Sokrates und sein Prozess – Felix Pirner

Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)
Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)

Nach dem Peloponnesischen Krieg fragten sich die Athener, wer das Land derart in Not und Niederlage gebracht habe. Die schuldigsten erschienen ihnen jetzt die beiden, denen sie vordem am lautesten zugejubelt hatten: Der nichtsnutzig verwegene Alkibiades und der brutale Kritias, einer der Dreißig Tyrannen. Beide waren freilich schon tot, beide aber auch Schüler dieses Sokrates, der noch immer auf allen Gassen stand und den biederen Bürgern seine Redensarten anhing. Man warf ihm vor, er treibe es nicht anders als die Sophisten. Und den Sophisten war nichts zu groß, nichts zu alt, heilig und ehrwürdig, dass sie nicht ihr freches Wort dagegen warfen, die Jugend zu gleichem Frevel verführten und so allmählich die Grundlagen des Staates unterwühlten.

Das Volk verlangte ein Opfer, und im Frühjahr 399 stellte man Sokrates vor das Gericht des Volkes. Man beschuldigte ihn einer Sache, die zu verhindern er sich mit Wort und Beispiel ein Leben lang abgemüht hatte: Er leugne und verspotte die dem Volk seit je geheiligten Gottheiten; er wolle sie durch andere ersetzen; er verführe die jungen Leute zu gleichem Frevelmut. Drei öffentliche Ankläger, ein Dichter, ein Gerber und ein Redner, standen wider ihn auf. Sokrates verteidigte sich selbst. Der Mann ohne Schuld, verkannt und verlassen; unter ihm das dumpfe, nichts ahnende Volk; darüber der makellose Frühlingshimmel… es ist wie eine Vorahnung jenes anderen Gerichtstages „über die Menschheit, der vier Jahrhunderte später im gleichen klaren Lenzeslicht sich vollzog. Die Ankläger hatten die Richter gewarnt vor des Sokrates gewaltiger Redekunst, womit er die Leute zu beschwatzen verstehe. Sokrates entgegnet: „In meinem siebzigjährigen Leben habe ich noch nie vor Gericht eine Rede gehalten, verstehe mich auch nicht auf Reden. Nennt ihr aber den einen gewaltigen Redner, der die Wahrheit sagt, dann allerdings will ich als ein solcher gelten. Ich muss mich aber gegen zweierlei Ankläger verteidigen: Die einen, deren grobes Gerede ihr eben gehört habt, die mir nicht bange machen, und die andern weit schlimmeren, die man nicht greifen kann, die überall und nirgends gleich Schatten hinter mir drein tuscheln und mich verleumden. Aber ich will euch erklären, was eigentlich die Ursache ist für ihre Verleumdung. Vielleicht wird es einigen von euch nun so vorkommen, als scherzte ich — ihr könnt aber sicher sein, dass ich euch die volle Wahrheit sage. Denn, ihr Männer von Athen, durch nichts anderes als durch eine Art Weisheit habe ich mir den schlechten Ruf zugezogen. Denn der Gott in Delphi offenbarte eines Tages einem Athener, der ihn befragte, dass Sokrates der weiseste aller Griechen sei.“ — „Fangt mir nun nicht an zu lärmen, ihr Männer!“ ruft Sokrates immer wieder gerade an solchen Stellen, wo er trotz seiner Bescheidenheit aussprechen muss, was in privatem Gespräch ihm wohl nie über die Lippen gekommen wäre.

So fährt Sokrates fort: „Ich habe darüber nachgedacht, was wohl der Gott damit meine, mich weise zu nennen, wo ich doch so wenig Weisheit in mir verspüre. Was meint er nur, wenn er sagt, dass ich der Weiseste sei? Der Sinn des Wortes ging mir erst auf, als ich mit einem unserer Staatsmänner sprach. Den hielten andere und der hielt am meisten sich selbst für sehr weise, war es aber ganz und gar nicht. Ich habe ihm das auch bewiesen und mir so den Hass dieses und vieler anderer Männer zugezogen. Ich habe nämlich weiter geforscht, auch Redner, auch Dichter angesprochen und jedes Mal feststellen müssen: je berühmter sie waren, desto armseliger erwiesen sie sich vor mir. Ebenso unterhielt ich mich mit Handarbeitern. Die wussten zwar wirklich manches, wovon ich nicht das Geringste verstand, in Sachen ihres Handwerks nämlich. Weil sie aber Meister in einem waren, wollten sie Meister in allem sein, und diese Torheit überdeckte dann jedes Mal das Quäntchen Weisheit, das in ihnen steckte. Der Gott in Delphi wollte sagen: Mit der Menschen Weisheit ist es überhaupt nicht weit her. Darum kann der noch für den weisesten gelten, der sich am wenigsten einbildet, weise zu sein.

 

Im Dienste des Gottes gehe ich umher und forsche und untersuche überall, wo man mir einen der Bürger oder der Fremden als weise bezeichnet. Darüber habe ich mein Hauswesen vernachlässigt und lebe in tausendfältiger Armut. Junge Leute, die Muße genug haben, also der reichsten Bürger Söhne, folgen mir überall, haben ihren Spaß dabei, wie da immer wieder Nichtswisser sich bloßstellen, und versuchen sich selber in der Kunst. Der Hass dafür trifft aber nicht die Bloßgestellten, sondern mich. Sokrates sei ein ganz verkommener Kerl, Sokrates verderbe die Jugend in Grund und Boden, schreien die Leute. Geht aber einer gegen sie an und fragt warum und wieso, dann weichen diese Leute aus und schweigen, weil sie eben nichts Bestimmtes zu sagen haben, weil sie im Grunde nichts wissen. Hinterher und insgeheim verleumden sie lustig weiter, munkeln von Göttern, von Himmel und Erde, sagen, dass ich Recht in Unrecht verdrehe, und derlei Verschwommenes noch mehr.

Diese Verleumder, feig hinter den Rücken der Menge geduckt, haben nun hier drei ehrgeizige Männer vorgeschoben, mich öffentlich anzuklagen…“

Mit einem dieser Ankläger, mit Meletos, führt Sokrates nun das letzte und wohl berühmteste seiner öffentlichen Zwiegespräche. Es geht um die Anklage, Sokrates glaube nicht mehr an die Götter und deshalb sei er eine Gefahr für die Religion und ein politischer Gegner des Staatswesens. Meletos windet sich zwar unter den ihn bedrängenden Fragen und sträubt sich; wohl sehend, wohin das führt, will er zum Schluss nicht mehr antworten. Aber auch wenn dies letzte „Ja“ verweigert wird, so ist es dennoch ein Ja! Sokrates sagt nämlich das Folgende: „Wenn ich an eine göttliche Stimme glaube, muss ich doch zuerst an Gott selber glauben.“ Von dieser göttlichen Stimme, dem „Daimonion“ weiß aber ganz Athen, weil Sokrates täglich davon gesprochen .. . „Von Kindheit auf widerfährt mir diese Stimme. Sie hat mir noch niemals zu geredet, sie redet mir nur immer a b. Auch davon riet sie mir ab, mich in politische Geschäfte zu mischen. Will nämlich einer sich sein Leben lang für die Gerechtigkeit einsetzen, so soll er Privatmann bleiben. Ich habe das selbst erfahren, einmal als ich, zum Mitrichter gewählt, mich als einziger von den Richtern einem gesetzwidrigen Urteil entgegenstellte; und das andere Mal unter den Dreißig Tyrannen: Die wollten ja möglichst viele mit sich in die eigene Schuld verstricken; aber ich gab ihnen nicht nach, obschon dies soviel wie den Tod für mich bedeuten mochte. Niemals wäre ich ungeschoren durchgekommen, wenn ich bei diesen Politikern ausgehalten und auch da versucht hätte, als aufrechter, redlicher Mann überall dem Recht zu helfen. So aber kann ich jetzt öffentlich versichern, nie in meinem siebzigjährigen Leben habe ich das geringste Zugeständnis wider Gesetz und Recht gemacht, weder mir selbst noch andern, auch nicht dem Alkibiades und dem Kritias, die von diesen Verleumdern hier meine Schüler genannt werden.

Ich bin nämlich gar kein Lehrer und war es nie. Ich spreche für jedes Ohr, ob jung, ob alt, arm oder reich. Wer will, kann zuhören, kann auch antworten. Ob ich dabei Jemanden j gebessert habe oder nicht, dafür trifft mich keine Verantwortung. Ich habe ja auch nie jemandem versprochen, ihm dies und das beizubringen, nie einen Lohn gefordert oder empfangen. Ausreichender Zeuge dafür ist meine Armut.“ Mit folgenden feierlichen Worten schließt Sokrates diese Verteidigung: „Ihr Richter, folget nun meinen Anklägern oder folget ihnen nicht, sprecht mich frei oder verurteilt mich! Ich werde niemals anders handeln als ich je gehandelt, und müsste ich dafür hundertmal des Todes sterben. Wenn ihr mich tötet, schadet ihr weniger mir als euch selbst. Ich verteidige mich auch nicht um meinetwillen, wie ihr euch wohl einbildet; sondern nur euretwegen. Ihr solltet nicht gegen das Geschenk Gottes sündigen durch meine Verurteilung. Schwerlich findet ihr wieder einen Mann wie mich, der von Gott dieser Stadt beigegeben ward wie einem edlen Pferd der Sporn, es vor Trägheit zu bewahren. Ich bitte nicht, ich überrede nicht, und noch viel weniger möchte ich euch dazu veranlassen, gegen euren Richtereid zu handeln. Täte ich anders, so lehrte ich damit, es gebe keinen Gott, so klagte ich mich selbst an, nicht an ihn zu glauben. Ich aber glaube tiefer als meine Ankläger und überlasse es euch und dem Gott, über mich zu entscheiden, so wie es für mich das Beste ist — und für euch.“ Nach dieser Verteidigung stimmte die Volksversammlung ab und erklärte den Sokrates für dessen schuldig, wessen man ihn angeklagt. Es war freilich nur eine ganz knappe Mehrheit gegen ihn. So durfte Sokrates hoffen, noch einige Zauderer für sich zu gewinnen, indem er von neuem sprach. Er konnte nach athenischem Brauch sagen und begründen, welche Sühne er für angemessen und für gerecht halte, worauf dann das Volk über die Strafe zum zweiten Mal abstimmte. Sokrates sagte: „überzeugt bin ich, dass ich nie einem Menschen Unrecht getan. So will ich auch mir selber kein Unrecht tun, will mir selber nicht zuerkennen, was ich nicht verdiene. Geld, ja, hätte ich es, ich wollte euch vorschlagen, meinen ganzen Besitz wegzunehmen. Das brächte mir weiter keinen Schaden. Ich habe jedoch keinen Heller. Oder soll ich mir die Verbannung zuerkennen? Das wäre mir ein schönes Leben, in meinem Alter noch von Stadt zu Stadt gejagt zu werden! Denn das wäre mein Geschick als Verbannter. Oder meint ihr, In anderen Städten brächte man zuwege, was Athen nicht vermocht, mich nämlich zu ändern? Ich weiß es gewiss, wohin ich auch käme, liefe mir die Jugend zu und lauschte meinen Worten. Dann aber träten auch dort Ankläger wider mich auf, beantragten meine Ausweisung und setzten sie schließlich durch. Was aber verdiene ich denn dafür, dass ich bin, wie ich bin? Etwas Gutes, ihr Mitbürger, und zwar etwas Gutes von der Art, die mir entspricht. Und was wäre denn angemessen für euern bettelarmen Wohltäter, der nichts so nötig braucht wie viel freie Zeit, um sie euch zu widmen? Wenn einer von euch mit einem Rennpferd, einem Zweigespann oder Viergespann in Olympia als Sieger hervorgegangen ist, ladet ihr ihn ein, mit euch im Stadthaus, im Prytaneion, auf Staatskosten seine Mahlzeiten einzunehmen. Solch ein Olympischer Sieger aber bedarf nicht eurer Speisen, denn er ist wohlhabend, ich aber bedarf ihrer, weil ich nichts zu eigen habe. Er bewirkt, dass ihr für Augenblicke glücklich scheint, i c h dagegen, dass ihr es wirklich seid und bleibet. Haltet es also nicht für törichten Dünkel, wenn ich mir zuerkenne, was ich mit Recht verdiene: Die Teilnahme an der Ehrentafel des Prytaneion.“ Platon überliefert uns nicht, ob die Athener gegen dies letzte Wort lärmten und tobten. Doch nimmt man seit je an, indem Sokrates sich neben und über die gefeierten Sporthelden von Olympia stellte und die höchste nationale Ehre für sich beantragte, habe er selbst über sein Leben entschieden. Die Leute waren es gewohnt, dass ein Schuldiggesprochener vor ihnen flehte und flennte, nicht aber derart selbstbewusst den Kopf erhob. Sie verurteilten ihn zum Tode. Gelassen erhob sich Sokrates noch einmal und redete zu seinen Athenern. „Nur eine kleine Weile hättet ihr zu warten brauchen, so wäre ich von selbst gestorben; denn ihr seht doch mein Alter, wie vorgerückt, wie nahe es dem Tode bereits ist. Wenn ihr gewartet hättet, so wäre euer guter Name geblieben, so hätte niemand unsere Stadt verlästern dürfen, dass man hier den Sokrates umgebracht, der ein weiser Mann war. Dies Beiwort wird man mir nämlich geben, nicht weil ich es verdiene, sondern weil man euch damit ärgern will. Das gilt nur für die unter euch, die mich zum Tode verurteilt haben. Und noch eines will ich diesen voraussagen … Ich stehe ja nunmehr an der Schwelle des Todes, wo es dem Menschen vorzüglich gegeben ist, zu weissagen. Und so. sage ich euch, ihr Männer, wenn ihr glaubt, dadurch dass ihr Menschen tötet, könntet ihr verhindern, dass man euch euren verkehrten Lebenswandel vorhalte, so denkt ihr falsch. Dieses Mittel, sich der eindringlichen Belehrung zu entziehen, ist weder erfolgreich noch gut. Das schönste und leichteste wäre es für euch gewesen, nicht andere zu unterdrücken, sondern euch selbst in den Stand zu setzen, dass ihr so gut als möglich werdet. Mit Hinrichtungen die Wahrheit verhalten zu wollen, ist so unedel wie schlecht.“ Nun aber auch noch zu euch, meinen Freunden, die für mich gestimmt haben und sich mit Fug und Recht Richter nennen dürfen. Meine gewohnte Vorahnung, das „Daimonion“, die Stimme Gottes in meiner Seele, die mich so oft bei den geringsten Anlässen zurückgehalten, sobald ich im Begriffe war, etwas falsch zu machen, sie schwieg heute Morgen, als ich mein Haus verließ, und schwieg auch vorhin, als ich in die Gerichtsstätte trat, um vor euch zu sprechen. Was bedeutet das? Nichts anderes, als dass der Tod, der mich hier erwartete, nicht etwas Schlechtes und nicht das Übel ist, für das wir ihn halten. Denn es ist unmöglich, dass mich die gewohnte Stimme nicht gewarnt, hätte, wenn ich nicht im Begriff gewesen wäre, etwas Gutes zu erfahren. Nur eins von beiden vermag der Tod: Entweder versetzt er uns in das Nichts oder aber an einen andern Ort. Hätte der Tote keinerlei Empfindung mehr, läge er wie in traumlosem Schlaf versunken, so wäre der Tod schon ein wunderbarer Gewinn. Ist er aber wie ein Auswandern der Seele von hier nach einem andern Ort, und treffen wir dort, die vor uns starben, was könnte es wohl Schöneres geben! Wäret ihr nicht bereit herzugeben, was ihr nur besitzt, um Orpheus zu begegnen oder Homer und seinen Helden, die mit dem großen Heer gen Troja zogen? Mit ihnen umgehen und sprechen, sie ausforschen, wer unter ihnen der weiseste sei, das wäre mir unbeschreibliche Glückseligkeit. Und dort wird man mich deswegen jedenfalls nicht zum Tode verurteilen. Ich trage keinen Groll gegen meine Verurteiler und Ankläger. Sie wollten Böses über mich bringen, das allein verdient, an ihnen getadelt zu werden. Um dies Eine, Letzte bitte ich sie noch: übt Vergeltung an meinen Söhnen, wenn sie einmal herangewachsen sind, und ärgert sie auf die gleiche Weise, wie ich euch geärgert habe, wenn ihr merkt, sie kümmern sich um Geld und derlei mehr als um die Tugend; und wenn sie sich Weise dünken, es aber nicht sind, so beweist und verweist es ihnen! Damit ist die Zeit gekommen, dass wir von einander scheiden, ich, um zu sterben, ihr, um zu leben. Wer von uns dem Besseren entgegengeht, ist einem jeden verborgen, außer Gott allein.“

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