Renée Sintenis • Stark und sanft wie ein Likör • Ein Porträt der Bildhauerin

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„Als ich eines Tages bei Flechtheim in Berlin einige Statuetten betrachtete, sah ich eine sehr große Frau eintreten, ohne Aura würde ich sagen, aber sehr jung, sehr geerdet. Viele sahen ihr nach. Aus ihren Augen lächelte Genugtuung, doch ihr Blick war stark und sanft wie ein Likör.“ – Der französische Dichter Philippe Soupault über Renée Sintenis. 

Wer die unbeschreibliche Anmut, das zarte und zierliche Format ihrer Tierplastiken kennt, erwartet unwillkürlich eine ebenso zarte, zierliche, klein gewachsene Schöpferin  und sieht sich dann etwas betroffen einer Frau von über 1,85 cm gegenüber, äußerst schlank, von sportlich gerader, lockerer Haltung, mit einem streng profilierten herrlichen Kopf, der an einen römischen Centurio denken lässt und manchmal an einen edlen Indianer. Das wahrlich imponierende Äußere ist eine List der Natur, die damit eine überaus empfindsame Seele  zu tarnen versucht hat. Das innere Bild der Renée Sintenis (1888 – 1965) entspricht indessen der Verletzlichkeit und Weichheit der jungen Tiere, die sie mit soviel Liebe und soviel von niemand anderem erreichter Einfühlung erschafft. Sie war hatte fast immer einen Hund um sich. Die langen Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre durch war es ein Welshterrier, und später ein winziger, unbändig temperamentvoller und sehr komischer Cairnterrier, Oskar genannt. Aber es war nie eine Dogge, ein Wolfshund oder sonst eine Rasse, die ihrer eigenen körperlichen Größe entsprochen hätte.

renee_sintenis_mit schnauzerDer Name Sintenis (gebürtige Renate Alice Sintenis) hieß ursprünglich Saint Denis, und die Familie gehörte zu den Hugenotten, die sich nach der Vertreibung aus Frankreich in der Mark Brandenburg niederließen. Ein Zweig ist weiter gewandert und bis nach Riga geraten. Renée Sintenis, deren Vater Jurist war, kam durch irgendeinen Zufall, „auf der Durchreise“, wie sie sagt, in Glatz zur Welt, hat aber ihre ganze glückliche Kindheit in Neuruppin verbracht. Als sie sechzehn war, gab ihr Vater für ein Jahr ein juristisches Gastspiel bei der schwäbischen Industrie, so dass das letzte Schuljahr in Stuttgart absolviert wurde. Aber dann ging die Familie zurück und ließ sich in Berlin nieder, und dort ist Renée Sintenis geblieben, fast ein halbes Jahrhundert lang. Ihre einzige Schwester lebt in Stuttgart, ein Bruder fiel blutjung im I. Weltkrieg, und der Vater, den sie als einen Romantiker bezeichnet, voller Lebensfreude und im Wirtschaftlichen ganz ahnungslos, der Vater starb diesem Sohn aus Kummer nach.

Um jene Zeit war die junge Renée längst fleißige Schülerin der alten Preußischen Akademie, die damals von Bruno geleitet wurde. Wenn auch die Eltern, wie alle Eltern, fanden, dass Malen und Kunst überhaupt kein Beruf sei, so war doch kein Halten möglich. Der Erfolg kam früh und stürmisch. Woran lag es? „Damals machte niemand junge Tiere“, sagte sie als einfache Erklärung. „Es gab Pferde, aber keine Fohlen. Niemand machte Kälbchen oder junge Eselchen.“ Sie „machte“ Sie. So, wie sie unbekümmert auf der Weide spielen, nur ihrem glücklichen eigenen Tierdasein hingegeben, springend, laufend oder ruhend. Das hatte wirklich kein Bildhauer zuvor gesehen und gestaltet.
Renée Sintenis tat das in einer Perfektion, die bis heute keine Parallele hat. Im Bewusstsein der Kunstkenner ist und bleibt sie die Meisterin der kleinen Tierplastik.

Es mag ihr Eigenstes sein, aber es ist nicht das einzige, wozu sie begnadet ist. renee_sintenis3Es gibt ein Selbstbildnis in Ton, von ihr 1915  geformt, das den antikischen Umriss des  schönen Gesichtes schon in der Jugend herausholt, es gibt Polo-Spieler, modernen  Zentauren gleich, und andere Statuen, wie die des Läufers Nurmi, in der ihre besondere Kunst der Bewegungsdarstellung sich ebenso stark manifestiert wie in den springenden Tieren. Es gibt Büsten von André Gide, von Joachim Ringelnatz und anderen, es gibt vor allem eine Fülle von Zeichnungen und Radierungen, selbständige und Buch—Illustrationen. In vielen von ihnen scheint, ebenso wie in den Statuen des Flöte spielenden Knaben aus  den jüngsten Jahren, der Geist Griechenlands neu geboren. Man möchte annehmen, dass die Kunst der Sintenis aus einer langen und innigen Berührung mit den mittelmeerischen Ländern befruchtet worden sei.
In Wirklichkeit ist das Hauptmerkmal ihres Lebens eine außergewöhnliche Sesshaftigkeit. Sie, die mit soviel Können die Bewegung darstellt, Lauf, Sprung, Drehung, die übrigens selbst eine ausgezeichnete Reiterin ist, verlässt nur ungern und selten ihren Wohnsitz Berlin. Ihr persönliches Leben ist, soweit der Außenstehende es beurteilen darf, ohne große Schwankungen verlaufen. Sie hat 1917 den Maler und Graphiker E. R. Weiß geheiratet und fünfundzwanzig Jahre mit ihm in einer schönen tiefen Gemeinschaft gelebt. Weiß, den Badener, zog es immer wieder zum Bodensee, 1942 ist er, der schon lange herzleidend war, eines Morgens in Meersburg nicht mehr erwacht. Renée Sintenis, die mit ihm in einer großen Wohnung des Berliner „alten Westens“ lebte, in der Potsdamer Privatstraße, übersiedelte nach seinem Tod in sein Atelier in der derfflingerstrKurfürstenstraße mit dem großen Dachgarten, auf dem es wirklich Erde mit vielen Blumen und einem weiten Blick über die Dächer von Berlin gab. Dort hat sie, zusammen mit dem niederbayrischen Mädchen, das damals schon seit zwanzig Jahren sie umsorgte und es noch viele Jahre tat, das düstere Grauen der Eroberung von Berlin erlebt und erlitten. Zwischen Phosphorbomben und Stalinorgel hat sie im Winter 1945 jenes letzte Selbstbildnis geschaffen, in dem die Tragik dieser Wochen und aller Schmerz eingefangen scheint, dessen eine menschliche Seele fähig ist. Das Modell hat sie noch kurz vor Kriegsende ihrem Gipsgießer gebracht, und später hat er es unter den Trümmern seines Hauses als einziges unbeschädigtes Stück ausgegraben, ebenso wie ein anderer ihrer Helfer die vergrabene Kiste mit den Modellen ihrer Vorkriegsarbeiten zu retten vermocht hat. Das  Atelierhaus, soweit es noch stand, wurde von den Russen in Brand gesteckt; sie verlor alles, Möbel, Bilder, die große Bibliothek und das Werk ihres verstorbenen Gatten. Die ersten Wochen nach dem Zusammenbruch waren eine Hölle, nicht weniger grausig, als ganz Berlin sie erlebte. Es entspricht ihrem Wesen, ihrer Kunst, dass sie das Leid der Zeit nicht nur im Selbstbildnis ausgedrückt hat, sondern auch in der Kreatur, in der Statue eines Hundes, der mit zurückgeworfenem Kopf auf den Trümmern sitzt und seinen ratlosen Jammer in den Brandhimmel heult …

renee_sintenis_skizzeNun, auch diese Zeit ist vorbeigegangen. Renée Sintenis bekam eine kleine Wohnung, zweieinhalb Zimmer in Schöneberg, zehn Jahre nach dem Krieg eine sehr bescheidene Umgebung für eine der größten und erfolgreichsten deutschen Künstlerinnen. Sie war dann Ordentlicher Professor an der Hochschule für bildende Künste und hat ein Atelier dort, in dem sie einige wenige Schüler unterrichtet. Die eigenen Arbeiten aber entstanden noch immer an einem Holztisch in ihrer Wohnung. Sie ist eine der zwölf Träger des deutschen Friedens — Pour le mérite. Mit sechsundsechzig Jahren ist sie emeritiert worden. Aber das war nur eine Formalität. Sie schaffte weiter. In Goldenerbaerdieser Zeit kam ihr Name in den Mund vieler, die ihn vielleicht früher nie gehört haben: als der kleine Berliner Bär, von ihr gestaltet,  an den Autobahnen begann, die westdeutsche Bevölkerung bescheiden an die Existenz der Hauptstadt zu erinnern.
Niemand anders als Renée Sintenis hätte ihn schaffen können, die Bildhauerin mit dem französischen Namen, deren Leben und Wirken enger mit Berlin verknüpft ist als das irgendeines anderen deutschen Künstlers.

Von ganz anderer Art ist eine ihrer letzten Zeichnungen. Sie zeigt einen Fuchs, der plötzlich stehengeblieben ist und sich einem fremden Geräusch zuwendet. Nur selten ist dieser Augenblick eines Tieres so in die Kontur einer einzigen Linie gebannt worden, die alles enthält: auch schon den nahen Sprung in die Flucht. Manchmal fuhr sie im Sommer nach Kampen und im Frühjahr oder Herbst nach Badenweiler. Für sie, die Sesshafte, war das weiter als heute für die meisten Amerika. Mehr wollte sie nicht. Sie war einer der wenigen schöpferischen Menschen, die der Ferne nicht bedürfen und nicht der Anregung von außen. Sie fand alles in sich, im eigenen, tiefen und stillen Selbst.

Emil Rudolf Weiß, Bildnis Renée Sintenis (Portrait Renée Sintenis), 1929
Emil Rudolf Weiß, Bildnis Renée Sintenis (Portrait Renée Sintenis), 1929
  1. Der Artikel über R. Sintenis hat mir sehr gut gefallen und ich glaube, dass er ihren Charakter sehr treffend beschreibt. Herzlichen Glückwunsch dazu!

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