Robert Musil – Skizzen zu einer Autobiographie

Die 40 Hefte  (Aus dem Tagebuch-Heft 33: 1937–1941)

Robert Musil
Robert Musil

Haltung: die eines Mannes, der auch mit sich nicht einverstanden ist.

Ein Grundfehler: Fremde Schmerzen, Bemühungen, Leistungen vermag ich selten anzuerkennen, nehme sie als selbstverständlich hin: darum lehne ich als Kritiker auch so leicht ab und sehe nur auf das Defizit statt auf die Addition. Ein Junge, der immer voll Anerkennung für die Güte oder das Können anderer war, könnte einen anderen, aber guten Typus Kritiker, einen wahren Ordner, ergeben.

Meine Bescheidenheit: Ich bin auf das äußerste vielseitig ungebildet … (Ich bin von sehr vielseitiger Unwissenheit.)

 Als einer der stärksten alten Kriegseindrücke fällt mir nach und nach (und mit einemmal) auf, daß ich plötzlich von lauter Menschen umgeben war, die nie ein Buch lasen; daß man Bücher schreibe, außer fachlichen, sich nicht als etwas Anständiges vorstellen konnten; und es für völlig richtig hielten, daß man die Zeitung, und nichts als die Zeitung, lese. Ich glaube, daß sich höchstens in jedem Bataillon ein Mensch fand, der wußte, was lesen ist. Welche unerwartete und breite Berührung mit dem Durchschnittsleben! (Siehe: die Notiz über den Fachbeirat, der nur Blätter großer Parteien las.)

Jaroslav Prochazka - Landschaftsgemälde - 'Alte Ziegelei'
Jaroslav Prochazka – Landschaftsgemälde – ‚Alte Ziegelei‘

Einen Brennofen (Porzellanbrennerei, Ziegelbrennerei) kann man nicht in jedem Augenblick öffnen: Erklärung, weshalb die Arbeit, auch wenn sie nur schleichend von statten geht oder wenn ich nicht arbeite, nicht gestattet, einen Brief zu schreiben.

Es scheint eine für mein Leben typische Situation zu sein: Ich befinde mich in Genf und kein Mensch kennt mich, zu keiner die Kunst berührenden Veranstaltung werde ich eingeladen, Prof. Bohn.[enblust], der kleine Papst, schneidet mich. Und ähnlich in der ganzen Schweiz. Es erinnert an das Brünn früher Jugend, wo Strobl für eine das Höchste versprechende Erscheinung galt und ich für den ›Paraphrasen‹-macher.

Morgens spontan den Einfall gehabt: Es gehört eigentlich ins 40. oder 50., aber nicht ins 60. Jahr: Wer und wie bist du? Was sind deine Grundsätze? Wie gedenkst du das abzurunden?

Jedenfalls ein Schriftsteller dieser Epoche. Mit viel und wenig Erfolg. Das ist interessant genug.

Oft das starke Bedürfnis, alles abzubrechen. Halte dann mein Leben für verfehlt. Habe kein Vertrauen in mich; schleppe mich aber arbeitend weiter, und aller zwei, drei Tage scheint es mir einen Augenblick wichtig zu sein, was ich schreibe. Ich habe auch nach mir und meinen Erfahrungen und Grundsätzen so zu fragen, wie es diesem Zustand entspricht. Nicht weil es interessant sein könnte, sondern weil es in einer Lebenskrisis geschieht. Davon fiele auch genug Licht auf die Umzeit.

Beschluß: (wie lange hält er vor??): So will ich das Buch zum 60. Jahr schreiben! So könnte ich schon die Anfangslinien ziehen.

Ich kann aus verschiedenen Gründen nicht in dieser Zeit für mich plädieren. Ich erwarte auch keine bessere. Ich kann sie höchstens supponieren. Am Vielleicht.

Je älter man wird, desto mehr findet man sich ab.

Man hängt weniger am Leben (Hat es satt). Einesteils, weil man seine Traurigkeit usw. kennt. Andernteils, weil die Triebe nicht mehr so hungrig und unabgenutzt (scharfe Messer) sind wie in der Jugend. Auch fügt man sich mit der Zeit ins Unentrinnbare. Das ist ein großes Heil.

Japanischer Messerschmied
Japanischer Messerschmied

In welchem Maße tritt auch ein positives, metaphysisch beeinflußtes Verhältnis hinzu? Wende beim Tod meiner Mutter.

(Das meiste gilt für den Menschen der zwei großen Kriege schlechthin.)

Die »Lebensgefährtin« – Neben vielen recht zweifelhaften Lebenseinfällen hat die Sozialdemokratie während der Zeit ihrer Herrschaft dieses Wort und diesen Begriff hervorgebracht. – Gefährtin ohne Sakrament und staatlichen Zwang. Bloß Würde des Menschenlebens. – Gemeinsame Hinnahme von Freud und Leid durch viele Jahre ist keine Leidenschaft, aber eben etwas mehr an die Konstitution Gehendes. – Bestimmtsein, gemeinsam das Leben zu tragen. Seine ungeheure Zweideutigkeit und Unverläßlichkeit. – Man ist von Kind auf bestimmt für eine solche Gemeinschaft. Man will die Lebensgefährtin haben, ehe noch das Geschlechtliche fertig und anwendungsbereit ist. Solche Menschen können füreinander bestimmt sein. – Das Geschlecht ist eine der Naturgewalten, denen sie sich gemeinsam ausgesetzt sehen. – Sie wecken es nicht ineinander, sie empfangen es voneinander. – Es ist gut, wenn sie sich nicht jungfräulich gefunden haben. – Sie wandeln das Heimtückische in Vertrauen. – Keiner nimmt dem andern ein Stück Welt fort – Es gehört dazu, daß einer den andern bewundert, in dem Maße als der es braucht. Oder wenn er es nicht tut (Schönheit, Lyrik), daß der es einsieht. Oder daß sie sich gemeinsam wundern (nicht bewundern), beisammen zu sein. – «Ergänzen« ist angenehm, aber bewundern muß doch auch dabei sein. – Nachgiebigkeit, die den Eigensinn nicht dadurch beleidigt, daß sie zu allgemein ist usw: es gehört viel einzelnes hiezu. – Ich kannte eine glückliche Ehe; er schauspielerisch ehrgeizig und erfolgreich, sie intrigant ehrgeizig, förderte ihn durch Ehebrüche, von denen er nichts wußte, als daß er die mirakulösen Erfolge bewunderte. – Im allgemeinen sind Gemeinschaften besser, denen der Ehebruch u ä. vorangegangen ist.

Ich werde einmal sagen müssen, warum ich für die »flache« Experimentalpsychologie Interesse habe und warum ich keines für Freud, Klages, ja selbst für die Phänomenologie habe.

Zu meinem Verhältnis zur Politik gehört: Ich bin ein Unzufriedener. Die Unzufriedenheit mit dem Vaterland hat sich sanft ironisch niedergeschlagen im Mann ohne Eigenschaften. Ich bin aber auch von der Untauglichkeit des Kapitalismus oder des Bürgertums überzeugt, ohne daß ich mich ja für seine politischen Gegner hätte entschieden. Gewiß darf der Geist unzufrieden mit der Politik sein.

Aber der Geist, der da keine Kompromisse versteht, wird ausgleichenden Männern als zu individualistisch erscheinen.

Von der Realität ausgehend: Das Nebeneinander von Interessen ganz verschiedener Dimension in mir. Die Zukunft und Schuld Deutschlands und der Welt und mein Bedürfnis, mein Werk richtig hinzustellen. So etwas ist störend, zugleich aber auch der reale Ausgangspunkt!

Aufzeichnungen eines Schriftstellers nähme es auf unpersönliche Art. Ich müßte aber auch eine Art haben, wenn nicht mein Werk, so doch meine (einstige) Absicht wichtig zu nehmen. Soweit das nun in den jetzigen Problemkreis des Mann ohne Eigenschaften mündet, ginge es verhältnismäßig leicht. Wie aber die älteren Sachen? Unzeitgemäßer, so berühmter wie unbekannter Schriftsteller? Gegenteil in allem eines Großschriftstellers! Oder einfach Rekonstruktion des schier unbegreiflichen Wegs. Ausgehend von der Jugend, die das Genie, das alles anders machende, im Leibe fühlt? Dazu müßte aber auch der Endpunkt, der Zustand bestimmt sein, in dem die Niederschrift erfolgt. Beherrscht mich Hoffnung, und welche, oder Müdigkeit? Die Wahrheit ist wohl: Überdruß. Aber das ist kein Schaffenszustand. Die Wahrheit ist: Ich beanspruche keinen Erfolg. Aber warum denn nicht? Ich habe ihn doch beinahe! Die Antwort führte wohl auf das Utopische oder die utopischen Voraussetzungen meines Werks. Auf: Literatur als Utopie. Auf den nicht appetitiven, kontemplativen Menschen, für den auch biographisch vieles spricht. Die Ergänzung müßte sein: Bestimmung seiner Funktion und Aufgabe in der wirklichen Welt …

Utopia - Illustration: Stefan Otte
Utopia – Illustration: Stefan Otte

Unentschlossenheit: die Eigenschaft, die mich am meisten gequält hat, die ich am meisten fürchte.

Ich halte es für wichtiger ein Buch zu schreiben als ein Reich zu regieren. Und auch für schwieriger.

Jeder erlebt die Symbole seiner Zeit. Bloß werden sie ihm oft erst spät verständlich.

Einfall: Ich bin der einzige Dichter, der keinen Nachlaß haben wird. Wüßte nicht wie.

Es würde uns freuen, wenn Sie einen Kommentar hinterlassen. Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

error: Content is protected !!