Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 1 – Die Welt im Umbruch

Theophrast von Hohenheim - Paracelsus genannt
Theophrast von Hohenheim – Paracelsus genannt

1493 – Die Welt im Umbruch

Winterwinde fegen über kahle Äcker und den dichten Wald, worin eingebettet die Schweizer Ortschaft Einsiedeln liegt. Bald wird der Schnee jeden Laut in seine Traumdecke hüllen. Dann wird das Leben der Menschen noch abgeschiedener sein als sonst und nur spärlich die Kunde vom großen Weltgeschehen zu ihnen dringen. Nicht nur voll Frieden und Frommheit werden ihre Träume sein, sondern auch von bösen Geistern durchzogen; steigen doch in dieser abergläubischen Zeit aus jedem Winkel Dämonen, Teufel und Hexen auf. So in sich versponnen, merkt Einsiedeln kaum, wie die Welt sich anschickt, ihre mittelalterlichen Grenzen einzureißen. Es ist die Zeit der kühnen Welteroberer. In den mächtigen Stadtstaaten Italiens, in den deutschen Kontoren der Fugger und Weiser, in Rom, in Spanien und Portugal werden die Geschicke der neuen Zeit bestimmt. Ein Jahr ist es her, seit Christoph Columbus Amerika entdeckte, und eben erst hat er zum zweiten Mal die Segel gesetzt, gen Westen, nach Dominika, Portoriko und Jamaika.

Theophrast von Hohenheim - genannt Paracelsus
Theophrast von Hohenheim – genannt Paracelsus

Von Italien her weht der frische Wind des Humanismus und der Renaissance. Renaissance — zu deutsch: Wiedergeburt. Der Glanz der Antike soll wiedergeboren werden. Der Mensch ist aufgerufen zu Macht und Schönheit, zur Harmonie all seiner Kräfte, zu seiner vollen Menschlichkeit, seiner Humanität. Der Mensch als Mittelpunkt allen Geschehens: das ist das Anliegen des Humanismus und der Humanisten. Er wird herausgelöst aus allen Bindungen der umhegten, der gotischen Welt, herausgehoben als selbstherrliche Persönlichkeit aus der festgefügten Gemeinschaft der mittelalterlichen Ständeordmung und hingeführt zu eigener Entscheidung und zu neuen Formen in Religion und Wissenschaft, in Politik und Kunst.

Tief graben die Gelehrten des Humanismus sich in die wiederentdeckten Werke des Altertums ein, in denen sie nach glänzenden Vorbildern suchen. Unbekümmert um Tradition und Verbot legen sie griechische, hebräische und lateinische Texte aus, um kraft eigenen Denkens die Wahrheit zu finden. Rücksichtslos kämpfen in dieser Zeit die Männer der Politik und die großen seefahrenden Mächte um Einflussgebiete und neue Eroberungen jenseits der Meere. Im Volk mehren sich die Zeichen des Aberglaubens und der Unduldsamkeit. Häufiger werden die Hexenprozesse, im Elsaß entbrennt unter der Fahne des Bundschuhs der erste Bauernaufstand. In der „Weltchronik“ des Hartmann SchedeL die in diesem Jahre 1493 erscheint, sind die großen Ereignisse der Zeit zu lesen.

Hollbein der Ältere vollendet die Flügelbilder für den Weingartener Altar, und Tilmann Riemensehneider, der Bildhauer mit dem zartbeseelten Meißel, grübelt über den Ursprung des Menschengeschlechtes nach und erschafft seine Steinfiguren „Adam und Eva“. Das alles bewegt die Welt im Jahre 1493. In Einsiedeln nimmt man davon kaum mehr Notiz als die große Welt ihrerseits von dem Schweizer Ort. Und doch ist mit diesem Jahre auch Einsiedeln bedeutend für die Welt geworden; denn am 10. November 1493 wurde dort Philipp Theophrast Bombast von Hohenheim geboren, der große Arzt, Chemiker, Philosoph und Mensch, der unter dem Namen Paracelsus weltberühmt geworden ist.

***

Paracelsus, wie Theophrastus erst später genannt wird und wie er sich dann selber nennt, ist die verballhornte Übersetzung des Namens Hohenheim ins Lateinische; doch kann es auch bedeuten: mehr als Celsus, mehr als jener berühmte Gelehrte des Altertums, dessen medizinische Lehren noch in des Paracelsus Lebenszeit nachwirken.

Mehrdeutig wie schon der Name ist Paracelsus selbst, der große Geist zwischen Mittelalter und Neuzeit. Legende und Geheimnis sind um ihn gewoben und weite Strecken seines Lebens in Dunkel gehüllt. Bald da bald dort taucht er auf, der schlicht gekleidete Mann mit dem mächtigen Kopf, der hohen Stirn, den wettergehärteten aber gütigen Zügen, dem durchdringenden Blick und dem großen Schwert an der Seite, von dem die Zeitgenossen sich zuraunen, es wäre in seinem Knauf ein geheimes und besonders kostbares Heilpulver oder gar der „lapis philosophorum“, der Stein der Weisen, verwahrt.

Stets zieht dieser Mann die Wanderwege, und wären sie noch so mühsam, den Herbergen vor. Aber bei aller Unrast und Wanderschaft ist er, dem Namen seines Heimatortes Einsiedeln gemäß, wirklich ein Einsiedler geworden, ein Großer des Geistes, dem sein Genius viel Einsamkeit auferlegt hat. Der kühne Forschergeist, der einen Columbus oder Vasco da Gama in ferne Welten treibt, lebt auch in ihm. Doch ist er grüblerischer als diese.und richtet seinen Blick auf das innerste Wesen der Dinge, auf die verborgenen Kräfte der Natur, die er liebend ergründet.

In seinem Naturforschen ist Paracelsus ganz Kind der neuen Zeit, die die Natur aus der Natur selber zu verstehen bestrebt ist und trotzdem die Welt als Gotteswelt bejaht. In seinem Drang nach Erkenntnis öffnete er Auge und Herz allen Dingen, bis seih Blick zu ihrem letzten Grund vorgedrungen ist, um von dort aus die Ganzheit der Welt zu erfassen, in einer Weltschau, die das eigene Ich unendlich erweitert. Denkmalhaft ragt die Gestalt der Paracelsus an der Schwelle zweier Zeitalter, und er wußte um seine Bedeutung. Sein Wahlspruch, den wir auf vielen seiner Bildnisse finden: Wer sich selbst gehören kann, soll keinem anderen angehören, ist Ausdruck seines stolzen und berechtigten Selbstbewusstseins.

So steht Paracelsus vor uns, aber wir müssen aus vielen verstreuten Zeugnissen die Fülle seines Lebens erst wie ein Mosaik zusammensetzen. Die Fülle seines geheimen Wissens ganz zu erfassen, reichen freilich selbst die zahllosen Bücher nicht aus, die über ihn geschrieben worden sind. Dieser Ringende, Neuland Durchforschende konnte gleich den zeitgenössischen Entdeckern von Ländern und Erdteilen das neu Gewonnene noch nicht in einem abgerundeten Gesamtbild zusammenfassen, und so ist sein Lebenswerk bis heute noch immer nicht ausgedeutet.

„In Tannzapfen erwachsen“

Theophrastus Paracelsus — der wegen seiner goldblonden Haare auch den Namen Aureolus, der Goldhaarige, erhielt — entstammt dem alten württembergischen Geschlecht der Bombaste von Hohenhein, deren Stammschloss Hohenheim südlich Stuttgart bei dem Dorfe Plieningen liegt. Der Vater, Wilhelm von Hohenheim, war praktischer Arzt und Lizentiat, Hochschullehrer der Medizin. Die Mutter stammte aus einer Einsiedeler Familie namens Ochsner. Was sie für Paracelsus bedeutet haben muß, entnehmen wir seinen eigenen Worten: „Das Kind bedarf keines Gestirns noch Planeten; seine Mutter ist sein Planet und sein Stern“.

Die ersten Kindheitseindrücke des Theophrastus sind durch die  Urgewalt und Unberührtheit seiner schweizerischen Heimat geprägt. Noch heute ist ja die Pflanzenwelt des Einsiedeler Gebietes ihrer Mannigfaltigkeit wegen berühmt. Das Vaterhaus des Paracelsus stand an der rauschenden SihL bei der Brücke, am Saume der Tannenwälder, und er selbst berichtet, daß er „in Tannenzapfen erwachsen“ sei. Rauh war die Welt, die die ersten Züge seines streitbaren Geistes mitformte, und so sagt er von sich selbst: „Von der Natur bin ich nicht subtil (zart und fein) gesponnen, ist auch nicht meines Landes Art, dass man was mit Seidenspinnen erlange; wir werden auch nicht mit Feigen erzogen, noch mit Met, noch mit Weizenbrot, aber mit Käs, Milch und Haferbrot.. .“

Der Vater war nicht nur Arzt, sondern auch Lehrer der Scheidkunst, jener chemischen Kunst, die aus Gesteinen und Metallen und Pflanzen durch Schmelzen und Destillieren, Erhitzen und Abkühlen neue Stoffe abzuscheiden und zu gewinnen vermag. Früh schon hat er den Sohn mitgenommen in die Bergwerke, die Erzwäschereien, Schächte und Hütten und zu den geheimnisvoll glühenden Schmelzöfen. So hat Theophrastus schon von Kindesbeinen an das unmittelbare Erlebnis der wirkenden Kräfte der Natur erfahren.

Über seine Ausbildung berichtet er: „Von Kindheit auf habe ich die Dinge getrieben und von guten Lehrern gelernt, die in der Adepte Philosophie (der Durchforschung der tiefsten Naturgeheimnisse) die Ergründetsten waren, und den Künsten mächtig nachgründeten: erstlich von meinem Vater, Wilhelmus von Hohenheim, der mich nie verlassen hat.“

Neun Jahre ist Theophrastus alt, als er im Jahre 1502 nach Villach in Kärnten kommt, wohin der Vater als Arzt übersiedelt. Ob die Mutter damals mitkam oder schon gestorben war, wissen wir nicht. Unter der ernsten Anleitung des Vaters,, den Paracelsus sehr geliebt hat, ist »ein Blick früh gereift, und so tritt er wachen und kritischen Sinnes als Sechzehnjähriger in die benachbarte Klosterschule im Lavanttale ein. Dort gilt es, Bücherweisheit aufzunehmen und sich auf den Besuch der Hohen Schule vorzubereiten. Dann studiert er die Künste der Arznei und Medizin in Deutschland, Frankreich und Italien. Mit zwanzig Jahren erwirbt er an der Universität Ferrara in Italien das Doktordiplom. Nie hält es ihn lange an einem Ort. „Die Künste“, sagt er, „ausgeteilt durch die ganze Welt, müssen auch an vielen Orten aufgesucht und gesammelt werden.“ Aber auch in seinen Studienjahren zieht er die lebendige Natur den toten Buchstaben vor. Das einzig wahre Buch, weil es von Gott selbst geschrieben ist, und das lehrreichste von allen ist ihm die Natur in ihrer Mannigfaltigkeit: „Die Bücher, so Gott selbst geschrieben hat, die sind gerecht, ganz vollkommen und ohne Falsch.“ –

Lesen Teil 2: Wandern & Forschen.

0 Kommentare zu “Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 1 – Die Welt im Umbruch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!