Stanislaw Przybyszewski ¦ Androgyne ¦ Ein Auszug aus seiner Erzählung

Stanislaw Przybyszewski ¦ Androgyne ¦ Ein Auszug

…Die Tollwut des Gewitters umkrallte ihn mit dem Geächze der Verdammnis, warf ihn auf den kochenden Gischt eines abgründigen Malstroms, wütete in ihm, heulte, krachte, schleuderte ihn kreischend hin und her die steilen Felsen hinauf wie ein Wrack…

Walter Leistikow (d. 1908) Illustration zu - Na drogach duszy Illustration aus: Stanislaw Przybyszewski: Ich bin die Maske meines Geistes - Zwei Vorträge /// Na drogach duszy
Walter Leistikow (1908) Illustration zu Stanislaw Przybyszewski: Ich bin die Maske meines Geistes – Zwei Vorträge /// Na drogach duszy

Und in immer neuen Bildern erstand vor seinen Augen sein ganzes Heimatland: ein riesiges Laken, zerrissen und zerfetzt in grüne Gerstenlappen, in weißaufgeblühte Heidekrautfelder, goldene Roggenteppiche, blutrote Beete peitschenschwerer Weizenähren: die ganze Erde ist maitrunken, brünstig in ihrer Blütenpracht, ungeheuer in ihrer schöpferischen Raserei, in der hochzeitlichen Majestät andächtiger Liebe – die ganze Erde weit hinauf bis an die Umfriedung der weißen Kirche auf der Anhöhe …

Breite Ströme von Glockenklängen gossen sich in das flache Land hinab, ringsherum brandete das Gewoge eines mächtigen Kirchenliedes während der Prozession am Fronleichnamsfest; zwischen dem schwarzen Gebüsch und dem dichten Gehege schimmerten die weißen Kleider der Mädchen, die zu Füßen des Priesters mit dem Allerheiligsten Blumen streuten, es blauten die langen Bauernröcke, gegürtelt mit breiten roten Schals …
Er zuckte auf. Lechzte nach mehr Sehnsucht.

Unaufhörlich in wunderlichen Reigen: ein Hochzeitsgang an einem Julitag – das breite Schluchzen der Geigen, gefertigt aus der Lindenrinde, das heisere Stöhnen der Bässe, die von dem Geld klappern, das der Bräutigam in ihr Inneres geworfen hat – und ein jauchzendes Geschrei, das in taktmäßigen Abständen mit schrillen Strahlen in die Luft hinauf schießt: Juchahei! Dann wieder schleppt sich ein Trauergeleite im Spätherbst auf der regendurchweichten Landstraße. … Ein paar Mädchen tragen den weißen Sarg eines Kindes – dann wieder ein feierlicher Pilgerzug, der zu dem Wunderbild eines Heiligen wallfahrtet – dann wieder … oh, oh … ohne Ende, ohne Maß …

Langsam dunkelte es ihm in den Augen – nur ein paar unklarer, abgerissener Bilder glitten faul und zögernd über sein Gehirn – die Seele dämmerte, wiegte sich in weiches Träumen, erlosch, bis sie sich plötzlich in einem mächtigen Lied emporriß.

Der heimtückische Zauber, das berauschende Gift der exotischen Blumen und das Paradies der Heimatserde, das alles ließ seine Seele erbeben mit dem dröhnenden ehernen Schrittklang von Rittern, die in Erz gegossen schienen, daß die Erde unter ihrer siegesjauchzenden Schrittwucht erbebte, – dann fühlte er seine Seele auftauen in den schluchzenden Klagen der Mutter, die ihre Erstgeburt verlor, sie ergrünte in dem Myrtenkranz hochzeitlicher Lieder, sie raste in trunkenem Tanz mit Jauchzen und Stampfen auf dem Boden einer überfüllten Schenke, schoß hoch empor mit wildem Schrei, wie die Blüte der Königskerze auf dem sengend heißen Brachacker – das ganze Lied ergoß sich in einem düsteren, wilden Bett, vertrocknete, schnellte rückwärts zurück, um mächtiger noch vorzustürmen und sich endlos über das ganze Flachland zu ergießen …

Eine entsetzliche Macht packte ihn in ihre Arme. Die Tollwut des Gewitters umkrallte ihn mit dem Geächze der Verdammnis, warf ihn auf den kochenden Gischt eines abgründigen Malstroms, wütete in ihm, heulte, krachte, schleuderte ihn kreischend hin und her die steilen Felsen hinauf wie ein Wrack – nur in der Tiefe, ganz in der Tiefe des bodenlosen Trichters ein heller Klang, der schwand und wieder aufleuchtete, sank unter und wieder auftauchte, wie der Widerschein eines blassen Sternes in dem schäumenden Strudel dunkler Wogen.

Lange hat dieser helle Strahl mit der spritzenden Wasserflut, mit dem Gewitter aufgewühlter Wogen gerungen, aber beharrlich ergoß er sich in lange, schmale Streifen, tanzte über den Fluten in zierlichen Schlangenwindungen, rollte sich zusammen, schnellte dann wie eine aufgerollte Feder langhin: über dem sturmgepeitschten Abgrund verzweifelten Ächzens und Kreischens, über dem Strudel abgründiger Qual, dem Geheul und Geschrei tollgewordener Gewitterbrunst flogen stille, sehnsüchtige, weichgesponnene Lichtwellen; immer breitere, immer stärkere Wellen der Beruhigung und lichter Versagung, entzückter Gebete umfingen den Sturm und das qualschreiende Entsetzen in heilige Mutterarme, preßten es an sich in unendlicher Liebe, wiegten es in eine überirdische Sehnsucht, in einen ohnmächtigen Verzückungstraum …

Da:
Ein Mädchengesicht tauchte auf: ein heller, heiliger Klang in den schwarzen Sturmakkorden, der helle Widerschein eines blassen Sternes in dem schäumenden Gischt dunkler Wogen, – nie früher hatte er es gesehen, aber er kannte es, er kannte es gut, dies Mädchengesicht …
Er wachte auf: rieb sich die Augen, ging in dem Zimmer auf und ab, aber er konnte die Vision dieses Gesichtes nicht los werden: halb Kind, halb Weib.

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