Pseudodimitri I. – vom Hofdiener zum Zaren – ein Porträt von Irina Norbekov

Der falsche Dimitri - Grigori Otrepjew
Der falsche Dimitri – Grigori Otrepjew

Hinter dem Eisernen Vorhang

Bis ins 17. Jahrhundert hinein blieb Rußland dem Westen wie hinter einer undurchdringlichen Wand von Finsternis und Grauen verborgen. Nur selten gelang es Reisenden, bis nach Moskau vorzudringen. Was man erfuhr, war nicht verlockend. Christlich und heidnisch-barbarisch war die Natur des Staatswesens, orientalischer Brauch, übernommen oder aufgedrängt von den Tataren, beherrschte das armselige, freudlose Dasein der Menschen. Wenig einladend war auch das rauhe Klima und die Trostlosigkeit der unermeßlichen Steppen, in denen Edelleute wie Bauern, Kaufleute wie Handwerker in Selbsterniedrigung, in Trägheit, im Kriechen vor der Knute und ausgebeutet von herzlosen Steuereinziehern dahinvegetierten. Die Natur war hier des Menschen Feind. In engstem Kreis, auf des Leibes Notdurft ausgerichtet, bewegte sich das Leben, und jeder Fremde galt als Schmarotzer, der den kargen Besitz schmälerte. Kein Laut des Weltgeschehens drang bis an die Moskwa, und so völlig unzugänglich war die Haltung der Russen den Ausländern gegenüber, daß noch um 1664 ein russischer Schriftsteller schreiben konnte: „Die Ausländer haben in unsere Grenzen eine Bresche geschlagen und können deshalb unsere inneren Angelegenheiten ohne Mühe im Auge behalten: das geschieht mit Hilfe der jüngst eingerichteten Briefpostverbindung, die vielleicht dem Zaren finanzielle Vorteile bringt, dem Land aber nur schadet. Was auch bei uns geschehen mag, von allem wissen die Ausländer gleich . . . Mir scheint, man müßte das Loch baldmöglichst ganz fest schließen, ja, auch alle Reisenden auf das schärfste überwachen, damit niemand ohne Wissen der Behörde irgendwelche Nachrichten ins Ausland befördern kann.“ Um die gleiche Zeit macht ein Sekretär des englischen Gesandten über die innerstaatlichen Zustände Rußlands folgende Bemerkung: „Die Zaren haben den Grundsatz, ihre Untertanen in Unwissenheit zu halten, sonst würden sie nicht Sklaven bleiben wollen. Damit ist es hier ebenso bestellt wie im tiefen Orient. Es ist den Russen verboten, außer Landes zu gehen, weil sie sonst die Sitten und Anschauungen anderer Völker kennenlernen und sodann bedacht sein könnten, die Ketten ihrer Knechtschaft zu brechen.“ — Beklagenswert war die Stellung der Frau; je höher der Stand, desto vollständiger war ihre Absperrung von der Außenwelt. Das ging so weit, daß selbst die Zarinnen davon betroffen wurden und nicht einmal die kleinen Fenster ihrer fest geschlossenen Kutschen öffnen durften; und wenn der Arzt ihren Puls fühlen wollte, mußten sie ihm, hinter einem Vorhang versteckt, die Hand in einem Handschuh verborgen entgegenstrecken. Und so ähnlich verlief auch das Leben der Bojarinnen, der Frauen des Hochadels. Unbeschreiblich war die Armut des Volkes und groß der Mangel an allem, was der Verschönerung, der Erheiterung und Sicherheit des Lebens diente. Ärzte gab es so gut wie keine — von 1600 bis 1650 waren es etwa 22 für das ganze Reich; Pflasterung der Straßen und Bauten aus Stein waren selbst in bedeutenderen Ortschaften wie Kiew, Smolensk und Witebsk höchst selten, und alle städtischen Siedlungen, ob groß oder klein, machten den Eindruck von verkommenen Dörfern. In den kümmerlich bevölkerten Städten wüteten oft verheerende Brände, die die Holzhäuser ganzer Viertel in Asche legten. Ziergärten und Parks gab es nicht, nur schmucklose Gemüsegärten. Und wie in den Dörfern, Städten und Adelshöfen ging es auch ärmlich und dürftig bei Hofe zu. Nur der Zar erhob sich über alle Niedrigkeit als der oberste,durch nichts behinderte Machthaber, diktatorisch, in Starrheit und Würde einer Ikone vergleichbar. Er war Mittelpunkt einer Art Überwelt gegenüber der Unterwelt des russischen Volkstums, das in den Steppen und Dörfern unwandelbar, von Kultureinflüssen kaum berührt, weiterlebte — mit seinen Schwärmern, Sektierern und Asketen.

Iwan der Schreckliche

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts, als Kaiser Karl V. im Westen regierte, bestimmte Zar Iwan IV. die Geschicke des russischen Reiches und Volkes. Iwan wurde 1530 geboren, verwaiste früh, verlor mit vier Jahren den Vater und bald auch die Mutter. Das grüblerisch veranlagte, lebhafte, mit biegsamem Verstand begabte Kind geriet unter die Obhut und den Einfluß brutaler, ehrsüchtiger Fürsten, die sich um Rang und Würden stritten und einander gegenseitig umbrachten. Inmitten dieser blutigen Machtkämpfe, die sich vor den Augen, ja selbst im Zimmer des Knaben abspielten, blieb der zarten, unberührten Kinderseele keine Erniedrigung erspart. Nur wenn man den ganzen Schrecken sinnloser Grausamkeit, blindwütiger Feindschaft, die seine und seines jüngeren Bruders Jurij Kindheit vergifteten, nur wenn man die entsetzlichen Umstände seiner Jugend in Erwägung zieht, läßt sich begreifen, warum Iwan als Zar ein erbarmungsloser Hammer war. Aus der erlittenen Mißhandlung erwuchs ihm das Gefühl des Verlassenseins, der Verwaistheit; das war der Grundzug seines Charakters, und tiefes Mißtrauen gegen die ganze Menschheit verdüsterte seinen Geist. Zum Jüngling herangereift und kaum gekrönt, suchte er sich eine Frau nach altbyzantinischer Art, indem er seinen Statthaltern im ganzen Reich befahl, hundert der schönsten Mädchen in den Kreml zu schicken. Unter ihnen wählte er ohne Bedenken, nur nach Blick und Neigung, und trat wie im Märchen aus dem Dunkel bitterer Jugendjahre in den hellen Glanz strahlender Liebe. Die Auserkorene hieß Anastasia und stammte aus dem altadeligen, aber bis dahin wenig in Erscheinung getretenen Geschlecht der Romanow. Es war in Wahrheit eine Liebe auf den ersten Blick. Und nun geschieht das kaum Faßliche: Der triebhafte, ungebärdige junge Herrscher erliegt dem Zauber dieses sanften, anmutigen Mädchens, das, schmal und blaß, nicht einmal eine ausgeprägte Schönheit ist. Für ihn gibt es auf der Welt von jetzt an nur diese Frau, die ihn, mitfühlend bis in sein Innerstes, zu verstehen sucht. Jede Stunde der Trennung von ihr ist ihm unerträgliche Qual. So verläßt er mitten im Krieg, nach der Eroberung von Kasan, das Heer und jagt fast allein den weiten Weg nach Moskau zurück, um die Gattin in ihrer schweren Stunde nicht allein zu lassen. Noch nach Jahrzehnten, in den schlimmsten Zeiten seines Wütens, bricht er in Tränen aus, wenn er Anastasias gedenkt. Sie ging dahin, als er ihrer am meisten bedurfte, und ließ ihn mit gebrochenem Herzen zurück. Allein und führerlos treibt sein Leben von nun an durch alle Abgründe. Zwar schafft er viel Gutes für sein Volk, aber in den Stunden des Wahns und dem Irrsinn nahe, der seinen Geist von Zeit zu Zeit umdüstert, zertritt er achtlos Menschenleben zu Zehntausenden, zerstört die Städte seiner eigenen Untertanen, verwüstet, vernichtet mit dem gewaltsamen Fanatismus des Menschenverächters, so daß er von der Geschichte mit Recht als „der Schreckliche“ gebrandmarkt ist. Und dennoch muß Iwan IV. als erfolgreicher russischer Herrscher gelten. Als er mit 54 Jahren starb, waren die Tataren zurückgedrängt, Kasan unterworfen, Astrachan genommen, der Wolgaweg gesichert, das Tor nach Sibirien weit geöffnet und das Land gerechter verteilt.

Die Tat des Boris Godunow

Nach dem Tode des Zaren Iwan ging die Regentschaft an einen obersten Reichsrat von fünf Fürsten über; denn der einzige erwachsene Sohn Iwans, Zar Feodor, klein von Wuchs, mit blassem, aufgedunsenem Gesicht, immer kränkelnd und wenig begabt, kümmerte sich nicht um die Regierungsgeschäfte. Seine ganze Neigung, wenn er überhaupt zu einem tiefen Gefühl fähig war, galt dem Klang der Kirchenglocken, die er stundenlang selbst läutete, und vor allem seiner Gemahlin, der ebenso schönen wie liebenswürdigen und energischen Irene Godunow. — Es war unter diesen Umständen nur natürlich, daß der ehrgeizige Bruder der Zarin, Boris Godunow, seine Rivalen bald von den Stufen des Thrones verdrängen konnte; dem schönen, gewandten, von der Schwester geliebten und verehrten Mann wurde es leicht gemacht, Einfluß auf Zar Feodor zu gewinnen. Mit den höchsten Hofwürden betraut, soll er so viel Land sein eigen genannt haben, daß er auf seinen Gütern eine Armee von 100 000 Mann ins Feld stellen konnte. Es steht fest, daß die vierzehn Jahre, während deren Feodor den Zarenthron innehatte und Boris Godunow in Wirklichkeit regierte, zu den glücklichsten Rußlands zählen. Godunows Regieren hätte dem Land auch weiterhin Segen gebracht, wäre er der rechtmäßige Herrscher gewesen. Das aber war er nicht, und es bestand fürs erste nur geringe Aussicht für ihn, je Zar zu werden. Nach dem Tode des kränklichen regierenden Herrschers würde die Krone auf den Knaben Demetrius, den Sohn Iwans aus einer späteren Ehe, übergehen und die wirkliche Macht den Verwandten des Kindes mütterlicherseits zufallen, dem Geschlecht der Nagois, die Godunows Todfeinde waren. Dieser Gedanke war für Boris Godunow unerträglich. Wer die Macht in Händen gehalten hat, dem kann es keine Befriedigung mehr sein, als einflußreicher Höfling zwischen anderen Höflingen das Knie vor dem Thron zu beugen, das langweilige, ereignislose Leben eines Landedelmannes zu führen und seine Tage in Müßiggang zu verbringen. Das alles war kein Leben für einen Mann wie Godunow. Längst war er daran gewöhnt, seine Heere gegen die Tataren zu schicken, Verordnungen zu erlassen und mit lässiger Selbstverständlichkeit Minister und Hofschranzen zu kommandieren. Er dachte nur noch in Provinzen, in Statthaltereien und betrachtete Rußland, die Tatarei, ganz Asien als ihm uneingeschränkt zugehöriges Eigentum. Weil die Macht ihm so gewaltig zugemessen war, weil sie ihm die ganze Befriedigung seines Ehrgeizes gewährte, überschattete sie alle Einwendungen der Vernunft, der Moral und des Gewissens. Und so beschloß er — sicher nach langen inneren Kämpfen, denn er zögerte jahrelang — sich vorzusehen, um nicht eines Tages, wenn das Kind Demetrius den Thron bestieg, hinweggefegt zu werden. Um dieser Wahrscheinlichkeit vorzubeugen, gab es nur ein Mittel — Mord an dem mutmaßlichen Thronfolger. Die Zarin-Witwe, Mutter des Demetrius, lebte in Uglitsch, zwar auf fürstlichem Fuß, doch in Wirklichkeit in Verbannung, und es war kein Geheimnis, daß sie in Boris Godunow einen erbitterten Feind hatte. Sie war deshalb vorsichtig, denn ein Menschenleben, selbst das eines fürstlichen Kindes, wog in jener Zeit der Herrscherwillkür wenig, und die Absichten Godunows waren leicht durchschaubar. — Ein erster Anschlag auf das Leben des Prinzen mißlang. Godunow hatte Anfang 1591 das Kindermädchen des Prinzen und dessen Sohn zu einem Attentat überredet, doch das Verbrechen — ein Vergiftungsversuch — wurde entweder nur scheinbar oder mit unzureichenden Mitteln ausgeführt. Andere Handlanger wollten sich lange nicht finden, bis sich endlich ein Hofbeamter zur Tat bereit erklärte. Ein von Boris Godunow veranlasster Befehl des Zaren Feodor ernannte ihn zum Schutzherrn der Zarin-Witwe in Uglitsch und gab ihm somit die Möglichkeit, in ihrem Palast ein- und auszugehen. Am 15. Mai 1591 wurde dann die Untat begangen, die in den Akten so dargestellt ist, als hätten der Prinz und seine Spielgefährten mit Messern hantiert, von denen eines dann in der einen oder anderen Weise, wahrscheinlich durch einen Sturz des Prinzen, das Unglück verschuldete. Aber es gibt noch eine andere Meinung und sie besagt, daß diesem Attentat nicht das Kind Demetrius, sondern ein fremder Knabe zum Opfer gefallen sei. Wie sich die Dinge in Wahrheit abgespielt haben, darüber ist niemals Klarheit geschaffen worden. Für Boris Godunow aber, der immer nur zu seinen Sternen aufblickte, war nun der Weg frei. Er bestieg nach dem Ableben des Zaren Feodor im Jahre 1598 den Thron Rußlands als gekrönter Zar.

tbc…

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