Pauls Tagebuch: Mein Versuch, mir stille Dinge vorzustellen • Kolumne

Gedankengänge zu Friedrich Ani, den Duft der grünen Papaya und den Widerspruch zwischen Stille und Hoffnung. 

Illustration: Oberholster Venita
Illustration: Oberholster Venita

Mein Versuch, mir stille Dinge vorzustellen, endet unversehens in der Feststellung: es gibt nichts stilleres als die Hoffnung. Im Kopf, im Herzen und im Bauch. Wie laut muss es dann zugehen, wenn die Hoffnung stirbt?! Dies wird sie sicherlich nicht leise tun. Zum Glück ist mir die Hoffnung bisher nie abhanden gekommen. Auch in der Liebe nicht.

Zürich, September 1988

trennlinie2

Wie schmeckt Stille? Welche Farbe hat sie? Oder hat sie mehrere?
Es gibt von diesen schönen Roman von Friedrich Ani
: Wie Licht schmeckt. – Immerhin Stoff für ein große Geschichte. Wie sähe diese Geschichte rund um die Stille aus? Was mich an einen Film erinnert: Der Duft der grünen Papaya. Ich war nie wieder in einem Film, der eine so meditative Wirkung auf mich hatte. Beseelt und glücklich habe ich damals das Kino verlassen.

Eine Erkenntnis: Denken ist auditiv; sich ausdrückend in Selbstgesprächen und anderen Geräuschen. Stille entsteht also nur, wenn das Denken abgestellt ist. Wenn bei der Meditation gelernt wird, die Gedanken fließen zu lassen, ohne sie festzuhalten. Wie sähe die nächste Stufe aus?

Folgende Bedeutungen schreibt mein Wörterbuch der Stille zu:
[1] die 
Abwesenheit von akustischen Signalen wie Lärm, Musik, Geräusch
[2] die 
Abwesenheit von Bewegung, Zustand des Stillseins

lotus-145124_640

Es gibt diese Stille beim Laufen; etwa nach Kilometer 5, wenn das Grundrauschen von innen nach außen geflossen ist. Mit dem Schweiß.

Zur Hoffnung ein Gedicht vom Dehmel; wunderbarer Rhythmus – in Gedanken ein Sprung in den Jazz. Gedichte, die mit einer Frage enden bzw. diese aufwerfen. Viel zu selten.

Richard Dehmel • Erste Hoffnung

Mein Freund hat mir ein Bild gemalt:
Maria weint vor Wonne
und ist von lauter Sonne
überstrahlt.
Wer weiß die Melodie dazu?

Mein Freund hat mir ein Wort gesagt;
das klang so fern beglückend,
mir schlag das Herz so drückend,
so verzagt.
Wer weiß die Melodie dazu?

.Mein Freund hat mir ein Lied gemacht;
es ist ein Lied vom Leben,
ich fühl es in mir beben
Tag und Nacht.
Wer weiß die Melodie dazu?

Hoffnung (vgl. mittelniederdt.: hopen „hüpfen“, „[vor Erwartung unruhig] springen“, „zappeln“) ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung, gepaart mit einer positiven Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintreten wird, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht.

trennlinie2
Hoffnung = hüpfen, unruhige Bewegung // Stille = die Abwesenheit von Bewegung, Zustand des Stillseins

Stille Hoffnung – ein wortreiches Paradaxon?


0 Kommentare zu “Pauls Tagebuch: Mein Versuch, mir stille Dinge vorzustellen • Kolumne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!