Schule des Lebens – Instinkt & Lernen in der Tierwelt

Neben dem Instinkt ist das Lernen ein wichtiger Faktor im Verhalten von Tieren. Das klassische Beispiel des Lernens ist die Dressur. So werden Zirkustiere durch Herausbildung bedingter Reflexe dressiert, und dabei können erstaunliche Ergebnisse erzielt werden, besonders bei höheren Tieren.

Den gelähmten William Powell umsorgt eine ganz und gar ungewöhnliche Pflegerin —das Kapuzineräffchen Christel! Ausgebildet wurde es für diese für ein Säugetier nicht einfache Aufgabe von der Psychologin Mary Willard. Dieses Spezialtraining dauerte ein  Jahr, danach wurde die Äffin bei dem Kranken einquartiert.

Womit konnte sie dem wohl groß helfen? Mit vielem, wie sich zeigte. Auf bestimmte Signale Powells hin brachte Christel Bücher

und andere Gegenstände herbei, schaltete das Licht an und aus,

öffnete die Tür. Sogar den Plattenspieler konnte sie bedienen,

auch Platten auflegen. Ja sie fütterte sogar den Kranken mit dem

Löffel!

Mary Willard meint, ihr Versuch sei gelungen, und setzt die Arbeit nun mit anderen Kapuzineraffen fort. Ein tüchtiger Ziegenhirt war ein Babuin-Pavian namens Ala, der auf einer Farm in Südafrika eigens dafür ausgebildet worden war.  Anfangs lebte die Äffin mit den Ziegen zusammen in einem Gehege

und freundete sich sehr mit ihnen an. Gingen die Ziegen auf die Weide,

so lief das Pavianweibchen mit. Es bewachte die Ziegen, hielt sie von fremden Herden fern, trieb sie zusammen, wenn sie sich gar zu sehr verstreut hatten, und geleitete sie am Abend heim. Kurz, es machte seine Sache so gut wie der beste Hütehund, ja sogar noch besser! Ala kannte jede einzelne Ziege und jedes Zicklein. Einmal kam sie schreiend von der Weide heim gelaufen. Man

hatte nämlich zwei Zicklein aus dem Gehege herauszulassen vergessen, und Ala hatte das bemerkt, obwohl die Herde achtzig Ziegen

zählte.

Wenn die Zicklein müde waren und nicht mehr laufen wollten, nahm Ala sie hoch und trug sie, dann gab sie sie der meckernden Mutter zurück, wobei sie ihr die Kleinen direkt unter das Euter schob. War ein Zicklein zu klein dazu, hob sie es ein wenig an und stützte es, solange es trank. Nie kam es vor, daß sie die Zicklein verwechselte; nie schob sie einer Ziege ein fremdes Zicklein unter.

Wurden Drillinge geboren und nahm man ein Zicklein weg, um es einer Ziege mit nur einem Neugeborenen anzulegen, ordnete Ala die Dinge auf ihre Weise und brachte das Kleine der Mutter wieder zurück. Sie gab sogar acht, daß die Milch bei den Ziegen sich nicht staute, wenn ein Zicklein das Euter nicht leer gesaugt hatte. Sie tastete das pralle Euter ab und saugte die Milch

selbst ab.

Ein so ausgeprägtes »Verantwortungsgefühl« für die Erledigung einer ihnen anvertrauten Aufgabe hat man auch bei anderen Affen beobachtet. Einige Schimpansen bekamen sogar Neurosen und schwere Depressionen, wenn sie die ihnen gestellten Aufgaben nicht erledigen konnten.

Der Lernprozess bei Tieren umfasst nicht nur die Dressur durch den Menschen, sondern auch die Unterweisung, die ausgewachsene wildlebende Tiere ihren Jungen zuteil werden lassen. Besonders bei Affen, zum Beispiel bei Orang-Utans, hat man das beobachtet.

So sah man in zoologischen Gärten, wie eine Orang-Utan-Mutter ihr Junges bereits am zehnten Tag nach der Geburt langsam daran gewöhnte, sich mit seinen Händchen nicht nur an ihrem Fell festzuklammern, von dem es um keinen Preis ablassen wollte.

Sie riß Hände und Füße des Kleinen von sich los und mühte sich, es zu veranlassen, die Gitterstäbe zu ergreifen. Doch selbst nach drei Monaten konnte das Junge das noch immer nicht richtig.

Da veränderte die Mutter die Lehrmethode: Sie setzte das Kleine auf den Boden des Käfigs und kletterte selbst ein Stück nach oben. Das Affenbaby brach in lautes Geschrei aus, versuchte aber, irgendwie zu kriechen. Daraufhin stieg die Mutter herunter und hielt ihm einen Finger hin, an dem es sich sofort festklammerte.

Die Unterweisung kann auch so aussehen: Die Mutter hält ihr Junges nur an einer Hand und klettert auf einen Baum. Das Kleine versucht, besseren Halt zu finden, und muss nun wohl oder übel nach allem greifen, was erreichbar ist, als erstes nach Zweigen.

Sehr verbreitet unter Wild- und Haustieren ist die Nachahmung.

Küken, Tauben, Hunde, Affen, Kühe sind manchmal schon längst satt, fressen aber immer weiter, wenn ihre Artgenossen neben ihnen ebenfalls fressen, ja nicht nur ihre Artgenossen: Wenn Hühnerattrappen Körner »picken«, picken übersatte Hühner gleichfalls weiter Körner auf und riskieren dabei, vor Gefräßigkeit zu platzen.

»Hayes hatte seinem Lieblingsschimpansen beigebracht, auf das Kommando , Mach’s mir nach!‘ seine Grimassen nachzuahmen. Dabei zeigte sich, daß in dieser Hinsicht ein Affe sich von einem Kind entsprechenden Alters überhaupt nicht unterscheidet.« (Rémy Chauvin)

In England trug sich einmal folgendes zu: Meisen befassten sich mit kleinen »Diebstählen«. Sie durchschlugen mit den Schnäbeln die Verschlusskappen von Milchflaschen, die die Milchhändler ihren Kunden vor die Tür gestellt hatten, und fraßen den Rahm herunter. Einige Meisen hatten dies nach der Versuch-und-lrrtum-Methode gelernt, und alle anderen übernahmen von ihnen diese

Erfahrung, indem sie ihre Artgenossen nachahmten. Ja nicht nur das, bald breitete sich diese Art Diebereien von England auch auf Nordfrankreich aus. Vermutlich hatten englische Meisen den Ärmelkanal überflogen und ihren französischen Artgenossen beigebracht, die Foliekappen auf den Milchflaschen mit dem Schnabel zu durchstoßen und sich am Rahm gütlich zu tun.

In jüngster Zeit hörte man von einem seltsamen Verhalten japanischer Makaken. »Im Herbst 1953 fand ein anderthalbjähriges Weibchen, das wir Imo nannten, im Sand einmal eine Batate (Süßkartoffel). Es tauchte sie ins Wasser— sicher völlig zufällig— und wusch mit den Pfoten den Sand ab.« (M. Kawai)

So begründete die kleine Imo eine ungewöhnliche Tradition, die die Affen auf der Insel Oshima berühmt gemacht hat. Einen Monat später sah eine Gefährtin Imos deren Manipulationen mit einer Batate und dem Wasser, und sofort »äffte« sie diese Handlung nach. Vier Monate später tat Imos Mutter

das gleiche. Allmählich übernahmen Schwestern und Gefährtinnen Imos die von dieser entdeckte Methode, und nach vier Jahren wuschen schon fünfzehn Affen die Bataten. Fast alle waren sie im Alter von ein bis drei Jahren. Einige erwachsene fünf- bis siebenjährige Weibchen übernahmen das neue Verhalten

von den Jungen, jedoch kein einziges Männchen! Aber nicht etwa, weil sie weniger findig wären, sondern weil sie einfach einen anderen Rang als jene Gruppe einnahmen, die Imo umgab, und so auch selten mit Imo, deren Familie und Gefährtinnen Kontakt hatten.

In der Folge übernahmen die Mütter von ihren Kindern die Gewohnheit, die Bataten zu waschen, und unterwiesen danach von sich aus ihre jüngeren, nach Erfindung dieser Methode geborenen Nachkommen darin. 1962 wuschen bereits zweiundvierzig von neunundfünfzig Affen jener Herde, in der Imo lebte, die Bataten vor dem Verzehr. Nur die alten Männchen und Weibchen,

die 1953 (im Jahr der »Erfindung«) relativ erwachsen waren und nicht mit dem stets zu Streichen aufgelegten jungen Volk Umgang pflegten, hatten sich die neue Gewohnheit nicht zu eigen gemacht. Die jungen Weibchen dagegen, inzwischen herangewachsen, lehrten von Generation zu Generation ihre Kinder

von den ersten Lebenstagen an, die Bataten zu waschen.

»Später lernten es die Affen, die Bataten nicht nur im Süßwasser der Flüsse, sondern auch im Meer zu waschen; möglicherweise waren sie, leicht gesalzen, schmackhafter. Ich beobachtete ferner die Anfänge einer weiteren Gewohnheit, die ich absichtlich einigen Affen beigebracht hatte, die andere aber ohne meine Hilfe auch annahmen. Ich lockte nämlich einige Affen mit Erd-

nüssen ins Wasser, und drei Jahre später war es bei allen Affenkindern und jungen Affen Brauch, regelmäßig zu baden, zu schwimmen und sogar im Meer zu tauchen. Sie lernten es auch, speziell für sie im Sand verstreute Weizenkörner im Wasser zu waschen. Anfangs fingerten sie geduldig jedes Korn einzeln aus dem Sand, später nahmen sie eine ganze Handvoll Sand mitsamt den Körnern und tauchten sie ins Wasser. Der Sand sank auf den Grund, die leichten Körner aber schwammen oben und brauchten nur noch von der Wasserfläche abgelesen und gegessen zu werden. Übrigens war auch dieses Verfahren Imos , Erfindung‘. Man sieht also, Affen sind ganz unterschiedlich mit Fähigkeiten ausgestattet. Von den nächsten Anverwandten der findigen Imo haben fast alle diese Angewohnheit übernommen, von den Kindern der Äffin Nami jedoch nur einige wenige.« (M. Kawai)

Das Nachahmen kann sogar auch ganz automatisch erfolgen. Beispielsweise werden Raupen, wenn sie in der Natur auftauchen, nur von wenigen Vögeln gefressen. Danach aber »zwingt«, wie der Ethologe Niko Tinbergen feststellte, jeder Vogel, der Raupen gefunden und sich von der Genießbarkeit dieser Schmetterlingslarven überzeugt hat, seinen Partner, ebenfalls auf Raupen

Jagd zu machen.

Die Sandwespe Ammophila füttert ihre Larven gleichfalls mit Raupen. Sandwespen leben nicht wie andere Wespen in großen Gemeinschaften, sie sind »Einzelgänger«. Hat eine Sandwespe eine Raupe gefangen und durch einen Stich mit dem spitzen Stachel in die Nervenzentren gelähmt, schleppt sie danach das Opfer in ihre kleine Höhle, die sie in den Sand gegraben hat. Dort legt sie auf dem Körper der Raupe ihre Eier ab. Die Raupe ist so gut konserviert und kann deshalb nicht verderben. Danach schüttet die Wespe ihre Höhle mit Sand zu.

Sie nimmt ein winziges Steinchen zwischen die Kiefer und stampft damit so lange den von ihr über der Höhle aufgehäuften Sand fest, bis er dem Erdboden gleich ist und selbst das schärfste Auge eines Räubers den Eingang zur Höhle nicht entdecken kann. Eine andere Sandwespe nimmt anstelle eines Steines ein

Stückchen Holz zwischen die Kiefer und presst es fest gegen den Erdboden, nimmt es danach wieder auf, presst es erneut dagegen, und das viele Male.

Sandwespen gibt es sowohl in Europa als auch in Amerika.

Seltsam aber ist, daß die amerikanischen Arten ihre »Werkzeuge« besser handhaben. Die europäischen Arten stampfen offensichtlich nicht alle und nicht in jedem Fall die zugeschütteten Höhlen mit Steinen zu.

Seeotter leben in der Sowjetunion auf den Kommandeurinseln, in Amerika auf den Aläuten. Seeotter können gut mit »Werkzeugen« umgehen—ihnen dient ein Stein als Amboss. Bevor sich ein Seeotter auf Jagd begibt, wählt er sich am Ufer oder auf dem Meeresgrund einen Stein aus und klemmt ihn sich unter

die »Achsel«. Nun ist er gerüstet und taucht schnell auf den Grund hinab. Mit der einen Pfote liest er kleine Muscheln und Seeigel auf und stopft sie sich—wie in eine Tasche—unter die »Achsel«, und zwar dorthin, wo schon der Stein verwahrt liegt.

Um unterwegs die Beute nicht zu verlieren, presst der Seeotter die Pfote ganz fest an den Körper und schwimmt möglichst schnell an die Meeresoberfläche, wo er auch sein Mahl einnimmt. Dazu muss er aber nicht unbedingt das Ufer erreichen, nein, er pflegt im Wasser zu speisen. Er legt sich auf den Rücken und richtet sich auf der Brust seine »Tafel« her—den Stein—, holt anschließend jeweils einen Seeigel oder eine kleine Muschel unter der »Achsel« hervor, schlägt die Beute auf dem Stein auf und verspeist sie in aller Ruhe.

Der Umgang mit Werkzeug ist nach Meinung einiger Wissenschaftler eine spezielle Form des Lernens. Plötzliches Auftreten von angepasstem Verhalten ohne vorausgehende Proben und Fehler, die richtige Lösung einer Aufgabe, vor die sich Tiere bei einem Experiment oder in freier Wildbahn gestellt sehen—all das wird heute mit dem Ausdruck Insight bezeichnet. Möglicherweise ist

die Arbeit mit Steinchen bei der Sandwespe gar kein Fall von Insight, da alle Vertreter dieser Wespenart sie gleichermaßen beherrschen, die Entdeckung afrikanischer Aasgeier allerdings— das Zertrümmern von Straußeneiern mit einem Stein —ist eindeutig ein solcher. Ebendiese Fähigkeit ist nicht der gesamten Art eigen. Einem Aasgeier ist einfach irgendwann einmal eine »Erleuchtung« gekommen: Nach verzweifelten Versuchen, mit dem Schnabel die Schale eines Eis vom größten Vogel unserer Erde zu zertrümmern, trug er einen Stein herbei und warf diesen auf das Ei. Das Ei barst und öffnete ihm seinen Inhalt. Dieser »intelligente« Aasgeier handelte auch in der Folgezeit so.

Andere Vögel sahen und übernahmen offensichtlich dessen Methode. Bis zu den Aasgeiern entlegener Gebiete, in Asien beispielsweise, ist diese Erfindung jedoch noch nicht gelangt. Die Herausbildung der Fähigkeit des Seeotters, einen Stein als Werkzeug zu benutzen, hat offensichtlich den gleichen Weg

genommen.

Auch das im folgenden beschriebene seltsame Verhalten unserer eigenen Blutsverwandten aus dem Tierreich ist wohl ein Insight-Beispiel. In einem amerikanischen Institut, das Forschungen an Menschenaffen anstellt, hat man diese Episode gefilmt:

Ein neugeborenes Schimpansenjunges atmete nicht selbständig. Da legte die Mutter es auf den Boden, öffnete ihm die Lippen und zog ihm mit den Fingern die Zunge heraus. Danach presste sie ihren Mund an den des Jungen und beatmete es, und zwar lange, bis endlich Leben in das Kleine kam. Vor einigen

Jahren rettete ein Orang-Utan-Männchen auf die gleiche Art und Weise seinem neugeborenen Jungen das Leben.

Foto: Paul Meyerle

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