Paul Scheerbart – Glasarchitektur

Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 - Fotograf unbekannt - Quelle: wikipedia.org
Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 – Fotograf unbekannt – Quelle: wikipedia.org

BRUNO TAUT gewidmet

Hony soit qui mal y pense


Abschnitte I – XXX

I

Das Milieu und sein Einfluß auf die Entwicklung der Kultur

Wir leben zumeist in geschlossenen Räumen. Diese bilden das Milieu, aus dem unsre Kultur herauswächst. Unsre Kultur ist gewissermaßen ein Produkt unsrer Architektur. Wollen wir unsre Kultur auf ein höheres Niveau bringen, so sind wir wohl oder übel gezwungen, unsre Architektur umzuwandeln. Und dieses wird uns nur dann möglich sein, wenn wir den Räumen, in denen wir leben, das Geschlossene nehmen. Das aber können wir nur durch Einführung der Glasarchitektur, die das Sonnenlicht und das Licht des Mondes und der Sterne nicht nur durch ein paar Fenster in die Räume läßt – sondern gleich durch möglichst viele Wände, die ganz aus Glas sind – aus farbigen Gläsern. Das neue Milieu, das wir uns dadurch schaffen, muß uns eine neue Kultur bringen.

II

Die Veranda

Es ist selbstverständlich, daß man zunächst das rasch Erreichbare im Auge behält. Und da wird man zunächst eine Umwandlung der Veranda vornehmen. Sie ist leicht zu vergrößern und zunächst auf drei Seiten mit doppelten Glaswänden zu umgeben. Beide Wände sind farbig zu ornamentieren. Und wenn das Licht zwischen den Wänden angebracht ist, so wird die Veranda des Abends innerlich und äußerlich sehr imposant wirken. Soll noch ein Blick in den Garten gewährt werden, so ist dieses ja bequem durch durchsichtige Fensterscheiben zu erreichen. Man tut aber gut, diese Scheiben nicht »fensterartig« einzufügen. Die Luft wird besser durch Ventilatoren eingeführt.

Für bescheidene Ansprüche ist somit jedem Villenbesitzer sehr leicht möglich, zu einer Glasarchitektur zu gelangen. Der erste Schritt ist sehr leicht und bequem.

III

Der Botanische Garten zu Dahlem

Eine Glasarchitektur besitzen wir bereits – und zwar in den botanischen Gärten. Der Botanische Garten zu Dahlem bei Berlin zeigt, daß bereits ganz imposante Glaspaläste aufgeführt sind. Allerdings – es fehlt die Farbe. Aber in der Abendsonne wirkt das Palmenhaus und das Kalthaus so herrlich, daß man wohl einen Begriff bekommt, was zu erzielen ist, wenn die Farben auch am Tage da sind. Das Palmenhaus ist besonders interessant: außen die freitragende Eisenkonstruktion, das das Glas haltende Holzsprossenwerk innen, sodaß kein Rostwasser entsteht und das Eisen immer wieder frisch angestrichen werden kann. Das Holz ist natürlich seiner Vergänglichkeit wegen kein imponierendes Baumaterial. Das Schlimmste jedoch ist, daß die Glaswände einfach und nicht doppelt da sind; dadurch ist der Heizaufwand im Winter einfach ein enormer.

Die Direktion erzählt in einem ihrer »Führer« mit unberechtigtem Stolze, daß im Winter bei –10 ° Celsius des Morgens um 8 Uhr an einem einzigen Tage ein Waggon mit 300 Centnern bester schlesischer Steinkohle verheizt wird.

Man wird zugeben, daß das ein wenig viel ist und nicht mit Stolz betont werden dürfte. Einem derartigen Heizaufwande hätte mit doppelten Glaswänden begegnet werden müssen.

IV

Die doppelten Glaswände, Licht, Heizung und Kühlung

Da die Luft einer der schlechtesten Wärmeleiter ist, so ist die doppelte Glaswand für die ganze Glasarchitektur Bedingung. Die Wände können einen Meter voneinander entfernt sein – auch noch einen größeren Zwischenraum haben. Das Licht zwischen diesen Wänden leuchtet nach außen und nach innen. Sowohl die äußeren wie die inneren Wände können farbig ornamentiert sein. Wenn dabei zu viel Licht durch die Farbe verschluckt wird, so ist die Außenwand auch ganz hell zu lassen; dann empfiehlt es sich nur, das Licht zwischen den Wänden nach außen mit einem farbigen Glasschirm zu versehen, damit das Wandlicht des Abends auf der Außenseite nicht einfach grell erscheint.

Heiz- und Glühkörper zwischen die Wände zu bringen, wird sich in den meisten Fällen nicht empfehlen, da dadurch zu viel Wärme oder Kälte an die Außenluft abgegeben wird.

Wohl aber kann man Heiz- und Kühlkörper in Ampelform im Innenraume unterbringen, da ja dort alle Lichtampeln zum Teil überflüssig sind, wenn die Wände das Licht spenden.

Selbstverständlich empfiehlt es sich, zunächst nur in der gemäßigten Zone Glashäuser zu bauen und nicht gleich in Äquatorial- und Polargegenden; in der wärmeren Zone wird man wohl ohne weiß gehaltenes Eisenbetondach nicht auskommen, doch in der gemäßigten Zone kommt das weiße Eisenbetondach nicht als Notwendigkeit in Betracht.

Für die Heizung sind auch elektrische Heizteppiche zu empfehlen, die auch den Boden bedecken können.

V

Die Eisengerippe und die Eisenbetongerippe

Die Eisengerippe sind natürlich für die Glasarchitektur unentbehrlich. Ein außerordentlicher Aufschwung der Schwerindustrie muß dadurch herbeigeführt werden. Wie nun das Eisen gegen Rost zu schützen ist, das ist noch nicht in zufriedenstellender Art gelöst. Es gibt sehr viele Mittel, dem Roste zu begegnen. Welches Mittel das beste ist, wissen wir noch nicht. Der einfache Anstrich in der bislang üblichen Weise läßt in ästhetischer Hinsicht soviel zu wünschen übrig, daß der Glasarchitekt wohl darauf bedacht sein muß, Besseres zu bieten. Dieses können wir aber ruhig der Entwicklung überlassen.

Ist man bereit, dem Gerippe größere Dimensionen einzuräumen, womit man sich ja ohne weiteres einverstanden erklären kann, da ja nicht jeder Zoll des Glashauses aus Glas zu sein braucht, so wird man das Eisenbetongerippe wohl in Erwägung ziehen dürfen.

Der Eisenbeton hat sich ja als Baumaterial so vortrefflich bewährt, daß zu seinen Gunsten hier garnicht weiteres zu sagen ist.

Der Eisenbeton ist auch künstlerisch umzubilden – entweder farbig zu machen oder durch Meißelarbeit ästhetisch wirkend auszugestalten.

VI

Die innere Umrahmung der Glasflächen

Das Eisen- oder Eisenbetongerippe umrahmt das Glas im großen und ganzen, aber die Glasflächen müssen noch eine innere kleinere fensterartige Umrahmung haben. Für diese wurde im Botanischen Garten zu Dahlem, wie schon erwähnt, vergängliches Holz verwertet. Für das Holz muß nun ein haltbareres Material gefunden werden. Das Eisen ist wohl haltbarer, muß jedoch gegen Rost geschützt werden. Das ist durch Vernickelung oder Anstrich zu erreichen. Letzter ist, wie schon gesagt, ästhetisch nicht einwandfrei, muß auch sehr oft erneuert werden. Vielleicht ist der Eisenbeton auch hier ein ideales Baumaterial, er nimmt wohl nicht zu viel Fläche in Anspruch.

Es kämen noch verschiedene neue Baumaterialien in Betracht, diese sind aber noch nicht so geprüft, daß hier näher auf die neuen, für Umrahmung der Glasflächen geeigneten Materialien eingegangen werden könnte. Das ist auch Sache des Fachmannes, der schon das Richtige finden wird. Jedenfalls kommen nur sehr feste und rostfreie Materialien in Betracht; das Holz ist nicht haltbar und darf in Eisenkonstruktionen nur als Notbehelf Verwendung finden. Auch in Brücken, die ganz aus Eisen und Eisenbeton konstruiert sind, findet das Holz keine Verwendung mehr. Die Glasarchitektur ist aber zur Hälfte ebenfalls Eisenarchitektur; die Schwerindustrie hat dadurch ein ganz neues Absatzgebiet gewonnen, das den Konsum des Eisens mindestens um das Zehnfache steigern muß.

VII

Die Vermeidung des Holzes im Mobiliar und in der Innendekoration

Das Holz ist aber auch im Innern des Glashauses zu vermeiden; es paßt eben einfach nicht mehr in die Situation. Schränke, Tische, Stühle usw. werden auch aus Stahl und Glas hergestellt werden müssen, wenn das ganze Milieu einheitlich wirken soll. Das wird natürlich der Holzindustrie einen empfindlichen Stoß versetzen. Man wird natürlich den vernickelten Stahl mit Email und Niello verzieren müssen, damit das Mobiliar ästhetisch so stark wirken kann – wie die durchaus verehrungswürdige Holzschnitzerei und die Holzschränke mit eingelegten anderen Holzarten usw. usw.

Das Holz ist seiner Vergänglichkeit wegen zu vermeiden. Die Verwertung des Eisens im Eisenglasbau liegt aber einfach in der Entwicklungslinie.

VIII

Das Mobiliar in der Mitte des Zimmers

Daß das Mobiliar im Glashause nicht an die kostbaren, farbig ornamentierten Glaswände gestellt werden darf, wird wohl »selbstverständlich« erscheinen. Diese Revolution im Milieu ist beim besten Willen nicht zu vermeiden. Die Bilder an den Wänden sind natürlich total unmöglich.

Da wird die Glasarchitektur einen schweren Kampf auszufechten haben. Doch die Macht der Gewohnheit muß überwunden werden. Und die associativen Vorstellungen aus der Zeit der Großväter dürfen nicht mehr ausschlaggebend im neuen Milieu mitwirken.

Alles Neue hat eben mit dem eingewurzelten Alten einen schweren Kampf auszufechten; es geht nicht anders, wenn das Neue sich durchsetzen will.

IX

Die größere Veranda und ihre Unabhängigkeit vom Hauptgebäude

Wer seine Veranda auf drei Seiten mit farbig ornamentiertem Glase versehen hat, wird sehr bald mehr von der Glasarchitektur haben wollen. Das eine ergibt das andere, und ein Stillstand in der Entwicklung ist nicht denkbar. Und so wird denn die Veranda immer größer werden und sich schließlich ganz vom Hauptgebäude emanzipieren und selber Hauptgebäude sein mögen.

Diese Entwicklung der Veranda zu fördern, wird Hauptaufgabe jedes Glasarchitekten sein.

X

Gartenhäuser und Kioske

Die alten Araber lebten viel mehr in ihren Gärten als in ihren Schlössern. Darum entwickelten sich bei ihnen die Gartenhäuser und Kioske sehr rasch. Leider ist, da man immer wieder das vergängliche Holz als Baumaterial verwandte, von dieser arabischen Gartenarchitektur nichts übrig geblieben.

Aufgabe des modernen Architekten ist daher, für Gartenhäuser und Kioske nur das beste Eisen- und Eisenbetonmaterial zu verwenden und die doppelten, farbig ornamentierten Glaswände überall im Garten zu befürworten.

Vom Garten aus wird sich die Glasarchitektur am besten einführen lassen; jeder Besitzer eines größeren Gartens wird wohl geneigt sein, ein Gartenhaus aus Glas zu besitzen.

XI

Die Steinfliesen und Majoliken auf den Gartenwegen

Die Araber hatten in allen ihren Gärten Steinparkett und auch wohl solches aus Majolika; sie versetzten dadurch den Teppichgeschmack in den Garten.

Die Holländer haben das den Arabern nachgemacht. Und es wird sich wohl empfehlen, daß die modernen Glasarchitekten auch ihre Gartenwege mit Stein- und Majolikafliesen belegen und dadurch die Pracht der Glaspaläste würdig umrahmen.

XII

Steinholz und der beste Bodenbelag im Hause

Es läßt sich nun kaum vermeiden, auf viele neue Baumaterialien einzugehen. Doch das soll nur andeutungsweise geschehen. So wird fugenloser Steinholzfußboden sehr empfohlen; ob er auch für das Haus mit seinen bunten, farbigen Glaswänden geeignet ist, läßt sich ja nicht so leicht entscheiden. Jedenfalls kommt als bester Bodenbelag natürlich noch mancher andere Stoff in Frage – auch Steinparkett, das mosaikartig nur aus Steinen besteht. Aber Steinholz soll sehr beständig sein. Deshalb ist es gut. Man wird wohl auch im Hause auf dem Bodenbelag mit den Farben sparsam sein müssen, um eine Kontrastwirkung den Wänden gegenüber zu erzielen.

XIII

Der »Sachstil«

Der verehrliche Leser dürfte vielleicht die Empfindung haben, daß die Glasarchitektur ein wenig kühl ist. Aber – in der warmen Jahreszeit ist das I(ühle doch ganz angenehm.

Jedenfalls möchte ich behaupten, daß auch die Farben im Glase sehr glühend wirken können; vielleicht strömen sie eine »neue« Wärme aus.

Damit das bislang Gesagte eine etwas wärmere Atmosphäre bekommt, möchte ich hier in der hitzigsten Weise den ornamentlosen, sogenannten »Sachstil« bekämpfen, da er unkünstlerisch ist.

Es ist das schon oftmals von anderer Seite geschehen. Es geschehe hiermit aber noch einmal.

Als Übergangsperiode erscheint mir der »Sachstil« wohl akzeptabel, jedenfalls hat er der Nachahmung der älteren Stile den Garaus gemacht. Diese älteren Stile sind ja Produkte der Backsteinarchitektur und der Holzmöbel.

Die Ornamentik im Glashause wird sich also wohl ganz selbständig entwickeln – die Ornamentik des Orients, der Teppiche und Majoliken so umbilden, daß von Nachahmung in der Glasarchitektur hoffentlich niemals gesprochen werden dürfte.

Hoffen wir’s!

XIV

Die Verkleidung des Baumaterials und ihre Berechtigung

Eine Hausfront mit vergänglicher Stuckplastik zu umkleiden, ist natürlich verwerflich, auch der einfache Farbenanstrich, der der Witterung nicht Stand hält, verbietet sich von selbst. Die Architekten haben deshalb »jede« Verkleidung für unberechtigt erklärt und zeigen deshalb auch die Backsteinfront ganz nackt. Ein scheußlicher Anblick! Backstein wirkt nur, wenn er verwittert ist und Ruinencharakter zeigt – dann wirkt er eben wie eine Ruine. Die alten Ägypter umkleideten ihre Backsteinpyramiden mit glatten Granitflächen. Die sind nicht zugrunde gerichtet, sondern gestohlen worden. Wenn letztes geschieht, ist eine Erhaltung natürlich ausgeschlossen.

Die Verkleidung eines minderwertigen Materials ist nach meinem Dafürhalten durchaus berechtigt.

Da man nun sehr viele Nutzbauten hat, die nicht durch Glasbauten von heute bis morgen zu ersetzen sind, so kann man sehr wohl an eine dauerhafte Umkleidung dieser Nutzbauten (Fabriken, Hafenanlagen usw.) denken. Emailplatten auf Eisen und Majoliken eignen sich durchaus. Alte Mauern, Zäune aus Backstein, Stallungen usw. können ebenso umkleidet werden.

Auch lassen sich Häuser durch Dachgärten einen passablen Anstrich verleihen, wenn in diesen Dachgärten Glaspavillons in größerer Zahl aufgerichtet werden.

XV

Die Politur des Eisenbetons und dessen plastische Bearbeitung

Der Eisenbeton ist ein Baumaterial, das sehr fest und wetterbeständig ist. Mit Recht hat also der Architekt den Eisenbeton für ein ideales Baumaterial erklärt. Es ist nur bedauerlich, daß es nicht durchsichtig ist. Das ist allein das Glas.

Aber – der Eisenbeton ist nicht ansehnlich, wenn er im natürlichen Zustande bleibt. Deshalb ist die Politur des Eisenbetons, die ausgeführt werden kann, sehr zu empfehlen; der Politur soll sich auch wetterbeständige Farbe zufügen lassen.

Außerdem ist der Eisenbeton auch mit plastischem Ornament zu versehen; er ist ebenso leicht mit dem Meißel zu bearbeiten wie Granit. Granit ist ja nicht grade »leicht« zu bearbeiten, aber es geht doch.

XVI

Email und Niello in Lamellen auf Eisenbeton

Da sich Lamellen aus Metall beim Guß des Eisenbetons in dessen Oberfläche pressen lassen, so läßt sich diese mit Email – eventuell mit durchsichtigem Email cloisonné ausfüllen.

Bei Ausmeißelung kleiner Flächen sind diese auch mit Niello zu versehen. Lackniello wird sich nur im Innern des Raumes anbringen lassen. Im Äußern würde Metallniello sehr gut wirken; es sollten aber nur edle Metalle Verwendung finden; die Patina der Bronze käme ebenfalls in Frage.

Glasmosaik ist natürlich auch möglich.

XVII

Die Glashaare im Kunstgewerbe

Daß sich Glas auch zu spinnbaren Haaren ausbilden läßt, ist von vielen vergessen worden.

Die Geschichte ist aber über vierzig Jahre alt. Vielleicht noch älter. Ich weiß es nicht.

Diese Glashaare könnten im Kunstgewerbe eine ganz neue Industrie erzeugen; Diwandecken, Sessellehnen usw. sind aus Glashaaren möglich.

XVIII

Die Schönheit der Erde, wenn die Glasarchitektur überall da ist

Die Erdoberfläche würde sich sehr verändern, wenn überall die Backsteinarchitektur von der Glasarchitektur verdrängt würde.

Es wäre so, als umkleidete sich die Erde mit einem Brillanten- und Emailschmuck.

Die Herrlichkeit ist garnicht auszudenken.

Und wir hätten dann auf der Erde überall Köstlicheres als die Gärten aus tausend und einer Nacht.

Wir hätten dann ein Paradies auf der Erde und brauchten nicht sehnsüchtig nach dem Paradiese im Himmel auszuschauen.

XIX

Die gotischen Dome und Burgen

Die Glasarchitektur ist nicht ohne die Gotik zu denken. Damals, als die gotischen Dome und Burgen entstanden, hatte man auch eine Glasarchitektur gewollt. Sie kam nur nicht ganz zur Ausführung, weil man noch nicht das unerläßliche Eisenmaterial zur Verfügung hatte. Dieses erst gestattet, den ganzen Glastraum zu realisieren.

Zur Zeit der Gotik war das Glas in den meisten Privathäusern noch ganz unbekannt. Heute ist das Glas in jedem Hause bereits ein Hauptfaktor der Architektur. Allerdings: ihm fehlt noch die Farbe.

Aber auch die Farbe wird kommen . . .

XX

Hellas ohne Glas, Orient mit Ampeln und Majolikafliesen

Im alten Hellas war das Glas ziemlich unbekannt. Doch schon vor der hellenischen Kultur gab es in den Ländern am Euphrat und Tigris viele bunte Glasampeln und glänzende Majolikafliesen. Schon um 1000 vor Christus. Der vorderasiatische Orient ist also die sogenannte Wiege der Glaskultur.

XXI

Glas, Email, Majolika und Porcellan

Alle Baumaterialien, die haltbar und in wetterbeständigen Farben zu erhalten sind, haben Existenzberechtigung. Der zerbröckelnde Backstein und das brennbare Holz haben k e i n e Existenzberechtigung; ein Backsteinbau ist auch leicht zu zertrümmern durch Sprengstoffe, die immer gleich dem ganzen Gebäude gefährlich werden, während dieses beim Glaseisenbau nicht der Fall ist; in diesem kann immer nur eine partielle Zerstörung durch Sprengstoffe herbeigeführt werden.

Wo die Verwendung des Glases nicht möglich ist, läßt sich Email, Majolika und Porcellan verwenden, die wenigstens haltbare Farbe zeigen können, wenn sie auch nicht lichtdurchlassend sind wie das Glas.

XXII

Die Tiffany-Effekte

Der berühmte Amerikaner Tiffany, der das sogenannte Tiffany-Glas einführte, hat dadurch die Glasindustrie sehr gefördert; er führte die F a r b e n w o l k e n in das Glas. Durch diese Wolken sind die herrlichsten Effekte möglich – und die Wände erhalten dadurch ganz neue Reize, die allerdings die Ornamentik in den Hintergrund bringen, sie aber an besonderen Stellen nicht unmöglich machen.

XXIII

Die Vermeidung der Quecksilberspiegeleffekte

Wenn die Gefährlichkeit der Tiffany-Effekte auch nicht ganz geleugnet werden darf – sie sind im übrigen nur in unkünstlerischen Händen gefährlich – so sollte man doch den Quecksilberspiegeleffekten nur im Ankleideraum ein Nützlichkeitsdasein gestatten.

In den andern Räumen des Hauses sind die Spiegeleffekte, die ihre Umgebung immer wieder in andrer Beleuchtung widerspiegeln, für die architektonische Gesamtwirkung störend, da sie nicht Bleibendes haben.

Wo Kaleidoskopeffekte gewünscht werden, sind sie wohl berechtigt – sonst aber tut man gut, dem Quecksilberspiegel aus dem Wege zu gehen; er ist gefährlich – wie ein Gift.

XXIV

Die Vermeidung des Figürlichen in der Architektur

Wenn Architektur Raumkunst ist, so ist das Figürliche nicht Raumkunst und paßt daher in die Architektur nicht hinein.

Der tierische und menschliche Körper ist für die Bewegung geschaffen, die Baukunst ist nicht für die Bewegung geschaffen, ist deshalb auf das Stilisierte und das Ornament angewiesen.

Nur sollte man das Pflanzen- und Steinreich der Erde stilisieren – oder besser das ganz frei Erfundene – nicht aber an Stilisierung des Tier- und Menschenkörpers denken. Daß dieses die alten Ägypter taten, rechtfertigt die Sache heute durchaus nicht; u n s r e Götter bringen wir mit dem Tier- und Menschenkörper nicht mehr zusammen.

XXV

Der Gartenarchitekt und die Baum- und Pflanzenwelt zur Rokokozeit

Zur Rokokozeit ging man mit den Bäumen und Pflanzen so um, als wenns ein knetbarer Lehm wäre; die Bäume wurden der perspektivischen Wirkung wegen zu Wänden geschnitten, die Taxushecken zu geometrischen Figuren. Jedenfalls beherrschte der Architekt den Garten. Er sollte es heute auch tun. Aber die mühselige Behandlung des pflanzlichen und baumartigen Materials lohnt doch wohl nicht – schon der verschiedenen Jahreszeiten und der Vergänglichkeit wegen nicht.

Mehr Glaswände im Garten würden diesem ein ganz anderes Ansehen geben, den Garten der Hausarchitektur angliedern, wenn diese Hausarchitektur Glasarchitektur ist. Es ist garnicht auszudenken, welch wundervolle Wirkungen dadurch erzielt werden könnten. In der Nähe von Teichen ließe sich wohl auch gelegentlich eine Spiegelwand denken. Nur ist mit ihr sehr sparsam umzugehen.

XXVI

Die Türe

In unsrer technischen Zeit ist die Entwicklung sehr rasch gekommen; das vergessen wir oft. Es ist nicht einzusehen, warum die Entwicklung plötzlich langsamer gehen soll. Vor 50 Jahren hatte noch keine einzige Stadt in Deutschland Wasserleitung und Kanalisation. 50 Jahre später wird man sich eine Wohnung ohne Vacuumstaubsauger nicht mehr denken können. Und vieles andre wird da sein, was uns heute noch immer utopisch vorkommt, obgleich doch die Dinge, die ausgeführt werden können wie die Glasarchitektur, nie und nimmer utopisch genannt werden dürfen.

Und so wird auch die Türe im Glashause eine andre sein als die Türen, die heute noch in den Backsteinhäusern zumeist üblich sind.

Die sich selbst schließenden Türen sind heute Gemeingut. Aber die sich selber öffnenden Türen können ebenfalls demnächst Gemeingut sein. Es ist nicht nötig, daß sich die äußeren Türen von selber öffnen, aber wenn sich die inneren Türen von selber öffnen, so ist das wie ein freundliches Entgegenkommen des Hausbesitzers, obgleich er gar keine Handbewegung dazu beizutragen braucht.

Der Mechanismus ist durch Auftreten auf eine weiche Platte ganz leicht herzustellen, existiert bereits in berliner Lokalen, ist durchaus erfunden und patentiert.

Die Sache läßt sich noch erweitern; man kann gleichzeitig in den Türen Kristallkörper in Drehung versetzen – man kann auch Scheinwerfer aufblitzen lassen; das ist ein freundlicherer Empfang als der durch einen gelangweilten Livreediener.

Die Türen können aus durchsichtigem Glase mit Kristalleffekten und auch aus farbig ornamentierten Gläsern bestehen. Jedenfalls ist wohl jedem Zimmer eine Art von Entree zu geben – das macht den Eintritt doch ein wenig feierlicher.

Und auch die Außentüren können aus Glas sein.

Die Großstädte sind in der jetzigen Form noch nicht fünfzig Jahre alt. Sie können ebenso schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Auch die Schienenwege der Dampfeisenbahn sind nicht unsterblich.

XXVII

Der Stuhl

Das komplizierteste Kapitel des ganzen Kunstgewerbes ist der Stuhl. Der Stuhl aus Stahl scheint eine ästhetische Unmöglichkeit. Und doch läßt sich Stahl durch Email und Niello so herrlich ausgestalten, daß er den Vergleich mit der besten venetianischen Schnitzarbeit nicht zu scheuen braucht. Die Preise der Email- und Niellostühle werden sich keineswegs höher stellen als die geschnitzten Holzstühle, denn für diese werden sehr gern 4 – 500 M gezahlt. Die Emailarbeiten sind so billig, daß sich die Stühle mit Email sehr wohl für 100 M pro Stück herstellen lassen.

Freilich: man wird von einer Industrie, die schockweise ganz gleiche Stühle herstellt, ganz absehen müssen. Von einer Industrie, die künstlerischen Ansprüchen genügen will, kann man wohl verlangen, daß sie ganz gleiche Stücke nach Schema F nicht mehr verzapft.

Die Zukunftsstuhlindustrie, die ja leider, wie mir sehr wohl bekannt ist, momentan noch nicht besteht, sei lebhaft auch auf die Glashaare hingewiesen. Dann sollten nur noch feuersichre imprägnierte Stoffe verwendet werden – auch im Diwan und im Bodenbelag. Auch hier werden die Glashaare das wichtigste Material sein.

XXVIII

Das Metall in der Kunst und im Kunstgewerbe

Mir scheint die Gewohnheit auch in der Kunst und im Kunstgewerbe ein schweres konservatives Bleigewicht zu sein. Weil man zu Großvaters Zeiten aus Holz die meisten Möbel und Kunstgegenstände herstellte, deshalb solls so weiter gehen.

Es soll aber eben nicht so weiter gehen, wenn es weiter gehen soll.

Die Glasarchitektur ist zwingend auch für das Kunstgewerbe und für die Kunst: man wird gezwungen sein, das Metall überall zu bevorzugen.

Die Ästhetiker werden natürlich versuchen, dem entgegenzuwirken; von den bedrohten Holzindustrieen werden die Ästhetiker schon mobil gemacht werden.

Und man wird sehr viel von den wertvollen associativen Vorstellungen reden, die dem Holze innewohnen.

Ich glaube aber, daß all die associativen Vorstellungen, die im Holz stecken, auch in das Metall übertragen werden können – durch künstlerische Ausgestaltung des Metalls – wie ich das ja schon mehrfach angedeutet habe.

Metall soll kalt sein. Holz soll warm sein. Das sind aber Gewohnheitsvorstellungen. Die glasierten Kacheln empfanden wir, als der Kachelofen noch nicht existierte, auch als kalt. Erst durch den Kachelofen wurden uns die Majoliken warm.

Mit dem Metall kanns uns ebenso gehen.

XXIX

Hohle Glaskörper in allen möglichen Farben und Formen als Wandmalerei (die sogenannten Glassteine)

Die sogenannten Glassteine bilden auch ein Wandmaterial, das wohl zu einer interessanten Specialität der Glasarchitektur werden kann.

Es haben sich bereits große Industrieen gebildet, die wohl eine große Zukunft in allernächster Zeit haben könnten.

Ästhetisch ist alles berechtigt als Wandmaterial, was feuersicher und Licht durchlassend ist. Die Glassteine dürften viel Eisengerippe überflüssig machen.

XXX

Aschingers Bauten in Berlin 1893

Ideen müssen, wenn sie wirksam werden wollen, eigentlich »in der Luft liegen«; es müssen die Ideen in sehr vielen Köpfen zu gleicher Zeit da sein – wenn auch in verzerrter Gestalt. Dieses wurde mir im Jahre 1893 oder etwas später klar. Franz Evers redigierte die theosophische »Sphinx« und wurde infolgedessen mit theosophischen, spiritistischen und anderen Schriften überschüttet; in diesem Wuste fand sich vieles, das zum Lachen zwang. So erklärte auch ein Herr, dessen Namen ich nicht behalten habe, daß alles Heil im Glase enthalten sei, man müßte immer einen Glaskristall neben sich auf dem Schreibtisch haben, in Spiegelzimmern schlafen usw. usw.

Das hörte sich alles ganz verdreht an. Aber – Aschingers Bierhallen mit den fürchterlichen Spiegeln erschienen mir bald als ein Echo jener theosophischen Schrift von den Spiegelschlafzimmern. Jedenfalls liegt hier ein telepathischer Kontakt vor.

Jede vernünftige Idee wird nach meiner festen Überzeugung in vielen Köpfen immer zu gleicher Zeit erscheinen und auch in der krausesten Verzerrung; man sollte sich also nicht so sorglos über das Verdrehte und Verrückte aussprechen; es ist zumeist ein Echo von ganz Vernünftigem.

Im Orient wird der Verrückte und auch der Wahnsinnige auf freiem Fuß belassen und im Volke als Prophet verehrt.

Doch dieses nur nebenbei!

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