Sergej Alexandrowitsch Jessenin – ein Genie in Gefangenschaft

Sergej Alexandrowitsch Jessenin – ein Genie in Gefangenschaft

Sergej Alexandrowitsch Jessenin, 1895 geboren, war der Sohn einer Bauernfamilie und wuchs auf dem Land bei seinen Großeltern auf. Schon als Kind fing er an Gedichte zu schreiben, in denen sich das dörfliche Leben wiederspiegelte. Mit siebzehn Jahren absolvierte er eine Lehrerschule und erwarb den Titel „Schullehrer der Grammatik.“

Esenin_Moscow_1922Daraufhin zog Jessenin nach Moskau, half dort in einer Metzgerei aus, die sein Vater leitete. Nach einem Konflikt mit seinem Vater, verließ er die Metzgerei, er fing zuerst an, in einem Buchverlag zu arbeiten und anschließend in der Typographie. In dieser Zeit knüpfte er Kontakte zu revolutionsgesinnten Arbeitern und geriet dadurch ins Visier der Polizei. Gleichzeitig fing er an, Geschichte an einer philosophischen Fakultät einer Moskauer Universität zu studieren. Dort fand er in einer literarisch-musikalischen AG gleichgesinnte junge Leute, die ebenfalls wie er, schrieben. Zwei Jahre später wurde sein erstes Gedicht „Die Birke“ in einer Moskauer Kinderzeitschrift veröffentlicht. Im Jahr 1916 sollte Jessenin in die Armee, doch Dank der Bemühungen seiner Freunde, wurde er zum Sanitär der Soldaten im Dienst der Kaiserin Alexandra Fjodorovna berufen. Dadurch bekam er die Möglichkeit, literarische Salons zu besuchen und auf Konzerten aufzutreten. Seine Auftritte brachten ihm einen derartigen Erfolg, dass sogar die große Fürstin Elisabeth (die damalige Stadthalterin von Moskau) ihn an ihren Hof eingeladen hat.

1916 wird der erste Gedichtband Jessenins veröffentlicht, dem die Literaturkritiker mit Begeisterung begegnen. Er lernte nun weitere bekannte Dichter wie Marienhof kennen, der später einen „Roman ohne Lügen“ über Jessenins Leben verfasste, den er jedoch nicht zu Ende schrieb. Zusammen bildeten sie eine literarische Gruppe der Imaginisten. Der Imaginismus ist eine Richtung der russischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts und basiert auf den Dichtungen des frühen Futurismus sowie der Behauptung, dass das Ziel der Dichtung darin bestünde, wertvolle und originelle Gebilde in seinem Inneren zu schaffen.

Er heiratete im Jahr 1922 eine amerikanische Tänzerin, Isadora Duncan. Auf gemeinsamen Reisen durch Europa und Amerika begleiteten das Ehepaar viele Skandale um Isadora, die zu Missverständnissen in ihrer Beziehung führten. Hinzu kamen auch noch ihre Sprachbarrieren, denn Jessenin beherrschte keine Fremdsprache und seine Ehefrau konnte nur wenige Begriffe auf Russisch. 1923 haben sie sich getrennt.

Seine Gedichte widmete Jessenin weiterhin seiner Heimat, doch diese wurden etwas düster. Er sprach von der Spaltung Russlands, die sich in ein sowjetisches und ein aussterbendes Russland teilte. Die herbstliche Landschaft wurde zum Hauptmotiv seiner Gedichte als die Jahreszeit der Melancholie und des Abschieds.

Für sein bitteres Ende sorgte sein Poem „Das Land der Schurken“, indem er die sowjetische Macht kritisierte. Daraufhin wurde Jessenin zum Zielobjekt der journalistischen Hetze, die ihm eine angebliche Alkoholsucht und Prügeleien zuschrieb.

1975_CPA_4505Briefmarke UdSSR
Russische Gedenkbriefmarke von 1975

Die letzten zwei Jahre seines Lebens verbrachte Jessenin nur auf der Flucht, um sich vor der Staatsgewalt zu verstecken. Er fuhr mehrere Male in den Kaukasus, nach Leningrad und andere Städte, dabei versuchte er wieder seine eigene Familie zu gründen und heiratete im Jahr 1925 Sofia, die Enkelin von Leo Tolstoi, doch auch für diese Ehe war kein Glück bestimmt.

Aus Angst vor der Drohung, in Haft zu kommen, landete Jessenin in einer psychisch-neurologischen Klinik. Seine Ehefrau konnte den Professor an der privaten Uniklinik von Moskau dazu überreden, für Jessenin ein eigenes Zimmer in der Klinik bereitzustellen, damit er sich doch ungestört seinen Werken widmen und seine Behandlung erhalten konnte. Von seinem klinischen Aufenthalt wussten nur wenige Personen. Doch leider hielt sein Versteck nicht lange an und die Polizei bat den Professor darum, ihnen Jessenin zu überlassen. Dieser weigerte sich, den Dichter ihnen auszuliefern, was zur Folge hatte, dass auch die Klinik unter polizeilicher Beobachtung stand. Jessenin brach letztendlich seine Behandlung ab und fuhr nach Leningrad.

Am 28 Dezember 1925 wurde Jessenin in einem Hotelzimmer tot aufgefunden. Die offizielle Erklärung seines Todes lautete Suizid, doch es gibt genügend Annahmen, dass er keinen Selbstmord beging, sondern umgebracht wurde. Das letzte Gedicht von ihm „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, das mit Blut geschrieben wurde, wurde in seinem Hotelzimmer entdeckt.

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Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen

Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen!
Mein Lieber, du bist in meinem Herzen.
Eine unvermeidbare Trennung verspricht ein baldiges Wiedersehen.

Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen.
Mir macht es Angst, unter Menschen zu leben,
denn jeden meiner Schritte erwarten Qualen.
In diesem Leben gibt es nirgends Glück.

Auf Wiedersehen, die Kerzen brennen nieder.
Ich fürchte mich davor, in die Finsternis zu gehen.
Ich wartete das ganze Leben,
doch die eine Begegnung gab es nicht
und ich hatte niemanden zum Aufwachen in der Früh.

Auf Wiedersehen, mein Freund, mein Freund ohne Wort und Tat,
sei nicht traurig und auch nicht betrübt.
In diesem Leben ist zu sterben nicht neu
und zu leben, ist natürlich auch nicht neuer.

 

Das Gedicht ist übersetzt von Maria Aronov © 2015

1 Kommentar zu “Sergej Alexandrowitsch Jessenin – ein Genie in Gefangenschaft

  1. Jan Grinbaum

    Grandios und hinreißend!
    Dieser Artikel gibt eine kurze und zur gleiche Zeit eine vollständige Beschreibung dieses kurze, aber bunte Leben. Die Briefmarke unauffällig betont, dass Jessenin einen Volks Dichter ist. Ausgezeichnet übersetztes Gedicht „Auf Wiedersehen mein Freund…“ sehr erfolgreich ergänzt die Erzählung. Grossen Dank dafür!

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