Sofja Wassiljewna Kowalewskaja – Mathematikerin – Ein Porträt von Ellen Key

Sofja Wassiljewna Kowalewskaja (* 3. Januarjul./ 15. Januar 1850greg. in Moskau; † 29. Januarjul./ 10. Februar 1891greg. in Stockholm) war eine russische Mathematikerin, die 1884 an der Universität Stockholm die weltweit erste Professorin für Mathematik wurde, die selbst Vorlesungen hielt.
Kowalewskaja leistete nicht nur in der Mathematik Bedeutendes, sondern hatte auch mit ihren 1889 erstmals erschienenen Kindheitserinnerungen großen Erfolg. Politisch war sie ebenfalls aktiv und setzte sich für das Recht aller Frauen auf Ausbildung ein.

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Erstes Kapitel

Sofja Kowalewskaja um 1880 - Fotograf unbekannt
Sofja Kowalewskaja um 1880 – Fotograf unbekannt

Wie man auch persönlich den Tod betrachten mag – mit lebensmüder Sehnsucht, mit stillen Friedensgedanken oder mit erkämpfter Resignation – eine Art von Tod erfüllt uns doch alle durch seine, scheinbar ganz zwecklose Zerstörung, mit schmerzlicher Bestürzung. Das ist der Tod, der gleich dem Orkan im Hochsommer seinen Weg durch zertrümmerte Stämme, herabgeschüttelte Früchte, verheerte Ernten bezeichnet.

Von dieser schmerzlichen Bestürzung erfüllt, stand der engste Freundeskreis wie die europäische Kulturwelt an Sonja Kovalevskas Grab. Diese Todesbotschaft rief auch bei jenen Ausdrücke der tiefsten Teilnahme hervor, zu denen nur ihr Ruhm, nicht der Eindruck ihrer Persönlichkeit gedrungen war. Sie gehörte den Auserwählten der Wissenschaft an: sie hatte auf literarischem Gebiet reiche Zukunftsverheißungen gegeben; sie besaß mittelbar große Bedeutung für die Frauenfrage; sie nahm mit ganzer Seele an den Freiheitsbestrebungen ihres Vaterlandes teil – und aus all diesen verschiedenen Gebieten hörte man zahlreiche Versicherungen, wie tief man den Verlust empfand.

Die Sonja Kovalevska in Stockholm nahe standen, wußten, daß sie ein Wildvogel war, der da keinen festen Fuß faßte, ein Gast, der die Fremdheit oft schwer empfand und gerne die Schwingen zum Flug in andere Gefilde ausbreitete. Wir waren daher darauf gefaßt, sie früher oder später entbehren zu müssen, aber um so weniger darauf vorbereitet, sie ganz zu verlieren.

So schlicht und anspruchslos nahm sie ihren Platz ein, daß man es nicht merkte, wie groß der Raum war, den sie für ihre Freunde und Schüler ausfüllte – bis er leer ward; daß man erst durch die Dämmerung, die das Erlöschen dieser starken Lebensflamme hinterließ, erkannte, wie klar sie ein paar Jahre lang den grauen schwedischen Wintertag erhellt hatte.

Sonja (Sophie) Vasilievna wurde am 27. (15.) Dezember 1851 auf dem Familiengut ihres Vaters, des Generals Corvin-Krukovskis, Palibino, geboren. Viele Nationalitäten waren in der Familie verschmolzen, und Sonja pflegte ihre geistige Zusammensetzung so zu erklären: »Die Wißbegierde von meinem ungarischen Stammvater, König Mathias Corvinus; die Mathematik, den Sinn für Musik und Lyrik von meinem deutschen Urgroßvater, dem Astronomen Schubert; meine individualistische Freiheitsliebe von Polen; von einer Stammmutter aus dem Zigeunervolk die Wanderlust und die Schwierigkeit, mich konventionellen Formen anzupassen – das übrige von Rußland!«

Dieses »übrige«, das spezifisch Russische, zeigte sich in einer Menge von Eigentümlichkeiten und Gemütsschattierungen, vor allem in dem Zug, durch den die Literatur des russischen Volkes einige Jahrzehnte hindurch Europas Staunen erregt hat, nämlich den geistigen Reichtum. Die russische Intelligenz scheint noch dieselbe gewaltige Kraft der Hervorbringung zu haben wie die russische Erde, eine unerschöpfliche Fähigkeit der Aneignung, des Schaffens und Gebens, eine Kraftfülle, wie sie Westeuropa nicht mehr besitzt. Aber dieser intensiven Lebensenergie und diesem Produktionsvermögen stehen in seltsamem Gegensatz ein morgenländisch-resignierter Fatalismus, eine bodenlose Tiefe der Schwermut gegenüber – das russische Volk hat »l’esprit gai et le coeur triste« wie keine andere Nation der Welt.

Sofja Kowalewskaja um 1868 - Fotograf unbekannt
Sofja Kowalewskaja um 1868 – Fotograf unbekannt

Bei Sonja Kovalevska waren diese Grundzüge der Nationalität durch die Schaffenskraft des Genies und die Leidensfähigkeit des Weibes verstärkt. Sie hat uns selbst in den »Schwestern Rajewski« das fesselndste Bild der Entwicklung ihrer eigenen Natur gegeben; des unablässigen Hungers ihres Herzens nach Zärtlichkeit, ihrer Seele nach Nahrung. Wir sehen, wie bei den Familiendiskussionen über die neuen Ideen der Zeit die strahlenden graugrünen Augen der kleinen »Tanja« sich weit öffnen; wir sehen sie im geheimen die in- und ausländischen Zeitschriften verschlingen; wir folgen ihr in die grüne Herrlichkeit der Wälder und die Luftschlösser der Dichterträume. Wir bleiben mit ihr stehen, wenn sie stundenlang wie verhext die an Stelle von Tapeten aufgeklebten Blätter mit Differential- und Integralrechnungen anstarrt – ihr erster Einblick in die Wissenschaft, die dann die ihre wurde. Und wir wissen – auch durch ihre eigenen Schilderungen in »Eine Nihilistin« – daß sie tiefe Eindrücke aus der Zeit der Aufhebung der Leibeigenschaft und des letzten polnischen Aufstandes empfing. Diese und ähnliche Erlebnisse verhindern es, daß in der Seele der jungen Barina auch nur der leiseste Fleck von den Küssen zurückbleibt, die Leibeigene auf den Saum ihres Kleides gedrückt. Im Gegenteil: daß die Persönlichkeit allein den Menschenwert bestimmt, wurde für sie wie für Turgenjew, Krapotkin, für alle besten Söhne und Töchter Rußlands sehr früh zur Lebenswahrheit.

In dieser wie auch in anderer Hinsicht empfing Sonja einen großen Teil ihrer Erziehung durch die um einige Jahre ältere Schwester Anjuta, die von den Gedanken des jungen Rußlands lebhaft beeinflußt war, und durch ihre beginnende schriftstellerische Tätigkeit in ein freundschaftliches Verhältnis zu Dostojewski trat. Die jüngere Schwester nahm mit ganzer Seele an den Plänen und Ideen der älteren teil, aber in der hochvornehmen Familie erregten natürlich die »modernen« Ansichten der jungen Töchter – wie die Schilderung in »Die Schwestern Rajewski« zeigt – Zorn und Schmerz. Charakteristisch für Sonja ist jedoch, daß, als einige russische Freunde sie kurz vor ihrem Tode darauf aufmerksam machten, daß sie in dieser Schilderung dem Andenken ihres Vaters – dieses altkonservativen Generals, der sich doch in vielen Fällen von seinen Kindern erziehen ließ – nicht voll gerecht geworden sei, sie sogleich ein neues Kapitel ihrer »Erinnerungen« begann, um den Vater gegen das Ende seines Lebens als immer milder und verständnisvoller gegenüber den Bestrebungen und der Denkweise seiner begabten Töchter darzustellen.

Ein leider gar nicht begonnenes Kapitel der »Erinnerungen« hatte Sonja »Wie ich Mathematikerin wurde« benennen wollen. Über diese wichtige Epoche ihres Lebens werden wir sohin wohl nie viel mehr erfahren als die oft angeführten Fakten: daß das zwölfjährige Mädchen zusammen mit einem gleichalterigen Knaben Mathematik zu lernen anfing, und sich mit solcher Leidenschaft auf den Gegenstand stürzte, daß der Vater diesem »unweiblichen« Studium ein Ende machte; daß sie es im geheimen fortsetzte, daß sie dabei selbst – so wie Pascal – die Trigonometrie erfand, und daß ein Freund der Familie, der ihre erstaunliche Begabung entdeckte, ihr erwirkte, daß sie zu den Zeiten, wo die Familie in Petersburg wohnte, Unterricht in Mathematik bekam. Doch alle Bitten, das Studium weiterzutreiben, wurden abgeschlagen; junge Mädchen, die ferne vom elterlichen Haus ihren Studien oblagen, wurden in der russischen Aristokratie als dem Nihilismus anheimgefallen betrachtet. Zu dieser Zeit machte die fünfzehnjährige Sonja die Bekanntschaft eines jungen Studenten, Kovalevska, der sich erbot, sie zu entführen, um ihr die Freiheit zu verschaffen. Doch der Hausarzt der Familie, der von den Plänen der jungen Menschen erfahren hatte, sagte ihnen, daß dies für Sonjas herzleidenden Vater den Tod bedeuten könnte. Da beschlossen die jungen Leute, eine jener Formehen einzugehen, die in Rußland in anderen Kreisen gebräuchlich, doch in den höheren Zirkeln unbekannt waren. Die beiden jungen Menschen, die bis auf weiteres die Ehe »als eine Institution betrachteten, deren Aufgabe es war, jungen Mädchen Studienfreiheit zu verschaffen«, reisten sogleich jeder nach einer anderen Richtung ab: er, um sich den Naturwissenschaften, sie, um sich der Mathematik zu widmen. Dieser eigentümliche Vorfall wurde zum Vorwurf eines Romans genommen, in dem der Mann mit dem Samovar beschäftigt dargestellt wird, während die Frau in die Bücher versunken dasitzt!

Im Jahre 1869 wurde die junge Frau Studentin an der Universität Heidelberg, und nachdem sie dort ein paar Jahre ernst gearbeitet hatte, begab sie sich nach Berlin, dessen Universität den Frauen allerdings verschlossen ist, wo jedoch die begabte Russin in so hohem Grade das Interesse Weierstraß‘ erregte, daß er ihr vier Jahre lang Privatunterricht gab. Und er wurde für sie nicht nur ein tiefinteressierter Lehrer, sondern auch ein brüderlicher Freund, der ihr, als sie mehrere Jahre später als Witwe allein in der Welt stand, anbot, den Platz einer Schwester in seinem Heim einzunehmen – ein Anerbieten, das sie nicht annahm, das aber bei ihr ein noch innigeres Dankbarkeitsgefühl hervorrief, als sie schon ohnehin empfand. Und hauptsächlich um diesen Freund zu besuchen, reiste sie vor ihrer letzten Krankheit über Berlin.

Nach vierjährigem Studium bei Weierstraß sandte Sonja Kovalevska auf seinen Rat drei Abhandlungen nach Göttingen; und diese erregten solches Aufsehen, daß die Verfasserin ohne weitere Prüfung von der Universität zum Doktor ernannt wurde.

Als Gradualabhandlung gab sie dann 1874 »Zur Theorie der partiellen Differentialgleichungen« heraus.

Unter ihren übrigen mathematischen Schriften sind noch besonders hervorzuheben der Aufsatz »Über die Reduktion einer bestimmten Klasse Abelscher Integrale dritten Ranges auf elliptische Integrale« (1884), und »Über die Fortpflanzung des Lichts in einem kristallinischen Medium«, wo sie die vollständige Lösung einer Aufgabe gibt, mit der sich mehrere große Mathematiker beschäftigt haben. Im Anschluß an die Laplacesche Hypothese hat sie auch versucht, die Form der Ringe des Saturns zu bestimmen.

Aber die Erwartungen, die Weierstraß für seine Schülerin hatte, waren noch nicht befriedigt, und dies spornte sie zu unglaublichen Anstrengungen an. Erst als sie die ebenerwähnte Abhandlung über die Fortpflanzung des Lichtes vollendet hatte, erlangte sie endlich die von Weierstraß ersehnte Anerkennung: daß er sich in ihren Fähigkeiten nicht getäuscht habe.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich in Sonja Kovalevskas Privatleben große Veränderungen vollzogen. Das Liebesglück ihrer Schwester ließ Sonja bei der Hochzeit dieser Schwester dem warm gewordenen Gefühl ihres eigenen Gatten gegenüber ein Mitgefühl zeigen, das dahin führte, daß das Verhältnis des Ehepaares Kovalevsky, bis dahin nur das von ein paar Studienkameraden, schließlich von anderer Art wurde. Im Herbst 1879 kam ihr erstes und einziges Kind zur Welt. An Stelle des Wanderlebens sollte nun ein gemeinsames Heim in Moskau treten, wo Vladimir Kovalevska, selbst ein hervorragender Mann der Wissenschaft, zum Professor der Paläontologie ernannt worden war – wenn er sich nicht in Verzweiflung darüber, daß er seine Gattin bewogen hatte, ihr ganzes großes väterliches Erbe in eine Unternehmung zu stecken, die es rasch verschlang, 1883 selbst den Tod gegeben hätte.

Die junge Witwe stand so mittellos da und mußte für sich und ihre Tochter einen Lebensunterhalt schaffen.

Sie suchte zuerst in Rußland Arbeit, wo man der Mathematikerin von europäischem Ruf den Platz einer Rechenlehrerin in einer Mädchenschule – bis zur fünften Klasse anbot, denn auf einem höheren Stadium hielt man eine Lehrerin nicht mehr für kompetent, den Unterricht zu leiten! Sie versuchte eine Anstellung an der Universität Helsingfors zu erlangen, wo die Sympathien für die Sache sehr groß waren, aber das Projekt scheiterte doch an nationalen Bedenklichkeiten. Zu diesem Zeitpunkt war Professor Mittag-Leffler noch an der Universität Helsingfors und erfuhr dort durch einige russische Damen, daß ihre begabte Landsmännin eine Anstellung an der Universität wünsche. Durch seine Vermittlung kam Sonja Kovalevska schon im Herbst 1883 nach Stockholm. Ihr kleines Mädchen hatte sie bis auf weiteres bei der Taufpatin des Kindes, Fräulein Julia Lermontoff (aus derselben Familie wie der Dichter) zurückgelassen. Im Frühlingssemester 1884 las Sonja Kovalevska als Privatdozentin an der Hochschule in Stockholm über die Theorie partieller Differentialäquationen, und zwar mit solchem Erfolg, daß sie noch im selben Jahre als Professor der höheren Analyse an der Universität angestellt wurde. Es gereicht Stockholm zur Ehre, daß die Mittel zu dieser Professur – dank Professor Mittag-Lefflers Bemühungen – durch private Schenkungen aufgebracht wurden, und daß keinerlei Vorurteile die junge Hochschule unserer Hauptstadt abschreckten, eine Frau anzustellen, die so die erste war, die seit den Zeiten der Renaissance eine akademische Professur bekleidet hat.

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Es fehlte nicht an Zweifeln an der Kompetenz des weiblichen Professors, Zweifel, die doch gänzlich verstummten, als die französische Akademie der Wissenschaften im Jahre 1888 Sonja Kovalevska den Bordinschen Preis für ihre Arbeit über das angegebene Thema »die Theorie über die Bewegung eines festen Körpers in irgend einem wesentlichen Punkt zu vervollständigen« zuerkannte. Noch ehe der Namenszettel geöffnet war, hatte die Akademie in anbetracht der außerordentlichen Verdienste der Abhandlung beschlossen, den Preis von dreitausend auf fünftausend Franken zu erhöhen.

Nach dieser Kraftanstrengung sah es aus, als ob Sonja Kovalevkas mathematische Produktionskraft einer Ruhezeit bedürfte. Aber Ruhe bedeutete für sie nur Wechsel der Tätigkeit. Die jugendliche, durch Dichtungsversuche und Novellenentwürfe ausgesprochene Neigung zu literarischer Tätigkeit war durch die vertraute Freundschaft mit Anne-Charlotte Leffler wieder erwacht. Das erste Resultat war das Drama »Der Kampf ums Glück«, bei dem die Idee im wesentlichen von Sonja Kovalevska herrührte, während die Ausführung das Werk ihrer schwedischen Freundin war.

Selbst begann sie zugleich mit dem Niederschreiben ihrer Kindheitserinnerungen, die unter dem Titel »Aus dem russischen Leben« (Die Schwestern Rajewski) zu Weihnachten 1889 erschienen. Diese Arbeit errang in ihrem Heimatsland denselben außerordentlichen Erfolg wie in Skandinavien. Die russische Kritik stellte sie ohne Zögern neben Turgenjews und Tolstoijs Jugenderinnerungen und pries die einfache Anmut und den Adel des Stils, die klare Anschaulichkeit der dargestellten Bilder, den Reichtum an echter Poesie. Durch diese ihre eigene Schilderung sieht man das halbwilde, leidenschaftliche, unverstandene Kindergenie auf dem russischen Edelhof aufwachsen, und vor dem Blick des Psychologen liegt schon sein zukünftiges Schicksal in der Natur eingeschlossen, die uns hier entgegentritt.

Ihre nächste Arbeit hatte in Rußland einen so außerordentlichen Erfolg, daß das Heft der Zeitschrift, in dem der Artikel veröffentlicht wurde, in einer Neuauflage herausgegeben werden mußte. Es war eine Studie über die nordischen Volkshochschulen (Bauernuniversitäten, wie sie das Wort im Russischen übersetzen mußte), die die Verfasserin teils in Norwegen, teils bei einem zu diesem Zwecke gemachten Besuch in der schwedischen Volkshochschule Tärna studiert hatte. Sie schrieb diesen Aufsatz in Gedanken an das Aufklärungsbedürfnis des russischen Bauernstandes und hoffte, daß ihre Worte nach dieser Richtung Früchte für ihr Land tragen könnten. Denn ihr Land, das reiche, das gewaltige, das unglückliche Rußland, seine Entwicklung, sein Schicksal, kam ihr niemals aus dem Sinn. Mit vollster Wahrheit konnte Maxim Kovalevska an ihrem Grabe sagen, daß sie dem jungen Rußland angehörte, dem Rußland der Schmerzen und der Freiheit. Ihre Siege wurden ihr erst so recht teuer, wenn sie alle Lorbeeren ihrer großen Mutter in den Schoß schütten konnte. Zwei Huldigungen erwähnte sie einmal mit Tränen in den Augen: die Berufung zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Petersburg, und Jonas Lies in einer Tischrede ausgesprochene warme Sympathie für das kleine russische Mädchen »Tanja Rajewski«.

Sonst sprach sie nicht oder doch nur ganz flüchtig von ihren Auszeichnungen; sie trug sie ebenso sorglos wie eine Königin ihre Juwelen und legte sie sobald als möglich ab, um ihr einfaches Alltagskleid wieder anzulegen.

RR5110-0034RAuf ihre Ausnahmestellung auf dem weiblichen Arbeitsgebiet legte sie sehr wenig Gewicht. Nachdem sie einmal die Vorurteile besiegt hatte, die ihre Familie und ihre Umwelt gegen die wissenschaftliche Begabung der Frau empfand, hatte sie keine Kampfeslust mehr übrig. Es war für sie selbstverständlich, daß der Kraftentwicklung der Frau keine äußere Grenze gezogen werden darf, und darum existierte für sie wie für Anne-Charlotte Leffler und deren nächsten Freundeskreis die »Frauenfrage« nicht mehr als isolierte Erscheinung. Sie sahen sie nur als einen wichtigen Teil der großen Menschheitsfrage, der sozialen, von deren Lösung sie im tieferen Sinne des Wortes »das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl« erhoffte, folglich auch für die Frauen.

Bevor sie jedoch selbst die wissenschaftliche Begabung der Frau im vollsten Maße dargetan hatte, kämpfte sie tapfer für die »Frauensache«. So z. B. hörte sie bei einem der Sonntagsempfänge George Eliots einen ihr unbekannten älteren Herrn die Behauptung aufstellen, daß wissenschaftliche schöpferische Kraft der Frau nicht gegeben sei. Sogleich wurde sie Feuer und Flamme und verteidigte, durch George Eliots Beifallslächeln ermutigt, ihr Geschlecht so glänzend, daß alle sie als Siegerin in dem Gedankenturnier anerkannten. Als ihr Gegner sich nach einem Weilchen entfernte, fragte die Hausfrau, ob Frau Kovalevska wüßte, wen sie besiegt habe, und nannte zum unbeschreiblichen Staunen ihres Gastes den Namen – Herbert Spencer.

Im Interesse der Wahrheit muß hinzugefügt werden, daß Professor Sonja Kovalevska immer mehr Spencers Ansicht zuneigte, nämlich, daß Originalität und schöpferische Kraft auf wissenschaftlichem Gebiete den Frauen im allgemeinen nicht gegeben ist. Als besonders bedeutungsvoll und segensreich für ihre eigene Entwicklung pflegte sie den Umstand zu bezeichnen, daß sie sich schon früh auf ihr Spezialstudium konzentrieren konnte und nicht wie die modernen studierenden Frauen zuerst Zeit und geistige Kraft an ein abstumpfendes Prüfungsbüffeln vergeuden mußte. Und weit davon entfernt, daß diese frühe Konzentration sie einseitig gemacht hätte, war diese im Gegenteil eine mitwirkende Ursache der Intensität, mit der sie sich dann alles andere Wissen aneignete. Sie hatte das unablässige Bedürfnis, ihre Grenzen zu erweitern, indem sie in neue geistige Gebiete eindrang, und sie stürzte sich auf diese neuen Wissensgegenstände ebenso gierig, wie das Feuer auf Späne.

Als Russin fielen ihr Sprachen ungewöhnlich leicht. Nach einigen Monaten verstand sie das Schwedische so, daß sie mit Vergnügen belletristische Arbeiten las, und in letzter Zeit hatte sie in einigen Wochen italienische Bücher lesen gelernt. Mit regem Interesse verfolgte sie jede bemerkenswertere Erscheinung auf dem Gebiete der Wissenschaft und der sozialen Frage. So studierte sie einen Winter lang mit größtem Eifer wissenschaftliche Arbeiten über den Hypnotismus und dgl. Aber sie begnügte sich nur mit Eindrücken aus erster Hand, und nachdem sie in Paris solche erhalten hatte, sah sie sich veranlaßt, ihre warnende Stimme gegen die allzugroße und unwissenschaftliche Leichtgläubigkeit auf diesem Gebiete zu erheben.

Wie in dieser Richtung war es auch in allen anderen. Ihre wissenschaftliche Anlage zeigte sich stets darin, daß genaue Untersuchung für sie unentbehrlich war, und daß sie niemals vor den Konsequenzen der Wahrheit zurückscheute. Die leitenden wissenschaftlichen Ideen des Jahrhunderts waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Darwinistin, Evolutionistin, Agnostikerin, wie sie war, stellte sie doch über jede Theorie die Freiheit der Forschung. Ein zum Dogma erstarrter Satz reizte sie zu Angriffen, bei denen sie zuweilen in glänzender Weise wilde Paradoxa verteidigte – bis sie plötzlich mit dem liebenswürdigsten Lächeln ihre Rede abbrach und zugestand, daß alles eine ihrer »Phantasien« gewesen war.

In Berlin, London, Paris und nicht zum wenigsten in Petersburg hatte sie sich in einem Kreis bewegt, in dem volle geistige Freiheit herrschte; wo keinerlei Vorurteile die allseitige Behandlung jedes wissenschaftlichen, sozialen, ethischen oder ästhetischen Problems einengten, und dazu in einem Kreise, wo man sein Privatleben unbehelligt von der Einmischung aller anderen leben konnte. Kein Wunder daher, daß sie die geistige Atmosphäre in Stockholm oft als sauerstoffarm empfand. Sie kam mit der Erwartung, daß die Vorurteilslosigkeit, die ihre Anstellung an der Hochschule ermöglicht hatte, auch andere Gebiete durchdrungen haben müßte. Aber bald fand sie, daß dies nur eine Blüte auf einem sonst ziemlich kahlen Zweig gewesen war. Trotz ihrer Schmiegsamkeit, die sie befähigte, sich in die einfachsten Alltagsverhältnisse des Lebens hineinzufinden, und trotz ihrer Bereitwilligkeit, sich allen Rücksichten anzupassen, die von ihr als Russin, Frau und Hochschullehrerin in dreifachem Maße verlangt wurden, empfand sie doch alle diese Rücksichten als Gitter, gegen das sie immer ungeduldiger mit den Flügeln schlug, die sie einst in freieren Räumen geregt hatte.

Sie, die für geistige Werte die russische Art zu zählen – nach soundsovielen Seelen – beibehalten hatte, fühlte sich immer ärmer, je mehr die Verhältnisse die Individualitäten zusammenschnürten oder veränderte Lebensbedingungen die Anzahl der ihr sympathischen Freunde hier oben verringerten. Immer mehr zog sie sich von dem starr gefrorenen Gesellschaftsleben Stockholms zurück, in dem sie anfangs wie ein auftauender Frühlingswind gewirkt hatte. Aber dies geschah nicht – wie viele annahmen – in dem Gefühl ihrer eigenen Überlegenheit, sondern in dem Gefühl der Einsamkeit. Im Verkehr mit einigen wenigen Freunden, wie auch bei dem einen oder anderen Theater- oder Musikabend, ruhte sie von ihrer intensiven Arbeit aus. Von allen ästhetischen Genüssen stellte sie gute Musik am höchsten, und dann kam das Theater. Ihr Urteil über die Darstellung eines Schauspiels war die feinste und treffendste Kritik, und auch auf diesem Gebiet hatte sie früher einmal ihre Feder betätigt, unter anderem als Musik- und Theaterkritikerin der »Nowoje Wremja« im ersten Jahre dieser Zeitung, die zum größten Teile eben durch Sonjas väterliches Erbe begründet worden war.

Aber wenn Sonja Kovalevska einmal am Gesellschaftsleben teilnahm, dann bedurfte es nur eines einzigen sympathischen Entgegenkommens, damit sie sogleich entflammt wurde. Und wie wurde dann nicht auch die Luft rings um sie entflammt! Die Gedanken wollten ans Licht, rascher als die Worte sie tragen konnten, und doch stürzten die Worte auch in der fremden Sprache mit erstaunlicher Leichtigkeit hervor. Sie erhielten einen besonderen Nachdruck durch die intensive, eifrige, aber fast nie laute Stimme, und durch die ausdrucksvollen Geberden der überaus kleinen, dünnen Hände, an denen die Adern schwollen, und der Pulsschlag bei jeder lebhafteren Bewegung sichtbar wurde. Wo man die kleine zarte Gestalt mit den raschen in größerer Gesellschaft infolge ihrer Kurzsichtigkeit befangenen und immer etwas eckigen Bewegungen sah, mit den strahlenden Augen, zwischen die die Gedankenarbeit eine Furche, tief wie eine Narbe gegraben hatte, da wußte man, daß irgend ein Gespräch von Interesse geführt wurde. Ohne daß sie versuchte, zu dozieren oder zu dominieren, wurde sie immer unbewußt der Mittelpunkt, um den sich interessierte Zuhörer scharten. Durch ihre gänzlich ungekünstelte Anspruchslosigkeit und Herzlichkeit machte sie auch die einfachsten Menschen mitteilsam; und sie verstand die Kunst zu lauschen, obgleich sie sie selten betätigen konnte, denn man hörte am liebsten sie selbst sprechen, vor allem erzählen! Mit dem sicheren Blick des dichterischen Temperaments für das Interessante und Charakteristische einer Person, einer Situation, einer Zeit, verband sie die seltene Macht, das Gesehene durch dieselbe malende Darstellung lebendig zu machen, die uns an dem schriftstellerischen Stil ihrer Landsleute und ihrem eigenen entzückt. Bei den Slawen lebt noch spontan und unreflektiert die epische Kraft fort, so wie auch bei ihnen noch jene innige Einheit zwischen Gedanken und Gefühl herrscht, die dem Kulturleben des Abendlandes im allgemeinen abhanden gekommen ist. Sonja Kovalevska fühlte ihre Gedanken – oder dachte ihre Gefühle – was ihr einen besonderen und unbeschreiblichen Zauber verlieh.

Wenn man in ihr Arbeitszimmer kam, mußte gewöhnlich erst Platz gemacht werden, so vollgepfropft war dort alles mit Büchern und Blättern, die mit mathematischen Formeln oder kleinen russischen Buchstaben bedeckt waren, oder zuweilen mit dem Tintenstift gemachten Zeichnungen, die auch nach dieser Richtung eine wirkliche, wenn auch unentwickelte Anlage zeigten. Man ließ sich schließlich durch die Herzlichkeit des Empfanges überzeugen, daß man nicht störte, und dann konnte man sich dem Genuß hingeben, für eine Stunde eine Fahrt in das nächste Jahrhundert oder hinaus nach Europa in die Lebenszentren der Kultur zu unternehmen. Hier – zwischen diesen vier Wänden – entfaltete Sonja die ganze Weite ihrer Gedanken, ihre Fähigkeit, alles zu prüfen und das Beste von allem zu nehmen. Hier fand man ein echtes freies Denken. Auch in jenen Fragen, über die sie selbst bestimmte Ansichten hatte, zog sie weder nach rechts noch nach links irgendwelche Grenzen, innerhalb oder außerhalb derer sich andere halten sollten. Von der Wahrheitsleidenschaft des Gelehrten und der Einheitsleidenschaft der Dichternatur erfüllt, konnte sie sich nie ganz einer Partei anschließen, aber verstand dafür alle. Sie sah die fromme Andacht des russischen Bauern mit ebensolcher Bewegung wie die Äußerungen des opferwilligen Radikalismus, unter dessen Repräsentanten sich ihre nächsten Freunde befanden.

Unfaßbar war ihr nur die Engherzigkeit. Auf dem Gebiet des Geistes litt sie nicht an Kurzsichtigkeit, jener dort so häufigen Kurzsichtigkeit, die Wesentlichkeiten für Unwesentlichkeiten hält oder umgekehrt. Und von jenem Kleinsinn, für den die Ansicht mehr gilt als die Persönlichkeit und Vorurteile mehr als Ansichten, war sie gänzlich frei.

Auf diesem Blick für die Wesentlichkeit beruhte auch zum großen Teil ihr psychologischer Scharfsinn. Sie sah die Schwächen, aber brachte sie mit den Vorzügen in Zusammenhang und faßte das Ganze als eine gesetzmäßige Erscheinung auf, die sie nachsichtig beurteilte, weil sie sie ganz verstand. Es fiel ihr ebensowenig ein, von gewissen Naturen gewisse Eigenschaften zu verlangen, als sie auf den Gedanken gekommen wäre, daß ein Dreieck sich vierseitig ausnehmen könnte. Dennoch war ihre persönliche Sympathie für gewisse psychologische »Figuren« ebenso ausgesprochen wie ihre Antipathie gegen andere. Wenn man das Bild fortführen will, kann man hinzufügen, daß die Wellenlinie und der Blitz diejenigen waren, die sie vorzog.

Die obenerwähnte klarblickende Duldsamkeit machte Sonja zu einer sehr hervorragenden Lehrerin, die sich nach der Individualität des Schülers richtete und gerade dadurch seine besten Möglichkeiten hervorlocken konnte. Sie interessierte sich auch lebhaft für die einzelnen Persönlichkeiten unter ihren Schülern, und ein junges Mädchen, ihre Schülerin, schrieb nach ihrem Tode die bezeichnenden Worte: daß sie sich von Frau Kovalevska so durchschaut fühlte, als wäre sie aus Glas, und dabei doch vollkommen geborgen vor diesem milden verstehenden Blick.

Von gelehrter Koketterie war bei ihr keine Spur zu finden. Und die ihre Befriedigung darüber aussprachen, bei ihr nicht der sprichwörtlich gewordenen »Trockenheit« des Mathematikers zu begegnen, empfingen die lebhafte Versicherung, daß die echte Mathematik die wenigst trockene unter allen Wissenschaften sei, daß sie der schaffenden Phantasie und spekulativen Kraft das ganze Weltsystem erschließe, und daß die trockene Seite des Gegenstandes nur jene Zweige seien, auf denen man den Weltenbaum auf und ab klettere!

Bezeichnend ist eine Replik Weierstraß‘, der einmal einige Herren die »mathematische Berühmtheit Frau Kovalevska« besprechen und die Möglichkeit dieser Erscheinung so erklären hörte, daß sie die mathematische Fähigkeit auf Kosten aller anderen geistigen Fähigkeiten entwickelt habe. Weierstraß blieb lange ein stummer Zuhörer, aber schließlich rief er aus: »Meine Herren, Sie sind nicht einmal imstande, zu ahnen wie es in einem solchen Frauenkopfe aussieht!«

Glückliche Umstände hatten auch zu jenem Eindruck unmittelbarer Frische, Erfahrung aus erster Hand beigetragen, den Sonja Kovalevska im Verkehr mitteilte. Sie kannte durch Reisen halb Europa; sie war mit mehreren der größten Schriftsteller ihrer Zeit in Berührung gekommen, hatte in Darwins Haus gewohnt, mit George Eliot verkehrt, George Eliot, die für sie die mit allen anderen Frauen unvergleichliche literarische Größe war. Und diese vertraute Bekanntschaft mit den lebenden Persönlichkeiten verband sich bei Sonja mit noch größerer Kenntnis der verschiedenen Literaturen. Sie kannte fast alles von Bedeutung in der älteren und neueren Literatur ihres eigenen Landes, Deutschlands, Englands und Frankreichs; und in der neueren skandinavischen Literatur war sie bald bewanderter als die meisten Schwedinnen.

Aber, wird jemand fragen, wie konnte sie dies alles leisten?

Indem sie sich überanstrengte. Es gab Zeiten, wo sie nicht mehr als vier bis fünf Stunden täglich schlief; und sie verwendete nie genügende Sorgfalt auf ihre Gesundheit. Daß sie trotz ihrer schwächlichen Konstitution doch im Ganzen gesund blieb, kam wohl von ihren im übrigen hygienischen Lebensgewohnheiten. Sie liebte Bäder und körperliche Bewegung, war äußerst einfach und mäßig im Essen und Trinken, verabscheute alle stimulierenden Mittel; selbst die bevorzugte Gesellschaft der Russin, die Zigarette, benützte sie nur gelegentlich. Sogar Tee trank sie weniger unmäßig als die meisten Russinnen. All dies hatte zur Folge, daß sie selbst bei der äußersten Überanstrengung ihre Nerven einigermaßen beherrschen konnte.

Vor dem »nervös« werden hatte sie übrigens dieselbe Abneigung wie davor, sich im geringsten männlich auszunehmen. Ihr nach einer Krankheit kurz geschnittenes Haar, mit dem man sie auf älteren Porträts sieht, ließ sie wieder wachsen und war stolz, als sie es mühsam gelernt hatte, den dunklen Zopf zu einem schönen Knoten aufzustecken. Sie war nie auf etwas anderes stolz, als wenn es ihr gelungen war, eine Handarbeit auszuführen oder eine Toilette anzuordnen, denn sie wußte, daß sie in der Richtung des spezifisch »Weiblichen« am wenigsten begabt war. Auf praktischem Gebiete war sie sorglos wie ein Kind oder ein Künstler, konnte aber doch ein lebhaftes Interesse für die kleinen Dinge des Alltagslebens zeigen, wenn diese ihre Freunde betrafen. Sie war überaus dankbar für jede geringste Hilfeleistung oder Freundlichkeit, bereit, jedem guten Rat zu folgen und eifrig bestrebt, alle kleinen Forderungen des Lebens zu erfüllen, soweit sie dies vermochte – aber von Herzen froh, wenn sie davon befreit wurde. Namentlich traf dies auf das Briefschreiben zu, wogegen sie eine bei lebhaft sprechenden Naturen häufig vorkommende Abneigung empfand.

Die Schwierigkeit, den kleinen wie den großen Forderungen des Lebens gerecht zu werden, wuchs beständig. Und diese Schwierigkeit war gerade zum Zeitpunkt ihres Todes größer denn je. Sie hatte den Drang erwachen gefühlt, wieder eine große mathematische Arbeit zu beginnen und kämpfte zwischen dem Wunsche, sie sogleich in Angriff zu nehmen und der Lust, einige ihrer vielen literarischen Entwürfe auszuarbeiten. Unter dem vielen, was sie in Arbeit hatte, war auch eine Novelle mit Tschernischewsky – dem Verfasser von »Was tun?« – als Helden. Auch ihre »Erinnerungen« beabsichtigte sie fortzusetzen, und eine besonders interessante Episode wäre vermutlich die von ihren und ihrer Schwester Eindrücken während der Pariser Kommune 1871 geworden.

Sie hatte auch beabsichtigt, eine Jugendnovelle, »Der Privatdozent«, die Dostojewskys lebhaften Beifall gefunden hatte, umzuarbeiten und hatte den Plan zu zwei Romanen entworfen, »Vae victis« und einen anderen, der an der Riviera spielen sollte. Sie hatte eine Sammlung Skizzen aus Frankreich herausgeben wollen, teils von der Weltausstellung 1889, teils andere, von denen zwei (»Amor auf dem Markte« und »Der Hund«) sie selbst besonders interessierten. Und schließlich hat sie einen Entwurf hinterlassen, der an Reichtum der Phantasie und psychologischer Genialität vielleicht alle ihre anderen Arbeitspläne übertrifft: »Wenn es keinen Tod mehr geben wird.« Das Drama »Bis zum Tode und nach dem Tode« ist nur eine von ihr und Anne-Charlotte Leffler bewerkstelligte Umarbeitung eines Dramenentwurfes von Sonjas einige Jahre vor ihr verstorbenen Schwester, Madame Jaclard.

Zwischen den Schwestern verblieb das Verhältnis immer das innigste, und Sonjas Bemühung, Madame Jaclards Arbeit auf die Bühne zu bringen, war nur einer der vielen Beweise dieser Zuneigung. Bedeutungsvoller war eine andere Handlung: daß Sonja Kovalevska bei der Nachricht, daß ihr Schwager, der Kommunard Jaclard 1871 gefangen genommen sei, mit ihrem Mann in das von den Versailler Truppen belagerte Paris eilte. Es gelang dem Ehepaare, sich in die Stadt zu schleichen, während die Kugeln rings um sie pfiffen. Sonja suchte die Schwester auf und spendete ihr den Trost und die Hilfe, deren sie so sehr bedurfte. Dann floh Sonja aus Paris zu ihrem Vater nach Rußland und wußte ihn zu bewegen, nach Frankreich zukommen und dort seinen Einfluß zugunsten des Schwiegersohnes geltend zu machen. Die Vermittlung des russischen Generals zeigte sich wirksam, und es wurde Jaclard ermöglicht, aus dem Gefängnis zu entfliehen.

Im Hochsommer von Sonjas Leben, einer Zeit der großen Gefühle und des übersprudelnden Produktionsreichtums, brach plötzlich der Tod herein. Und gerade weil Leben, ein so intensives Leben Sonjas Merkmal war, erscheint der Tod in diesem Falle unfaßbarer als sonst.

Selbst war sie seit vielen Jahren und aus vielen Gründen mit dem Todesgedanken vertraut. Unter anderem, weil sie wußte, daß ihr Herz schwach war. Aber wenn es einen Zeitpunkt in ihrem Leben gab, wo sie selbst den Tod nicht gewählt hätte, so war es dieser, wo sie sich reicher an Arbeitsenergie und harmonischer fühlte als seit langer Zeit.

Sie hatte ihre Weihnachtsferien in Beaulieu an der Riviera verbracht, wo sie in einer kleinen russischen Kolonie etwas von dem Milieu des Heimatlandes genoß, dessen sie für ihre schriftstellerische Produktion so sehr bedurfte und wo sie diese auch von geistreichen und sympathischen Landsleuten ermutigt fand, namentlich von dem Manne, dem sie die Liebe ihres spät erwachten Herzens geschenkt hatte.

Nach einigen in Berlin verbrachten Tagen reiste sie über die dänischen Inseln nach Kopenhagen und zog sich auf dieser nächtlichen Fahrt in Wind und Regen eine Erkältung zu, von der sie sich sehr angegriffen fühlte, als sie Mittwoch, den 4. Februar nach Stockholm kam. Aber ihr Vorsatz, sich nicht »Zeit zu nehmen«, krank zu sein, hielt sie aufrecht, so daß sie am Freitag ihre Vorlesungen beginnen konnte – und auch an einer Abendgesellschaft bei Freunden teilnahm, wo sie sich jedoch so elend fühlte, daß sie bald nach Hause fuhr. Erst Sonnabend mittag legte sie sich zu Bett, und obgleich die Krankheit – eine Lungenentzündung – ernst schien, ahnte doch niemand, wie ernst sie war oder daß man während der beiden folgenden Tage eigentlich nur einem Todeskampf beiwohnte. Die Ärzte meinten, daß die Krankheit durch eine heftige Infektion entstanden sei. Wäre das Herz stark gewesen, so hätte sich das Ende vielleicht hinausschieben lassen – aber eine Rettung scheint nach dem, was die Obduktion zeigte, ausgeschlossen gewesen zu sein. Sonja hatte eine Ahnung, daß sie diese Krankheit vielleicht nicht überleben würde, und beobachtete mit einer gewissen Unruhe die schlechten, mit einer gewissen Befriedigung die guten Symptome – beides in sehr stiller Weise. Anspruchslos und dankbar für Freundlichkeit, wie sie im Leben gewesen, war sie bis in den Tod; alles an ihr war nur der Ausdruck einer unbeschreiblichen, geduldigen Sanftmut und Besorgnis für die Umgebung. Ich war in den ersten Tagen und Nächten bei ihr. Aber die Ärzte rieten, auch eine Krankenpflegerin zu nehmen, weil die Krankheit sich langwierig zu gestalten schien. Und so war ich nach Hause gegangen, um ein paar Stunden auszuruhen. Denn die Nähe des Todes ahnten weder die Ärzte noch wir, die wir sie umgaben, noch Sonja selbst. Er trat plötzlich in der Nacht zum 10. Februar ein, durch eine Herzlähmung infolge des angegriffenen Zustandes der Lungen. In den letzten Stunden war sie ohne Bewußtsein, und der Tod war nur ein stilles Einschlummern in »das große Unbekannte«, das ihre Gedanken so oft beschäftigt hatte. Unter den rauschenden Fichten auf dem schwedischen Friedhof fand Rußlands große Tochter ihre letzte Ruhe – die Ruhe, die ihr immer herrlicher erschienen war als selbst die herrlichsten Gaben des Lebens. Aber der Denkstein auf dem Grabe ist von Rußlands Studentinnen und Frauen der Wissenschaft errichtet.

Die sie betrauerten, suchten sich vor Augen zu halten, daß gerade so wie der Tod kam – rasch und auf der Mittagshöhe des Lebens und der Kraft – sie immer gewünscht hatte, daß er sie erreichen möge. Sie suchten sich auch zu vergegenwärtigen, daß mit ihrem erhöhten Lebensreichtum auch die Keime neuer Konflikte hervorgetreten waren. Ein solcher war aus den verschiedenen Forderungen der Wissenschaft und der Literatur entstanden, aus der Schwierigkeit für beide auszureichen und zugleich noch für die heranwachsende Tochter. Ein anderer Konflikt lag in ihrer Anstellung im Ausland, während ihre schriftstellerische Tätigkeit den Aufenthalt in der Heimat verlangte. Und schließlich war noch der große Konflikt, auf den ich noch zurückkomme. Aber wir, die wir trauernd an ihrem Grabe standen, konnten nicht umhin, uns zu fragen, ob sich das Dasein für diese »Seele aus Feuer und Seele aus Gedanken« nicht bildbarer, weicher hätte zeigen können als für jene geringeren Naturen, die von seiner Härte zerschmettert werden.

Zweites Kapitel

Für Europa wurde das Bild Sonja Kovalevkas durch Anne-Charlotte Lefflers Biographie ihrer Freundin gezeichnet. Diese Biographie ist auch ein Teil von Anne-Charlotte Lefflers eigener; sie enthält unmittelbar mehrere wertvolle Beiträge zu ihrer Geschichte, aber vor allem beleuchtet sie Anne-Charlotte Lefflers Naturell ebensosehr durch das, was sie von dem Sonja Kovalevskas erfassen konnte, wie durch das, was sie von ihm unerklärt lassen mußte.

Anne-Charlotte Lefflers mit unparteiischer Ehrlichkeit und sympathischer Hingebung ausgeführtes Bildnis Sonja Kovalevskas ist in der Absicht gezeichnet worden, Sonja so menschlich und lebendig als möglich zu zeigen. Aber nicht einmal Anne-Charlotte Lefflers Psychologie reichte hin, um Sonjas wunderbares Wesen zu durchdringen, ein Wesen, zugleich schwer, melodisch und funkelnd wie die Quecksilberfontänen, die den Palast der Mauren schmückten!

Sonja Kovalevska war aus den heterogensten Gegensätzen zusammengesetzt: einer außerordentlichen Kultur und einer großen wilden Naturkraft; sie war bis in die Unendlichkeit zersplittert, nuanciert, impressionabel und bis zum äußersten energisch, einheitlich, intensiv; sie besaß eine moderne analysierende, berechnende Intelligenz und eine morgenländisch-fruchtbare Phantasie; sie war eine exakte Mathematikerin und eine idealistische Träumerin. Wenn man diese Gegensätze aufgezählt hat, hat man noch hundert unerwähnt gelassen und glaubt noch nichts über diese Persönlichkeit gesagt zu haben, deren außerordentlicher, Sympathie erweckender Reiz zum großen Teil eben in der Vereinigung von sonst unvereinbaren Gegensätzen lag, eine Persönlichkeit, deren Reichtum man nicht erschöpfen, deren Wesen man nicht ergründen konnte, ein Geschöpf mit der dreifach problematischen Natur des Genies, des Weibes und der slavischen Rasse.

Anne-Charlotte Leffler glaubte auch nicht, dieses Problem vollständig gelöst zu haben, aber sie packte diese Aufgabe so an wie ihre dichterischen Probleme: sie wollte den Menschen erklären. Idealisierung hielt sie mit vollem Recht nicht für den Weg zur Erklärung. Sie ging mit jener Sympathie zu Werke, die die Gestalten, welche sie schildert, von innen sieht, die mit ihnen versteht und fühlt. Je einfacher, je mehr aus einem Guß man eine Gestalt zu halten sucht, desto leichter wird sie verstanden, meinte Anne-Charlotte Leffler; je mannigfaltiger man das Bild zu geben trachtet, desto mehr verwirrt sich der Eindruck, desto unsicherer wird der Leser, dessen Gedanken hin und her gezerrt werden, etwa so wie wenn man eine Fußspur im Sande sucht.

Mit dem Bewußtsein, gerade diese Unsicherheit im Leser hervorrufen zu müssen, zeichnete Anne-Charlotte Leffler Sonja Kovalevska. Diese Biographie ist im Anfang, wo Sonjas eigene Schilderungen der Stoff sind, und am Schlusse, wo Anne-Charlotte Lefflers eigener Schmerz die Darstellung erhebt, wirklich etwas von dem geworden, was Ibsen meinte, als er Anne-Charlotte Leffler den eigentümlichen Rat gab: ihr Bild von Sonja nicht biographisch, sondern rein dichterisch zu gestalten! Aber in der Mittelpartie hat Anne-Charlotte Leffler keine genügend sichere Auswahl zwischen dem wirklich und dem nur scheinbar Charakteristischen getroffen, zwischen Wesentlichem und Zufälligem. Dies wirkt weitaus verwirrender als die Mannigfaltigkeit von Sonjas Natur, in anderer Weise behandelt, hätte wirken müssen.

Anne-Charlotte Leffler hat selbst – durch ihre Einleitung – jeden Anspruch an eine vollständig objektive Biographie entkräftet. Sie wollte nur, wie sie in einem Briefe schreibt, eine teure Herzenspflicht erfüllen: all das Interessante zu sammeln, was sie von Sonjas Persönlichkeit wußte, »um es für jene Zukunft zu bewahren, die Sonja Kovalevsky ganz gewiß einen Platz in der Geschichte ihrer Zeit anweisen wird.«

Bei der Erfüllung dieser Pflicht war Anne-Charlotte Leffler von der Gewißheit durchdrungen, daß es nicht möglich sei, »ein sympathischeres Bild von Sonja zu geben«, als das, welches sie gab. Auch schrieb sie mir, als sie die Schilderung beendet hatte:

»Ich weiß, daß ich die ganze Zeit bei der Verfassung dieser Biographie ein so lebendiges Pietätsgefühl zu meiner Richtschnur gehabt habe, daß ich bei jedem Wort, das ich sagte, gleichsam bestrebt war, Sonja ihren innersten Gedanken abzulauschen und sie so darzustellen, wie sie dargestellt werden wollte; daß ich mich von ihr und nur von ihr leiten ließ. Noch ist ihr Geist über mir, und darum konnte ich es tun. In ein paar Jahren könnte ich es vielleicht nicht mehr, könnte kein Wort hinzufügen, ohne den Geist des Ganzen zu stören.«

Anne-Charlotte Leffler übte, als sie so über Sonja schrieb, dieselbe große männliche Offenherzigkeit, die sie geübt hätte, wenn sie von sich selbst gesprochen haben würde. Aber sie hat dadurch Sonja nicht in jeder Beziehung so dargestellt, wie diese »dargestellt sein wollte«. Anne-Charlotte Leffler bedachte nämlich nicht, daß ein zusammengesetzter Stimmungsmensch nicht mit ganz denselben Mitteln verständlich gemacht werden kann wie ein einheitlicher Charakter.

Denn wenn eine Menge psychologisch eigentümlicher kleiner Züge dem mit der Persönlichkeit unbekannten Leser, unvermittelt von dem Charme des Lächelns, des Blickes, der Stimme und des für Sonja eigentümlichen Humors entgegentreten, aus dem Zusammenhang mit der Umgebung, mit den Ereignissen, mit der Zeit gerissen – dann erhalten sie eben viel härtere Linien als in der Wirklichkeit und scheinen auch viel größere Dimensionen zu besitzen.

Wenn man die Gemütsschattierungen, die Einfälle, die Selbstwidersprüche eines Stimmungsmenschen im Druck festhält, kristallisiert man sie nämlich unwillkürlich, gibt dem feste Konturen, was in Wirklichkeit die leichten, anmutsvollen, fließenden Formen der Wolken besaß.

Darum teilte ich Anne-Charlotte Lefflers Ansicht über den Umfang und namentlich über den Zeitpunkt der Herausgabe von Sonjas Biographie nicht ganz. Für die mit der Persönlichkeit oberflächlich oder gar nicht bekannten Zeitgenossen ist ein plastisches Zuwegegehen dasjenige, das das Bild am besten wiedergibt, und die Statue das einzige Kunstwerk, das eine große und darum auch eine wahre Wirkung einer großen Persönlichkeit hervorrufen kann.

Für die Zukunft hingegen, die – um ein Paradoxon anzuwenden – dadurch, daß sie sich noch weiter entfernt, wieder näher kommt, gibt die pittoreske Methode, die Anne-Charlotte Leffler gewählt hat, das wertvollste Bild. Das im Alltagsleben studierte, in ein intimes Milieu versetzte, bis in alle Einzelheiten genau ausgeführte Porträt wird das für eine folgende Generation interessanteste sein, wie auch das für eine sympathische und intelligente Auffassung schon in der Gegenwart teuerste.

Anne-Charlotte Leffler hatte das doppelte Interesse der Freundin und der Schriftstellerin für alles – das Kleinste wie das Größte – was für Sonja charakteristisch war. Sie liebte alles, und darum verstand sie vieles; und auch, wo sie nicht verstand, verurteilte sie nicht. Darum konnte sie nicht fassen, daß nicht auch alle anderen verstanden und sich des Aburteilens enthielten.

Anne-Charlotte Leffler verstand vieles. Aber in einigen wesentlichen Punkten verstand sie wenig oder nichts, und in diesen Punkten hat das Bild nicht die richtigen Valeurs bekommen. Zum Teil beruht dies auch auf der Fortlassung der ganzen wissenschaftlichen Seite von Sonjas Persönlichkeit. Aber die Liebe zur Wissenschaft war ganz ausgesprochen das, was Sonjas Persönlichkeit ihre Höhe und Festigkeit, sozusagen ihr geistiges Rückgrat gab. Und wenn Sonjas Verhältnis zur Wissenschaft – durch Anne-Charlotte Lefflers Entschluß, ihre Darstellung auf eine ganz und gar subjektive Schilderung zu beschränken – stark untergeordnet wurde, mußte folglich ihre ganze Persönlichkeit in der Biographie weniger kräftig und einheitlich wirken, als sie es in Wirklichkeit tat. Sonjas wissenschaftlich geschulte, durchsichtig klare, folgerichtige Art des Denkens, die ihre Dichtung, ihre Lebensanschauung, ihre Gefühle so stark bestimmte, ist darum nicht zu ihrem Recht gekommen, und so auch nicht die eine große Seite ihrer Genialität. Anne-Charlotte Leffler wollte mit vollem Recht das Weib in der Mathematikerin zeigen, aber sie hat nicht die Mathematikerin im Weibe gezeigt, es sei denn in bezug auf die Erotik, wo sie wieder der Wissenschaft einen Einfluß zuschreibt, den sie in diesem Fall nicht besaß.

Eine andere Seite von Sonjas Temperament, der ihr eigentümliche Humor, ist von Anne-Charlotte Leffler auch nicht richtig gezeichnet worden. Oftmals nahm Anne-Charlotte Sonjas Scherz ganz oder halb ernst, wie z. B., wenn diese ihre »Triumphe« als Sportdame schilderte, oder ihre »Verliebtheit« in diese oder jene Person, oder ihren »Abscheu« in dieser oder jener Richtung. Das Gewicht, das die Biographie all diesen Worten – sowohl in Sonjas mündlichen wie in ihren schriftlichen Mitteilungen – beigelegt hat, trübt das Bild. Selbst ein alltäglicher Mensch könnte – wenn seine Einfälle und Inkonsequenzen dieselben Proportionen erhielten wie seine Handlungen – bizarr wirken. Um wieviel mehr ist das nicht erst bei einer Ausnahmenatur der Fall!

Als ein Beispiel unter vielen mag hier Sonjas Schilderung ihrer Gefühle auf den Fahrten von und nach Stockholm angeführt sein: der Weg von Stockholm scheine ihr der kürzeste, aber der zurück nach Stockholm der längste in Europa.

Universität Stockholm - Der Fachbereich Mathematik - Foto: Karmosin~commonswiki - CC BY-SA 3.0
Universität Stockholm – Der Fachbereich Mathematik – Foto: Karmosin~commonswiki – CC BY-SA 3.0

Man empfängt aus diesen Worten den Eindruck einer Bitterkeit gegen Schweden, die doch in Wirklichkeit nicht vorhanden war. Mehr als einmal sprach Sonja im Gegenteil warme Dankbarkeit gegen das Land aus, das ihr ein Heim und eine Arbeit gegeben hatte; und so äußerte sie sich nicht nur zu Schweden, sondern auch zu Ausländern. Ihr Tadel Stockholms war der sehr berechtigte, daß man sich da in einer Kleinstadt befinde, wo sich jeder in die Angelegenheiten des anderen mischte und man nie zwischen Sache und Person unterscheiden konnte. Sie fand – und zwar mit gutem Grunde – daß der geistige Horizont in Schweden eng sei, und das Verständnis, die Toleranz neuen Ideen oder ungewöhnlichen Handlungen gegenüber geradezu mittelalterlich. Aber zugleich ließ Sonja den guten Seiten der Schweden volle Gerechtigkeit widerfahren. Sie bewunderte das – in allem, was nicht neue Ideen betrifft – Generöse im Charakter der Schweden, namentlich glaubte sie niemals soviel Opferwilligkeit für gemeinnützige Zwecke gesehen zu haben wie bei den Stockholmern.

Auch Anne-Charlotte Lefflers Urteil über Sonjas nur »scheinbare« Anspruchslosigkeit bedarf der Richtigstellung. Ihre Anspruchslosigkeit war wie Anne-Charlotte Lefflers eigene echt, aber darum nicht töricht: daß Sonja ihre Überlegenheit kannte und einsah, war selbstverständlich, und dies hat mit Anspruchslosigkeit gar nichts zu tun. Die Anspruchslosigkeit des Genies besteht teils darin, die Art und die Tragweite seiner Überlegenheit nicht zu überschätzen, teils darin, andere nicht auf Grund dieser Überlegenheit hochmütig zu übersehen und schließlich sich durch die eigene Überlegenheit nicht für berechtigt zu halten, unverhältnismäßige Ansprüche an andere zu stellen. Nichts von alledem war bei Sonja der Fall. Sie unterschätzte ihre Begabung eher als sie sie überschätzte; sie interessierte sich für die einfachsten Menschen und war auch gegen den unbedeutendsten rücksichtsvoll; sie war ebenso rührend dankbar für die kleinste Gefälligkeit oder Freundlichkeit, als sie zartfühlend darin war, eine solche von jemand anderem als von wirklichen Freunden anzunehmen. Und während Anne-Charlotte Leffler recht damit hat, daß Sonja keine bürgerlichen Tugenden erstrebte, hat sie unrecht, wenn sie glaubte, daß Sonja sie gering schätzte. Sie bedauerte im Gegenteil, daß sie die Pflichten des Alltags nicht so erfüllen konnte, wie sie es gewünscht hätte. Namentlich in dem Verhältnis, das die Biographie fast ganz übergeht, dem Verhältnis zur Tochter, hatte Sonja viel mehr von der Liebe einer Mutter, als man aus der Schilderung glauben sollte. Obgleich ihre Zeit nicht hinreichte, um sich der Entwicklung der Tochter so zu widmen, wie sie es gewünscht hätte, gab sie ihr in den Stunden, in denen sie sich mit ihr beschäftigte, mehr an Zärtlichkeit, Verständnis und Entwicklung als viele der »hingebungsvollsten« Mütter, die nie an etwas anderes denken als an ihre Kinder, ohne ihnen doch geistig einen einzigen Schritt vorwärts zu helfen.

Ein wesentlicher Grund, weshalb Sonja durch Anne-Charlotte Lefflers Biographie so widerspruchsvoll wirkt, ist, daß man in ihr nicht nur einer eigentümlichen Persönlichkeit begegnet, sondern einer eigentümlichen Nationalität, oder richtiger einer Mischung von Nationalitäten: sie ist Deutsche, Zigeunerin, Polin, aber vor allem Russin! Das Temperament der Russin – folglich auch das Sonjas – ist eine Isotherme, die bald hoch über, bald tief unter die Parallelkreise geht, die dem nordischen Frauenideal und Frauenrechtlerinnenideal gezogen sind. Vieles, was wundernimmt, ist aus dem russischen Gesichtspunkt erklärlich, allerdings für Germanen kaum verständlich. In Rußland hingegen ist die Biographie als ein geniales psychologisches Bild des russischen Temperamentes geschätzt worden, obgleich dieses Temperament in der Biographie nicht besonders charakterisiert wird.

Namentlich einen slavischen Zug hat Anne-Charlotte Leffler nur unvollkommen verstanden, wenn sie sagt, daß Sonja ein beständiges Bedürfnis nach Abwechslung und Stimulanz hatte. Dies war – im gewöhnlichen Sinne des Wortes – nicht der Fall. Sie konnte sich halbe Jahre lang bei wahnsinniger Arbeit isolieren. Aber die Arbeit war dann für sie das, was in einer anderen Periode das Weltleben oder die Freunde schaff oder die Liebe war: der Anreiz, durch den sie sich leben fühlte. Der Slave hat mehr als der Germane das Bedürfnis, sein eigenes Dasein energisch, leidenschaftlich zu empfinden, gerade, weil er weiß, daß der geistige Tod auf ihn lauert – jene Tendenz zum Nirvana, zu tatenloser Melancholie, zu willenlosem Stillstand, die ihren vollendetsten dichterischen Ausdruck im Oblomow-Typus gefunden hat. Diesem anheimzufallen ist für den Slaven – ein halber Morgenländer wie er ist – eine stete Möglichkeit. Der Slave wird maßlos – mag er sich nun auf die Wissenschaft oder die Religion, den Genuß oder die Askese, den Nihilismus oder das Weltleben, die Liebe oder die Selbstverleugnung werfen, um das Dasein intensiv zu empfinden, was unzweifelhaft die tiefste Forderung seines Wesens ist. Ist eine russische Frau dazu ein Genie wie Sonja, dann wird die Selbstverbrennung ihr unentrinnbares Schicksal.

Die ganze ursprünglich-russische Seite von Sonjas Wesen war von dem Anne-Charlotte Lefflers so verschieden als nur möglich. Diese war ebenso maßvoll, ebenso anpassungsfähig an die Verhältnisse, als Sonja in Lebensfragen intensiv war. Anne-Charlotte Leffler hatte in ihren Entschließungen die Langsamkeit des Germanen, Sonja die heftige Impulsivität des Slaven; Anne-Charlotte Leffler hatte die ihrer Rasse angeborene Bedächtigkeit und Ausdauer, Sonja des Russen plötzliche, unmotivierte Übergänge von einem Seelenzustande zu einem anderen, von äußerster Fröhlichkeit zu tiefster Melancholie, von fieberhaftester Arbeit zur gemächlichsten Ruhe, von Wärme zur Kälte. Anne-Charlotte Leffler war eine freudige Opportunistin, die aus den Verhältnissen das Beste machte; Sonja eine ungestüme Idealistin – wie ihre Rasse es ist – eine Idealistin, die unaufhörlich ihre Stirn an die Wirklichkeit stieß. Anne-Charlotte Lefflers eigenes Temperament war eines, das ohne Schwierigkeit einsah:

»Die Sterne, die begehrt man nicht.«

Sonja wollte nichts anderes haben als die Sterne. Ihr Ehrgeiz war nicht der trockene, heiße, gallische Ehrgeiz, auch nicht der verschlossene, schwere, nordische: er war dem Märchendurst – dem Durst des Morgenländers – nach dem Wunderbaren verwandt. Wenn sie ihr Ziel erreicht hatte, hatte es keinen Wert mehr für sie; sie strebte dann einem neuen nach – weniger von Ehrgeiz getrieben als von ihrer glühenden Phantasie. Neue Gedanken, Arbeitspläne, Einfälle wurden beständig in ihrer Feuerseele geboren und strömten ohne merkbaren Zusammenhang in ihrer Rede aus. Das Grenzenlose im slavischen Temperament war das vor allem für Sonja Charakteristische. Bestimmte Begrenzungen können darum nur den Eindruck ihrer Persönlichkeit verringern.

Leider nahm Anne-Charlotte Leffler gerade eine solche Begrenzung vor, als sie Sonja hauptsächlich aus weiblichem, allgemein-menschlichem Gesichtspunkt schildern wollte. Denn auch als Weib, auch in ihrer erotischen Geschichte war Sonja zugleich das Genie und die Russin – und hält man beides nicht fest, bleibt sie als Weib unerklärlich.

Sonja Kovalevska war ebenso wie Anne-Charlotte Leffler, wie so viele andere begabte moderne Frauen nicht von »womanhood to selfhood« gegangen, sondern umgekehrt. Ihre menschlich-persönlichen Entwicklungsforderungen, ihre intellektuellen Bedürfnisse waren zuerst erwacht und befriedigt worden, ehe sie noch zu fühlen anfingen, daß diese doch nicht das Zentrale ihrer Persönlichkeit waren; daß es ihnen nicht genügte, die Arbeitskameradinnen der Männer zu sein oder als ihnen geistig ebenbürtig anerkannt. Aber als diese neue Überzeugung bei Anne-Charlotte Leffler erwachte, war es, weil die Liebe sie suchte, Sonja hingegen suchte die Liebe. Das ist die Grundverschiedenheit in ihrem Schicksal, die auch daran schuld ist, daß Anne-Charlotte Leffler Sonja in diesem heiklen Punkt nicht voll verstehen konnte. Dabei interessierte Sonjas erotischer Konflikt Anne-Charlotte Leffler, für die das Leben gleichzeitig durch die Liebe einen neuen Inhalt bekommen hatte, mehr als alles andere. Sie hat darum die Unruhe, die Wetterwendischkeit, die Schwermut und den Schmerz in Sonjas späteren Lebensjahren so sehr betont, daß sie die ruhige Arbeitsfreude und den freundschaftlichen Austausch der vorangegangenen Jahre verdunkeln – wo Anne-Charlotte bei ihren geistigen Gastmählern das Brot und Sonja der Wein war. Dazu kommt, daß die beiden Freundinnen sich in den letzten Jahren sehr wenig trafen, daß Sonja lange Zeiten hindurch auch nicht an Anne-Charlotte schrieb – was diese bei ihrer Rücksicht für die Gefühle anderer nicht fassen konnte – und daß Sonja, im ganzen sehr verschlossen über ihre erotische Geschichte, es Anne-Charlotte gegenüber noch ganz besonders war. Denn einerseits hatte Sonja eine Scheu, ihren Schatten in den Sonnenschein anderer fallen zu lassen, andrerseits glaubte sie, daß »wer satt ist, den Hungrigen nicht verstehen kann«, wie ein russisches Sprichwort sagt.

Je bewegter und inhaltsreicher das Leben der beiden Freundinnen sich gestaltete, desto weniger verstanden sie so einander. Die Verschiedenheit zwischen der weichen Natur der einen, der stolzen der anderen trat unaufhörlich zutage. Anne-Charlotte Leffler konnte nicht einsehen, warum Sonja kein Kompromiß schließen, nichts von ihren Forderungen preisgeben wollte. Sie schob dies auf Sonjas anspruchsvolles Temperament, aber mit Unrecht. Sonja forderte allerdings grenzenlos, aber sie konnte auch grenzenlos geben, und nicht ihr Ehrgeiz oder ihre Unfähigkeit, ganz im Gefühl aufzugehen, zerstörte in diesem bestimmten Falle ihre Glücksmöglichkeiten. Aber weil Anne-Charlotte Leffler selbst so ganz von ihrer eigenen glücklichen erotischen Erfahrung, ihrem Gefühl von der Macht der weiblichen Hingebung erfüllt war, mußte sie Sonja in doppelter Beziehung mißverstehen: sie faßte sie zugleich leidenschaftlicher und weniger hingebungsvoll auf, als sie wirklich war.

In allem, auch in der Erotik, hat sich Sonja durch Anne-Charlotte Lefflers Schilderung mit viel schärferer Eigentümlichkeit profiliert, als dies der Fall gewesen wäre, wenn man sie gegen den Hintergrund ihres Nationalcharakters gezeichnet hätte. Sonja hatte manche der Züge, die Turgenjew seinen besten Frauentypen gibt: kühle Sinne und ein feuriges Herz, großzügigen Edelmut und opferwillige Stärke, im Verein mit unerhörten idealen Forderungen: ein Gewebe von goldenen und purpurroten Fäden, in dem bei Sonja das schwarze Gespinst der Schwermut und das bunte der Phantasie den Einschlag bildete.

Ohne das russische Seelenleben in Betracht zu ziehen, ist auch Sonjas erste Ehe ganz unfaßbar. Und diese hatte so viele verwickelte psychologische Momente, daß man den Knoten nicht durch Anne-Charlotte Lefflers kurzgefaßtes Urteil löst, daß diese Ehe kein Glück gebracht habe, weil Sonja »besitzen wollte, sich nicht besitzen lassen«. In gleicher Weise irrt sich Anne-Charlotte Leffler in der Überbetonung des Erotischen in den letzten Jahren von Sonjas Leben. Die Erotik war allerdings in den letzten Jahren der Mittelpunkt ihres Daseins, aber die Wissenschaft, die Dichtung, die Mutterschaft hatten darum nicht ihr Interesse verloren, obgleich all dies bis auf weiteres untergeordnet wurde.

Aber am allerunrichtigsten ist das Motiv, das sie für Sonjas erotischen Konflikt angibt. Denn dieser bewegte sich durchaus nicht – wie Anne-Charlotte Leffler es schildert – zwischen dem Ehrgeiz und der Liebe. Ebensowenig zwischen der verschiedenen Art des Mannes und des Weibes zu lieben, oder zwischen der verschiedenen Art dieses Weibes und dieses Mannes Liebe zu geben oder zu fordern. Die Art des Konfliktes wird am besten durch die einzige Mitteilung charakterisiert, die jetzt Geltung hat, die des Mannes, um den der Konflikt sich drehte. Seine Anschauung der Frage gebe ich im folgenden – mit seiner Zustimmung – wieder.

Für ihn war Sonja nicht das in sich selbst konzentrierte Genie. Sie hatte im Gegenteil das Schicksal vieler nichtgenialer Frauen, ein Schicksal, dessen Ursachen in jedem besonderen Fall verschieden und in den geheimnisvollen Tiefen der Natur verborgen sein mögen, aber das von außen gesehen einfach alltäglich ist.

Der betreffende Mann, ein berühmter Gelehrter und Politiker – der, ohne mit Sonjas Mann verwandt zu sein, denselben Namen trug wie er – hatte von Sympathie und Freundschaft, aber nicht von Liebe bewogen, zu wiederholten Malen Sonja gebeten, seine Gattin zu werden. Er hatte weder sie noch sich selbst über die Art seines Gefühls getäuscht, war auch nicht durch ihre Ablehnung verletzt gewesen, da er einsah, daß eine entwickelte weibliche Persönlichkeit, eine so große und reiche wie die Sonja Kovalevskas sich nicht damit begnügt, bruchstückweise zu erhalten, wenn sie ganz gibt. Auch verkannte er das Gefühl, das er nicht teilte, durchaus nicht, sondern sprach von Sonjas Hingebung als von der größten, die ihm in seinem Leben zuteilgeworden war. Ebensowenig mißdeutete er die Art der Leiden, die seine Offenherzigkeit ihr verursachte. Im Gegenteil wuchs seine tiefe Bewunderung, Achtung und Sympathie immer mehr, je mehr er die Bedeutung des Grundes erkannte, mit dem Sonja ihre Ablehnung motivierte. Überzeugt, in einer gegenseitigen Liebe Glück geben und finden zu können, hätte sie den Forderungen einer solchen alles geopfert, auch ihre Professur in Stockholm, wenn es verlangt worden wäre. Aber er verlangte dies niemals, sondern meinte im Gegenteil, daß sie diese Stellung beibehalten könnte. Sonja erkannte die Schwierigkeit dieses Falles und wollte ihres Kindes und ihre eigene Zukunft nicht in einer Ehe aufs Spiel setzen, für die sie vielleicht ihre Anstellung im Stich lassen mußte, ohne die Gewißheit, nicht eines Tages bitter zu bereuen, daß sie diese Möglichkeit der Unabhängigkeit für sich und die Tochter verloren hatte, die der Mutter so warm am Herzen lag, daß die Gefühle und die Erziehung dieser Tochter stets in der Motivierung von Sonjas Ablehnungen wiederkehrten. Aber da Sonja nach jedem neuen Zusammentreffen die Trennung immer schwerer fand, begann sie sich schließlich – die obenerwähnten Skrupeln beiseiteschiebend – in den Gedanken einer möglichen Veränderung ihres Lebens hineinzuversetzen. Und zwar stellte sie sich vor, daß sie eine Ehe eingehen, und ihr Leben zwischen ihrer halbjährigen Arbeit in Stockholm und halbjährigen Ferien mit ihrem Mann im Ausland teilen würde.

Der Tod trat dazwischen und hinderte sie, ein Kompromiß zwischen den absoluten Forderungen des Idealismus und den Lebensverhältnissen zu schließen, ein Kompromiß, das bei ihrer Natur sicherlich verhängnisvoll geworden wäre.

Der Tod gab ihr auch, was das Leben ihr nicht geben konnte: den ersten Platz in der Erinnerung und dem Dasein des Überlebenden.

Drittes Kapitel

Das Obengesagte zeigt, wie der Konflikt eigentlich beschaffen war. Als Sonja Kovalevska alles erreicht hatte, wovon sie bisher geträumt – und wovon gewöhnliche Frauen nicht einmal träumen können – da trat die große Krise in ihrem Leben ein, in der sie sich unter dem Einfluß eines großen Gefühls imstande wähnte, alles, was sie nur besaß für das hinzuwerfen, was gewöhnliche Frauen so leicht erreichen können, aber was das Schicksal einer Sonja Kovalevska versagte.

Eine Deutung dieser Krise in ihrem Leben zu versuchen oder über sie nachzugrübeln sind die Frauen niemals müde geworden.

So sieht eine Frau in ihr ein Opfer der Zeit, in dem Sinne, daß sie das Frauengenie mit dem männlichen Gehirn, aber dem tief weiblichen Naturgrund war, folglich ein neuer Frauentypus, der während seiner Entwicklung die weibliche Macht, zu gefallen, verloren hatte und darum trotz der Sehnsucht seines Frauenherzens nach Liebe diese nie erringen konnte. Eine andere Frau meint, daß Sonja allzu anspruchsvoll und eifersüchtig fordernd war, um Liebe gewinnen zu können. Und eine dritte glaubt, daß Sonja, um die Forderungen des Ehrgeizes zu befriedigen, die des Herzens zum Schweigen brachte, daß sie ihren Ruhm mit ihrem Glück erkaufte.

Das Ganze war, wie ich schon gezeigt habe, viel einfacher, aber darum nicht leichter verständlich.

Die vielen Frauen, welche glauben, daß, wenn es ihnen nur einmal gelänge, das Rätsel in Sonja Kovalevskas Leben zu verstehen, sie damit auch ähnliche Rätsel in ihrem eigenen Leben verstehen würden, sind im Irrtum.

Denn jeder neue Mensch ist eine neue Welt, wenn auch eine noch so kleine, und jede Welt gehorcht ihren eigenen Gesetzen.

Und Sonja Kovalevska war eine große Welt, mit geheimnisvollen Tiefen, in die niemand, nicht einmal sie selbst, eindrang, und mit schwindelnden Höhen, die nur wenige ersteigen konnten.

Ich war mehrere Jahre hindurch wenigstens einige Male in der Woche mit Sonja Kovalevska zusammen. Aber die wirkliche Sonja Kovalevska habe ich doch nur einmal gesehen.

Das war an einem Abend in der Stockholmer Oper, als Beethovens Neunte Symphonie aufgeführt wurde. Sonja Kovalevska war – ganz ausnahmsweise – in der Wahl ihrer Toilette glücklich gewesen, sie trug ein schwarzes Kleid aus Seide und Spitzen, das, ohne die kleine dünne Gestalt zu drücken, ihr einen einheitlichen Stil gab. Neben ihr saß ihr russischer Landsmann, ein genialer, sonnig lächelnder Riese mit strahlenden Augen. Rings um sie strömte die alle Himmel aufschließende Musik, die Glückseligkeit in Tönen – –

Ein lichter Friede, eine edle Ruhe, eine sanfte Innigkeit verklärte Sonja Kovalevskas sonst so nervöses Antlitz, verfeinerte die unregelmäßigen Züge, hauchte über die unreine Haut eine gleichmäßige warme Blässe. Sie war verklärt, beinahe schön.

Denn sie liebte. Und die Musik wiegte sie in selige Träume. Ihr beredtes Antlitz sagte all dies.

Ich sah dann diesen Ausdruck in ihrem Gesicht nie mehr wieder – erst im Tode.

Die Musik verstummte, und sie wandte sich ihrem Nachbar mit einem Blick zu – – –. Wenn ein Weib mit einem Blicke einem Manne sagt:

»Du bist mein Gott, mein Herr, mein Leben …« dann ist sie entweder die stolzeste Königin des Lebens oder seine elendeste Bettlerin.

Sonja Kovalevska hatte die Jugend schon hinter sich, als ihr Herz aus seinem ruhigen Schlummer erwachte und gestillt sein wollte; als ihre halb erstickte Frauennatur angstvoll nach voller Entwicklung und Befriedigung rief, darnach, einmal mit allen Pulsen zu leben, einmal die sprengende Fülle, die Erweiterung des ganzen Wesens, das Himmel und Erde umarmende Unendlichkeitsgefühl zu empfinden, das Glück ist.

Für den geistigen Pöbel sind die erotischen Forderungen einer nicht mehr jungen Frau das vor allem anderen Komische.

Für den geistigen Adelsmenschen sind sie das vor allem anderen Tragische.

Es gibt einige wenige Werke in der Weltliteratur, in denen diese Tragik Ausdruck gefunden hat. Und einige Blätter gibt es, in denen Sonja Kovalevskas scheues bebendes Gefühl so offenbart ist, wie große Dichter divinatorisch das Leben von ihnen selbst unbekannten Menschen offenbaren. Diese Blätter kommen in Brownings »In a balcony« vor. Der Dichter läßt da eine regierende Königin sprechen, eine Königin, der immer nur gehuldigt wurde, die niemals geliebt worden ist; die ihr immer lauter; schluchzendes Herz damit beschwichtigt hat, daß es jetzt zu spät sei: die Liebe sei für Jungfrauen, und sie ist nicht mehr jung; sie ist überdies Königin und darf nicht an Liebe denken … Aber dann glaubt sie sich plötzlich geliebt, und das Lächeln der Liebe hat ihre Welt umgestaltet! Sie sagt sich, daß sie freilich schon viele Jahre für das Glück verloren hat – aber viele sind ja noch übrig? … Sie weiß, daß ihr Haar zu ergrauen begonnen hat, daß ihre Wange bleich ist – aber kann die Liebe nicht eine neue Jugend schenken? … Es ist wahr, sie ist nicht schön – aber Frauen können ja die Seele eines Mannes lieben … Sollte ein Mann nicht die Seele einer Frau lieben können?

Und sie hofft: sie jubelt, jetzt endlich Weib, ein gewöhnliches Weib zu sein. Denn für das Weib gibt es kein anderes Leben als die Liebe. Alles, was ihr dem Leben zu gleichen scheint, sind nur Schatten, von ihrer Liebe geworfen.

Mit Worten, die Flammen sind, schildert die Dichtung diese Sehnsucht, die tief in der Seele jeder echten Frau lebt, die Sehnsucht, ehe sie stirbt, die Stimme der großen Liebe gehört zu haben, wenn sie auch sterben muß, um sie zu hören …

Sonja hörte wie die arme Königin die Liebe in ihrem Herzen flüstern. Aber für beide war es nur im Traum, und beide erwachten zu der Gewißheit: nur als Zuschauer vor dem Fest des Lebens zu stehen.

Sonja konnte nicht resignieren. Sie mußte, sie wollte ihren Platz drinnen am Tisch des Lebens haben. Und sie blieb anstatt dessen die Bettlerin, es wurde ihr – ein Almosen geboten. Warum fällt es einem so schwer, dieses alltägliche Frauenlos zu fassen? Ist es, weil es eine Sonja Kovalevska traf?

Aber man wird ja nicht deshalb geliebt, weil man Königin über ein Reich der Erde oder des Geistes ist; nicht, weil man königlich mit Geld und Gut oder mit Genie und Herz verschwendet. Warum man geliebt oder nicht geliebt wird, das beruht auf mystischen Gesetzen, die noch niemand entdeckt hat. Nur eines ist gewiß, je entwickelter eine Frau ist, desto schwerer findet sie den Mann, den sie mit ihrem ganzen Wesen lieben kann, den Mann, der für jede feinste Fiber ihres Wesens das Glück bedeutet. Und es gibt vielleicht eine Möglichkeit unter Millionen, daß dann auch gerade dieser Mann sie in der gleichen Weise liebt.

Und gehört sie dazu wie Sonja Kovalevska zu den Frauen, an deren Wiege die Grazien nicht ihre Gaben niederlegten, dann wird das Schicksal einer solchen Frau tragisch.

Manche meinten, sie hätte sich mit dem Almosen begnügen sollen.

Aber eine ganze und stolze Frau kann viel für den Mann tun, den sie liebt. Nur eines kann und soll sie nicht: seine Frau werden, wenn er ihr offen sagt, daß er für sie nicht die Gefühle der Liebe hat. Und da sie nicht den Hunger der Sinne, sondern den Durst der Seele stillen wollte, war nichts natürlicher, als daß Sonja die Bewerbung, die keine Liebe beseelte, ablehnte.

Dieselbe Schriftstellerin meint, Sonja Kovalevskas eifersüchtige Ansprüche hätten es verhindert, daß die Liebe eines Mannes erwachte.

Im Zusammenhang damit steht der von einigen Seiten gehörte Kommentar zu Ibsen, daß dieser Sonja Kovalevska in Rita Almers (Klein Eyolf) geschildert haben sollte.

Dieser Kommentar ist ebenso unhaltbar wie die meisten Ibsenkommentare. Die Eifersucht ist der einzige Gleichheitspunkt zwischen diesen beiden sonst unendlich verschiedenen Frauentypen. Und sie ist bei beiden ein gleich natürliches Resultat der Verhältnisse. Denn jede Frau, die die erotische Genialität hat, die folglich selbst mit ihrem ganzen Wesen lieben kann, fühlt – mit einem in diesem Falle ganz unfehlbaren Instinkt – ob sie in gleicher Weise geliebt wird. Wird sie das nicht, dann können alle und alles der Gegenstand ihrer Eifersucht werden, weil alles und alle von dem Geliebten nicht zugleich mit ihr, sondern anstatt ihrer geliebt werden, weil alles und alle den Raum in der Seele des Geliebten ausfüllen können, aus dem sie sich selbst verbannt fühlt. Eine solche Frau weiß, daß sie von den Gnaden aller anderen Frauen lebt, denn diejenige von ihnen, die den Mann erobern will, hat auch immer die Möglichkeit des Erfolgs. Nur wenn eine liebende Frau bis in die tiefsten Tiefen ihres Wesens von dem Bewußtsein der Gegenseitigkeit der Liebe durchsonnt ist, kann und muß dieses Bewußtsein alle Eifersucht ausschließen, so wie das Mittagslicht die Schatten ausschließt.

Die Einheitsleidenschaft, der Unendlichkeitssinn, mit einem Wort: der morgenländische Wesensgrund bestimmte Sonja Kovalevskas Schicksal. Ihr Geist hatte in den kühnsten Ahnungen der Wissenschaft, im Weltenraum und im Sonnensystem, im Denken und im religiösen Gefühl, in der Dichtung, in der Arbeit, und im Weltleben, in der Vaterlandsliebe und in der Freundschaft unaufhörlich das Grenzenlose gesucht, es aber niemals gefunden. Am allerwenigsten fand sie es im Ruhm, den sie in den Jugendjahren so glühend ersehnte, aber jetzt als eiskalten Begleiter auf allen ihren Wegen fand. Für sie wie für eine andere geistvolle Frau wurde der Ruhm schließlich nur »un peu de bruit autour de son coeur«; für sie wie für die einfachste Frau wurde schließlich das Leben des Herzens DAS Leben.

Denn nachdem sie so ohne Rast und Ruh durch alle anderen Räume gepilgert war, kam sie schließlich an die Grenzen von Eros‘ Reich.

Doch da erst begegnete ihrer Unendlichkeitssehnsucht eine hohe Mauer, über die selbst ihre starken Flügel sie nicht tragen konnten, eine Mauer, die sie mit den von Angst und Sehnsucht geweiteten Augen der gejagten Hindin anstarrt; an die sie mit zarten, schwachen Kinderhändchen pocht, an der sie ihre Denkerstirn blutig stößt. Doch die Mauer weicht nicht – das Schicksal gibt nicht nach …

Und da stand sie noch, als der große Allerbarmer ihre Unendlichkeitssehnsucht zur Ruhe wiegte.

Auf Sonja Kovalevskas Arbeitstisch stand in den letzten Jahren immer ein kleines Sträußchen Edelweiß, das sie in einem Sommer in der Schweiz bekommen hatte, als sie den Mann, den sie liebte, aus einer schweren Krankheit dem Leben rettete und mit dem ganzen Reichtum, der ganzen Liebenswürdigkeit ihres Genies seine lange Krankheitszeit erhellte. Das kleine blasse, trockene Sträußchen war für Sonja selbst die Erinnerung an einen reichen Augenblick, einen Hoffnungsstrahl.

Mir erschien es immer wie ein qualvolles Symbol der Armut und Farblosigkeit von Sonjas erotischer Lebensgeschichte. Und jedesmal, wenn ich das verstaubte, kleine Sträußchen sah, erklangen in mir J. P. Jacobsens Worte:

»Es hätten Rosen sein sollen.«

Viertes Kapitel

Im Vorangegangenen habe ich oft das Slavische in Sonja Kovalevskas Temperament betont. Will man eine Bestätigung suchen, so muß man ihre zwei nachgelassenen Bücher, »Die Schwestern Rajewski« und »Eine Nihilistin« aufschlagen, und sie im Zusammenhang mit den Frauentypen sehen, die die drei größten Dichter ihres Landes geschildert haben.

Turgenjew bewahrte das ganze Leben hindurch die Empfänglichkeit des Dichters und des Jünglings, für jede Offenbarung echter Weiblichkeit, die für ihn das Wunderbare war, das nicht gefaßt, nur angebetet werden konnte.

Es gibt fast keine Art weiblicher Eigentümlichkeit oder weiblichen Einflusses, von dem Anspruchlosesten bis zu dem Beherrschendsten, den Turgenjew nicht mit einigen Zügen in seiner Dichtung unsterblich gemacht hätte; aber diese wechselvolle Mannigfaltigkeit von Frauengestalten wird in seiner Darstellung durch ein Einheitsband zusammengehalten. Die Frau, mag sie nun gut oder böse sein, ist für ihn mehr ein Teil der Natur, mit ihrer geheimnisvollen und grenzenlosen Macht ausgerüstet, während der Mann mehr als ein Teil der Gesellschaft, ein gelungenes oder mißlungenes Produkt der Kultur vor ihm steht. Turgenjews Stil, wenn er eine schöne Frau schildert, und wenn er eine Landschaft beschreibt, zeigt dieselbe unmittelbare Empfänglichkeit und dasselbe sich stets erneuende Glück durch diese beiden in seiner Empfindung gleichartigen Offenbarungen. Nie tritt in einer seiner Erzählungen eine Frau auf, ohne daß die Stimmung sich in gewissem Maße ändert, so wie die Luft in einem Zimmer, wenn man das Fenster geöffnet hat und die süßen oder berauschenden oder würzigen Düfte aus Wiesen und Feldern in den Raum eindringen. Selbst die Frauen, die Turgenjew mit jener verhängnisvollen dämonischen Zauberkraft schildert, die sie zum Verhängnis der Männer macht, haben in diesem Naturverwandten ihren eigentlichen Reiz. Turgenjew weiß, daß das, was sie verderbenbringend macht, darin besteht, daß ihr Wesen in den Männern die Illusion unverdorbener Natur, ungezähmter Kraft, mutiger Lebenslust hervorruft. Ob nun eine solche Frau mit der sorglosen Grausamkeit eines jungen Raubtieres das Spiel spielt, das für andere den Tod bedeutet, wie in »Frühlingsfluten«, oder ob sie jenem Weltleben, das sie zu verachten glaubt, aber von dem sie doch nicht die Kraft hat, sich loszureißen, durch die Leidenschaft einen Inhalt zu geben sucht wie in »Rauch«; oder ob sie selbst ganz kühl und unberührt durch ruhigen, liebenswürdigen Reiz, maßvolles, wohlberechnetes Interesse alle Männer beherrscht, aber sich selbst, ihre Ruhe und ihre Freiheit viel zu sehr liebt, um sich irgend jemandem hinzugeben wie in »Väter und Söhne« – nie läßt Turgenjew diese Frauen durch das Schwache, Häßliche oder Niedrige einen Einfluß üben, sondern durch das Starke oder Schöne oder Ruhevolle ihrer Erscheinung, das der Gesundheit, den Natureindrücken Verwandte. Diese Art verführerischer Frauen kommen in Turgenjews Dichtungen oft vor. Aber er hat nicht eine einzige Dichtung zur Verherrlichung einer solchen, im tiefsten Innern unweiblichen Frau geschrieben. Die Frau, die er liebt, die gleich den Sternen seine Andacht erweckt, gleich dem Frühling seine Begeisterung, die für ihn die Inkarnation aller Gesundheit, aller Stärke, aller Holdseligkeit, alles Glückes des Daseins ist, sie ist der absolute Gegensatz der eben geschilderten Frauentypen, deren charakteristischer Zug darin besteht, daß sie sich selbst genug sind und dadurch eine gefährliche Ruhe besitzen; die einen scheinbaren Reichtum zu geben haben, aber dabei nur für sich selbst da sind, ohne Fähigkeit der wirklichen Hingebung an etwas, was es auch sein mag; stets von der Sehnsucht gequält, zu leben, aber stets vor den Wirklichkeiten des Lebens zurückscheuend, weil diese immer in irgend einer Form ein Opfer des Selbsts verlangen. Der andere Typus hingegen, dem man bei Turgenjew so oft begegnet, daß man sich unwillkürlich fragt, ob Rußland wirklich ein so glückliches Land ist, viele solcher Frauen zu besitzen oder ob Turgenjew nur einer begegnet ist und dann jeder echt weiblichen Gestalt ihre Züge lieh – hat etwas von der Frau des Mittelalters an sich; zuweilen etwas von der heiligen Elisabeth, zuweilen von Heloise, zuweilen etwas von beiden vereint. Sie sind nicht immer geistreich oder talentvoll, nicht einmal immer schön, diese Frauen, und doch hat der Dichter es verstanden, sie so zu schildern, daß ihre Gestalten sich klar und unauslöschlich von dem Goldgrund der hingebungsvollen Sympathie des Dichters abheben. Diese untereinander verschiedenen Frauen – man erinnere sich z. B. an Marianne in »Die neue Generation«, an Helene in der Dichtung des gleichen Namens, an Vera im »Faust«, Elisabeth in »Ein adeliges Nest«, Tatjana in »Rauch«, Gemma in »Frühlingsfluten« – haben alle ein gemeinsames Merkmal, das sich durch Tatjanas kurze Zusammenfassung der Grundsätze, in denen sie erzogen worden, ausdrücken läßt: »Wahrheit und Freiheit«. Es gibt keinen Trug bei diesen Wesen, sie sind durchsichtig ehrlich, einheitlich, voll Feuer, und voll Unschuld; im besten Sinne des Wortes einfältig, ohne einen Blick zurückzuwerfen, wenn sie ihre Hand auf den Pflug gelegt; sie können zermalmt aber nicht zersplittert werden, getötet, aber nie im Innersten ihres Wesens vernichtet.

Diese Frauen zeigen die vollkommene Hingebung ihres Wesens, ihre Befreitheit von aller Weltlichkeit – der Koketterie wie der Prüderie – oft darin, daß sie es sind, die ihre Liebe zuerst gestehen, die sich in jener stolzen und keuschen Weise geben, wie nur das Weib sich gibt, das weiß, daß es fürs Leben ist.

Diese Art Frauentypus bewunderte auch Sonja Kovalevska vor allem, und von ihm hat sie in »Eine Nihilistin« ein Bild gegeben, das dem Leben entnommen ist und an die Seite von Turgenjews schönsten Frauengestalten gestellt werden kann. Und Vera Vorontzoff findet auch später dasselbe Schicksal wie mehrere Heldinnen Turgenjews: von dem Manne enttäuscht zu werden, dem sie ihr Leben gegeben. »Denn in Rußland«, sagt Turgenjew, »gibt es keine Männer, die solcher Frauen wert sind.« Diese Frauen bewahren ihrer innersten Persönlichkeit eine solche Treue, daß sie mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes wirken, daß man sich ebensowenig denken kann, daß sie einen Verrat an ihrem Pathos begehen könnten – mag dieses nun die Liebe oder die Pflicht oder die Revolution oder eine andere große Idee sein – als man sich denken kann, daß sie leben könnten, ohne zu atmen.

Ich habe bei anderen Westeuropäern denselben Eindruck gefunden, wie den, den ich selbst empfangen: daß eine wirklich bedeutende Russin überhaupt der bedeutendste Frauentypus ist, den unsere Zeit besitzt. Ich rechne dann »unsere Zeit« schon von der Aufklärungsepoche an, die mit der Freundin Katharinas II., der Fürstin Dashkoff, eine Frau von jener Art hervorgebracht hat, an die ich denke und deren Memoiren ein unschätzbarer Beitrag zum Studium des Seelenlebens der russischen Frau sind. Man findet bei ihr schon jene wunderbare Mischung von starker, sprudelnder, naiver Naturkraft und einer verfeinerten Kultur mit tiefgehenden Interessen; grenzenlos opferwilliger Hingebung und fest abgegrenzter, selbständiger Persönlichkeit; schrankenloser Weite in allen Gesichtspunkten und gesammelter Willensstärke für ihre Ziele. Ich könnte noch andere russische Frauen anführen, die mit ihrer Zärtlichkeit und ihrer Tüchtigkeit als Hausfrauen und Familienmütter leidenschaftliches soziales Interesse verbinden, und mit einer sehr starken sinnlichen Zauberkraft eine Seelenvollheit von großer Tiefe, eine Geistigkeit mit gewaltigen Flügelschlägen.

Sonja Kovalevska hatte – wie ich schon dargelegt habe – ein großes Stück dieser Natur. Aber dennoch gleicht keine von Turgenjews Frauen, sondern eine von Tolstois ihr am meisten, namentlich so wie sie sich selbst in den Schwestern Rajewski schildert.

Tolstoi sieht die Frau als der realistische Beobachter, nicht als der idealisierende Dichter. Seine Frauen sind oft weniger individuell, immer weniger vollkommen als die Turgenjews. Die persönlichste und interessanteste ist eben Natascha (in »Krieg und Frieden«), und in ihr ist etwas vom Geniekind, das an die junge Sonja erinnert.

Aber in ihrer mannigfaltig zusammengesetzten Natur tritt noch mehr etwas Dostojewskys Frauen Wesensverwandtes hervor.

Dostojewsky war der von Sonja selbst am meisten bewunderte der drei großen Dichter, und das Größte in ihrer Natur vibrierte mit diesem Dichter der Gekränkten und Gedemütigten, der Verunglückten, der durch Armut und Ungerechtigkeit Leidenden und durch das Leiden in Versuchung Geführten.

Die durch Jahrhunderte geübte Fähigkeit der russischen Natur, sich zu demütigen, zu leiden, zu resignieren, aber zugleich auch die damit zusammenhängende Gefahr zu verkommen, versklavt zu werden, Stolz und Vorsätze und Pflichten preiszugeben, hat sowohl bei Turgenjew wie bei Tolstoi viele ergreifende Ausdrucksformen gefunden, aber keine so tiefergreifenden wie bei Dostojewsky. Für ihn ist die Frau überhaupt die Leidende, die unter den Gesellschaftsverhältnissen, namentlich der Armut Leidende, die aber doch im Leiden die Fähigkeit bewahrt hat, zu trösten, das Dasein zu versüßen, sich hinzugeben.

Und wenn Dostojewsky eine Frau grausam werden läßt, wie z. B. die junge Näherin in »Arme Leute« oder Natalia in »Beleidigte und Erniedrigte« – dann weiß sie es nicht; sie hat selbst so viel gelitten, daß sie gefühllos geworden ist; aber man merkt, daß der Verfasser sie nicht verkennt; sie hätte für den Mann, der sie liebt, das Glück werden können, wenn die Verhältnisse nicht gegen sie beide gewesen wären. Die Frauen in Dostojewskys Büchern sind nicht, wie so oft bei Turgenjew, Trägerinnen der Gesundheit, der Ruhe und Schönheit des Lebens. Sie sind die Unglücksgenossinnen des Mannes und zeigen Spuren der harten Hand des Lebens. Aber auch Dostojewsky glaubt an die innerste Unzerstörbarkeit des Weibes, an ihr engeres Bündnis mit den Kräften der Wiederaufrichtung, und er zeigt, daß kein Dasein ganz unerträglich ist, wenn eine selbstlose, hingebende Frau es teilt.

Nicht nur weil Sonja in Dostojewsky den tiefsten Psychologen bewunderte, sondern auch weil sie – während ihres wechselnden Lebens und in ihrem eigenen Schicksal – oft Gelegenheit hatte, die Richtigkeit der Psychologie des Leidens, des Verbrechens und der Wiederaufrichtung, in der Dostojewsky einzig ist, zu erkennen, stellte Sonja ihn am höchsten.

Durch einen anderen russischen Frauentypus – keinen erdichteten, sondern einen wirklichen – kann Sonja Kovalevska zum Teil beleuchtet werden: durch Maria Bashkirtseff. Diese starb im Herbst 1884, und ihr Tagebuch erschien gerade in Sonjas erstem Jahr in Stockholm. Ich erinnere mich noch, wie Sonja betonte, daß Maria Bashkirtseffs Originalität überschätzt werde, weil Westeuropa nicht begreife, wie sehr diese Originalität mit ihrer Rasse zusammenhänge. Das ist zweifellos richtig. Aber ebenso gewiß ist es, daß sowohl die eine wie die andere der beiden Russinnen, die gleichzeitig Europas Interesse so stark beschäftigten, nicht nur die Eigenart der russischen Frau, sondern die des weiblichen Genies hatten. Dies zeigt sich in der Leidenschaft, womit Beider Seele sich auf einen Brennstoff nach dem anderen stürzte, ihn verzehrte und einen neuen suchte; in dem Mut, sich beständig neue Ziele zu setzen, und in der Kraft, sie unbeugsam zu verfolgen; in der Unersättlichkeit ihres Lebenshungers, in der Grenzenlosigkeit ihrer Sehnsucht!

Laura Marholm, die mit ihrer genialen Einseitigkeit sowohl in Anne-Charlotte Leffler wie in Maria Bashkirtseff, in Sonja Kovalevska wie in Ernst Ahlgren nur das Geschlechtswesen sah, hat dadurch keine von ihnen ganz verstanden. Wie bedeutungsvoll Laura Marholms Reaktion gegen den einseitigen Intellektualismus der Frauenrechtlerinnen auch war, ihre eigene erotische Einseitigkeit wurde ebenso irreführend. Denn allerdings erlangte die Erotik im letzten Teile von Sonja Kovalevskas, Anne-Charlotte Lefflers, Ernst Ahlgrens Leben entscheidende Bedeutung – und hätte sie vermutlich auch im Leben Maria Bashkirtseffs erlangt. Aber bei keiner von ihnen hätte die Liebe je den Schaffensdrang, die Wahrheitsleidenschaft, den Wissensdurst, die Verstandesschärfe – oder mit anderen Worten gerade jene Eigenschaften, die man männlich zu nennen pflegt – verdrängen können! Anne-Charlotte Lefflers Glück war es, daß sie von einem Manne ganz als Weib geliebt wurde, der zugleich auch diese ihre intellektuellen Wesenszüge liebte. Sonjas Unglück war, daß sie einen Mann liebte, der an ihr nur diese intellektuellen Vorzüge schätzte; Ernst Ahlgrens Tragik war, daß sie einen Mann liebte, der weder das Weib liebte, noch ihre intellektuellen Vorzüge schätzte.

So wenig Laura Marholm Maria Bashkirtseffs Tragödie richtig damit charakterisiert hat, daß sie die typische Tragödie des jungen Mädchens gewesen sei, ebensowenig hat sie die Sonja Kovalevskas richtig damit charakterisiert, daß sie wie das Weibchen klagend durch die Wälder irrte, nach dem Gatten rufend. Sonja konnte diesen, wenn sie nur selbst wollte, finden – wenn dies ihre Forderung gewesen wäre!

Ich habe gezeigt, daß dies nicht der Fall war. Und – wie ich hier Anne-Charlotte Lefflers Irrtum berichtige, daß Sonjas erotischer Konflikt der Konflikt zwischen dem Genie und der Liebe gewesen sei – will ich auch Laura Marholms Darstellung berichtigen.

Mit ihrem ganz außerordentlichen psychologischen Klarblick äußerte Sonja mitten während ihres erotischen Konfliktes, sie wisse wohl, daß die Intensität ihres Gefühles im Verhältnis zu der Schwierigkeit des Sieges stehe, den sie erringen wolle, und daß sie sich, wenn dieser einmal gewonnen war, vielleicht enttäuscht fühlen würde: auf keinen Fall hätte sie sich je auf die Länge durch die Liebe allein glücklich gefühlt. Sie mußte die Wissenschaft, die Schriftstellerei, die Gesellschaftsinteressen haben – mit einem Worte alles. Sie konnte freilich sagen – und im Augenblick auch meinen – daß sie gerne all ihr Genie für die Schönheit oder das Glück dieser oder jener Freundin hingäbe. Aber das bedeutet nicht, daß sie in Wirklichkeit ihr Genie hingegeben hätte: das bedeutet nur, daß sie – alles haben wollte!

In dieser Beziehung ist sie eine echte Slavin und eine echte Schwester Marie Bashkirtseffs. Keine Worte können auch Sonja Kovalevsky besser charakterisieren als die, mit denen Marie Bashkirtseff dem Tiefsten ihres Wesens den höchsten Ausdruck gab:

»Es will mir scheinen, als ob niemand alles ebensosehr lieben würde wie ich: Kunst, Musik, Malerei, Bücher, Verkehr, Kleider, Luxus, Lärm, Ruhe, Lachen, Schmerz, Melancholie, Scherz, Liebe, Kälte, Sonne; alle Jahreszeiten, alle Atmosphären, Rußlands stumme Ebenen und die Berge um Neapel; den Winterschnee, den Herbstregen, den Frühling und seine Tollheiten, die ruhigen Tage des Sommers und die schönen Nächte mit den leuchtenden Sternen … alles bete ich an und bewundere ich. Alles sind für mich interessante oder sublime Offenbarungen; ich wollte alles sehen, alles besitzen, alles umarmen, mit allem verschmelzen, und in zwei oder in dreißig Jahren sterben, wenn es notwendig ist; mit Jubel sterben, um dieses letzte Unbekannte zu erproben, dieses Ende von allem und diesen Anbeginn des Göttlichen.«

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