Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 2 – Wanderer & Forscher

Hier lesen Sie Teil1 – Die Welt im Umbruch.

Theophrast von Hohenheim - genannt Paracelsus
Theophrast von Hohenheim – genannt Paracelsus

Immer treibt es Paracelsus wieder aus Schulstuben und Bibliotheken hinaus in Wiesen, Wälder, Einöden und Gebirge. Und immer sucht und forscht er, um der Natur die verborgensten Kräfte und Rätsel abzulauschen und etwas vom Geheimnis des Lebens aus ihnen zu erfahren. Ihm ist die Natur längst nicht mehr das unheimliche Grenzgebiet gegen das Gottesreich, das man fürchtet und besser nicht betritt. Ihm ist gerade die Natur erfüllt von Gotte geheimsten Kräften, ganz werdendes und sich wandelndes Leben Lockung und Hoffnung. Den Zeitgenossen ist dieser Forschertrie‘ unheimlich, unheimlich wie so vieles in dieser gärenden Zeit. Paracelsus aber hat unmittelbar aus der Natur sein tiefstes Wissen erfahren. Dieses Erfahren bedeutet für ihn im ursprünglichen Sinne des Wortes ein Erfahren, ein Durchfahren, Landfahren, bedeutet: Wanderschaft!

Paracelsus - Wenceslaus Hollar
Paracelsus – Wenceslaus Hollar

Er wandert mit scharf beobachtenden Augen umher, und niemand ist ihm zu gering, um nicht noch etwas von ihm zu erlernen. Von den Hufschmieden lässt er sich das Ausbrennen der Wunden und ein blutstillendes Heilmittel aus Kupfer zeigen, und die Fuhrleute fragt er nach ihren Salben, mit denen sie ihre wund gescheuerten Gäule behandeln. So treibt es ihn immer weiter, „gen Lissabon, durch Spanien, durch England, durch die Mark, durch Preußen, durch Litauen, durch Polen, Ungarn, Walachei, Siebenbürgen, Karpaten, Windisch Mark, auch sonst andere Länder“. Ich habe „in allen den Erden und Orten fleißig und emsig nachgefragt, Erforschung gehabt gewissener und erfahrener Künste der Arzney: Nicht allein bei den Doktoren, sondern auch bei den Scherern, Badern, gelehrten Ärzten, Weibern, Schwarzkünstlern, so sie die Arzneykunst pflegen, bei den Alchimisten, bei den Klöstern, bei Edeln und Unedeln, bei den Gescheiten und Einfältigen . ..“

Es ist ja die Zeit, wo auch Schwarzkünstler, Scharlatane und Quacksalber reich vertreten sind. Vielerorts taucht der Zauberer Dr. Johannes Faustus auf, bald in Schwäbisch Hall, bald in Maulbronn, und die Leute dieser aus den Fugen geratenen Zeit laufen ihm nach, berauschen sich an dem Gruseln, das er ihnen bereitet, weil sie seinen Schlichen nicht gewachsen sind, oder sie trachten nach Wundersalben, die jung machen, das Leben verlängern oder die Klugheit fördern sollen. In abgelegenen Alchimistenküchen brodelt es aus Pfannen und gluckst es in Retorten, weil man in immer neuen Versuchen sich um das Galdmachen oder um den Stein der Weisen bemüht.

Wenn auch Paracelsus zwischen Wert und Unwert all dieser Experimente zu unterscheiden weiß — hat er doch sogar eine Absage an die Goldmacherkunst und ihr Bemühen um den Weisheits-Stein geschrieben, da „wir im selbigen kein wahrhaftig Wissen nit tragen“ —, so beobachtet er doch jeden der Versuche ganz genau. Über alledem kommt er zu der Einsicht, dass zur Heilkunst das Experimentieren und Wissen allein nicht genug ist, dass der Kampf des Arztes gegen die Krankheit und gegen den Tod auch ein Kampf mit dem Schicksal ist, bei dem es viele Niederlagen einzustecken gilt: „Hab viel nachgedacht, dass die Arzney eine Ungewisse Kunst sei, die den einen gesund machen, zehn aber verderben kann.“

Aber Paracelsus will heilen und helfen. Was er in einem Land nicht findet, das sucht er in einem anderen. „Will einer einen Braten essen“, sagt er, „so kommt das Fleisch aus einem andern Land, das Salz aus einem andern, die Speis aus einem andern Land. Müssen die Ding wandern, bis sie zu uns kommen, so musst auch du wandern, bis du das erlangest, das zu dir nit gehen kann.“ Weil die Natur das große Lehrbuch ist, darin die Länder die Blätter sind, „muss man ihre Blätter umkehren“.

Paracelsus - Holzschnitte von Astronomica et Astrologica, 1567.
Paracelsus – Holzschnitte von Astronomica et Astrologica, 1567.

Die gelehrten Doktoren der erstarrten Schulmedizin sind anderer Meinung, Sie blättern lieber in dicken Kommentaren, worin die bekannten Krankheiten und Heilmittel aufgezeichnet sind. Sie halten sich noch immer an die Regeln der römischen, griechischen und altarabischen Heilkunde, folgen dem Wortlaut der alten Texte und glaubten an die überholte Lehre von den vier inneren Grundkrankheiten, die sie als „kalte, warme, trockene und feuchte“ bezeichnen. Entsprechend ist die Behandlung der Kranken: Die „kalten“ Krankheiten werden durch Wärme, die „warmen“ durch Kälte, die feuchten“ durch Trockenbehandlung, die „trockenen“ durch Feuchtigkeit bekämpft. Paracelsus aber will eigenen Erwägungen folgen, dem, was er in langer Übung und Erfahrung für wahr befunden hat. Er will selber sehen und beobachten.

Im Jahre 1517 begleitet er das niederländische Heer als Wundarzt und sammelt so auch zwischen Armbrüsten und Hellebarden, Musketen und Kanonen, Erfahrung, „Experientz“, wie er es nennt. „Vierzigerlei Leibkrankheiten“ erforscht und bekämpft er dabei mit gutem Erfolg. Was bisher nur den verachteten Badern überlassen war, das Schneiden und Ausbrennen der Wunden, das macht er alles selbst, und er stellt dadurch die Verbindung her zwischen Forschung und Praxis, zwischen Heilkunde und Heilen. Er begreift den Leib als ein lebendiges Ganzes. Deshalb versucht er an Stelle des bisher allein üblichen bloß äußerlichen Brennens, Schneidens und Renkens die gestörten Kräfte auch von innen her wieder in die rechte Ordnung zu bringen. Den Dünkel und Hochmut der Ärzte, die sich auf den Universitäten in gepflegtem Humanisten-Latein ergehen und davor zurückschrecken, sich die Finger zu beschmutzen, verachtet er. In der derben Sprache seiner Zeit sagt er es ihnen auch: Wo der gelehrte Arzt „nicht ein Chirurgus dazu ist, so steht er da wie ein ölgötz, der nichts ist als ein gemalter Affe“.

*

An vielen Orten taucht Paracelsus auf, und sein Ruf als Gelehrter wie als tätiger Heilkünstler verbreitet sich bald. Nie ist er zufrieden mit dem, was er kann und weiß. Sein Forschergeist ist unersättlich und seine Arbeitskraft geradezu unheimlich. Bleibt er einmal ein paar Tage oder Wochen an einem Ort, so wirft er sich oft nur für drei, vier Stunden mit Stiefeln und Sporen auf die Lagerstatt, und so manches Mal durchwacht er schreibend im Schein einer Öllampe, oder forschend und prüfend vor glühenden Kohlenbecken, Schmelztiegeln., Retorten und Windöfen eines vorübergehend und notdürftig eingerichteten Laboratoriums die Nacht. Immer schaler scheint ihm das Wissen der gelehrten Schulen angesichts der lebendigen Natur und dem täglichen Menschenleid. Was lehren sie denn auch, an den hohen Universitäten? Nichts als Bücherwissen, Begriffe, denen der lebendige Inhalt fehlt, Lehrsätze des vergötterten Mediziners und Gelehrten Galenus, der vor mehr als. 1300 Jahren lebte, oder die des Griechen Hippokrates, sowie Ergänzungen und Erklärungen des Arabers Averroes. Verdienstvolle Männer, gewiß; aber ihre Erkenntnisse liegen zu weit zurück, als daß man sie ungeprüft übernehmen dürfte. Allzulange hat man sich an den Buchstaben ihrer Schriften gehalten und nicht bedacht, daß vieles blutleer geworden ist an dem, was sie gelehrt haben. Wie anders ist doch das echte, wirkende Leben setlbst!

So verwirft Paracelsus die toten Begriffe und rückt der Natur zu Leibe. Und doch genügt es ihm nicht, Stoffe zu finden, nein, weit tiefer „ergründet“ er die Erscheinungen der Welt: er sucht die in ihr waltenden Kräfte. Nicht um das Faßbare, Feste, nicht um die Stoffe allein geht es ihm, sondern mehr noch um das „Leben“, das sie durchpulst, Leben im Sinne der tiefinnersten Wirkungskräfte der Natur. Nur wer diese kennt und sie richtig anzusetzen weiß, kann heilen. Deshalb sagt er, müssen die Ärzte wissen, „von wannen das Zinn, von wannen das Kupfer, das Gold, das Eisen wachst und wie es wachst und was ihm zusteht“; denn auch die Metalle und Minerale sind für ihn nicht tot, irgendwie sind sie entstanden, wandeln und verändern sich und können in ihrem Wesen beeinträchtigt und beeinflußt werden. Erst viel spätere Zeiten, vor allem die moderne Atomphysik, haben diese Wandelbarkeit und dieses innere Leben der Stoffe wieder entdeckt. Paracelsus fordert: „Das soll ein Arzt wissen, was schmilzt im Blei? Was ist das, das im Wachs zergeht? Was ist das, das im Demant so hart ist? Und was ist das, das im Alabaster so weiß ist? So er nun das weiß, so mag er sagen, was das sei, das ein Geschwür macht, was einen Karbunkel macht, was die Pest macht“. Dieses Forschen nach den verborgenen Gründen und dem Wesen der Dinge reicht über den Raum der Medizin hinaus. Im Suchen des Paracelsus Hegt schon die faustische Sehnsucht nach der Wahrheit, wie sie dreihundert Jahre später in Goethes Werk Gestalt geworden ist und in den Worten, die er Faus* sprechen lässt:

„Drum hab ich mich der Magie ergeben.

Ob mir durch Geistes Kraft und Mund Nicht manch‘ Geheimnis würde kund,

Daß ich nicht mehr, mit saurem Schweiß, Zu sagen brauche, was ich nicht weiß,

Daß ich erkenne, was die Welt

Im Innersten zusammenhält.“

Es ist nicht die schwarze Kunst des Doktor Faust, der Paracelsus sich ergibt, sondern die lichte, die heilende, die nichts anderes ist als der demütige Einblick in die tiefen Abgründe der Natur und des Geistes. Paracelsus verbündet sich nicht, wie der Faust der Sage und Goethes Faust, mit dem Teufel, sondern er spricht immer wieder aus, „daß solches alles durch und mit Hülf und Zuthun des Vaters der Medizin, Jesum Christum, den einigen Gesundmacher, zugehe und geschehe.“ Die Abergläubigkeit seiner Zeit prangert er an: „Wann es mit Teufels Hülf geschieht, so gilaubst du, es hab Kraft und Würkung. Kannst du denn nicht auch glauben, dass der Schöpfer der Natur, Gott im Himmel, auch so stark sei, dass er solche Kraft und Würkung den Metallen, Wurtzeln, Kräutern, Steinen und anderen dergleichen auch geben könnte? Als ob der Teufel stärker, kunstreicher, allmächtiger und gewaltiger wäre dann der einig, ewig, allmächtig und barmhertzig Gott, der die genannten Metalle, Stein, Wurtzeln und dergleichen dem menschlichen Geschlecht zu Nutz und Wohlfahrt erschaffen hat.“

Zu Nutz und Wohlfahrt der Mitmenschen gebraucht Paracelsus sein Forschen und Wissen. Was er als Knabe schon in Villach begonnen, das ergänzt er in Schweden, später in Meißen und Ungarn, wo er überall die Bergwerke besucht, um seine Kenntnisse in der hüttenkundlichen Tinkturenbrauerei, einem Nebenzweig der Pflanzenheilkunst, zu erweitern. Und auch hier kümmert er sich nicht nur um die verschiedenen Krätze, ihre Entstehung, ihre Gewinnung und Verwertung, sondern auch um die Wirkung der Metalldämpfe auf die Bergleute, deren Gang, Lebensweise und Aussehen er beobachtet, so daß er als erster Maßnahmen ergreift, ihnen gesündere Lebensverhältnisse zu schaffen.

*

 Schauend,      forschend      und      lernend     durchwandert   Paracelsus Europa. Und was für ein Europa! Es ist geladen vom neuen, vom zukunftsträchtigen Geist. „O saeculum! 0 literae! Juvat vivere!“ schreibt 1517 der kämpferische Freigeist Ulrich von Hütten an den gelehrten Humanisten Willibald Pirkheimer, den Ratsherrn zu Nürnberg: „0 Jahrhundert! 0 Wissenschaften! Es ist eine Lust zu leben!“

Die Wissenschaften erwachen. In dieser Zeit schaffen überall auch die Künstler unsterbliche Werke: Albrecht Dürer, Lukas Cranach, Albrecht Altdorfer, die beiden Haus Holbein, Pieter Brueghel, Peter Vischer, Raffael, Tizian, Lionardo da Vinci, Michelangelo und viele andere Große mehr.
Martin Luther, der streitbare Geist mit der glühenden Religiosität, der schon 1517 seine 95 Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen hat, gibt im Jahre 1520 seine drei großen Reformschriften gegen »das „Menschenwerk“ in der Kirche heraus: „An den Adel deutscher Nation“, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ und „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“. Im gleichen Jahre erkennt der Portugiese Fernando Magellan auf der ersten Weltumsegelung die wirkliche und bis dahin weit unterschätzte Größe der Erdkugel, indem er die Breite des Stillen Ozeans segelnd durchmisst. 

So ringt der Mensch dieser Zeit auf allen Gebieten um ein neues Weltbild, um die große Welt der Länder und Meere, die allumspannende Welt der Kirche und die kleine Welt der Säfte und Naturstoffe in Phiolen und Retorten. Und nicht weniger revolutionär wie die Eroberungen und die Durchforschung des Erdballs sind jene Umwälzungen, die das Innere des Menschen betreffen, seine Stellung zu Gott und Welt. Wie viele sich in dieser Zeit mühen, das rechte Wort zu finden für all das Drängende und Neue, so plagt auch Paracelsus sich um Form und Stil, in denen er seine neuen und die ganze Medizin seiner Zeit umstürzenden Erfahrungen fasslich und mitteilbar machen kann.
Für die große Zahl seiner neuen Einsichten muss Paracelsus die Benennungen finden und prägen. Und es sind lauter Geschehnisse und Kräfte, die äußerst schwer zu fassen und säuberlich voneinander zu trennen sind. Viele Kräfte des Weltalls sieht er in den Metallen, Steinen, Stoffen und Pflanzen schlummern, und er macht sie durch chemische Prozesse, durch Zerlösen, Mischen und Binden frei. Immer wieder muß er zwischen der Vielfalt der Naturkräfte sondern und auseinanderhalten, denn jedes Organ des menschlichen Körpers ist empfänglich für ein ganz besonderes, genau abgestimmtes Kräfte- und Heilmittel, ein Arcanum, wie Paracelsus es nennt. „Die Natur muß in ihrer Weis und Art erhalten bleiben. Ihr sollet verstehen, wie die Natur nicht durcheinander plampert Essen und Trinken, Fleisch und Brot in eine einzige Form, sondern in viele Formen.“ So darf auch der experimentierende Arzt nicht alles, wie viele Apotheker und Quaksalber es tun, durcheinander „kochen wie eine Suppenwurst“, liegen doch in den Gewächsen Segen und Gift oft eng beieinander. Sie zu kennen und zu trennen gehört zur Kunst der „Alchimia“, wie Paracelsus sie versteht.

Während Paracelsus, der Arzt, sich müht, seine Kräftelehre verständlich zu machen, erschafft in England William Shakespeare sein großes dichterisches Werk, in dem erstmals in der abendländischen Literatur die Innenwelt des Menschen in ihren verborgenen Kraftströmen, Leidenschaften, Sehnsüchten und Nöten aus tiefer Menschenkenntnis heraus durchleuchtet wird. Und eigenartig: so wie Shakespeare Gut und Böse in der Brust des Menschen miteinander ringen sieht und dramatisch gegeneinander führt, so findet der Dichter auch Worte für das wunderbare Gegeneinander des Heilkräftigen und des Zerstörerischen innerhalb der Erde, der Natur, der Kräuter und Gestirne. In seinem Drama „Romeo und Julia“ stehen die Verse des Bruders Lorenzo: 

„0 wunderbar ist die wohltätige Kraft, Der Kräuter, Bäume, Steine Eigenschaft. Nichts was auf Erden lebt ist so gering, Es taugt der Erde doch zu einem Ding.

Nichts Gutes, das nicht richtigem Brauch entwandt Entartet und ins Unheil war gerannt. ..

Im Kindeskelche dieser zarten Blüte

Hat Gift den Sitz und heilungskräftige Güte . . .“

Wir wissen nicht, ob irgendwann Paracelsische Gedanken mit den Ansichten Shakespeares zusammengetroffen sind. Paracelsus ist zwar in England gewesen, doch braucht es nicht seine Lehre gewesen zu sein, die Shakespeare an dieser und an andere Stellen seiner Dramen wiedergegeben hat. Es war wohl die Aufgeschlossenheit dieser beiden großen Geister für das Neue, ihre feine Witterung, die sie zu gleichen Aussagen geführt hat.

Fortsetzung folgt….

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