Die seltsamen Käuze des Waldes

Waldkauz - Foto: Claudio Petrella
Waldkauz – Foto: Claudio Petrella

Bis gegen Mitternacht war der Himmel von geballtem Gewölk verhangen. Jetzt stößt ein steifer Nordwest in die träge dahintreibenden Wolkenherden, daß sie auseinanderstieben, als wenn der Wolf unter sie gefahren wäre. Sterne blitzen durch die aufgerissenen Lücken. Gleißend tritt der volle Mond hervor. Wie von magischem Licht getroffen, schimmern die letzten, körnigen SchneeDer Waldkauz inseln im Unterholz des Stadtwaldes. Im gleichen Augenblick setzt mit voller Lautstärke ein wahrhaft höllischer Chor ein, ertönt ein grausiges Gemisch von kreischendem Gelächter und dunklem Geheul. Schrille Pfiffe gellen, schnarchendes Fauchen mischt sich ein. Die müden Nachtschwärmer, die von den letzten Faschingsbällen heimwärts streben, sind jäh zusammengefahren und starren mit weitaufgerissenen Augen in die Wipfel. Das Grauen rinnt ihnen über den Rücken. Doch noch ehe sie eine Erklärung gefunden haben, ist der Spuk wie auf den Wink eines unsichtbaren Dirigenten schon wieder verklungen. Schwer lastet die plötzliche Stille. Leise knarren die schwarzen Äste im Winde. Dann kommt es weich und klagend aus der Tiefe des Waldes:

„Huhuhuuuu-ui-uitt!“ Ein sanftes, voller anschwellendes Echo antwortet wie eine dunkle Flöte vom Rande der beleuchteten Waldstraße her. Große Schatten schaukeln um die Wipfel, lautlos, geisterhaft. Kleine, glühende Lichtbälle funkeln auf und verlöschen.

tawny-vulture-702231_640_Maky_OrelGleich darauf bricht es wieder los! Es gellt und pfeift, schnalzt] und knappt, heult und kreischt, faucht und lacht, daß sich den ] Menschen unter der Straßenlaterne die Haare isträuhen. Zehn, zwölf, vielleicht auch zwanzig Waldkäuze sind es, die diese schauerliehen Lieder singen, die dem bleichen Mond, dem nächtlichen Wald und den Gefährtinnen ihre Sehnsucht zurufen und den nahenden Lenz verkünden. In lockeren, weichumflossenen Klumpen hocken 6ie auf den niederen Ästen, verbeugen und verrenken sich, schneiden Grimassen und glotzen glutäugig umher. Ihre großen, schräg nach \ vorn gerichteten und fest in den Höhlen sitzenden Augen zwingen sie, bei jeder Blickwendung den Kopf zu verdrehen. Und wie sie den Kopf verrenken können! Um 180 bis 270 Grad! Es sieht aus, als ob sie sich selbst den Hals umdrehen wollen. Und was für Grimassen sie dabei schneiden! Die Spaziergänger, di sich über die Eulengesänge entsetzten, würden sich vor Lachen ausschütten, wenn sie das sehen könnten. Wie die Schalksnarren^ wie lustige Papageien gebärden sich die nächtlichen Sänger. Diese koboldartige, schnelle Ducken und Aufrecken, das unermüdliche Verbeugen und Verneigen ist wahrscheinlich auch auf die besondere Art des Sehens zurückzuführen. Bei jeder Verbeugung wippt der Schwanz wie bei einer Bachstelze, sträuben sich die Kopffedern und plustert sich der Schleier auf, der die schönen Augen umrahmte Stundenlang währt das Konzert der närrischen Käuze, die der Mangel an natürlichen Nisthöhlen aus den düsteren Wäldern und eintönigen Nutzforsten unserer Zeit immer stärker in die städtischen Anlagen zieht. Hier finden sie noch die schönen, alten Bäume mit geborstenen Stämmen und faulenden Astlöchern, die in den Wäldern nicht mehr geduldet werden. Hier fühlen sie sich auch sicher und umkreisen neugierig den nächtlichen Wanderer oder verfolgen ihn von Wipfel zu Wipfel. Hier können sie sich getrost auch am Tage sehen lassen und ausgedehnte Sonnenbäder nehmen. Denn die Käuze und Eulen sind durchaus nicht tagblind. Sie fliegen im grellsten Sonnenschein mit derselben Sicherheit wie im milden Mondlicht. Und sie brauchen die Sonne wie jedes andere Lebewesen. In einem düsteren Käfig gehen sie schnell zugrunde. Vielleicht ist das Licht überhaupt die einzige „Freude“ des Eulenauges, denn in seiner Netzhaut überwiegen die helligkeitsempfindlichen Stäbchen die farbenempfindenden Zäpfchen derart stark, daß die Eulen wohl kaum Farben zu unterscheiden vermögen.

In diesen Vorfrühlingstagen können die Waldkäuze seihst am Tage keine Ruhe finden. Mögen sie das ganze Jahr hindurch auch ein ziemlich heimliches Lehen führen und sich von den hassenden Kleinvögeln vertreiben lassen, jetzt gehört der Wald ihnen. Und mag der Waldkauz sonst auch ein etwas schwerfälliger und plumper Bursche sein, jetzt ist er genau so wendig, lustig und beweglich wie der drollige Steinkauz. Die großköpfigen, kurzhalsigen, tiefgrauen Gesellen sind immerwährend in Bewegung. Sie dienern um die Weibchen, blinzeln verschmitzt, piepsen zärtlich, liebkosen sich wie die Turteltauben. Sie hacken aber auch mit dem scharfgekrümmten Schnabel nach dem lästigen Nebenbuhler, fauchen ihn an und verfolgen ihn schreiend. Zurückgekehrt, umwerben sie die spröde Schöne, kraulen ihr d’e Federn und sind so rastlos, wie jeder andere Vogel in der Balzzeit. Bis endlich jeder Kauz sein Käuzchen gefunden hat und d;e Lediggeidiebenen sich in ihr Schickaal ergeben und das Feld geräumt haben. Schon vierzehn Tage später, ganz gleich, ob der März noch mit Schnee und Frost aufwartet oder schon sonnige, warme Tage bringt, legt das Weibchen seine zwei bis drei weißen Eier. Es legt sie am liebsten in eine Baumhöhle, zur Not aber auch in ein altes Krähenoder Elsternnest. Sogar Eichhörnchenkobel und künstliche Nistkästen werden angenommen. Denn vom Nestbauen verstehen weder Herr Waldkauz noch seine Frau etwas. Sie tragen auch keine Halme, Haare und Federn zusammen, um die Kinderwiege auszupolstern. Die Eier werden, wenn nicht der alte Nestbesitzer eine Unterlage hergestellt hat, auf den nackten Boden der Höhle gelegt. Die Hauptsache ist, daß Wind und Wetter keinen Zutritt haben und daß es genügend Mäuse in der Umgebung gibt. Denn die Waldkäuze leben fast ausschließlich von Mäusen. Nur ganz ausnahmsweise greifen sie einmal einen schlafenden Vogel. Eher halten sie sich an die fetten und großen Raupen der Schwärmer und der Spinner. Volle vier Wochen brütet das Weibchen und hütet das werdende Leben so treu und brav, daß es sich eher greifen läßt, ehe es wegfliegt. Herr Waldkauz bleibt der liebevolle und aufmerksame Gatte. Reichlich trägt er seiner Frau Atzung zu und überwacht die Höhle. Ende April ist es meistens so weit. Schnell hintereinander purzeln die Küken aus den Eiern, allerliebste und äußerst drollige Kerlchen, die dicken, weißen Wollknäueln gleichen. Sie kommen mit geschlossenen Augen und Ohren zur Welt, sind aber schon quicklebendig und sperren gierend die winzigen Krummschnäbel auf. Nun muß der Wialdkauz zeigen, daß er ein erstklassiger Mäusefänger ist. Die Nacht ist zu kurz für die Jagd. Schon am frühen Nachmittag ist er unterwegs und noch in der Morgendämmerung rege. Sorglich zerreißt das Weibchen die Beute in kleine Happen und berührt damit die Schnabelwinkel der blinden Jungen. Selbst der Kauz hilft füttern. Später trägt auch das Weibchen Beute herzu. Und alle beide verteidigen ihre Brut tapfer und mutig gegen jeden Feind. Ja, sie verlassen die Jungen selbst dann nicht, wenn die Kleinen fortgetragen werden, sondern folgen ihnen und füttern sie noch im Käfig. Nach neun bis zehn Tagen öffnen die jungen Käuze die schönen, tiefdunkelbraunen, großen Augen. Jetzt sprossen ihnen auch schon die seltsamen Zwischenfedern, die auf ihrer Spitze die Erstlingsdunen tragen. In diesem Kleid erscheinen die Jungkäuze grundhäßlich und erinnern an befederte Igel. Ihr Hunger ist kaum noch zu stillen. Ununterbrochen verlangen sie nach Nahrung. Die geplagten Alten sind herzlich froh, wenn die kleine Gesellschaft endlich flügge ist und die Familie das von Mäusen ausgeplünderte Brutgebiet verlassen kann. Inzwischen ist der Mai ins Land gezogen, der Wald wird schon wieder grün, und die Wipfel sind so dicht belaubt, daß die ungeschickten Jungkäuze nicht mehr auf die Höhle angewiesen sind. Sie werden auch jetzt noch geatzt. Sdireiend melden sie sich aus den Bäumen der Umgebung, wenn es etwas zum Fressen gibt. Bald streifen sie mit den Alten weit umher, sitzen nachts gleich den Steinkäuzen vor den erleuchteten Fenstern und lehren die abergläubischen Gemüter unter den Menschen das Gruseln.

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