Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 4 – Einsame Jahre

Paracelsus - Wenceslaus Hollar
Paracelsus – Wenceslaus Hollar

Basel war die Stadt, in der Paracelsus am längsten sesshaft gewesen ist. Aber Ruhe ist ihm nicht beschieden. Wieder beginnt die Unrast des Wanderns. Theophrastus aber macht sich keine Sorgen, wie er weiter kommen und was er am morgigen Tag erfahren wird:
„Was geht die Zukunft des morgigen Tages den heutigen Tag an? Dieweil ein jeglicher Tag sich selbst trägt und es genug ist, dass er auf sich selb acht habe, auf die heutige Stund‘.“
Denn der Mensch, meint er, soll „den heutigen Tag in Sorge tragen, denn der morgige Tag tut ihm kein Schaden nicht, der Tod kommt nicht morgen, sondern heut'“.

So ist Paracelsus Leben und Denken stets aus der Gegenwart heraus auf das Ganze des Schicksals gerichtet, das auch den Tod noch einbezieht, der ja, wenn er einmal da ist, nicht auf morgen verschoben werden kann.
Zunächst wendet sich Theophrastus ins Elsaß, nach Kolmar, wo er sich erneut den Studien widmet. Hier entstehen mehrere medizinische Schriften, darunter auch die sieben Bücher über offene Wunden, die er dem angesehenen Bürger Konrad Wickram widmet. Aus dieser Zeit sind uns auch zwei Briefe an den Baseler Freund Bonifatius Amerbach erhalten, aus denen wir erfahren, dass Paracelsus schnell das Vertrauen der-Kranken erworben hat. In Kolmar schließt er sich Lorenz Fries an, der zwar ein Arzt der alten Schule ist und streng an ihr festhält, was ihn aber nicht hindert, ein Verehrer des Menschen Paracelsus zu sein, dem er in herzlicher Weise Unterkunft in seinem Hause gewährt. Freilich haben die beiden auch eine Gemeinschaft: die Liebe zur deutschen Sprache, die sie der lateinischen vorziehen. Auch Fries gebraucht seit einiger Zeit in seinen Vorlesungen das Deutsche, was ihn zum Bundes- und auch Leidensgenossen des Hohenheimers macht.

Paracelsus - Holzschnitte von Astronomica et Astrologica, 1567.
Paracelsus – Holzschnitte von Astronomica et Astrologica, 1567.

In seinem „Spiegel der Artzney“ schreibt er später einmal: „Es bedünkt mich teutsche Zung nit minder würdig, dass alle Ding darin beschrieben werden, als Griechisch,Hebreisch, Latinisch, Italienisch, Spanisch, Frantzösisch. Solt unser Sprach minder sein?“
Paracelsus bleibt in Kolmar nicht allein. Sein Schüler und Mitarbeiter Oponorius, den er auf Empfehlung des Baseler Humanisten Okolampadius zu sich genommen hat, ist ihm nachgereist. Aber auch mit diesem Schüler hat Theophrastus, wie mit manchen anderen kein Glück. Auf diesen Oponorius gehen fast aller Verleumdungen zurück, unter denen der Meister zu leiden hatte; Oponorius sollte der Hauptschuldige an all dem Gerede werden, das sich auch weiterhin des großen Gelehrten bemächtigte. Wenn man Paracelsus einen unwissenden Schwindler, einen sittenlosen Lumpen, verworrenen Schwätzer, anmaßenden Prahler und einen gottlosen Quacksalber nannte, um ihn unmöglich zu machen, so geht diese Hetze auf desOponorius Schuldkonto. Es blieb nicht aus, dass manche kleine Geister sich bald ins Ohr raunten, er stehe mit dem Teufel und mit Hexen in Verbindung.

Noch hofft Paracelsus, der Baseler Magistrat werde ihm die verdiente Genugtuung verschaffen und ihn zurückberufen. Als aber diese Hoffnung trügerisch bleibt, verlässt er Kolmar. Er taucht in Ensisheim auf, wohin ihn eine Naturmerkwürdigkeit lockt, ein riesiger Meteorstein, den er untersucht und beschreibt und wobei er als erster die mineralische Art und Herkunft der Meteore erkennt.
Immer geht er ja der Natur nach, der Mutter Natur, wie er sagt,  „aus der die Mineralia wachsen“, und er verteidigt seine ständige Wanderschaft, denn dem Forscher gehen „die Berg nit nach, sondern er muß ihnen nachgehen . .. Wie kann einer denn hinter die Bereitung der Natur kommen, wenn er sie nit sucht, wo sie ist? Soll mir denn das verarget werden, daß ich meine Mineralia er wandert und ihr Gemüt und Herz erfahren hab, ihre Kunst in meine Hände gefaßt, so daß sie midi lehren, das Feine vom Kot zu scheiden . . . ? „

Wie sachlich und zukunftsweisend des Paracelsus Naturforschen auf allen Gebieten ist, zeigt sich auch darin, dass er ohne Bedenken die alte Lehre von der heiligen Siebenzahl der Metalle, die den sieben Planeten zugeordnet sind, verlässt, und außer Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Eisen, Blei und Quecksilber noch eine Reihe von Metallen erstmalig nennt, die seine Zeit nicht kannte oder doch zumindest als Metalle nicht anerkannte, nämlich: Zink, Wismut, Kobalt, Antimon und Arsen. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts war die wissenschaftliche Chemie dazu bereit, die Metallnatur der meisten dieser Stoffe anzuerkennen. So weit ist Paracelsus seiner Zeit voraus.

Immer mehr zieht es ihn jetzt in die Stille. Dort kann er ungestört seinen Gedanken nachgehen, kann nachsinnen, sich ganz in sich selber versenken und kann aus der Tiefe seiner Weltschau die verborgenen Bilder der Welt und der Natur heraufholen. Und so spannt sich der Bogen seines Forschens und Betrachtens immer höher und weiter. Er reicht von den Steinen, den Stoffen, den Erden und Pflanzen bis hinauf zu den Gestirnen. Er ist des Glaubens, dass die Lufthülle der Erde bis zu diesen Gestirnen heraufreiche und dass die Sterne deshalb Einfluss auf das Wettergeschehen und die damit verbundenen Krankheiten haben müssten.

Theophrast von Hohenheim - Paracelsus genannt
Theophrast von Hohenheim – Paracelsus genannt

Darin ist er noch ganz in seiner Zeit verhaftet. Da noch niemand etwas von den Krankheitskeimen weiß, von den Bakterien und Viren, vermutet er auch, dass für die Entstehung der weitverbreiteten Seuchen, für den „Schwarzen Tod“, die Cholera und andere Seuchen der Menschheit, nur der Einfluss der Sterne und ihrer Ausdünstungen verantwortlich gemacht werden müsse, und so ist seine Forderung zu verstehen: „Ein Arzt soll am ersten ein Astronom sein.“

Solche, wenn auch fehlhaften oder nur zum Teil heute noch vertretbaren Anschauungen, ergrübelt Paracelsus in seinen einsamen, entsagungsvollen Stunden, denn bis zu den Sternen reicht zu seinem Schmerz Experimentieren nicht hinauf. „Allemal bei der Nacht, wenn alle leiblichen Dinge ruhen, heimlich und still sind, da ist am besten und nützlichsten zu spekulieren und meditieren, auch an heimlichen, besonders dazu gelegenen Orten, also dass keiner von Leuten beschrien, erschreckt, oder verhindert werden kann, dazu auch mit nüchternem Leibe.“

Auch in Ensisheim ist Paracelsus nicht lange geblieben. In der „Chronika, Zeytbuch und Geschichtbibel“ des Sebastian Franck ist zu lesen:
„Doctor Theophrastus von Hohenheim, ein Physikus und Astronomus. Anno 1529 ist gemeldeter Doctor gen Nürnberg kommen, ein seltzam wunderbarlich Mann, der fast alle Doctores und Skribenten verlacht.“ So hat Paracelsus also auch die berühmte Reichsstadt Nürnberg an der Pegnitz aufgesucht, die Stadt der Meistersinger und des Hans Sachs, die dieser um dieselbe Zeit als einen „blühenden Rosengart“ besingt, in dem viel Frohsinn herrsche.  

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