Rudolf Baumbach: Aristoteles und Phyllis • Über die Lust an der Unterwerfung

Aristoteles und Phyllis. 

Aristotle_and_Phyllis

Ein König sass in Griechenland,
Der war Philippus zubenannt.
Gewaltig war er, reich und mild
Und von Gestalt ein Heldenbild.
Allein sein köstlichster Gewinn,
Das war die junge Königin.
An Sitte, Schönheit und Geberden
War sie das erste Weib auf Erden.

Die Königin nach einem Jahr
Dem König einen Sohn gebar;
Der zwang darnach die halbe Welt,
Und Alexander hiess der Held.
Es war das hochgeborne Kind
Weit schöner als sonst Kinder sind
Und kräftereich und tugendvoll
Recht, wie ein junger Degen soll.
Und als das Kind zu Jahren kam,
Der König einen Meister nahm,
Der war der weiseste im Land
Und Aristoteles genannt –
Und sprach zu dem gelehrten Greise:
»Nehmt hin das Kind und macht es weise
Und was ihm nützt, das lehret es.«
»Ich wills,« sprach Aristoteles,
»Ich lehr‘ ihn alles, was ihm frommt
Und später ihm zu Nutzen kommt.«
Darauf der König: »Also thut;
Ich mach‘ Euch reich an Geld und Gut.«

Hart am Palast des Königs lag
Ein schöner, grüner Gartenhag.
Ein Haus darin ward ungesäumt
Dem weisen Meister eingeräumt;
Das sollt‘ er mit dem Königskinde
Bewohnen und dem Ingesinde.

Im Anfang schuf das ABC
Dem jungen König bittres Weh
Wie heutzutage noch den Jungen,
Die man zur Schule hat gezwungen.
Doch schon nach Wochen drei und vier
Wuchs Alexanders Lernbegier.
Er nahm an seines Meisters Hand
An Wissen zu und an Verstand
Und sog mit Eifer und mit Lust
Tagtäglich an der Weisheit Brust.
So ging vorüber Jahr um Jahr.
Der Königssohn ein Jüngling war,
Doch war er keine Stunde müssig
Und nie des Lernens überdrüssig.
Da ward dem Meister plötzlich bang.
Es schwand des Schülers Wissensdrang,
Und abseits schweiften ihm die Sinne.
Was trug die Schuld? – Das war die Minne.

Am Hofe diente eine Magd,
Der war kein Liebesreiz versagt.
Sie war der Rosenknospe gleich
Und frohgemuth und anmuthreich,
Die schönste Jungfrau im Gesind –
Und Alexander war nicht blind.
So oft die Magd, die Phyllis hiess,
Im Gartenland sich blicken liess,
War, wenn es nicht der Meister sah,
Sogleich auch Alexander da.
Ihm schuf die Minne viel Beschwer,
Der schönen Phyllis noch viel mehr.
Was Wunder, dass die Minnekranken
Sich liebend in die Arme sanken
Und dass verstohlen die Entzückten
Von heissen Lippen Küsse pflückten.

Bald ward dem weisen Meister klar,
Warum sein Schüler säumig war
Und nicht wie früher, was er sollte,
Aus seinen Büchern lernen wollte.
Er schalt und übte strenge Zucht
Und liess kein Mittel unversucht
Des jungen Königsknaben Denken
Vom bösen Weg zurückzulenken.
Allein der Jüngling heimlich lachte
Und nur an seine Phyllis dachte
Und sprach mit sehr verstocktem Sinne:
»Die höchste Weisheit ist die Minne.«

Da ging der Meister ihn verklagen
Und thät die Mär dem König sagen,
Wie sich der junge Herr verirrte
Und um die schöne Phyllis girrte.
Philippus drob ergrimmte sehr
Und rief: »Schickt mir die Jungfrau her!«
Und strafte sie und schalt und greinte.
Die junge Phyllis aber weinte
Und schwur, dass alles Lüge sei.
Da kam die Königin herbei
Und sprach: »Für Phyllis steh‘ ich gut;
Ich weiss, dass die nichts böses thut.«
Und ging von dannen schwer gekränkt.
So war das Unheil abgelenkt,
Doch ward von Stund an Tag und Nacht
Der Königsknabe streng bewacht.

Da sass er nun in grossem Jammer
Bei seinen Büchern in der Kammer
Und brummte wie ein Zeiselbär
Und wand sich hin und wand sich her
Und sehnte sich zu jeder Stunde
Nach seiner Trauten Rosenmunde.
Indessen härmte auch die Maid
In Trauer sich und Herzeleid.
Es ward die schöne Freudenlose
So bleich wie eine weisse Rose,
Nur ihre Augen waren roth;
Das schuf der strengen Minne Noth.
Und wenn sie an den Meister dachte.
Der sie um Lust und Freude brachte,
Da ballte sie die Faust, die schwache,
Und grollend sann die Magd auf Rache.

Sie ging in ihre Kemenate
Und wählte sich aus ihrem Staate
Ein Schleppgewand von Seide fein,
Das war verbrämt mit Hermelein,
Und schmückte sich ihr gelbes Haar
Mit einem Zirkel goldesklar,
Der war geziert von Meisterhand
Mit Kalzedonen und Jachant
Darauf in einem Spiegel licht
Beschaute sie ihr Angesicht,
Hoch schürzte sie das Schleppgewand
Und lief hinab in’s Gartenland
Und schritt, derweil sie Blumen las,
Mit blossen Füssen durch das Gras.

Es ist kein Mann so grau und greis,
Das Weib ihn zu berücken weiss,
Wenn schlau es stellt zum Vogelfange
Die Minne als geleimte Stange.
So klug und weise keiner ist,
Er unterliegt der Frauenlist,
Wie’s Aristoteles erging,
Den jetzt das schöne Mägdlein fing.

Als Phyllis lief durchs grüne Gras,
Der Meister just am Fenster sass,
Und wie er sah die reichgeschmückte,
Die nach den Blumen oft sich bückte
Und zierlich mit der linken Hand
Hielt aufgeschützt das Schleppgewand,
Da sprach er leis: »Ei schau‘ doch nur,
Welch zarte, liebe Kreatur!
Das wäre ein beglückter Mann,
Der dieses Mägdleins Gunst gewann.«
So sprach der lustbethörte Greis;
Bald ward’s ihm kalt, bald wieder heiss.

Die Magd die Blicke um sich warf –
Kein Falke sah wie sie so scharf –
Sie sah am Fensterlein den Späher,
Und Blumen suchend kam sie näher.
Und als sie vor den Meister kam,
Sie eine Handvoll Blumen nahm
Und warf sie ihm in’s Fensterlein
Und lächelte holdselig drein.
Der weise Meister grüsste sie
Und dankte höfisch: »gramerzi!«
Und sprach: »Vielliebes Jungfräulein,
Du sollst mir hochwillkommen sein.
Gefällt dir’s, komm herein in’s Haus,
Du schönes Kind, und ruh‘ dich aus?«
»Gern thu‘ ich das,« die Jungfrau sprach
Und ging zum Meister in’s Gemach
Und thät dem Alten freundlich schmeicheln
Und liess sich Kinn und Wangen streicheln.
Da sah die Magd am Pfeiler hängen
Ein Sattelzeug mit Gurt und Strängen,
Und voller Arglist sprach sie so:
»Wie glücklich wär‘ ich und wie froh,
Wenn Ihr, dass ich Euch sattle, littet
Und mit mir durch den Garten rittet.
Ja, wolltet Ihr als Pferd mich tragen,
Ich möcht‘ Euch keine Gunst versagen.«

Der Meister sich im Anfang wehrte,
Als ihn die Magd zum Ross begehrte,
Allein die vielgewaltge Minne
Hielt ihm umnebelt alle Sinne.
Er thät sich willig niederbücken
Und nahm den Sattel auf den Rücken.
Drauf band die Magd von ihrem Kleide
Ein Gürtelein von rother Seide
Und gab’s als Zaum ihm in den Mund,
Dass sie daran ihn leiten kunnt,
Schwang in den Sattel sich behende
Und spornte ihres Thieres Lende
Und lenkte mit dem Gürtelband
Ihr Rösslein in das Gartenland.
Auf allen Vieren kroch der Greis,
Und Phyllis schwang an Blüthenreis
Und sang ein süsses Minnelied
Aus Freude, dass die List gerieth.
Nun sass zur Zeit die Königinne
Mit ihren Frauen auf der Zinne
Und sah gelockt durch Phyllis‘ Lieder
Neugierig in den Garten nieder.
Da rief sie: »Alle guten Geister!
Die Phyllis reitet auf dem Meister.«
Und rief herbei die andern Frauen
Den aufgezäumten Greis zu schauen.
Da grüsste schallendes Gelächter
Den angeschirrten Tugendwächter‘,
Und auch das Mägdlein lachte hell.
Dann sprang sie aus dem Sattel schnell
Und lustig lachend lief sie weiter
Und liess ihr Rösslein ohne Reiter.

Der Weise aus dem Garten schlich
Und ging nach Haus und schämte sich,
Nahm seine Bücher aus dem Schrein
Und packte ohne Säumen ein,
Was er besass an Geld und Kleid
Und harrte bis zur Dunkelheit,
Da ging er ohne Abschied fort
Und stieg an eines Schiffes Bord
Und fuhr davon mit guten Winden
Im fremden Land ein Heim zu finden.
So kam er an ein Inselland,
Das war Galizia genannt.
Dort stieg der weise Meister aus
Und suchte sich ein stilles Haus
Und schrieb – er hatte Stoff genug –
Ein Buch von Frauenlist und Trug.

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Aus: Rudolf Baumbach – Abenteuer und Schwänke
Verlag von A. G. Liebeskind – 1886

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