Pauls Tagebuch | Zu gerne wollte ich wissen, ob irgend jemand jenen Augenblick erinnert

Zu gerne wollte ich wissen, ob irgend jemand jenen Augenblick seiner Existenz feststellen kann, da in ihm zum ersten Mal eine bestimmte Vorstellung von seinem eigenen Ich – der erste Schimmer des bewussten Lebens entstand?

Ich kann es nicht. Wenn ich meine ersten Erinnerungen im Geiste zu sichten und ordnen beginne, wiederholt sich stets dasselbe: sie weichen gleichsam vor mir zurück. Da glaube ich schon, jenen ersten Eindruck gefunden zu haben, der in meinem Gedächtnis eine deutliche Spur hinterließ, ich brauche aber nur meine Gedanken eine Zeit lang auf ihn zu konzentrieren, so beginnen auch schon andere, einer früheren Epoche angehörende Eindrücke aufzusteigen.
Das Gefährliche liegt hauptsächlich darin, dass ich selbst gar nicht bestimmen kann, an welche dieser Eindrücke ich mich tatsächlich erinnere, das heißt, welche ich tatsächlich erlebt oder von welchen ich bloß später über meine Kindheit gehört und mir eingebildet habe, dass ich mich deren entsinne, während mir bloß das im Gedächtnis geblieben ist, was mir mitgeteilt wurde. Was noch schlimmer ist – es gelingt mir niemals, auch nur eine dieser ersten Erinnerungen in ihrer ganzen Klarheit hervorzurufen, ohne ihr während des Prozesses des Erinnerns selbst unwillkürlich etwas Fremdes beizumischen.


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