vergaß niemals diesen Rückzug den kleinen Wasserlauf abwärts. Nur das Delirium selbst könnte eine hinreichende Beschreibung der wilden Kämpfe liefern, deren Zeuge er wurde, der unirdischen Schreie der ineinander verbissenen unnatürlichen Geschöpfe, Bestien, die mit der wahnsinnigen Wildheit von Aus­gestoßenen kämpften. Ohne die Intervention ihrer Meute wären er und Lilith wahrscheinlich innerhalb von Minuten überwältigt worden.

Carver sah oder fühlte etwas, das ihm zuvor nahezu entgangen war. Wie immer ihre äußere Gestalt und ihr Aussehen sein mochten, Liliths Meute war hundeähnlich. Gewiß nicht in den Formen; es saß viel tiefer. In der Natur ihres Charakters; das war es.

Und ihre Feinde, alptraumhafte Kreaturen, hatten etwas Kat­zenartiges an sich in ihrem Charakter und ihrem Verhalten. Ihre Kampfweise zum Beispiel — fast stumm, mit tödlichen Krallen und nadelspitzen Zähnen, lauernd, anspringend, sich verkrallend. Ihre äußeren Formen reichten von der etwa menschlichen Gestalt des kleinen Dämonen vom Bach bis zu schlangenköpfigen Ungeheuern von der Größe und Geschmeidigkeit eines Panthers. Und sie kämpften mit einer Intelligenz, die schon in sich abnorm war.

Carvers Pistole half. Er feuerte, wann immer er ein sichtbares Ziel hatte, was nicht zu oft vorkam; aber seine gelegentlichen Treffer schienen seinen blutrünstigen Gegnern Respekt einzuflößen.

Endlich stolperte Carver rückwärts in orangefarbenes Sonnen­licht. Der Strand! Die Sonne stand bereits dicht über dem Felsenriff, und die Dunkelheit war eine Frage von Minuten — wenigen Minuten. Hinter ihnen kamen die Überlebenden von Liliths Meute aus den Büschen, ein halbes Dutzend knurrende, blutige, keuchende und erschöpfte Unbeschreiblichkeiten. Für den Augenblick wa­ren sie vor weiteren Angriffen sicher, denn die katzenartigen Gegner blieben in der Deckung der Büsche. Carver zog sich weiter zurück. Er kämpfte einen Anflug von Verzweiflung nieder, als er die Sonne hinter das Felsriff tauchen sah. Nacht bedeutete Tod. Als er Lilith auf den breiten Rücken des Felsriffs folgte, kam die Dunkelheit.

Er sah den Angriff kommen. Schleichende Schatten lösten sich von der Baumkulisse. Unten am Fuß der Klippe winselte einer von Liliths Rudel leise. Auf dem weißen Sand zeigte sich die Gestalt des kleinen Teufels mit der halb menschlichen Haltung, und ein bösartiges, spuckendes Knurren ertönte. Es war genauso, als ob die Kreatur wie ein Anführer vorwärts gesprungen wäre, der seine Truppe zum Angriff anstacheln will.

Carver zielte und feuerte. Das Knurren wurde zu einem schmerz­haften Kreischen, und der Angriff kam.

Liliths Meute kauerte sprungbereit mit gebleckten Zähnen, aber Carver wußte, daß dies das Ende war. Er schoß sein Magazin leer. Die im schlechten Licht schwer zu treffenden Angreifer hetzten näher. Carver wechselte in fliegender Hast das Magazin. Er fühlte, wie Lilith ihren Körper spannte, gefaßt auf das Unvermeidliche.

Und dann kam der Angriff zum Stillstand. Gleichzeitig und wie auf Kommando verharrten die Bestien bewegungslos, und als sie sich wieder bewegten, bewegten sie sich fort — auf den Wald zu!

Carver schluckte.

Ein schwach schimmerndes Licht in der schwarzen Wand des Waldes lenkte seine Aufmerksamkeit von den wegschleichenden Bestien ab, und er fuhr herum.

Unten am Strand, wo er seine Kiste zurückgelassen hatte, brannte ein großes Feuer, in dessen Schein sich menschliche Gestalten bewegten. Der unbekannte Anblick der Flammen hatte die Angrei­fer beunruhigt.

Er starrte. Draußen auf dem Ozean, schwarz vor dem schwach verglühenden Abendrot, war der vertraute Umriß eines kleinen Schiffes zu sehen. Die „Fortune“! Die Männer dort am Feuer waren seine Gefährten. Sie hatten seine Schüsse gehört und das Feuer als ein Orientierungssignal angezündet.

„Lilith“, würgte er hervor. „Sieh dort. Komm mit!“

Aber das Mädchen hielt sich zurück. Ihre Leibwächter schlichen hinter das Riff, fort vom gefürchteten Feuerschein. Lilith aber fürchtete nicht das Feuer, sondern die schwarzen Gestalten darum, und Alan Carver sah sich plötzlich vor die schwerste Entscheidung seines Lebens gestellt.

Er konnte sie hier zurücklassen. Er sah am tragischen Ausdruck ihrer Bernsteinaugen, daß sie ihm nicht folgen würde. Und ohne allen Zweifel wäre das die beste Lösung; denn er konnte sie nicht heiraten. Niemand könnte sie je heiraten, und sie war zu schön, um sie unter Männer zu bringen, die sie lieben würden — wie er es tat. Aber er schauderte ein wenig, als das Bild einer Vision vor seine Augen kam. Kinder! Was für Kinder würde Lilith zur Welt bringen? Kein Mann konnte die Möglichkeit außer acht lassen, daß Lilith vom Fluch dieser Insel berührt sei.

Er wandte sich traurig ab — einen Schritt, zwei Schritte ging er auf das Feuer zu. Dann drehte er sich um.

„Komm, Lilith“, sagte er sanft. „Andere Leute haben geheiratet, gelebt und sind gestorben, ohne Kinder zu haben. Ich glaube, wir können es auch.“

 

Die „Fortune“ glitt über schwarzblaues Wasser nordwärts auf Neuseeland zu. Während sich Carver in einem Liegestuhl rekelte, stand Halburton an der Reling und blickte sehnsüchtig zu dem blaugrau auf der Kimmung schwimmenden Buckel zurück, der Austin Island war.

„Kopf hoch, Vance.“ Carver schmunzelte. „Diese Flora könntest du in hundert Jahren nicht klassifizieren, und wenn du es wirklich könntest, was würde es nützen? Jede Sorte kommt sowieso nur ein­mal vor.“

„Ich würde zwei Zehen und einen Finger für den Versuch geben“, sagte Halburton. „Du hattest drei Tage dort, und es wären vielleicht noch mehr geworden, wenn du Malloa nicht angeschossen hättest. Sie wären nach Warekauri gesegelt, aber deine Kugel hatte seinen Arm getroffen. Das war der einzige Grund, warum sie Macquarie angelaufen haben.“

„Das war mein Glück. Die Katzen waren schon im Begriff, uns den Garaus zu machen. Euer Feuer hat sie verscheucht.“

„Ja, die Katzen. Offen gesagt, die ganze Geschichte ist so verrückt, daß ich mir keinen Vers darauf machen kann.“

Carver grinste. „Du brauchst nur aufzupassen, und du wirst es kapieren. Zuerst konnte ich mir die Sache selbst nicht erklären, aber dann, nachdem ich Lilith begegnet war, bekam ich einen ersten Hinweis. Ich bemerkte, daß sie genießbare Früchte von ungenieß­baren durch den Geruchssinn unterschied. Da begann ich zu ver­muten, daß die fundamentale Natur aller lebenden Dinge auf Austin Island genauso sein müsse wie überall. Nicht die Natur der Dinge hatte sich geändert, sondern nur die Form. Verstehst du?“

„Kein bißchen.“

„Nun, der Geruch ist ein chemischer Vorgang, der viel fundamen­taler ist als die äußere Form, weil das chemi­sche Funktionieren eines Organismus von seinen Drüsen abhängt. Du weißt natürlich, was Chromosomen sind. Sie tragen die Gene, die wiederum die Determinanten des Erbgutes tragen. Der Mensch hat achtundvierzig Chromosomen, von jedem Elternteil vierundzwanzig.“

„Die hat eine Tomate auch“, sagte Halburton.

„Ja, aber die achtundvierzig Chromosomen einer Tomate tragen ein ganz anderes Erbgut, sonst könnte man nämlich den Menschen mit einer Tomate kreuzen. Aber um zu unserem Gegenstand zurückzukehren, alle Variationen in Individuen entstehen durch die Art und Weise, wie der Zufall diese achtundvierzig Chromosomen mit ihren Determinanten mischt. Die Zahl der Möglichkeiten ist ungeheuer groß, aber nicht unbegrenzt. Es gibt Begrenzungen der Größe, der Farbe, der Intelligenz. Niemand hat zum Beispiel jemals eine Menschenrasse mit himmelblauem Haar gesehen.“

„Ich weiß das alles“, sagte Halburton unmutig. „Erzähl mir lieber von Ambrose Callan und seinem Notizbuch.“

„Und das“, fuhr Carver fort zu dozieren, „ist so, weil es in menschlichen Chromosomen keine Determinanten für blaues Haar gibt. Aber — und hier kommt Callans Idee — angenommen, wir könnten die Zahl der Chromosomen in einem gegebenen Ei vermehren? Was dann? Hätte der Mensch oder die Tomate statt achtundvierzig vierhundertachtzig Chromosomen, wäre die mögli­che Variations­breite unglaublich groß.

In der Größe zum Beispiel könnte der Mensch bis auf fünfzehn bis zwanzig Meter kommen! Und in der Form — ein Mensch könnte nahezu allem ähneln, was innerhalb des Bereichs der Säugetierord­nung liegt. Und in der Intelligenz …“ Er machte eine nachdenkliche Pause.

„Aber wie wollte Callan es fertigbringen, die Chromosomenzahl zu vermehren?“ fragte Halburton. „Chromosomen selbst sind mikro­skopisch; Gene sind selbst unter höchster Vergrößerung kaum sichtbar. Manipulationen sind bei diesen Größenordnungen nicht mehr möglich. Ich könnte mir höchstens vorstellen, daß durch Reaktionen auf chemische Reizstoffe …“

„Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat“, unterbrach Carver. „Ein Teil seiner Aufzeichnungen war zerstört, und die Beschreibung seiner Methode muß mit diesen Seiten verlorengegangen sein. Morgan hat mit harten Strahlungen gearbeitet, aber seine Ziele und Resultate waren andere. Er hat die Zahl der Chromosomen nicht verändert.“

Er zögerte. „Ich glaube, Callan verwendete eine Kombination von Strahlen und Injektionen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er vier oder fünf Jahre auf der Insel lebte und daß er nur seine Frau bei sich hatte. Er begann die Vegetation in der Umgebung seiner Hütte zu behandeln, dazu ein paar Katzen und Hunde, die er mitgebracht hatte. Dann entdeckte er, daß die Sache sich wie eine Seuche ausbreitete.“

„Ausbreitete?“ echote Halburton.

„Natürlich. Jeder behandelte Baum streute Multichromosomenpollen in den Wind, der abartige Pollen bestäubte normale Samen, und das Resultat war eine weitere Monstrosität, ein Samen mit der normalen Chromosomenzahl von einem Elternteil und der zehn­fachen — oder auch nur doppelten — vom anderen Elternteil. Die Variationsbreite war praktisch unerschöpflich. Du weißt, wie schnell Dam­marafichten und Baumfarne wachsen, und diese abartigen Bastarde hatten eine viel höhere mögliche Wachstums­geschwindigkeit.

Die Monstren überrannten die Insel, erstickten die normalen Gewächse. Und Callans Strahlungen und vielleicht auch seine Injektionen veränderten gleichfalls das einheimische Tierleben — die Ratten und die Fledermäuse. Sie begannen Mutationen her­vorzubringen. Callan kam 1918 nach Austin Island, und als er seine eigene Tragödie erkannte, war Austin Island eine Insel der Monstrositäten.“

„Seine eigene Tragödie? Was meinst du damit?“

„Nun, Callan war Biologe, kein Mediziner oder gar Röntgenologe. Ich weiß nicht genau, was geschah. Über lange Zeit fortgesetzte Röntgenbestrahlung ruft Verbrennungen, Geschwüre und dergleichen hervor. Vielleicht waren Callans Strahlenschutzvorrich­tungen mangelhaft, oder vielleicht verwendete er eine besonders gefährliche Strahlung. Seine Frau wurde jedenfalls zuerst krank — ein Geschwür, das zu einer Krebsgeschwulst wurde.

Er hatte ein Funkgerät und beorderte eine Schaluppe, die in Christchurch lag, zur Insel. Das Boot lief bei hochgehender See auf eines der vorgelagerten Riffe und sank in Sichtweite der Insel. Das war 1921. Callan, den allmählich Verzweiflung packte, brachte es irgendwie fertig, sein Funkgerät kaputtzumachen. Er war eben auch kein Elektriker.

Es waren unruhige Zeiten, die Jahre nach dem Weltkrieg. Nach dem Callans Schaluppe verschollen war, wußte niemand genau, wo er war und was er tat und was aus ihm geworden war, und nach einer Weile vergaß man ihn. Als seine Frau starb, begrub er sie. Aber als er starb, war niemand da, ihn zu begraben. Die Abkömmlinge seiner Katzen machten sich über ihn her, und das war das.“

„Und Lilith?“

„Ja, Lilith“, sagte Carver nachdenklich. „Als ich dem Geheimnis von Austin Island auf die Spur kam, machte mir das Sorgen. War Lilith wirklich ganz menschlich? War auch sie abartig infiziert, so daß ihre Kinder so verschieden ausfallen würden wie die Nach­kommen der — Katzen? Sie sprach kein Wort einer mir bekannten Sprache — so dachte ich jedenfalls —, und für mich paßte sie einfach nicht ins Bild. Aber Callans Aufzeichnungen lieferten mir die Antwort.“

„Wie?“

„Sie ist die Tochter des Kapitäns von Callans Schaluppe, und Callan konnte sie als einzige Überlebende retten, als er zur Unfallstelle ruderte. Sie war damals fünf Jahre alt, was bedeutet, daß sie jetzt annähernd zwanzig ist. Was die Sprache anging — nun, vielleicht hätte ich die wenigen stockenden Worte verstehen sollen, die sie an ihre Kindheit erinnerten. ,Pa bos‛ beispielsweise war einfach ,pas bon‛, ,nicht gut‛. Das sagte sie zu der ungenießbaren Frucht. Und ,le scha‛ sollte ,le chats‛ heißen, denn irgendwie erinnerte sie sich, daß die Kreaturen vom Ostteil der Insel Katzen waren.

Um sie sammelten sich fünfzehn Jahre lang die Hundeabkömm­linge, die trotz ihrer Form von Natur aus Hunde geblieben und ihrer Herrin treu ergeben waren.“

„Aber bist du sicher, daß Lilith der Chromosomenveränderung entgangen ist?“

„Ihr Name ist Lucienne“, sagte Carver. „Lucienne Milliez.“ Er lächelte zu der schlanken Gestalt an der Heckreling hinüber. Sie trug ein Paar Hosen von Jameson und sein eigenes Hemd und schaute zu ihrer in der Ferne verblassenden Heimatinsel zurück. „Ja, ich bin sicher. Als sie auf die Insel kam, hatte Callan bereits seine Geräte zerstört, die seine Frau todkrank gemacht und auch ihm schon den Keim des Todes eingepflanzt hatten. Er zerstörte seine Geräte vollständig und wußte, daß die von ihm geschaffenen Abarten im Laufe der Zeit zum Untergang verurteilt waren.“

„Ja. Die normalen, in langer Evolution abgehärteten Arten sind stärker. Sie erscheinen bereits an den Rändern der Insel, und eines Tages wird Austin Island nicht mehr Besonderheiten aufweisen als irgendeine andere abgelegene Insel in diesem Teil des Pazifiks. Die Natur setzt sich immer wieder durch.“

 

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