Otto zur Linde • Zeit

Z E I T 

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1.
Oh Welt ist Weg. Und ob du wandelst
Dein Werk des Seins, das dich ist,
So bist du immer doch dein Sein,
Dein Werk, und deinen WEG.

Alles Zurück leg du nach vorn,
Lösche nicht aus Vergangenes,
Ach Widerruf war Wahn –
Was du »gemeint« hast, wächst doch und wird »reif«.

2.
Der Wahn des Kriegs, des Siegs, Walhall, die Heldengröße,
Der Wahn der Nerven, die so falsch verwandeln,
Oh Golgatha, und TREUE, und die Scham
Der Heimgebliebnen, dann innerster

Zwang: den »Sinn« zu suchen, ach und dann
WÜRDE und WERT, die aber sollt ihr
Sehn als TREUE. Wer sein Volk
Verläßt, lebt doch nicht sich, der lebt

Den Wahn der Todesfurcht, der haßt sein Ich,
Denn er sieht sich selber als Gespenst
Und flieht davor. Ihr nennt das Feigheit.
Ja. Ja. Ja. Aber so wißt auch:

Ein Irrenhaus ist unsre Welt –
Und ob wir Leichen legen Millionen,
Oder uns selbst entfliehn als einem Gespenst,
Einmal müssenwir erwachen. Das ist nie

Pendel. Unser WEG darf nur »nach vorn«
WERK sein, das »reif« wird,
Kein Klammern am Zurück, kein Archaismus,
Kein Widerruf als Pendel mit dem WAHN,

Daß wir nun Mord mit Mord ausrotten,
Zuchthaus und Dogma, auch nicht falsches
Verwandeln der Nerven: wer bisher
Hammer war, wolle nun Ambos sein,

Die »rechte Backe«. Nein. Nein. Nein.
Schlagt niemehr, niemehr, niemehr,
Aber haltet auch nicht Backen hin –
Euer neuer Horizont ist viel, viel weiter.

Im Irrenhaus der Welt sollen die Erwachten
Wissen, was Pendel wär, und sollen den Weg Spirale
Nach »vorn« gehn, das ist reif machen,
Nichts widerrufen, aber auch nichts treulos

Oder feig vergessen, denn mit Auslöschen
Ist nie ein WERK getan. Vergangnes
Wird »reif« in euch (das ist dann Zukunft)
Oder ist Leiche in euch, galvanisiert,

Und stirbt doch, und stinkt, vergiftet
Dann euer Gegenwärtiges, daß ihr nie
»Euch« seid sondern ein Gespenst –
Ihr sollt erwachen und dann »wirklich« sein.

3.
Das »Stahlbad«. Dieser WAHN
War WUNSCH auch, MIMIKRY
Der Generalsgehirne, an die Echtheit
Glaubten sie, solche die edle Herzen waren.

Es war Selbsthypnose, innerliche
Rechtfertigung, sie wollten einen »Sinn«
Hineinsehn in die Vorbereitung
Des Mordens und sie wollten

Den Mord als Schicksal und als Größe sehn.
Wohl einige haben »erkannt« und daraus
Gelernt, und dann gesucht, was sie »gemeint«
Hatten, und wir andern auch; und wir und sie

Wollen nun »wissen«, was »nach vorn« liegt –
Ach hinter uns liegt Selbsthypnose,
Lehrersuperklugheit, und das Nachschwätzen,
Und das ganz dumme, dumme Bilderbuch

Der falsch verwandelten Geschichte
Der Menschheit. Als wenn Registriergehirne
Im Irrenhaus aufschrieben das Geschehn
Und wollten das dann eine Welthistorie nennen

Und einen »Sinn« hineinsehn; irre Augen
Der Schulmeister aller Zeiten sahen so.
Die Weltgeschichte ist ein Spuk,
Das »tiefer« Wirkliche sehn nur Erwachte.

4.
Einem Volk vorlügen, daß es Sieger ist,
Und dann nicht Frieden machen, dieses Volk
Glaubt sich mißbraucht, und wenn es dann
Sich nicht mehr schlachten läßt, das dann

Eine Revolution zu nennen, ist der WAHN
Sowohl des Volks wie seiner Führer.
War je wohl Umsturz echt? Die MIMIKRY
»Glaubte« wohl. Die Rachsucht der Gestürzten

Haßte wohl. Sodaß ein Archaismus
Und Mimikry die Pendelschlagdistanz
Messen nach rechts und links. Doch niemand lernt,
Daß nur Spiralweg weiterführt. Die ACHSE

Alles Geschichtsgeschehns erahnen wir
Nach tausend Jahren immer noch nicht. Denn wir
Wähnen uns Wellenschaum und wissen nicht,
Wie tief die Wurzel unsres Wellenberges liegt.

5.
Erwachtsein ist nicht Widerruf –
Welcher General den Krieg als Wahn erkannte,
Soll nicht wollen Wunderkur und Traum
Einer erlösten Welt. Die Wellen

Wandeln sich und wandern. Das ist nicht
Von oben, sondern von unten her. Wo ist nun unten?
Umstülpen hilft nicht. Auch nicht Mitte,
Die seitlich legt, was grad stand,

Also daß wir »halb« zurück
Stülpen würden, was die Mimikry
Kopfstürzte. Auch die Revolution
Ist nicht zu »widerrufen«.

6.
Die »Zeit« zu wissen ist im Wahn,
Wer nicht an ihren Wurzeln wohnt.
Uns ist ein Schaum nur als ein Schauen aufgetan.
Was sich »verändert«, ist doch grade das nicht, was wir schaun
Als dessen Veränderung. Ist nur der Welle Schaum,
Nicht ihre Wurzel. Ob die Welle tief,
Ob flach, und was im Untersten
Des Wassers sich verwandelt, und wohin
Es wandert, wissen wir da oben nicht.
Und könnten doch bis in die Tiefe
Ertasten und dann wissen, denn wir »sind«
Das Wasser, und wir sind die »Zeit«,
Und wähnen wirr: der Schaum sei das Geschehn.
Das tiefer Wirkliche wacht nicht in uns zum Werk und Wissen auf.

7.
Wenn ihr rückschaut in der Zeit,
Sollt ihr fragen: was hab ich »gemeint« –
Dann nur bleibt in euch,
Was am Vergangnem »wirklich« war.

Das aber »reift« dann. Nach vorn
Liegt dann eure Treue. Die ist
Zeit als tiefere Wirklichkeit –
Eure Zukunft »seid« ihr dann, und also »tut« ihr sie.

8.
Auch in der MIMIKRY liegt tief verborgen,
Wo sie mit Recht an ihre Echtheit »glaubt«,
Ein Heiliges, ein Nötiges, das ihr umkleidet
Mit falschem Glanz, der nicht des Heiligen
Und nicht des Nötigen ureignes Licht ist sondern
Geliehn von eurer Phantasie, die falsch beleuchtet
Das Wirkliche und es euch so verhüllt.

9.
»Zeit« leidet am WAHN. Die Verwirklichung
Täuscht sie sich vor. Dann vertauscht sie ein Symbol
Mit dem, wofür dies stand, und wähnt nun
Anzubeten, wo sie eine Maskerade macht.

Das ist falsche Verwandlung. Ein Horizont
Künstlich gestellt, bemalt, verziert,
Wie ja am Sonntag wir uns suggeriern,
Daß wir ihn heiligen. Was aber sag ich euch?

Ihr sollt den Werktag heiligen. Dann ist
Eure Nüchternheit nicht schaal sondern schöpferisch.
Dann täuscht ihr euch am Sonntag keine Erhebung vor –
Eure »Ideale« sind so schädlich, weil sie Illusionen sind.

10.
Wer sich fragt, was er »gemeint« hat und noch »meint«,
Was er im Innersten als »wirklich« weiß und will,
Der wurzelt in sich, in seiner Unendlichkeit, und der
Ist »hier« und heilig nüchtern, und sein Sein ist dann sein WERK.

11.
Aus der Nüchternheit steht klar vor euch
Des Mords und Krieges krampfigte Besoffenheit –
Das Irrenhaus der Welt erkennt ihr dann.

So geht ihr still herum und denkt,
Wo ihr wohl helfen könnt. Und eure Rachsucht
Fällt von euch ab. Und euer Zorn

Ist dann der Güte Wirklichmachung.
Er steigt wohl steilhoch, aber dann
Sinkt er in euch hinunter und ist still.

Des Denkens Unermüdlichkeit
Hilft dauernder und zeitlicher
Und in die Zukunft, die ihr ja »seid«.

Vergangenheit vergeßt ihr nicht,
Denn sie soll »reif« werden. Aber Ressentiment
Ist dieses nicht, sondern »TREUE nach vorn«.

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Otto zur Linde – Gesammelte Gedichte
Gesammelte Werke – Band IX / X
Charonverlag – 1925

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