Peter Hille | Nordost mit Karl Blossfeldt

Peter Hille | Nordost
Ein Prosagedicht

Die Zeit ist vorüber. Die Wandervögel ziehen in hohen, langhin gewellten, schwarzen Geschwadern durch die grauen Lüfte. Und bisweilen tönt aus unsichtbaren Höhen die Stimme des Herbstes, des Bußpredigers da oben, des ernsten Himmels, wie ein Anruf von dannen, ein Sammeln und ein Ziehen, herb und verhallend. Auch die Fremden zogen von dannen. Nur die Sinnigen blieben, die es gerne haben, wenn es ernster und versunkener wird in ihrer Seele wie in der großen Natur.

Aber auch die Natur will allein gelassen sein, wie laut Detlev von Liliencron der Adel von Holstein. Und da ihr das zu lange dauert, eh alles geräumt ist, so greift sie selbst zu und bricht das Gerümpel ab, damit man es den Fremden in seiner unmittelbaren Nähe gemacht hat.

Da schwimmt hier eine Treppe, da ein Pfahl, nun bohrt sich eine Laufplanke, mit Leinwand bezogen zum Schutz der zarten Damenfüße, mit Stürmerwucht in den tannenglatten Strand.

Der rostentblätterte Anker ist fast ganz eingeschwemmt, an seinen noch freien herzförmigen Zacken hängen wie wilde, welke, vom Leben losgerissene Kränze gelber Verzweiflung, Büschel lohenden Tanges und bläulich angelaufene Stranddisteln. Das Wrack aber, das seit den Frühlingsstürmen hier festliegt, ist wieder lebendig geworden und führt den Vorgang seines Untergangs noch einmal auf: es schluckt eine Sturzsee nach der anderen und gibt sie durch die lecken Planken seines Rumpfes dem bis auf etwa zehn Minuten hinein sandgelben Strandmeer wieder. Sprühgebüsche stieben über Deck. Ganz in der Weite düstergrüne Schollen, wie aufgeworfener Kirchhofsrasen, tobende Höhen, rasender Schaum, stürmende Berge, stürzender Jubel, durcheinander geschüttelte Winde, ein wild durchäderter Grabstein von gelbem schluchzendem Marmor.

Karl Blossfeldt • Eryngium maritimum. Strand-Mannstreu, Stranddistel. Dolde mit Hochblättern

Peter Hille (* 11. September 1854 in Erwitzen bei Nieheim, Westfalen; † 7. Mai 1904 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller. Lasker-Schüler hat Hille in ihrem 1906 erschienenen Erstlingsprosawerk Das Peter Hille-Buch postum enthusiastisch gewürdigt.

„Meine Pflanzenurkunden sollen dazu beitragen, die Verbindung mit der Natur wieder herzustellen. Sie sollten den Sinn für die Natur wieder wecken, auf den überreichen Formenschatz in der Natur hinzuweisen und zu eigener Beobachtung unserer heimischen Pflanzenwelt anregen.“ | Karl Blossfeldt im Vorwort zu seinem Buch Wundergarten der Natur

Geplante Reiseroute START: in der Elbtalaue ⇒ …..
 Der Ort ist noch zu bestimmen | Fotoarbeiten im Sinne und in der Ausführung Karl Blossfeldts. Experiment: statt Pflanzen Menschen fotografieren. Aufnahmen mit einer analogen Kamera/Plattenkamera – Druck auf Silbergelatinepapier.
 
St. Peter Ording | Am Strand tannenglatte Gebilde erschaffen; anschließend dauerhaft auf Leinwand bannen.
⇒ Ein Küstenort | Schiffsanker erstehen. Eigenhändig heimschaffen und zur Skulptur ausarbeiten – wie oben beschrieben.
⇒….


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