Von sensitivem Beziehungswahn & Selbstbefriedigung

Wahnvorstellungen auf Grund sexueller Konflikte bei „sensitiven Psychopathen“ — das sind besonders gefühlszarte, schüchterne und leicht verletzbare Kranke, die ihre Trieb- und  Gewissenskonflikte in sich selbst austragen.

Eine der häufigsten Formen ist der, Masturbanten-Wahn“: Menschen, die sich wegen häufiger Selbstbefriedigung Gewissensbisse machen oder sich schämen, bilden sich ein, dass man ihnen ihr Laster von der Stirn ablesen kann“. Deshalb beziehen sie Blicke und Äußerungen ihrer Umgebung auf sich und meinen, dass alle Welt sie wegen ihrer Schwäche kritisiert, verachtet, verhöhnt. Der Ausbruch des Wahns wird meist durch ein äußeres Erlebnis ausgelöst, bei dem sie sich auf besondere Weise bloßgestellt fühlen. So machte der unter Onanieskrupeln leidende Lokomotivführer Wilhelm eines Tages seiner Schwägerin einen „unsittlichen Antrag“. Er hatte zufällige Berührungen von ihr als absichtliche Herausforderung zu einem Verhältnis missverstanden. Obwohl die Schwägerin versprach, ihrem Mann nichts zu sagen, schloss Wilhelm aus einer völlig anders gemeinten Äußerung seines Bruders, dass dieser im Bilde sei. Von da an fühlte der Lokführer sich ständig belauscht. Eines Tages bildete er sich ein, dass sein Heizer immer wieder halblaut das Wort „Wichser“ vor sich hinmurmelte. B. stürzte sich auf den Kollegen und schrie: „Ich werde dir zeigen, was ich bin!“

Ein typischer Anlass für sensitiven Beziehungswahn ist die verspätete Erotik älterer Mädchen. Nach einem angeregten Abend in ihrem Ferienort bat die 40-jährige Musiklehrerin Emilie R.  einen anderen Feriengast, sie nach Hause zu begleiten. Als der Herr sich vor ihrer Haustür verabschieden wollte, hielt sie seine Hand fest und bat ihn, sie durch den dunklen Hausflur zu führen, weil sie sich fürchte.
Es geschah sonst nichts; aber von diesem Augenblick an litt Emilie R. unter der Wahnvorstellung, ihr Begleiter hätte allen Leuten erzählt, wie leicht sie zu haben sei. Sie getraute sich nicht mehr auf die Straße, weil sie sich einbildete, alle Menschen zeigten mit dem Finger auf sie oder riefen ihr Schimpfworte nach wie „schlechtes Frauenzimmer“ und „bigotte Person“.

Illustration Lou Anna
Illustration Lou Anna

Sensitiver Beziehungswahn kommt verhältnismäßig selten vor. Aber die Verhaltensstörungen und Konflikte, die bei ihm mitwirken, sind auch bei gesunden Menschen zu beobachten und komplizieren ihr Liebesleben. Als ein besonders hervorstechendes Manko nannte der Tübinger Psychiater Professor Ernst Kretschmer (1888—1964) die „Instinktlosigkeit gegenüber erotischen Signalen“. In seinem Werk „Der sensitive Beziehungswahn“ (1927) schrieb Kretschmer: „Das scheinbar unbegreifliche Pech mancher Menschen in der Liebe beruht in Wirklichkeit darauf, dass sie  erotische Ausdruckssignale beständig missverstehen.  Mit „erotischen Signalen“ meint Kretschmer die fast unmerklichen Nuancen des
Mienenspiels, des Stimmklangs und der kleinen, halb unwillkürlichen symbolischen Gesten, die bei der Vermittlung des erotischen Kontakts eine wichtigere Rolle spielen als Worte und bewusste Gesten. Bei sexuell gehemmten Menschen funktioniert diese unterschwellige Verständigung nicht.
Sobald sie sich für einen anderen Menschen erotisch interessieren, gerät ihr erotisches Wunschdenken in Konflikt mit ihrem Minderwertigkeitsgefühl oder ihren moralischen Hemmungen. Einen Blick, der dem ihren zufällig begegnet, eine aufgeschnappte Bemerkung beziehen sie auf sich. Ihr Wunschdenken suggeriert ihnen, dass sich der andere für sie interessiert; ihr Minderwertigkeitsgefühl stellt das in Frage. So kommt es, dass sie auch erotische Signale, die wirklich an ihre Adresse gerichtet sind, nicht verwerten können.

Ungehemmte Menschen beseitigen solche Zweifel durch Flirt.
Der gehemmte Mensch dagegen versteht diese Signale nicht. So weiß auch der durchaus geneigte Partner nicht, woran er mit ihm  oder ihr ist. Auch das uralte Blumenorakel „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“ hilft dem Gehemmten nicht über seine Beziehungszweifel hinweg.
Bei heftiger, leider aber einseitiger Verliebtheit kann ein solcher Beziehungsirrtum auch erotisch erfahrenen Leuten passieren und Formen annehmen, die dem Krankheitsbild des erotischen Beziehungswahns nahe kommen. Man will einfach nicht wahrhaben, dass man keine Chance hat, und liest dann auch aus dem entschiedensten „Nein“ ein „Vielleicht“ heraus oder sogar ein verschämtes „Ja“.

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