Ralph Waldo Emerson – Über den Gentleman – 1841/1844

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882
Ralph Waldo Emerson – 1803 bis 1882

Giebt es eine bedeutsamere Thatsache in der modernen Geschichte als die Entstehung des »Gentleman«? Rittertum und Loyalität sind dadurch abgelöst worden, und in der englischen Litteratur haben, von Sir Philipp Sidney angefangen bis zu Walter Scott, die Hälfte aller Dramen und alle Romane die Darstellung dieser Figur zum Gegenstand gewählt. Das Wort »Gentleman,« das, wie das Wort »Christ,« infolge der Wichtigkeit, die ihm beigelegt wird, für die Zukunft das gegenwärtige und die letzt vorhergehenden Jahrhunderte charakterisieren muß, ist eine Huldigung für persönliche Eigenschaften, welche sich nicht mitteilen lassen. Wohl sind frivole und willkürliche Zuthaten mit dem Worte verbunden worden, aber das bleibende Interesse, das die Menschheit daran nimmt, muß den schätzenswerten Eigenschaften, welche es bezeichnet, zugeschrieben werden. Ein Element, das sämtliche kräftigsten Personen jedes Landes eint, sie einander verständlich und angenehm macht und etwas so Präcises ist, daß es augenblicklich empfunden wird, wenn einem Individuum das Freimaurerzeichen fehlt, das kann kein zufälliges Produkt sein, sondern ein Durchschnittsprodukt des Charakters und der Fähigkeiten, die sich in den Menschen allgemein finden. Und zwar scheint es ein gewisser konstanter Durchschnitt zu sein; so wie die Atmosphäre ein konstantes Gemenge ist, während so viel andere Gase sich nur verbinden, um sogleich wieder auseinander zu weichen. Comme il faut ist der französische Ausdruck für gute Gesellschaft » so wie man sein muß.« Es ist eine spontane Frucht der Talente und Gefühle, die eben jene Klasse besitzt, die auch die meiste lebendige Kraft besitzt, die in diesem Augenblick die Führerrolle in der Welt spielt und die, obgleich weit davon entfernt, rein zu sein, weit davon entfernt, über den höchsten und frohesten Ton menschlichen Empfindens zu verfügen, doch so gut ist, als die gesamte Gesellschaft sie eben sein läßt. Es ist mehr ein Produkt des Geistes, der die Menschen belebt, als ihres Talents, und ein höchst zusammengesetztes Produkt, das unter seine Ingredienzien jede größere Kraft aufnimmt, namentlich sittliche Tüchtigkeit, Geist, Schönheit, Reichtum und Macht.Es liegt etwas Zweideutiges in allen Worten, die gebraucht werden, um die Vorzüglichkeit der Manieren und der socialen Bildung zu bezeichnen, weil die Quantitäten sehr schwankend sind, die damit bezeichnet werden sollen, und die letzte Wirkung von den Sinnen für den Grund genommen wird. Es giebt für das Wort »Gentleman« kein entsprechendes Abstraktum, das die damit bezeichnete Qualität ausdrücken würde.  Aber wir müssen in unserer familiären Redeweise sorgfältig den Unterschied zwischen dem Worte »Mode«, einem Worte von enger und oft unglückseliger Bedeutung, und dem heroischen Wesen, das dem Gentleman eigen sein muß, bewahren. Nichtsdestoweniger muß man auf die üblichen Worte Rücksicht nehmen, denn es wird sich zeigen, daß in ihnen die Wurzel der ganzen Sache zu finden ist. Das, was all diese Namen wie Höflichkeit, Ritterlichkeit, elegante Manieren und dergleichen auszeichnet und aus ihnen hervorgeht, ist, daß hier nur die Blüte, nicht die Frucht des Baumes in Betracht gezogen wird. Es ist Schönheit, um die es sich diesmal handelt, nicht Wert. Das Resultat wollen wir untersuchen, obgleich unsere Worte klar genug das Gefühl des Volkes andeuten, daß die Erscheinung auch einen Inhalt voraussetzt. Der Gentleman ist ein Mann der Wahrhaftigkeit, Herr seines Thun und Lassens, und zwar muß er diese Herrschaft in seinem Betragen zeigen, das absolut nichts Abhängiges oder Serviles haben darf, sei es gegen Personen, Meinungen oder Besitz. Außer dieser Wahrhaftigkeit und wirklichen Kraft bedeutet das Wort auch eine gewisse Gutmütigkeit oder Wohlwollen: erstens Mannhaftigkeit, zweitens Milde. Die allgemeine Vorstellung fügt allerdings noch glückliche Vermögensverhältnisse oder Wohlhabenheit hinzu. Aber dies ist nur die natürliche Folge von persönlicher Kraft und Liebe, daß sie auch die Güter dieser Welt besitzen und verteilen sollten. In gewaltthätigen Zeiten wird jeder Mensch wiederholt in die Lage kommen, seine Stämmigkeit und seinen Wert zu erproben; daher kommt es auch, daß jeder Name aus den Zeiten der Feudalität, der sich überhaupt aus der Masse erhebt, wie Trompetenschmettern in unserem Ohre tönt. Aber persönliche Kraft kommt nie aus der Mode. Noch heute steht sie zuhöchst, und in dem beweglichen Gedränge der guten Gesellschaft wird persönliche Tapferkeit und Echtheit bald erkannt und steigt zu ihrer natürlichen Stellung empor. Der Rangstreit ist vom Kriege auf die Felder der Politik und des Handels übergegangen, aber die persönliche Kraft macht sich bald genug in diesen neuen Arenas geltend.

Macht vor allem, oder keine herrschende Klasse! In Politik und Handel haben Raufer und Korsaren mehr Aussichten als Schönredner und Schreiber. Gott weiß, daß alle Arten von »Gentlemen« an unsere Thüren klopfen, aber so oft das Wort im prägnanten Sinne und emphatisch gebraucht wird, wird man immer finden, daß damit eine gewisse ursprüngliche Energie gemeint sein soll. Es bezeichnet einen Mann, der auf eigenem Rechte steht und nicht nach eingelernten Weisen handelt. In einem tüchtigen Herrn muß vor allem ein tüchtiges Tier stecken, wenigstens so weit, daß es ihm den unschätzbaren Vorteil animalischer Lebenskraft gewährt. Die herrschende Klasse muß noch andere Eigenschaften haben, aber diese darf nicht fehlen, denn sie verleiht ihr in jeder Umgebung das Machtgefühl, welches Dinge leicht macht, vor denen der Weise zurückscheut. Die Gesellschaft der energischen Klassen zeigt bei ihren Festen und geselligen Zusammenkünften einen Mut, eine Initiative, die den blassen Gelehrten einschüchtern. Der Mut, den junge Mädchen zeigen, ist kaum geringer, als der in einem Straßenkampf oder in einer Seeschlacht gezeigt wird. Der Verständige verläßt sich gern auf sein Gedächtnis, daß es ihm Hilfstruppen gegen diese extemporierten Schwadronen zur Verfügung stelle. Aber das Gedächtnis ist ein Bettler mit Armenhauszeichen und Bettelsack, wenn es sich in der Gesellschaft plötzlich diesen Meistern der Geistesgegenwart gegenüber sieht. Die Beherrscher der Gesellschaft müssen auf der Höhe der Weltaufgaben und ihrem vielseitigen Amte gewachsen sein, Leute vom echten Cäsarischen Schlage, deren Affinität die weiteste Ausdehnung hat. Ich bin weit davon entfernt, die furchtsame Maxime Lord Falklands für richtig zu halten (»daß zum Ceremonienmeisteramt zwei gehören, da ein kühner Bursch sich durch die spitzfindigsten Formen durchschlägt«), ich bin vielmehr der Meinung, daß der Gentleman dieser kühne Bursche ist, dessen Formen nicht gebrochen werden können; und daß nur eine reiche Natur, die selbst ein Kompliment für jeden ist, der mit ihr in Verkehr tritt, der rechtmäßige Ceremonienmeister ist. Mein Gentleman giebt das Gesetz, wo er hinkommt, er überbetet die Heiligen in der Kirche, übergeneralt die Veteranen im Feld und überstrahlt alle Kourtoisie im Salon. Er ist gute Gesellschaft für Seeräuber wie für Akademiker, sodaß es ganz umsonst ist, Schutzwälle gegen ihn zu errichten, er hat geheimen Zutritt zu allen Geistern, und ich könnte ebensogut mich selbst von mir fernhalten wie ihn. Die berühmten Gentlemen von Asien und Europa waren von diesem kräftigen Schlage: Saladin, Schapur, der Cid, Julius Cäsar, Scipio, Alexander, Pericles und die übrigen adligsten Persönlichkeiten. Sie saßen sehr sorglos in ihren Sesseln und waren selbst zu vorzüglich, um irgend einen äußeren Umstand hoch anzuschlagen.

Ein reichliches Vermögen wird nach dem gewöhnlichen Urteil zur Vervollständigung solch eines Mannes von Welt für nötig erachtet; es ist gleichsam ein materieller Ersatzmann, der dem Reigen folgt, den der Erste führt. Geld ist nicht wesentlich notwendig, wohl aber jene weite Affinität, die sich von den Bräuchen aller Cliquen und Kasten nicht einschränken läßt und sich Leuten aller Klassen fühlbar macht. Wenn der Aristokrat nur in fashionablen Zirkeln zu bestehen vermag und nicht auch unter Packträgern, wird er nie ein Tonangeber in jenen werden; und ein Volksmann, der mit dem vornehmsten Gentleman nicht von gleich zu gleich zu sprechen vermag, sodaß der Gentleman empfindet, daß der andere bereits seinem Stande angehört, der ist nicht zu fürchten. Diogenes, Socrates und Epaminondas sind Leute vom besten Blut, die die Armut vorgezogen haben, wo ihnen der Reichtum gleichermaßen zu Gebote stand. Ich gebrauche diese alten Namen, aber die Leute, die ich meine, sind meine Zeitgenossen. Das Glück giebt nicht jeder Generation einen jener auserwählten Edelleute, aber jede größere Menge von Menschen liefert Exemplare der Gattung; und die Politik dieses Landes und der Handel in jeder Stadt werden von diesen kühnen und unverantwortlichen Thatmenschen dirigiert, die genug Erfindungsgabe haben, um die Führung zu übernehmen und eine breite Sympathie, die ihnen eine gewisse Kameradschaft mit jeder Volksmasse verleiht und ihre Handlungen populär macht.

Die Manieren dieser Klasse werden von allen Leuten von Geschmack scharf beobachtet und mit Andacht aufgegriffen. Die Geselligkeit dieser Meister und Herren untereinander und mit Leuten, die ihre Verdienste erkennen, ist eine wechselseitig erfreuliche und anregende. Die guten Formen, die glücklichsten Ausdrücke eines jeden werden wiederholt und allgemein angenommen. Mit rascher Übereinstimmung wird alles Überflüssige fallen gelassen, alles Graziöse wiederholt. Vornehme Manieren erweisen sich dem Ungebildeten fruchtbar; es giebt keine feinere Verteidigungswaffe als sie, sowohl zum Parieren als zum Einschüchtern; aber sowie die Geschicklichkeit des Gegners sich ihnen gewachsen zeigt, senken sie die Degenspitze; Hieb und Parade hört auf, und der junge Mann befindet sich in einer durchsichtigeren Atmosphäre, in der das Leben ein minder verdrießliches Spiel ist, in der sich zwischen den Spielern keine Mißverständnisse erheben. Feine Manieren haben den Zweck, das Leben zu erleichtern, Hindernisse aus dem Wege zu räumen und die Energie des Menschen rein und ungehemmt zur Wirkung zu bringen. Sie unterstützen unseren Verkehr und unsere Konversation, wie die Eisenbahnen das Reisen, indem sie alle vermeidlichen Hindernisse aus dem Wege räumen und nichts als den reinen Raum zu überwinden übrig lassen. Diese Formen werden alsbald fixiert, und ein feiner Sinn für das Anständige wird um so sorgsamer gepflegt, sodaß er zuletzt ein Zeichen socialer und staatlicher Vornehmheit wird. Und damit wächst auch die Mode empor, ein zweideutiges Wesen von ähnlichem Schein, das Mächtigste, das Fantastischste und Frivolste, das Gefürchtetste und Vergöttertste von allen, gegen das Moral und Gewaltthätigkeit umsonst ankämpfen.

Immer besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Klasse, die die Macht in Händen hält, und den exklusiven und eleganten Kreisen. Die letzteren sind stets von der ersten gefüllt und ergänzen sich beständig aus ihr. Die Männer der Thatkraft machen in der Regel selbst dem Übermut der Mode gewisse Konzessionen, weil sie eben in ihr etwas Verwandtes erkennen. Napoleon, das Kind der Revolution, der Vernichter der alten Noblesse, hörte nie auf, dem Faubourg St. Germain schön zu thun; unzweifelhaft in dem Gefühl, daß die Elegance eine Huldigung für Leute seines Schlages bedeutet. Die elegante Mode wird auf diesem sonderbaren Umwege zu einer Repräsentantin aller männlichen Tüchtigkeit. Sie ist gleichsam eine in Saat aufgegangene Tüchtigkeit, eine Art posthumer Ehre. Selten schmeichelt sie den Großen, wohl aber den Kindern der Großen; sie ist eine Halle der Vergangenheit. Ja sie nimmt gewöhnlich gegen die Großen der gegenwärtigen Stunde eine feindselige Haltung ein. Große Männer sind auch in ihren Salons nicht gewöhnlich zu sehen; sie sind im Felde abwesend; sie sind mit der Arbeit, nicht mit dem Triumphieren beschäftigt. Die eleganten Kreise werden durch und für ihre Kinder gebildet, für diejenigen, die durch irgend jemands Tapferkeit und Tüchtigkeit einen glanzvollen Namen, eine hervorragende Stellung erworben haben, sowie Mittel zur allseitigen Ausbildung und generösem Auftreten, und in ihrer physischen Konstitution eine gewisse Gesundheit und Vorzüglichkeit, die ihnen, wenn auch nicht die höchste Leistungsfähigkeit, so doch eine hohe Genußfähigkeit sichert. Die Klasse der Thatkraft, die schaffenden Helden, die Cortez, die Nelson, die Napoleon, erkennen, daß dies ein Fest und eine permanente Feier für ihresgleichen ist, daß die eleganten Formen der Mode kapitalisiertes Talent, dünngeprägtes Mexiko, Marengo und Trafalgar sind, daß die glänzenden Namen des Tages stets auf so geschäftige Namen wie die ihren um fünfzig oder sechzig Jahre zurückführen. Sie sind die Säleute, ihre Söhne werden die Erntenden sein, und deren Söhne werden wieder im gewöhnlichen Lauf der Dinge den Besitz der Ernte neuen Bewerbern mit schärferen Augen und kräftigeren Muskulaturen überlassen müssen. Die Stadt rekrutiert sich immer aus dem Lande. Im Jahre 1805, heißt es, waren alle legitimen Monarchen Europas schwachsinnig. Die Stadt wäre längst ausgestorben, verfault und verpufft, wenn sie nicht neues Blut aus den Feldern bekommen hätte. Was heute Stadt und Hof ist, ist nichts als Land, das vorgestern zum Stadtthore hereingewandert ist.

Aristokratie und Mode sind zwei unvermeidliche Produkte der menschlichen Gesellschaft. Diese wechselseitige Auswahl ist unaustilgbar. Wenn sie den Zorn der mindest begünstigten Klassen erregt und die ausgeschlossene Majorität sich an der exklusiven Minorität mit roher Kraft rächt und sie tötet, so findet sich sofort wieder eine neue Klasse zu oberst, so gewiß, wie die Sahne im Milchtopf emporsteigt, und wenn das Volk eine Aristokratie nach der andern vernichten würde, bis zuletzt nur zwei Menschen übrig wären, so würde einer dieser beiden der Meister sein und von dem anderen unwillkürlich bedient und kopiert werden. Man kann diese Minorität geflissentlich übersehen und unberücksichtigt lassen, aber sie hat das zäheste Leben und wird immer einen Stand im Reiche bilden. Diese Zähigkeit setzt mich umsomehr in Staunen, wenn ich ihre Wirksamkeit beobachte. Sie befolgt die Anordnung so unwichtiger Dinge, daß man an irgend welche Dauer ihrer Herrschaft nicht glauben sollte. Wir sehen manchmal Leute, die unter einem starken moralischen Einfluß stehen – denken wir z. B. an eine patriotische, eine litterarische, eine religiöse Bewegung, – und fühlen, wie das sittliche Gefühl über Natur und Menschen die Herrschaft führt. Wir meinen, daß alle anderen Bande und Unterschiede geringwertig und flüchtig sein müssen, insbesondere die der Kasten und der Mode: aber Jahr aus Jahr ein können wir bemerken, wie permanent dieselben sind, selbst im Leben von Boston und Newyork, wo sie in den Landesgesetzen auch nicht die geringste Stütze finden. Nicht in Ägypten oder Indien giebt es eine festere oder unüberschreitbarere Grenzlinie. Es giebt wohl Vereinigungen, wo diese Fäden über, unter und durch einander laufen, kaufmännische Vereine, Truppenkörper, Universitätsklassen, Schießklubs, professionelle Genossenschaften, politische und religiöse Versammlungen, – die Leute scheinen sich unzertrennlich nahe zu kommen; aber die Versammlung ist auseinandergegangen, und im ganzen Jahr kommen die Leute nicht mehr zusammen. Jeder kehrt zu seinem Grad in der Scala der guten Gesellschaft zurück, Porzellan bleibt Porzellan, und Irdenware bleibt Irdenware. Die Gegenstände der Mode mögen frivol oder die Mode gegenstandslos sein – das Wesen dieser Vereinigung und Auswahl kann weder frivoler noch zufälliger Natur sein. Der Rang, den jeder Mann in dieser vollkommenen Stufenleiter einnimmt, hängt von einer gewissen Symmetrie in seinem Wesen oder von einer gewissen Anpassung seines Wesens an die Symmetrie der Gesellschaft ab. Ihre Thore öffnen sich augenblicklich für jeden Anspruch von ihrer eigenen Art. Ein natürlicher Gentleman findet den Weg hinein und vermag den ältesten Patrizier fernzuhalten, der seinen innerlichen Rang verloren hat. Eleganz wird überall verstanden, die Wohlerzogenheit und persönliche Superiorität jeden Landes fraternisiert sogleich mit der jedes anderen. Die Häuptlinge wilder Stämme haben sich in Paris und London durch die Vorzüglichkeit ihrer Haltung ausgezeichnet.

Um das beste von Eleganz und Mode zu sagen, was sich von ihr sagen läßt: sie beruht auf Echtheit und haßt nichts so sehr wie Betrüger; – betrügerische Parvenus zu mystifizieren und auszuschließen und auf ewig aus ihren Kreisen zu verbannen ist ihr Entzücken. Jede andere Eigenschaft der Weltleute mag uns bei Gelegenheit verächtlich erscheinen, aber die Gewohnheit auch in kleinen und kleinsten Angelegenheiten sich auf nichts als auf sein eigenes Anstandsgefühl zu verlassen, bildet die Basis allen Rittertums. Es giebt fast keine Art von Selbständigkeit, soweit sie nur gesund und harmonisch ist, die die Mode nicht gelegentlich adoptieren und in ihren Salons willkommen heißen würde. Eine reine, hohe Seele ist immer elegant und dringt, wenn sie will, unbehelligt bis in den ängstlichst gehüteten Kreis. Aber auch Jockel der Fuhrmann kommt durch irgend ein ganz besonderes Ereignis eines Tages hinein und findet Gunst, so lange die neue Umgebung ihm nicht den Kopf verdreht und seine Nagelschuhe nicht bei Walzer und Kotillon mitzutanzen verlangen. Denn es giebt überhaupt keine ein- für allemal festgesetzten Manieren, sondern die Gesetze des Betragens fügen sich der Energie der Individualitäten. Das Mädchen auf ihrem ersten Ball, der Landmann bei einem städtischen Diner, glauben, daß ein Ritualgesetz existiere, nach dem jede Handlung und jedes Kompliment vorgenommen werden müsse, bei sonstigem Ausschluß des Verstoßenden aus der Gesellschaft. Später lernen sie, daß gesunder Verstand und Persönlichkeit sich ihre Formen in jedem Augenblick selbst schaffen und je nach Belieben sprechen oder schweigen, Wein nehmen oder ausschlagen, bleiben oder fortgehen, auf dem Sessel sitzen oder mit den Kindern auf der Erde kriechen, oder auch sich auf den Kopf stellen oder was immer thun, wenn es nur in einer neuen, in einer ursprünglichen Weise geschieht; und daß ein starker Wille immer in der Mode ist, mag sonst wer will aus der Mode sein. Alles was die gute Gesellschaft verlangt, ist Selbstbeherrschung und Selbstgenügen. Ein Kreis von vollkommen wohlerzogenen Leuten wäre eine Gesellschaft vernünftiger Personen, in den jedes einzelnen angeborene Art und Persönlichkeit zu Tage treten müßten. Wenn ein eleganter Herr diese Eigenschaft nicht hat, dann ist er überhaupt nichts. Wir haben eine solche Vorliebe für alle Selbständigkeit, daß wir einem Manne viele Sünden vergeben, wenn er nur eine vollkommene Zufriedenheit mit seiner Position zeigt und nicht erst meine gute Meinung oder die irgend eines anderen um die Erlaubnis fragt, so zu sein, wie er ist. Aber jede Nachahmung irgend eines hervorragenden Mannes oder einer Weltdame verscherzt sofort jedes Adelsvorrecht. Das ist ein Untergebener: Ich habe nichts mit ihm zu thun; ich will mit seinem Herrn sprechen. Ein Mann sollte nirgends hingehen, wohin er nicht seine ganze Gesellschaftssphäre mitbringen kann, nicht etwa körperlich seinen ganzen Freundeskreis, wohl aber die Atmosphäre desselben. Er muß in einer neuen Gesellschaft dieselbe geistige Haltung, dieselbe Realität der Beziehungen, welche ihn mit seinen täglichen Gefährten verbinden, aufrecht erhalten, sonst wird er sich seiner besten Strahlen beraubt und in dem fröhlichsten Klub als arme Waise fühlen. »Ja, wenn Sie Vich Jan Vohr mit seinem Kometenschweif sehen könnten!« – Aber Vich Jan Vohr muß sein Gefolge in irgend einer Art überallhin mitbringen, wenn nicht in seinem Geleite als eine Zier, so als Verunstaltung von ihm getrennt.

Immer finden sich in der Gesellschaft gewisse Leute, die die Merkure ihrer Gunst sind, und deren Blick den Neugierigen jederzeit ihre Stellung in der Welt verkündet. Dies sind die Kammerdiener der niederen Götter. Nehmt ihre Kühle als ein Zeichen der Gnade der erhabenen Gottheiten hin und laßt ihnen all ihre Privilegien. Sie sind zweifellos in ihrem Amte, auch könnten sie ohne gewisse eigene Verdienste nicht so furchtbar sein. Nur darf man die Wichtigkeit dieser Gattung nicht nach ihrer Anmaßung beurteilen oder wirklich glauben, daß ein Geck Ehre und Schande zuteilen kann. Sie zählen auch genau nach ihrem Werte; denn wie könnte das anders sein in Kreisen, die gleichsam als ein Heroldsamt für das Aussieben der Persönlichkeiten existieren?

Da das erste, was ein Mensch vom anderen verlangt, Echtheit ist, so tritt sie auch in allen Gesellschaftsformen zutage. Wir stellen die Leute einander mit genauer Bezeichnung ihres Namens vor. Wisset, ihr, vor Himmel und Erde, daß dies Andreas und dieser Gregor ist; – sie sehen einander ins Auge, sie fassen einander an der Hand, um einander zu identificieren und gleichsam ein Signalement zu nehmen. Es gewährt eine große Befriedigung. Ein Gentleman gebraucht keine Kniffe; seine Augen sehen geradeaus, und er versichert den anderen vor allem, daß er, der andere, tatsächlich mit ihm zusammengetroffen ist. Denn was ist es denn, was wir bei all unseren Besuchen und all unserer Gastfreundlichkeit eigentlich suchen? Sind es eure Draperien, eure Bilder und Dekorationsstücke? Oder fragen wir nicht unersättlich: War ein Mensch in dem Hause? Es kann mir leicht begegnen, daß ich in den größten Haushalt eintrete, wo es eine Fülle von Dingen giebt, die trefflichste Einrichtung, was Komfort, Luxus und guten Geschmack anbelangt, und ich darin dennoch keinem Amphitryon begegne, der diese Anhängsel sich unterzuordnen imstande wäre. Und ich kann in eine Hütte kommen und einen Bauern finden, der fühlt, daß er der Mann ist, zu dem ich komme, und mir dementsprechend aufrecht und stramm entgegentritt. Es war daher eine sehr natürliche Vorschrift der alten feudalen Etiquette, daß ein Edelmann, der einen Besuch empfing, und wäre es der seines Souveräns, nie sein Haus verlassen, sondern den Gast am Thore erwarten mußte. Denn kein Haus, und wären es die Tuilerien oder der Escurial, ist irgend etwas wert ohne den Hausherrn. Und doch werden wir selten genug durch solche Gastlichkeit erfreut. Jedermann, den wir kennen, umgiebt sich selbst mit einem schönen Haus, schönen Büchern, mit einem Gewächshaus, mit Gärten, Equipagen, und aller Art von Spielzeug, um es wie Lichtschirme zwischen sich und seinen Gast zu schieben. Sieht es nicht so aus, als ob der Mensch sehr scheuer, ausweichender Natur wäre, und nichts so sehr fürchtete, als eine volle Begegnung, Aug‘ in Auge mit seinem Nebenmenschen? Es wäre unbarmherzig, ich weiß es, diese Schirme ganz abzuschaffen, die ja die höchste Bequemlichkeit sind, wenn der Gast zu groß oder zu klein ist. Wir rufen eine Menge Freunde zusammen, die einander wechselseitig in Beschäftigung erhalten, oder wir unterhalten die jungen Leute mit Leckerbissen und Zieraten und wahren dabei unsere Zurückgezogenheit. Aber wenn zufällig ein forschender Realist an unser Thor kommt, vor dessen Augen wir nicht gern treten möchten, dann laufen wir wieder hinter unseren Vorhang und verstecken uns, wie Adam vor der Stimme des Herrn im Garten Eden that. Kardinal Caprara, der päpstliche Legat in Paris, schützte sich vor den Blicken Napoleons hinter einem Paar ungeheuer großer grüner Augengläser. Napoleon bemerkte sie und spottete sie ihm bald wieder herunter, und doch war Napoleon seinerseits, mit den achthundertausend Mann, die hinter ihm standen, nicht groß genug, einem Paar freigeborener Augen Stand zu halten, sondern zog die Etiquette und ein dreifaches Verhau von Reserve um sich und ließ, wie alle Welt durch Madame de Staël weiß, sobald er sich beobachtet sah, allen Ausdruck von seinem Gesichte schwinden. Aber Kaiser und reiche Leute sind keineswegs die geschicktesten Lehrer guter Manieren. Keine Rentenkasse und kein Armeeschematismus kann der Schleicherei und Verstellung Würde verleihen, und der erste Punkt aller Courtoisie muß immer Wahrhaftigkeit sein, wie denn auch wirklich alle gute Erziehung diesen Weg weist.

Eben habe ich in Mr. Hazlitts Übersetzung Montaigues Bericht von seiner italienischen Reise gelesen, und nichts fiel mir angenehmer darin auf als die Selbstachtung, die in den Sitten der Zeit lag. Seine Ankunft in jedem Ort, die Ankunft eines französischen Edelmannes, ist ein Ereignis von einiger Bedeutung. Wo immer sein Weg ihn führt, macht er jedem Fürsten oder größeren Edelmann auf seinem Wege einen Besuch, gleichsam als eine Pflicht gegen sich selbst, sowie gegen die gute Sitte. Wenn er ein Haus verläßt, in dem er ein paar Wochen gewohnt hat, so läßt er sein Wappen malen und als ein dauerndes Andenken für das Haus an die Wand hängen, wie es unter Edelleuten Sitte war.

Die notwendige Ergänzung dieser graziösen Selbstachtung und zugleich das, was ich von aller guten Erziehung vor allem fordere, und der Punkt, auf dem ich am strengsten bestehe, ist gegenseitige Ehrerbietigkeit. Ich sehe es gern, wenn jeder Sessel ein Thron ist und von einem König eingenommen wird. Ich ziehe eine Spur von Steifheit einer excessiven Kameradschaftlichkeit vor. Die Gegenstände der Natur, die sich nie ganz berühren können, und die metaphysische Isolierung des Menschen sollten uns Unabhängigkeit lehren. Wir müssen nicht gar zu bekannt werden. Ich wollte, jeder Mann träte in sein Haus durch eine mit Heroen- und Götterbildern geschmückte Halle ein, damit es ihm nicht an einer Mahnung zur Ruhe und Gewichtigkeit fehlte. Wir sollten uns jeden Morgen begegnen, als kämen wir aus fernen Landen, und wenn wir den Tag miteinander verbracht, uns abends verlassen, als zögen wir in ferne Lande. In allem möchte ich den Menschen gleichsam auf einer unverletzlichen Insel wissen. Laßt uns in einiger Entfernung von einander uns niedersetzen und von Gipfel zu Gipfel sprechen wie die Götter auf dem Olymp. Kein Grad der Zuneigung darf dieses Heiligtum verletzen. Dies ist Myrrhe und Rosmarin, um die volle Süße für einander zu bewahren. Selbst Liebende müßten eine gewisse Fremdheit behalten. Wenn sie einander zu viel gestatten, wird das ganze Verhältnis verwirrt und gemein. Es ist leicht, diese Ehrerbietigkeit bis zum Maß der chinesischen Etiquette zu übertreiben; aber eine gewisse Kühle, ein Fehlen aller Hitze und Eile verrät vornehmes Wesen. Ein Gentleman macht keinen Lärm, eine Dame ist gelassen. Wir fühlen einen entsprechenden Widerwillen gegen jene Eindringlinge, die ein stilles Haus mit Lärm und Hinundherrennen füllen, um sich irgend welche armselige Bequemlichkeiten zu sichern. Nicht weniger mißfällt mir ein niedriges Mitgefühl mit den Bedürfnissen unseres Nachbars. Müssen wir in einem so guten Einverständnis mit unseren wechselseitigen Gaumen leben, wie thörichte Leute, die lange miteinander gelebt haben, genau wissen, wann der andere Zucker oder Salz haben will? Ich ersuche meinen Gefährten, wenn er Brot haben will, Brot zu verlangen, und wenn er Sassafras oder Arsenik wünscht, mich darum zu bitten, und nicht seinen Teller herzuhalten, als müßte ich schon wissen, was er will. Jede natürliche Verrichtung kann durch Bedächtigkeit und Zurückgezogenheit würdiger gemacht werden. Die Eile bleibe den Sklaven. Alle Komplimente und Ceremonien unserer Lebensart sollten, wenn auch noch so entfernt, eine Erinnerung an die Größe unserer Bestimmung bedeuten.

Die Blüte der Courtoisie verträgt das Anfassen nicht gut; wenn wir es dennoch wagen, ein weiteres Blatt zu öffnen und zu forschen, welche Elemente sich zu ihrer Bildung vereinigen müssen, so werden wir auch eine geistige Qualität finden. Bei den Führern der Menschen muß das Hirn so gut wie das Fleisch und das Herz seinen entsprechenden Anteil haben. Mangelhafte Manieren bedeuten meistens den Mangel eines feinen Empfindungsvermögens. Diese Menschen sind zu grob gearbeitet, als daß sie das nötige Feingefühl für ein schönes Betragen und zierliche Sitte haben könnten. Zur Wohlerzogenheit reicht eine Vereinigung von Güte und Unabhängigkeit nicht völlig aus. Wir verlangen von den Leuten, mit denen wir verkehren, gebieterisch Empfindung, ja Ehrfurcht vor dem Schönen. Im Feld und in der Werkstatt sind andere Tugenden vonnöten, aber in den Leuten, mit denen wir zusammensitzen, ist ein gewisser Grad von Geschmack unerläßlich. Ich könnte eher mit einem Menschen essen, der unwahr ist oder die Gesetze nicht achtet, als mit einer schmutzigen und unsalonfähigen Person. Sittliche Qualitäten regieren die Welt, aber auf kurze Entfernungen sind die Sinne Despoten! Dieselbe Unterscheidung des Nützlichen und Schönen kehrt, wenn auch mit geringerer Bedeutung, in allen Verhältnissen des Lebens wieder. Der allgemeine Geist der energischen Klasse ist gesunder Menschenverstand, der unter gewissen Beschränkungen und für gewisse Ziele arbeitet. Sie nimmt jede natürliche Gabe gastlich auf. Ihrer ganzen Natur nach gesellig, achtet sie alles, was die Menschen zu einen strebt. Vor allem aber ist das Maß ihre Freude. Der Sinn fürs Schöne ist hauptsächlich Sinn für Maß und richtige Verhältnisse. Eine Person, welche schreit, den Superlativ gebraucht, oder hitzig konversiert, jagt einen ganzen Salon in die Flucht. Wenn ihr geliebt werden wollt, so liebt das Maß. Man muß ein Genie oder ein ganz außergewöhnlich brauchbarer Mensch sein, um den Mangel an Maß gutzumachen. Dieses Feingefühl ist noch nötig, um alle Teile des socialen Instruments zu glätten und zu vervollkommnen. Die Gesellschaft verzeiht einem Genie oder außerordentlichen Gaben sehr viel, aber da sie ihrer Natur nach ein Konvent ist, so liebt sie das Konventionelle, das heißt: das, was zum Zusammenkommen gehört. Gut oder Schlecht bedeutet bei Manieren das, was die Geselligkeit fördert oder beeinträchtigt. Denn elegante Form ist nicht absoluter gesunder Verstand, sondern relativer, nicht der gesunde Verstand des Einzelnen, sondern gesunder Verstand, soweit er die Geselligkeit unterhält. Sie haßt alle Ecken und scharfen Spitzen der Charaktere; sie haßt streitsüchtige, egoistische, einsiedlerische, finstere Leute; sie haßt alles was die totale Berührung der Gesellschaft beeinträchtigen kann; dagegen schätzt sie als im höchsten Grade erfrischend alle Eigentümlichkeiten, die mit guter Geselligkeit verträglich sind. Und abgesehen von der allgemeinen Beimengung von Geist und Witz, die alle Artigkeit erhöhen, ist der volle Glanz geistiger Bedeutung der guten Gesellschaft immer willkommen als die köstlichste Zuthat zu ihrer Herrschaft und zu ihrem Ansehen.

Das trockene Licht muß leuchten, um unserem Feste Glanz zu geben, aber es muß gedämpft und schattiert werden, sonst verletzt selbst das Licht. Genauigkeit ist der Schönheit wesentlich, und rasche Auffassung der Höflichkeit, aber doch nicht allzu rasche. Man kann zu pünktlich, zu genau sein. Wer in den Palast der Schönheit eintritt, muß die geschäftliche Allwissenheit vor der Thür lassen. Die Gesellschaft liebt Kreolennaturen und schläfrige, matte Manieren, wenn sie nur Verstand, Anmut und guten Willen verdecken, ihr gefällt eine Art von schlaftrunkener Stärke, die jede Kritik entwaffnet, vielleicht weil solche Leute ihre Kraft für den besten Teil des Spieles aufzusparen und sich nicht in Oberflächlichkeiten auszugeben scheinen; ein unwissendes Auge, das all die Verdrießlichkeiten, Notlügen und Unbequemlichkeiten nicht sieht, die dem Empfindsamen die Stirn in Falten legen und seine Stimme ersticken.

Daher verlangt die Gesellschaft von ihrer patrizischen Klasse außer persönlicher Kraft und so viel Empfindungsvermögen als nötig ist, um einen nie fehlgehenden Takt hervorzubringen, ein anderes bereits angedeutetes Element, welches sie in bedeutsamer Weise als »Liebenswürdigkeit« bezeichnet, ein Ausdruck, der alle Grade der Generosität, von der geringsten Gefälligkeit und Bereitwilligkeit bis hinauf zu den Höhen der Hochherzigkeit und Liebe, umschließt. Einsicht müssen wir haben, sonst rennen wir einander um und verfehlen den Weg zu unserer Nahrung; aber der bloße Verstand ist selbstsüchtig und unfruchtbar. Das Geheimnis gesellschaftlichen Erfolges ist eine gewisse Herzlichkeit und Sympathie. Ein Mensch, der sich in der Gesellschaft nicht wohl fühlt, wird bei aller Anstrengung kein Wort in seinem Gedächtnis finden, das zur Gelegenheit paßt, und all sein Wissen wird beinahe impertinent erscheinen. Ein Mensch, der sich in ihr wohl fühlt, findet bei jeder Wendung des Gespräches gleich glückliche Gelegenheiten, das anzubringen, was er zu sagen hat. Die Lieblinge der Gesellschaft, diejenigen, welche sie »ganze Leute« nennt, sind fähige Menschen mit mehr Feuer als Witz, die keinen unbequemen Egoismus haben, sondern immer zu gelegener Stunde und Gesellschaft kommen, die bei einer Hochzeit oder einem Begräbnis, auf einem Ball oder auf der Geschworenenbank, bei einer Kahnpartie oder einem Jagdausflug sich zufrieden fühlen und die anderen zufrieden stellen. England, das überhaupt reich an Gentlemen ist, bot im Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts ein treffliches Muster des Genius, den die Welt liebt, in Mr. Fox, der mit seinen großen Fähigkeiten die geselligsten Anlagen und die wahrhafteste Menschenliebe verband. Die parlamentarische Geschichte hat wenig schönere Stellen aufzuweisen als die Debatte, in der Burke und Fox sich im Haus der Gemeinen trennten, als Fox seinem alten Freunde die Ansprüche alter Freundschaft mit solcher Innigkeit vorhielt, daß das Haus zu Thränen bewegt wurde. Eine andere Anekdote gehört so zu meinem Gegenstande, daß ich die Erzählung riskiere. Ein Geschäftsmann, der ihn lange mit einem Schuldschein über dreihundert Guineen verfolgt hatte, fand ihn eines Tages mit dem Zählen von Goldmünzen beschäftigt und verlangte Zahlung. »Nein,« sagte Fox, »dieses Geld schulde ich Sheridan; es ist eine Ehrenschuld, und wenn mich ein Unfall trifft, so hat er nichts vorzuweisen.« »Dann,« sagte der Gläubiger, »verwandle ich meine Forderung in eine Ehrenschuld,« und zerriß den Schuldschein in kleine Stücke. Fox dankte dem Mann für sein Vertrauen und zahlte ihm sofort mit den Worten, »daß seine Forderung die ältere sei und Sheridan warten müsse.« Ein Verfechter der Freiheit, der Freund der Hindus, der Freund der afrikanischen Sklaven, besaß er eine große persönliche Popularität: und Napoleon sagte von ihm gelegentlich seines Besuches in Paris im Jahre 1805: »Mr. Fox wird in jeder Gesellschaft in den Tuilerien immer den ersten Platz einnehmen.«

Wir können uns bei unserer Lobrede auf die feine Sitte leicht lächerlich machen, wenn wir so sehr betonen, daß das Wohlwollen ihre Grundlage bildet. Das bemalte Gespenst der eleganten Mode erhebt sich und scheint eine Art von Hohn, auf das, was wir da sagen, herabzuschütten. Aber ich lasse mich weder davon abbringen, der Mode, als einer symbolischen Einrichtung einige Berechtigung zuzuerkennen, noch werde ich den Glauben aufgeben, daß Liebe die Basis der Höflichkeit ist. Wenn irgend möglich, wollen wir auch das erstere durchsetzen, aber den zweiten Punkt müssen wir mit Aller Entschiedenheit behaupten. Das Leben verdankt diesen scharfen Kontrasten viel von seiner Lebendigkeit. Die Eleganz, die sich für Ehre ausgiebt, ist nach der Erfahrung aller oft nichts weiter als ein Ballsaalkodex. Dennoch liegt, so lange sie in der Phantasie der besten Köpfe auf unserem Planeten den höchsten Kreis bildet, etwas notwendiges und vortreffliches in ihr; denn es ist nicht anzunehmen, daß die Leute übereingekommen sind, sich von einer Verkehrtheit foppen zu lassen; und der Respekt, den diese Geheimnisse dem rauhesten Waldmenschen einflößen, und die Neugier, mit welcher alle Details aus dem High-life gelesen werden, verrät, wie allgemein die Vorliebe für elegante Manieren ist. Ich weiß wohl, daß sich eine komische Unzulänglichkeit fühlbar machen würde, wenn wir in die anerkannten »ersten Kreise« eintreten und die Individuen, die wir wirklich daselbst antreffen, nach diesem furchtbaren Maßstab von Gerechtigkeit, Schönheit und Wohlthätigkeit messen würden. Diese Elegants sind keine Monarchen und keine Helden, sind weder weise noch liebevoll. Die Mode hat viele Klassen und viele Reglements für Legitimierung und Zulassung, und nicht immer die besten. Da gilt nicht nur das Recht der Eroberung, das das Genie geltend macht, – das Individuum, das seine natürliche Aristokratie, als Bester der Besten, erweist, – sondern eine Zeit lang passieren auch geringere Ansprüche; denn die Mode liebt Löwen und liebt es auch wie Circe, auf ihre gehörnte Gesellschaft weisen zu können. Dieser Herr hier ist heute Nachmittag aus Dänemark angekommen, und dort steht mein Lord Ride, der gestern aus Bagdad zurückgekehrt ist, hier ist Kapitän Friese vom Kap Kehrwiederum, und Kapitän Symmes aus dem Innern der Erde; Monsieur Jovaire, der heute morgen im Ballon herabgekommen ist; Mr. Hobnail, der bekannte Reformator, und der hochwürdige Jul Bat, der die ganze heiße Zone mit seiner Sonntagsschule bekehrt hat; Signor Torre del Greco, der den Vesuv ausgelöscht hat, indem er die Bucht von Neapel hineinschüttete; Spahi, der persische Gesandte, und Tul Wil Shan, der exilierte Nabob von Nepaul, der den Neumond als Sattel benutzt. – Aber das sind lauter Eintagsungetüme, die morgen wieder in ihre Löcher und Höhlen entlassen werden; denn in diesen Räumen ist kein Sessel, auf den nicht bereits jemand warten würde. Der Künstler, der Gelehrte, die Geistlichkeit im allgemeinen, machen ihren Weg zu diesen Plätzen und finden ihre Vertretung in jenen Kreisen ungefähr nach dem gleichen Rechte der Eroberung. Andere wieder machen alle Grade durch, bringen Jahr und Tag auf dem Korso zu, gut in Eau de Cologne getaucht, gut parfümiert, gut diniert und eingeführt, und in aller Biographie, Politik und allem Klatsch der Boudoirs gehörig unterrichtet.

Aber all dieser Aufputz kann Witz und Grazie haben. Die Thore und Räume der Tempel mögen mit groteskem Schuhwerk verziert sein, dem Glauben und den Geboten mag oft genug in der frechen Form der Parodie gehuldigt werden. Die Formen der Höflichkeit drücken allgemein den höchsten Grad des Wohlwollens aus. Wie nun, wenn sie im Munde selbstischer Menschen und zu selbstischen Zwecken gebraucht werden? Wenn der falsche Gentleman den echten beinahe zur Welt hinauskomplimentiert? Wenn der falsche Gentleman es zuwege bringt, mit seinesgleichen derart das Wort zu führen, daß er in der höflichsten Weise alle anderen aus seinem Gespräch ausschließt und sie sich auch als ausgeschlossen fühlen läßt? – Wahrhafte Leistungen werden trotz alledem ihren Adel nicht verlieren. Die Vornehmheit ist nicht auf die Franzosen und auf das Sentimentale beschränkt; auch läßt es sich nicht verhüten, daß lebendiges Blut und eine leidenschaftliche Güte zuletzt immer den Gentleman, den Gott geschaffen, von dem, den die Mode geschaffen, unterscheiden. Die Grabschrift Sir Jenkin Grouts ist auch unserer Zeit nicht ganz unverständlich:

»Hier ruht Sir Jenkin Grout, der seinen Freund liebte und seinen Feind zu gewinnen wußte – was sein Mund aß, das bezahlte seine Hand – was seine Diener raubten, gab er zurück – wenn ein Weib ihm Freude gab, verließ er es nicht in ihren Schmerzen – nie vergaß er seine Kinder – und wer seinen Finger berührte, fand seine ganze Hand.«

Selbst die Reihe der Helden ist noch nicht gänzlich erloschen. Immer noch findet sich irgend ein bewundernswerter Mensch in einfacher Kleidung, der auf dem Damm steht und hineinspringt, um einen Ertrinkenden zu retten; immer noch giebt es einen thörichten Erfinder neuer Barmherzigkeiten, immer noch Führer und Tröster entlaufener Sklaven, Polenfreunde und Philhellenen; einen Fanatiker, der Obstgärten anlegt, wenn er alt ist, und Bäume pflanzt, die der zweiten und dritten Generation ihren Schatten geben werden; irgend eine gut verborgene Pietät, einen Gerechten, der trotz üblem Rufe glücklich ist; einen Jüngling, der sich der Wohlthaten des Glückes schämt und sie ungeduldig auf fremde Schultern lädt. Und diese sind trotz allem die Centra der Gesellschaft, zu denen sie stets zurückkehrt, um frische Impulse zu holen. Sie sind die Schöpfer der Eleganz, die nichts anderes als ein Versuch ist, die Schönheit des Betragens zu organisieren. Die Schönen und Edelmütigen sind, in der Theorie, die Lehrer und Apostel dieser Kirche: Scipio und der Cid, Sir Philip Sidney und Washington, und jedes reine und tapfere Herz, das mit Wort und That der Schönheit huldigte. Die Personen, welche die natürliche Aristokratie bilden, sind nicht in der aktuellen Aristokratie zu finden, oder höchstens an ihrem Rande, sowie die chemische Energie des Spektrums gerade außerhalb des leuchtenden Streifens am stärksten ist. Aber das ist immer die Schwäche der Seneschals, daß sie ihren Souverän nicht erkennen, wenn er auftritt. Die Theorie der Gesellschaft setzt ihre Existenz und ihre Souveränität voraus. Sie errät ihr Kommen von weitem. Sie sagt mit den älteren Göttern:

»Wie Erd‘ und Himmel weitaus schöner sind,
Als je das Chaos und das leere Dunkel,
Obgleich einst Herrscher, – und so wie wir selbst
Noch über Erd‘ und Himmel stark und herrlich

Erscheinen von Gestalt, so wandelt doch schon
Jüngre Vollkommenheit in unsern Spuren,
Aus uns geborne Kraft, in höhrer Schöne,
Bestimmt vom Schicksal, so vor uns zu leuchten,
So wie wir selber jenes alte Dunkel
An Glorie überstrahlen – – – – –

Denn ewig als Gesetz gilt, daß der Erste
An Schönheit auch der Erste sei an Macht.«

Darum giebt es innerhalb des ethnischen Kreises der guten Gesellschaft, einen engeren und höheren Kreis, der gleichsam als die Konzentration ihres Lichtes und die Blüte ihrer Courtoisie erscheint, und an welchen sie stets mit stolzer Bezugnahme stillschweigend, als an ihren inneren und höchsten Gerichtshof, appelliert – das Parlament der echten Ritterlichkeit und Liebe. Und das wird von jenen Personen gebildet, denen heroische Eigenschaften angeboren und mit der Liebe zum Schönen, der Freude an der Geselligkeit und der Gabe, den fliehenden Tag zu verschönern, vereint sind. Wenn wir alle Individuen, welche die reinsten aristokratischen Cirkel in Europa bilden, das sorgsamst behütete Blut von Jahrhunderten, Revue passieren ließen, sodaß wir ihr Benehmen kritisch und mit Muße beobachten könnten, da könnte es uns leicht begegnen, daß wir unter ihnen auch nicht einen Gentleman und nicht eine Dame finden; denn obgleich Exemplare von ausgezeichnetem Anstande und feinster Erziehung uns in der Versammlung erfreuen würden, müßten wir doch an Einzelheiten Anstoß nehmen, weil die wahre Eleganz durch keine Erziehung erreicht werden, sondern nur von der Geburt gegeben werden kann. Es muß Poesie des Charakters vorhanden sein, sonst ist die sorgfältigste Vermeidung alles Ungehörigen vergeblich. Der Geist muß diese Richtung nehmen – es genügt nicht, daß er ritterlich sei, er muß selbst die Ritterlichkeit sein. Ein wirklich vornehmes Betragen findet sich ebenso selten in Werken der Erfindung wie in der wirklichen Welt. Scott wurde oft wegen der Treue gepriesen, mit welcher er das Benehmen und die Konversation der höheren Klassen schilderte. Und sicherlich hatten Könige und Königinnen, adlige Herren und große Damen einiges Recht, sich über die Absurditäten zu beschweren, die ihnen vor den Tagen Waverleys in den Mund gelegt wurden: aber auch Scott kann vor der Kritik nicht bestehen. Seine Lords höhnen einander mit herausfordernden, epigrammatischen Redensarten, aber der Dialog ist ein kostümierter und gefällt beim zweiten Lesen nicht mehr: es ist kein warmes Leben in ihm. Bei Shakespeare allein spreizen und brüsten die Redner sich nicht, der Dialog strömt mit leichter Größe dahin, und er ist der best erzogene Mensch in England, ja in der Christenheit. Ein- oder zweimal im Leben wird es uns vergönnt, den ganzen Zauber vornehmen Betragens zu genießen, wenn wir einem Manne oder Weibe begegnen, in deren Natur keine Sperre ist, deren Charakter sich frei in Wort und Geberde ergießt. Eine schöne Gestalt ist besser als ein schönes Gesicht; ein schönes Betragen besser als eine schöne Gestalt; es gewährt einen höheren Genuß als Bilder und Statuen, es ist die schönste aller schönen Künste. Der Mensch ist nur ein kleines Ding inmitten der gewaltigen Natur, aber durch das geistige Wesen, das von seinem Antlitz ausstrahlt, vermag er alle Größenempfindung zu vernichten und in seinem Betragen die Majestät der Welt zu erreichen. Ich habe jemand gekannt, dessen Manieren, obgleich sie sich völlig in den Formen der eleganten Gesellschaft hielten, niemals in dieser erlernt worden waren, sondern ursprünglich und gebieterisch auftraten und den anderen Gunst und Glück gewährten; einen, dem kein Hofgefolge nötig war, dem der Festtag im Auge leuchtete; der die Phantasie erheiterte, indem er weite Thore zu neuen Lebensweisen öffnete; der die Fesseln der Etiquette mit glücklichem, feurigen Wesen abschüttelte, frei und gutmütig wie Robin Hood, doch mit der Haltung eines Kaisers – der, wenn es not thut, ruhig, ernst, dem Blick von Millionen Stand zu halten vermöchte.

Die freie Luft und das offene Feld, die Straßen und öffentlichen Gebäude sind der Platz, wo der Mann seinen Willen durchsetzt; aber am Thore des Hauses muß er sein Scepter abgeben oder teilen. Das Weib mit seinem Instinkt für das Benehmen entdeckt in einem Manne augenblicklich jede Pedanterie, jede Kälte oder Stumpfheit, kurz jeden Mangel jenes freien, überströmenden und hochsinnigen Betragens, das als Exterieur im Salon unerläßlich ist. Unsere amerikanischen Institutionen sind ihr hold gewesen, und ich halte es heute für ein besonderes Glück unseres Landes, daß es so vorzügliche Frauen hat. Ein gewisses linkisches Bewußtsein der Inferiorität in den Männern mag jenes neue Rittertum der Frauenrechtler hervorgerufen haben. Gewiß, möge sie nur durch die Gesetze und in socialer Beziehung soweit besser gestellt werden, als der eifrigste Reformer nur wünschen kann; aber ich habe ein solches Vertrauen zu ihrem inspirirenden und musikalischen Wesen, daß, wie ich glaube, nur sie selbst uns zeigen kann, wie wir ihr dienen sollen. Die wundersame Hoheit ihrer Empfindungen erhebt sie zu Zeiten bis in heroische und göttliche Sphären und macht die Bilder Minervas, Junos und Polyhymnias wahr; und durch die Festigkeit, mit der sie ihren Weg nach oben wandelt, überzeugt sie die gröbsten Rechner, daß es noch einen anderen Weg giebt als den, den ihre Füße kennen. Aber außer jenen, die in unserer Phantasie die Stelle der Musen und delphischen Sybillen ersetzen, giebt es nicht Frauen, die unser Gefäß mit Wein und Rosen bis zum Rande füllen, sodaß der Wein überläuft und das Haus mit Duft erfüllt? Die uns zur Ritterlichkeit begeistern; die unsere Zunge lösen, und wir sprechen, die unsere Augen benetzen, und wir schauen? Wir sagen Dinge, die wir uns nie zugetraut hätten; denn nun sind die Schranken unserer gewöhnlichen Zurückhaltung geschwunden und wir sind im Freien; wir wurden Kinder, die mit Kindern auf einem weiten Blumenfelde spielten. Tauch‘ uns, so riefen wir, für Wochen, Tage in solche Lüfte, und wir werden sonnige Dichter werden und in vielfarbigen Versen das Märchenlied singen, das du bist! War es Hafis oder Firdusi, der von seiner Perserin Leila sang, sie sei eine Kraft der Elemente gewesen, die mich durch die Fülle ihres Lebens in Erstaunen setzte, als ich sie Tag für Tag strahlend, jede Minute Wonne und Anmut auf alle um sie her ausgießen sah? Sie war ein mächtiges Lösungsmittel und konnte die heterogensten Leute zu einer Gesellschaft verschmelzen. Wie Luft oder Wasser ein Element von so umfassender Affinität, daß es sich leichtlich mit tausenden von Substanzen verbindet. Wo sie gegenwärtig ist, werden alle anderen mehr sein, als sie sonst sind. Sie war eine Einheit und ein Ganzes, sodaß, was immer sie that, ihr wohlstand. Sie hatte viel zu viel Sympathie und Wunsch zu gefallen, als daß einer hätte sagen können, ihr Betragen sei ein würdevolles gewesen, und doch konnte keine Fürstin sie an klarem, hoheitsvollen Benehmen übertreffen, wenn die Gelegenheit es forderte. Sie hatte die persische Grammatik nicht gelernt, noch die Bücher der sieben Poeten, aber alle Dichtungen der Sieben schienen in ihr verkörpert zu sein. Denn, obgleich der Grundzug ihres Wesens nicht Reflexion, sondern Sympathie war, war sie dennoch so vollkommen in ihrem eigenen Wesen, daß sie geistig bedeutenden Personen durch die Fülle ihres Herzens entgegenkam und sie mit ihren Gefühlen erwärmte, in dem Glauben, der sie befing, daß, wenn sie mit allen vornehm umging, alle sich auch vornehm erweisen würden.

 

Ich weiß wohl, daß dieser byzantinische Pfeiler der Ritterlichkeit oder Eleganz, der denen so schön und malerisch erscheint, die ihre Zeit des Wissens oder der Ergötzung wegen beobachten, nicht für alle, die ihn schauen, gleich erfreulich ist. Die Struktur unserer Gesellschaft macht sie zu einem Riesenschloß für die ehrgeizigen Jünglinge, die ihren Namen in ihr goldenes Buch nicht eingezeichnet fanden und die sich von ihren vielbegehrten Ehren und Privilegien ausgeschlossen sehen. Diese müssen noch lernen, daß das, was so großartig scheint, sehr schattenhafter und relativer Natur ist und mir so lange groß ist. als sie es zugeben: seine stolzesten Thore fliegen auf, wenn ihr Mut und ihre Tüchtigkeit sich ihnen nähert. Was den gegenwärtigen Schmerz derjenigen anbelangt, die so empfindlich sind, daß sie unter dieser launischen Tyrannei leiden, so giebt es leichte Heilmittel. Man braucht nur seinen Aufenthaltsort um ein paar englische Meilen, höchstens vier, zu verlegen, und die äußerste Empfindlichkeit wird sich meistens getröstet fühlen. Denn die Vorteile, die von der Mode geschätzt werden, sind Pflanzen, die nur in sehr beschränkten Lokalitäten, namentlich in einigen wenigen Straßen gedeihen. Außerhalb dieses Bereichs zählen sie für nichts, man kann sie weder in der Landwirtschaft, noch im Forste, auf dem Markte oder im Kriege, in der ehelichen Gemeinschaft, in litterarischen oder wissenschaftlichen Kreisen, zur See, in der Freundschaft oder gar in den Himmeln des Geistes und der Sittlichkeit gebrauchen.

Aber wir haben uns nun lange genug in diesen gemalten Höfen aufgehalten. Der Wert der Sache, die mit dem Symbol bezeichnet wird, muß unsere Vorliebe für das letztere rechtfertigen. Alles was Mode und feine Sitte genannt wird, beugt sich vor dem Grund und Quell aller Ehren, dem Schöpfer aller Titel und Würden: dem Herzen der Liebe. Dies ist das königliche Blut, dies das Feuer, das in jedem Lande und in jeder Lage nach seiner Art wirkt und alles bezwingt und weitet, was in seine Nähe kommt. Jeder Thatsache giebt es eine neue Bedeutung. Es macht die Reichen arm, denn es duldet keine Größe außer seiner eigenen. Was heißt denn »reich«? Seid ihr reich genug, um jemandem zu helfen, um die Uneleganten und Überspannten zu unterstützen? Reich genug, um den Canadier in seinem Fuhrwerk, den armen Reisenden, den der Paß seines Konsuls der »Mildthätigkeit« empfiehlt, den gebräunten Italiener mit seinen wenigen Brocken Englisch, den lahmen Bettler, den die Armenpfleger von Stadt zu Stadt jagen, ja selbst das arme wahnsinnige und verkommene Wrack eines Mannes oder Weibes fühlen zu machen, daß eure Gegenwart und euer Haus eine vornehme Ausnahme aus der allgemeinen Öde und Erstarrung machen? Könnt ihr solche fühlen machen, daß eine Stimme sie grüßte, die Erinnerung und Hoffnung in ihnen wachrief? Was ist gemein, als diesen Anspruch aus scharfen schlüssigen Gründen zurückzuweisen? Was edel, als ihn zu gewähren und ihrem Herzen und eurem inmitten der allgemeinen Vorsicht einen Festtag zu schenken! Ohne ein reiches Herz ist das größte Vermögen ein garstiger Bettler. Der König von Schiras vermochte es nicht, so gütig zu sein wie der arme Osman, der vor seinem Thore wohnte. Osman besaß eine so breite und tiefe Menschlichkeit, daß, obgleich seine Rede mit dem Koran so frei und kühn umsprang, daß er alle Derwische empörte, es dennoch nie einen armen, ausgestoßenen, närrischen oder wahnwitzigen Menschen, einen Thoren, der sich den Bart abgeschoren, dessen Hirn ein Gelübde beschädigt hatte, oder dem sonst eine Lieblingsnarrheit im Hirn nistete, gab, der nicht sogleich zu ihm seine Zuflucht genommen hätte, – so sonnig und gastlich lag dieses große Herz im Mittelpunkte des Landes da, – daß es schien, als ob der Instinkt aller Leidenden sie an seine Seite geführt hätte. Und den Wahnsinn, den er beherbergte, er teilte ihn nicht. Heißt das nicht reich sein? Nicht das allein, wirklich reich sein?

Aber ich werde ohne Kränkung anhören, daß ich den Hofmann sehr schlecht spiele und von Dingen rede, die ich nicht recht verstehe. Es ist leicht einzusehen, daß das, was man im prägnanten Sinne Gesellschaft und elegante Mode nennt, gute Gesetze sowohl wie schlechte hat, daß es viel an sich hat, was notwendig ist, und vieles, was absurd ist. Zu gut zum Fluchen und zu schlecht zum Segnen, erinnert es uns, sobald wir den Versuch machen wollen, es zu charakterisieren, an eine Überlieferung der heidnischen Mythologie: »Ich hörte Zeus eines Tages davon sprechen,« sagte Silenus, »daß er die Erde zerstören wolle; er sagte, sie sei mißlungen, es wären lauter Schufte und nichtsnutzige Weiber, die von Tag zu Tag schlechter würden. Minerva sagte, sie hoffe, er werde das nicht thun; sie wären nur lächerliche kleine Geschöpfe mit der merkwürdigen Eigenschaft, daß sie ein verwischtes, unbestimmtes Aussehen hätten, ob man sie nun aus der Ferne betrachtete oder aus der Nähe. Nannte man sie schlecht, so erschienen sie schlecht, nannte man sie gut, so erschienen sie gut, und es gäbe unter ihnen keine Person, keine Handlung, die nicht ihre Eule, ja den ganzen Olymp in Verlegenheit setzen würde, wenn sie erklären sollten, ob sie im Grunde schlecht oder gut sei.«


Aus: Ralph Waldo Emerson – Essays. Erster Teil – Kapitel 7
Otto Hendel Verlag

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