Sokrates und die Zeit in der er lebte – Felix Pirner

Akropolis mit dem Parthenon-Tempel - Nachbau
Akropolis mit dem Parthenon-Tempel – Nachbau

Geboren im Jahre 469 v.Chr. und gestorben siebzig Jahre später, also 399 v. Chr., hat Sokrates den Aufstieg wie den Niedergang seiner Vaterstadt Athen erlebt, den Reichtum der Feste, den Glanz der Bauten, den Ruhm der Flotte in den Zeiten des großen Staatsmannes Perikles, aber auch die dreißig Jahre des Peloponnesischen Krieges, Hunger, Pest, Niederlage im Krieg, Neid, Bosheit der Mitbürger und nachher die Willkür feindlicher Besatzungen. Sokrates hat dies alles mit dem Herzen erlebt. War doch sein binnen und Trachten stets nur dieser einen Stadt Athen zugewandt, die er nie verlassen hat, es sei denn gezwungen auf Feldzügen. Vater und Vorväter waren geachtete Bildhauer. Den gleichen Beruf hatte auch Sokrates. Man möchte sich ihn vorstellen unter den Gesellen des Meisters Phidias, an den Propyläen und am Parthenon-Tempel mitbauend und gestaltend. Doch zeigt Sokrates nirgendwo Künstlerehrgeiz. Nicht nur gab er den Beruf bald auf und stand den Tag über auf dem Markt, sich mit den Leuten zu unterhalten; er rühmte sich sogar, dem Beruf seiner Mutter zu folgen, die Hebamme war, und Hebammenkunst nannte er, was er da mit den Leuten auf dem Markte trieb. Er meinte nämlich, das Gute und Rechte liege in jedem Menschen drin, wie das Kind im Mutterschoß und müsse gleich diesem mit Hebammenkunst und gutem Willen ans Licht gebracht, ins Leben geboren werden.
Das beste Werkzeug dieser seiner Hebammenkunst dünkte Sokrates die Ironie, also eine schalkhafte Verstellung. Er tut so, als sei er ganz dumm und suche Belehrung, schiebt seine banal scheinenden Fragen wie im Brettspiel die Steine Zug um Zug weiter — bis plötzlich der andere merkt, er ist rings eingeengt und rettungslos geschlagen.

Aus dem angeblich Gescheiten ist ein erwiesener Dummkopf gewoi den. Solch ein Sokratisches Gespräch mitanzuhören, mitzuerleben, wie Heuchelei entlarvt und Hochmut bestraft wird, das lockte die Jugend mehr an als das beste Theater.
Vielleicht wählte Sokrates gerade die Ironie, weil sie seiner äußeren Gestalt am meisten entsprach. Kahlköpfig, mit breiter Stulpnase, vorstehenden Augen, wulstigen Lippen, dazu in schäbigen Kleidern und barfuß glich er einem Faun, wie Alkibiades ihn gern nannte. Er musste beim ersten Anblick lächerlich wirken, und so war es nur ein Zeichen seiner Weisheit, wenn Sokrates gerade diese Ungestalt des Äußeren für seinen Zweck nutzte.
Der Zweck seines Lebens aber, der ihm zugleich die Freude zum Leben gab, war, die Menschen zum Guten zu führen, die Tugend aus ihnen hervorzulocken, die doch jedem innewohnt, wenn auch oft versteckt und schlafend. Besser sagen wir: nicht den Menschen überhaupt, sondern seinen Athenern wollte Sokrates das Gewissen schärfen. So war er denn überall in der Stadt anzutreffen, wo Menschen zusammenströmten, knüpfte Gespräche an mit Hoch und Nieder, prüfte, mahnte, weckte, entlarvte und wandelte als eine Art Volksmissionar „jeden Markt zum Tempel“. Nicht leben allein, sondern anständig leben soll unser Ziel sein, rief er der Jugend zu. Den Geldmachern bewies er: Nur der Tugendhafte vermag wahren
Reichtum zu gewinnen und richtig anzuwenden. Bis zum Ende an sich arbeiten, gleich dem Bildhauer immer wieder den Meißel ansetzen, ein Gewissen haben und ihm nachleben, das erst heißt leben als ein Mensch. Damit hat Sokrates nicht nur seinen Athenern, sondern allen Menschen aller Zeiten und Rassen das eigene Innere, „den Garten der Seele“ zugewiesen, dort das wahre Glück zu pflanzen und zum Blühen zu bringen.
„Moral des Pöbels“, „Sklavenmoral“, nannte ein Philosoph des vorigen Jahrhunderts diese sittliche Haltung des Sokrates. Aber selbst der adelsstolze, gewaltige Perikles hat es nicht verschmäht, diesem „Pöbel“ zu lauschen, und Platon, dem Uradel Athens entstammend, fand keinen Besseren, ihm seine Gedanken in den Mund zu legen, als diesen angeblichen Sklaven.
Sokrates lehrt, die Tugend beruhe wie irgendein Handwerk auf Wissen und sei darum erlernbar. Die Gelehrten bezeichnen darum seine Art als „intellektualistisch“ und sagen von ihr, sie entspreche nicht dem wirklichen Leben. Wir brauchen indessen nur statt Wissen das sinnähnliche Wort: „überzeugt sein“ setzen und können Sokrates zustimmen und in seinem Sinne sagen: Man muss von der Tugend überzeugt sein, um sie zu üben.
Tief innerlich überzeugen wollte Sokrates und unterscheidet sich gerade dadurch von den andern, mit denen man ihn einst und jetzt vermengte, von den ‚Sophisten‘. Auch diese scharten die athenische Jugend um sich; doch ging es ihnen weit mehr um münzbare Kenntnisse als um seelische Werte. Sie ließen sich denn auch bezahlen und gut bezahlen. Nicht den Gegner zu überzeugen, lag ihnen am Herzen, sondern ihn zu verwirren und in einem Netz trügerischer Beweise matt zu setzen. Manche Sophisten rühmten sich geradezu, sie könnten alles beweisen. Solche scheinbaren „Beweise“ nennen wir noch heute „Sophismen“. Platon sagt von den Sophisten: Wenn Schuster und Schneider unsere Schuhe und Kleider schlechter zurückgeben als sie diese Sachen in die Hand bekamen, so merkt das jeder sofort und meidet fortan diesen Handwerker. Wer aber die Jugend einer Stadt schmutziger, verdorbener heimschickt als sie her kam, der wird noch gelobt, dem wird noch gelohnt.
Sokrates war verheiratet mit einer Frau namens Xanthippe. Ob diese Frau wirkliche eine „Xanthippe“ war, ist nicht überliefert. Gewiss wurde es ihr nicht leicht, Hausfrau zu sein bei solch einem Mann, der tagaus, tagein in der Stadt herumwandelte. Für die Sorgen einer Frau und Mutter scheint Sokrates, der sonst alles sah, keinen Sinn gehabt zu haben, wie denn die Frau überhaupt eine erstaunlich geringe Rolle in seinem Werk gefunden hat. Nur einmal, im „Gastmahl“, sind gerade die erhabensten Worte einer Frau in den Mund gelegt, „einer Mantineerin namens Diotima, die sehr weise war“.
Was aber Sokrates je gesprochen und gelehrt, hat er unsterblich gemacht durch seinen Tod. Sein Sterben erst hebt ihn unter die Genien der Menschheit.

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