Otto Zur Linde • Denken

D E N K E N   

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1.
Des Denkens Last und Lust –
Ich hab »gemeint«, was ich »gewußt«.
Dies Wissen war ein Weg so wirr;
Was an ihm stand, macht‘ mich so irr,

Daß ich dem Weg mißtraute, und kein Ziel
Sah. Aber Denken war nie Spiel,
Lässiges, wohl frommes wie ein Kind –
Oh alle meine Irrtümer, die sind

Ein Weg und Wandern, Müh und Möglichkeit –
In wieviel Zweifeln war ich eingeschneit!
Ihr aber, die ihr meinen Spurn nachgeht,
Den Weg ihr und an seinem End das Ziel ihr seht.

2.
Der Weg im Dunklen. Du weißt ihn doch.
Still gehn Menschen. Auch du gehst still.
Es weiß keiner vom andern. Was wissen sie von sich?
Ich von mir, ich weiß, wie ich so einsam bin.

So auch, würde ich der Menschen einen anreden,
Er schräk, oder wäre im Mißtraun,
Oder sagte: du Lästiger! Es will ja
Keiner keinen. Was denn wollen sie?

Ich will eine Neue Erde. Da soll ganz gewiß
Keiner keinen erschrecken oder störn.
Aber ich will als Seele nicht so verlassen sein –
Stünd ich auf der Straße und predigte, keiner verstände mich.

Wenn ich aber wüßte, jeder weiß »sich« –
So ging ich noch immer so still an ihnen vorbei.
Und sie an mir. Aber es wäre Würde in der Welt,
Wir wärn nicht mehr herumwandelnde, tote Gespenster.

Vielleicht auch grüßten wir uns. Ein Blick
Sagte: wir sind Neue Erde. Alles Stillsein
Ist Besinnen. Oh wir »tun« dann
Unser Erdensein mit ernster Müh und Möglichkeit.

Ich will es tun. Und nicht verzagen.
An meinem Tisch schreib ich mein Denken aufs Papier.
Ich les es ja. So werden Menschen
Es einmal auch lesen. Ob es ihnen hülf.

3.
Still schaut die Nacht herein
Durchs Fenster. Oh wenn alle Menschen schlafen,
Ist meine Seele nicht mehr so allein –
Dann will ich gern noch wachen.

Dann weiß ich: einmal ist doch Seel zu Seel
Nicht mehr der Wahn, als wäre
Die Erde unser »Stück« der Welt,
Und »jenseits« läge, was nicht unser ist.

Wenn Menschen schlafen, lügen sie mir nicht
Ein Wachen, das so grausig tot ist.
Doch wenn ich steh an einem Bett,
Dann schreckt mich doch das Unerfaßbare.

So weiß ich nicht, was mehr »hinüber« ist,
Die schlafgebundne Leiche oder die wandelnde.
»Hier« ist keiner. Wo denn sind die Menschen?
Ist der Schlaf des Leibs auch ein Symbol der mißverstandnen Welt?

4.
Der Schlaf ist nicht des Endlichen
Umgrenzung oder Verwandelung
In Endliches, den Schlaf verstehen wir noch nicht.

Wenn Unendliches das Endliche
Schafft und ist –
Da ist »zeugendes Vergessen« aber noch nicht Schlaf.

Schlaf als alles Organischen
Selbstvergiftung
Ist doch die mißlungne Welt.

Ihr seht einen Rhythmus
Und so rettet ihr euch:
Zahllose Neugeburt aus mimikriertem Tod.

Solcher Tod ist unecht –
Daß es euer Schlaf auch ist, ach
Euer Wachen ist noch viel gespenstischer.

Gäb es »Stoff«,
Welche Sinnlosigkeit,
Daß er sich »ausruhn« müsse!

Muß eure Seele ruhn?
Das ist ja ein falsches Bild nur –
Aber ihr naht euch einer »selischen Qualität«.

Das Leid und das Mißlungene –
In mir schwimmt ein Ahnen,
Aber mein Wissen ist noch nicht wach.

5.
Der Seelen Anteil an der »Welt«
Als einen dumpfen, dumpfen Schlaf zu denken,
Das macht die Welt zu etwas Sinnlosem,
Und noch viel schlimmer, es macht die Welt

Zur Unerträglichkeit und würdelosen Lüge.
Uns hilft nur: ganz bescheiden sein, und sehr geduldig
Des Denkens »Sein« tun, also denken
Mit frommem Vertraun, daß Denken »sich« ist,

Daß uns nicht »jemand« denkt,
Kein Gott, kein Absolutes,
Daß wir uns selber denken,
Selber sind, und daß die Lüge

Des »Stückwahns« uns nicht angetan ward,
Sondern daß wir selbst im Wahn sind –
Was nun Wahn »ist«, was Schlaf,
Was zeugendes Vergessen,

Und wer nun »wirklich« ist, was wahr ist,
Und wie die Seele (also ich) vermag
Allen den Irrtum und mißlungne Welt,
Auf diesem »Weg« zu denken, das ist »Sinn«.

Und dieser »Weg« ist dann doch »Werden«
Des Seins, das »sich« ist, das den »Weg«
Erst schafft, ihn »ist«, und alles ZIEL
Bist du dir selbst, nur mußt du dich dann »wissen«.

6.
Mein stiller Abendgang, so einsam –
Und ich bin müde, weil ich so verlassen bin.
Das Denken will »sich« sein.

Da aber sind nicht Menschen –
Die mir ein Echo, eine Antwort sind,
Ach nicht am Tag, und nicht am Abend.

So ganz allein zu denken
Ist ja nicht Erfüllung –
Ich bin nicht »wirklich«, wenn nicht Ander »ist«.

Ach ich bin müde,
So am Tag, und so am Abend –
Denn ich vermag nicht aufzuwecken und zu hören, wer mir Antwort sei.

Ich will nicht Schein. Den Glanz
Eines Lichtes, das nicht selber brennt.
Das will ich nicht. So ist um mich die Dunkelheit.

Menschen kommen nicht zu mir.
Menschen wollen ein Feuerwerk
Und Lärm und süßkandierte, verlogene Musik.

Was ist das? Ach daß Menschen
(Im Wahn) doch alle Würde
Ihres Woher-Wohin von sich getan haben!

Es könnte doch ein Wahn
Immer noch Wahn sein
Und doch sein Woher erkennen lassen.

Dann wär doch noch im Wahn
Aufblühnd ein Sehnen
Und ein leises Tönen ihres Wohin.

Daß wir so Zwischenheit sind,
Ist nicht das Unerträgliche
Und nicht das Hoffnungslose –

Daß wir so feig sind,
Und so verlogen,
Und uns hassen, jeder sich,

Das ist das Würdelose,
Denn wir lügen uns
Eigenliebe vor.

Denn »Selbstsucht«,
Wie ihr sie tadelt,
Ist Flucht vorm Selbst,

Es ist eine vergiftete
Rachsucht am Selbst
Im Menschen, die ihn gierig macht.

Denn wir sind Geistpöbel –
Die mißlungne Welt
Verwandelte hier das Leid ins lüstern Leere.

So welken wir dahin –
Wir wissen nicht, wie sehr wir uns
Hassen und fliehn.

Alle Rachsucht gegen »Ander«
Ist tobende Verzweiflung,
Wir kommen vom Selbst nicht los.

Die Welt ist ein Irrenhaus –
Darin ist erschreckt und einsam,
Wer sich selber wiedererkennt.

7.
Daß der Mensch sich »lieben« lerne,
Bringt erst Würde in die Welt.
Dann will er seiner wert sein.

Oh ihr dachtet so falsch,
Und ihr sagtet so verlogen:
»Selbstsucht« sei das Wort.

Ihr müßt sagen: Selbstflucht.
Wer sich wiedererkennt,
Bittet seinem Selbst die Rachsucht ab.

Es ist Rachsucht, zu fliehn
Und ein »Stück« zu sein
Und dann ein Splitter im Fleisch des Nächsten.

Das ist GIER. Wie »vermag« Seele die Gier?
Welt und Ander zu fressen,
Um von sich selbst los zu sein.

Das ist keine Dankbarkeit,
Und kein Echo auf eine Antwort,
Denn solches Sehnen wär das Reziproke Allerseelen.

Wer sich »wiedererkennt«,
Den erfaßt dies Sehnen,
Aber scheu steht er vor den Wahnbefangenen.

Auch dies ist die WÜRDE des Selbst –
Wo wir uns »wissen«,
Sind wir mild und scheu. Ach und so einsam,

Denn ohne »Antwort« ist ein Sein so weh.
Bis daß ich stille bin, dann bitt ich mich:
Sei sehr geduldig, denn dein Warten bist schon du selbst.

8.
Auch dies ist reziprok –
Auf wen du »wartest«,
Der »kommt«. Und kommt,

Weil du wartest.
Du aber »weißt«:
Die Erde ist nicht ohne dich.

So ist das Erdenleid der Einsamkeit
Deines Wachseins nötiges
Weh und Werk.

So bist du gütig. Und erkennst,
Wie mancher gute Wille dir mit Wunsch
Entgegenkommt

Zu dir und für dich –
Denn es ist im Wahn
Doch ein Woher-Wohin.

So will ich auch entgiften
Der Welt Würdelosigkeit
Mit neuer, milder Lehre.

9.
Ihr sollt euch nicht mehr entfliehn.
Ihr sollt erkennen,
Daß all euer Böses Selbsthaß ist.

Dann wißt ihr: gütig zu sein,
Ist so notwendig eurem Selbst,
Daß ihr daran gesundet und der Welt

Eine Wiedererkennung bringt,
Daran die Erde
Gesundet aber nicht vollkommen wird.

Dann wißt ihr, daß Vollkommenheitswahn
Noch eine letzte Rachsucht ist
Und ein Entfliehn vorm Selbst.

Güte. Güte. Die Würde erweckt ihr schon.
Es ist der neuen Lehre ganz Bescheidnes
Eine wissend zum Wunsch gewordne und dann werkfähige »Gesinnung«.

10.
Aber auch dies Bescheidne sollt ihr erkennen:
Euch heilt und mich
Nur das Denken. Ihr »wußtet« ja nicht

Denken. Denn euer Entfliehn
Vorm Selbst vergiftete
Das Denken, daß es eine Rachsucht ward

Als Gier. Oder ihr entfloht
Allem Denken, nicht weil ihr träg wart,
Sondern aus Todesfurcht.

Denken ist keine Last, wenn Lust
Die »Antwort« hört. Und erst
Müßt ihr eurem Selbst doch Antwort sein.

Diesem Selbst zu entfliehn,
Macht euer Denken
Zur Mördergrube und zum Mordgerät.

Entweder ihr fallt hinein,
Oder eure Gier errafft,
Beidemale haßt ihr euch selbst.

11.
Das Denken ist kein Einmaleins,
Und Wissen ist nicht »Macht«,
Erwachtsein ist Denken.

Dann plärrt ihr niemals wieder
Daher vom »Gefühl«,
Welches tiefer sei als Denken.

Denken und Gefühl
Sind vorm Selbst
Das Identische.

Und reziprok bist du
Von dir zu dir.
Wer nicht dem Selbst entflieht, dessen Denken

Ist seines Selbst »Sein«
Und »Werden«, also daß
Gedanke und Tat einander würdig sind.

Vollkommenheit ist Wahn.
Nur »Werden«
Ist unsrer Güte wurzelfeste Selbstidentität.

12.
Das ist die neue Frömmigkeit,
Die nicht mehr vorwegnimmt
Weder ein Ziel noch einen Abschluß.

Seele ist sich.
Wenn du dich »wiedererkennst«,
Hilfst du der Welt.

Aber wenn du nicht »vorwegnimmst«,
Nimmt deine Rachsucht
Auch nicht mehr hinterweg.

So befriede ich mich
Meiner Einsamkeit
Und warte auf der Welt »Antwort«.

13.
Ein Leben, das wohl schwer ist,
Hat mir mein Weg gebracht
Vonher. Bringt mich mein Weg
Nachhin? Er geht durch Einsamkeit.

Mein Werk, muß ich es werten
Am Irrtum und Mißlungenen,
Oder wird es »reifen«
Mit mir, und auch hinter mir?

Wir müssen ja alle fortgehn –
Verlassen wir dann unser Werk?
Alles Endliche ist doch so schmerzhaft,
Denn doch ist Unendlichkeit in ihm.

Deine TATEN gehen ja hinter dir,
Solange du ihnen entfliehst.
Wann gehn sie mir voran?
Immer. Aller Loskauf ist Wahn.

Aber auch aller Selbsthaß ist,
Was nie hilft. Nicht dir,
Nicht »Ander«, deinen Taten nicht –
Selbsthaß macht keinen Irrtum »reif«.

Und ist auch keine Wiederholung möglich,
Um nun zu bessern, was mißlang.
Allem Geschehen ist sein Werden reziprok –
Aber auch: Konsequenz ist Treue.

Du kannst nur »reif« machen,
Wenn du dich wiedererkennst.
Da siehst du, wo du fromm sein kannst
Ohne Loskauf, aber auch ohne Festnagelung.

»Ich kann dies und dies nie wieder gut machen« –
Nein das kannst du nicht, so frage dich fromm:
»Weiß mein Unendliches den Weg und Sinn
Dessen, daß ich hier so ratlos bin?«

Denk an dein und alles Gottgebet –
Einmal weiß der Mörder, daß er den Gemordeten
Doch findet und ihn fragt.
Der (der Gemordete) weiß dann die Antwort.

So auch: all deine Irrtümer und falscher Weg –
Einmal sagen sie dir, was dich
(Nicht loskauft) aber dich so dankbar macht.

Oh Menschen, lernt: euch lieb zu haben
Einander. Aber dazu müßt ihr erst
Den Selbsthaß von euch tun.
Oh, wer das »erfährt«, der »weiß« dann.

Denn es ist schwer, hier nicht zu fallen.
Wohinein? In die Lüge vom Selbst.
Einen Zerrspiegel trägt der Mensch,
In den schaut seine verlogene Phantasie hinein

Und sieht sich als sein Bild,
So wie ein Wahnbefangener –
Er sieht ja doch nicht sich,
Er sieht nur seinen Wahn.

Die Illusionen des Selbsthaß
Sind die verführerischten.
Erst wer nicht mehr vor sich flieht,
Taucht ins horizontlose Meer.

Dort ist kein Böses »wirklich« –
Erdensekunden der unendlichen Heiligkeit
Erweiten sich über Jahrtausende
Und jenseits aller Ewigkeit.

Dann schließt wieder der Horizont –
Aber du »weißt« nun, daß Ich-mir
(Dein Selbst ist dies) einziges Kriterium
Deiner Würde ist. Dann schweigst du lange.

Von dann an deine Bescheidenheit,
Eine Frömmigkeit, und ein Bitten:
Oh möcht ich doch das Glück noch finden –
Gutsein ist Glück.

14.
Ich warne euch vor allem Schwelgen
Und allem Geschwafel, daß »Gefühl«
Das Tiefste sei. Gewiß ersauft ihr drin.
Aber wie ein Floh in einer Kaffeetasse.

Dasselbe tut ihr mit der Phantasie,
Die wie »Gefühl«, wenn echt,
Das heilig Tiefste ist, nämlich Denken
Als Wiedererkennung und das horizontlose Meer.

Nur wer nicht dem Selbst entflieht,
Ist auf dem Wege, da ihm naht
Die Antwort, die kommt ihm entgegen.
Wer antwortet? Du dir selbst.

Werft alle Zerrspiegel einmal fort!
Euer Selbsthaß ist der Doppelgängerwahn –
Ihr seid kein »Stück«, kein Splitter
Auch nicht einer Zwei, ihr seid
Euch selbst, das ist die »Zwei im Eins«.

Denn ein Eins, das nicht »sich« wäre,
Wäre überhaupt nicht, also auch kein Eins.
So also sprichst du zu dir, aber dein Wahn
Verdoppelt dich, denn du läufst ja von dir fort.

15.
Oh ich will wohl milde sein,
Wir sind alle in großer Not.
Aber wenn die Irren durcheinander schrein,
Ach Leichen sind nicht so grausig tot.

Das Übelste der Welt ist ihre Würdelosigkeit,
Das sollen wir endlich erkennen.
Ihr sollt sie nie wieder so seicht und breit
Ein Vorbedacht und ein Umfassendes nennen.

»Wirklich« ist nur Allerseelen und ich,
Wirklich bist nur du. Und was »geschieht«
Zwischen uns allen? Es ist fürchterlich,
Auszudenken: ein Erkennen sei verfrüht.

Oh ich will so bescheiden tun
Meines Denkens Selbstidentität,
Ich will an keinem »Abschluß« ruhn,
Und alles »Vorweg« wär doch zu spät.

Hier. Hier. Du bist bei dir.
Frage, antworte! Sei dein Denken!
Kriterium ist immer, immer nur Ich-mir.
Treue. Ehrlichkeit. Das ist kein Lenken

Nach Wunsch. Oh nein. Dein und Allerseelen‘ Wille
Weiß das Notwendige als Selbst und Würde.
Einmal wirst du von allem Wahn so stille –
Aber du trägst fromm deines Wissens Bürde.

Denn dies ist unbeirrliches
Wirken der Müh und deiner Möglichkeit –
Oh nie ein kompensierliches
Loskaufen von einer Unerträglichkeit.

Du mußt tragen, und zu tiefst auch willst du.
So sollst du bei dir auch die Antwort fragen,
Und sie dir sagen. Deine Wirklichkeit erfüllst du
Reziprok. Dann komm! Wir wollen doch die Welt wagen.

16.
Der ich die Welt geschaffen hab,
Ich laß sie nicht im Elend liegen.
Ich will, eh ihr mich legt ins Grab,
Müh und Möglichkeit zusammen fügen.

So hat denn meine Einsamkeit
Mich zu mir hin gebracht,
Daraus ich eine Gemeinsamkeit
Euch und mir gemacht.

Der Neuen Erde Sonne soll
Am Himmel eures Geistes stehn.
Zu früh nicht. Nicht zu spät. Denn voll
Ist die Erfüllung. Und ich werd ihr Morgenrot noch sehn.

17.
Euch hilft kein
Ahriman,
Kein Satan,
Kein Böses Prinzip –
Eher schon
Der abgefallene,
Untreu gewordene,
Aber original
»Gute« Engel –

Immer aber:
Das Böse ist nicht »wirklich«.
Auch »kämpfen« keine
Dualismen
»Gut« und »böse«
Miteinander.

Was ihr böse nennt,
Ist immer nur
Der WAHN –
Was aber
Der Wahn ist,
Es zu »wissen«,
Wäre schon nicht mehr
WAHN.

Worte – Worte –
Und doch hilft
Nichts anderes,
Aber Funktion
Des Denkens
Sei euch das Wort,
Und es sei euch
Das Wort
Niemals mehr
»Gesetz« des Denkens.

So werdet ihr immer,
Wenn ihr ehrlich
Und ohne Selbsthaß seid,
Fragen:
Was hat er »gemeint«?
Und ihm notfalls sagen:
Schmeiß mit den Worten
Nicht so schwachsinnig herum!

Ihr geht ja auch nicht
Auf den Händen,
Aber daß eure Beine
»Vor« dem Gehen
Gewesen seien,
Das glaubt ihr nicht,
Sie sind
Funktion eures Gehens.

Darin liegt auch
Der »Sinn«
Alles Entwicklungsgedankens.
Ihr »meint« zum »Sein«
Das »Tun« eures Seins,
Und das ist Werden –
Da ihr aber dieses Werden
Ja »tut«,
Mögt ihr es wohl
Entwicklung nennen.

Aber nicht
Zu einem »Ziel«,
Das ihr ja damit
Nur »vorwegnehmt«.
Aber auch nicht
Als eine Folge,
Die ja doch nur
Ein rachsüchtiges
Hinterweg wäre.

Wie nun?
Und was jetzt?
Das Heilige Hier.
Und Kriterium
Ist nur Ich-mir.

Ich will euch ja
Identisch
Mit eurem Denken,
Das Reziproke
Von ich zu mir.

Dann erst
Entdeckt ihr,
Daß Ich-mir und »Ander«
Genau so reziprok sind.

Daß aber
Endlichkeit
Als fließende
Unendlichkeit
Des Stückwahns bedürfe,
Um Endliches zu »erleben«,
Das ist wieder
Ein Wahn
Der Logik,
Welche ja »Vollkommenheit«
Als das Stimmende
Verlangt.

Ich aber rolle
Das Antinomienrad,
Ihr sagt!
Ein betriebsamer
IDIOT.

18.
Ich sehe scharf
Von heute zu morgen,
Viel schärfer, als ihrs
Dem Versemacher zutraut.

Mein Denken ist kein Selbsthaß mehr.

So bin ich milde,
Viel milder, als ihrs
Vom unerbittlichen
Denker vermutet.

Mein Denken ist identisch mit dem Selbst.

Aller Irrtum
Ist Wahn,
Es ist noch nie
Aus eines Menschen Munde

Eine Lüge gekommen, die nicht Selbsthaß war.

Dies aber ist
Keine Entschuldung,
Es giebt keinen Widerruf,
Ich-mir ist treu,

Damit ist aber das Böse keine »Wirklichkeit«.

Was ist Wahn?
Wissen »weiß«,
Wo es erwacht,
Dann ist das »Wort« Wahn

Sich selbst, und seine Funktion ist erfüllt.

Nichts aber
Ist sein Ende,
Und auch nicht
Sein Anfang,

»Werden« ist die dauerlose, ewige Identität.

Wann ich euch
Das Schwimmen gelehrt,
Ist eurer Unendlichkeit
Selbstbestätigung

Die unbesiegbar milde Müh und Möglichkeit.

Treue, Geduld,
Und Befreiung vom Selbsthaß,
Das unausdenkbar Größere in uns
Liebt uns und wird geliebt,

Wissens Identität mit seinem Wert und Wollen.

19.
Was ist der Selbsthaß?
Eine Zwischenstufe.
Zuviel Erkenntniß
Und zuwenig Selbst.
Das Wenige aber
Ist dann vielzuviel.
Sie fliehn sich,
Eh sie sich gefunden haben.

Würde dies
Auf der Entwicklungsleiter
Zu erforschen sein?
Die Unlust der Tiere
Scheint mir doch
Schon Selbsthaß zu sein.

Wäre es aber
Der Schmerzenapparat,
Die Nerven,
So sind die
Erstrecht eine Zwischenstufe,
Denn Transformator
Ist der Schmerzenapparat.

So frage ich immer:
Wer »reagiert«?
Ich könnte auch fragen:
Warum transformiert
Jede organische Stufe
Grade so?

Die heiße Kachel
Am geheizten Ofen
Will mir doch nicht weh tun.
Warum reagieren
So viele organische
Stufen hier
Mit Schmerz?

Zur Erhaltung des Zustands
Ist doch nicht nötig
Die Warnung zu transformieren
In Schmerz.
Warnung genügt doch,
Daß dann das Tier
Oder der Mensch
Seine Pfote
Oder seine Hand
Zurückzieht.

Hier ist Selbsthaß.
Und wenn ihr
Laut herausbölkt
Hähähä –
Hier ist Selbsthaß.

Die Welt ist mißlungen –
Der Schmerz ist so dumm,
Nein würdelos
Und kein »Leid«.
Selbsthaß
Überschreit ja
Das Leid Allerseelen,
Sodaß wir nicht helfen können
Dem Mißlungenen.

Schmerz ist kein Leid.
Es ist so würdelos,
Daß wir Sklaven sind
Unseres Schmerzenapparats.

All eure Entwicklungslehre
Vom Niedern zum Höheren
(Ihr »meint« ja nur:
Vom Dummen zum Gerissenen)
Ist die Superklugheit
Eines Gehirns,
Das sich austobt
Im Selbsthaß.

Die Ahnung und Ertastung
In so vielen Religionen
Ging doch tiefer,
Denn die Welt
Ist mißlungen,
Das nennt Religion dann:
Die Sünde kam in die Welt.

Diese »Sünde«
Ist ja der Selbsthaß.
Aber die Welt
War niemals »gut« –
Nur unser adeliger Traum,
Auch der sentimentale,
Und ebenso leicht der rachsüchtige,
Legen etwas hinterweg,
Oder unterlegen
Einem Schöpfer die Güte,
Von der wir
Abgeglitten seien.

Sagt »Allerseelen«
Statt der Welt,
Ich-mir statt Gott,
Dann singt auch euer Traum
So süß:
Das Böse ist nicht »wirklich«.

Gutsein ist Glück.
Ich lehre euch
Die Liebe zu Ich-mir –
Dann seid ihr allem »Ander«
Unaussagbar dankbare »Antwort«.

20.
Ich will nicht mehr,
Daß ich als letzte,
Adelige Loslösung
Vom Selbsthaß
Erlösche
In Nirvana
Oder in Gott.

Die mystische
Unio
Hilft ja nicht,
So adelig diese Herzen
Fühlten.

Mein Denken
Ist viel zu aktiv.
Mein Denken
Ist doch schon
Identisch mit sich.

Darum auch
Mußte es fragen:
Bin ich »wirklich«?
Und weil es dachte,
Wollte es kein
Unwirkliches sein.

Das half ihm nicht:
»Gedacht zu sein«
Von Gott
Oder der »Natur«.

Ich denke,
Ich,
Und ich denke
Mich.

»Es« denkt,
Dann wär das Andere.
Kogitat,
Ergo est alter.

» Wer« ist aber
Hier der Gedachte?
Ich.
Und der Denker?
Ich.

Es »stimmt« also doch.
Denn das Antinomienrad
Ist nicht »Gesetz«
Sondern Funktion.
Ihr sollt es aber rollen,
Unermüdlich –
Wer sich nicht selbst haßt,
Den überrollt es nicht.

Dann verwechselt ihr nicht mehr
Den Schmerz mit dem Leid.
Ob Sprache durcheinandermanscht,
Empfindsam und gefühlvoll,
Der Brei, und die Brocken,
Wir alle
Machen uns nicht ganz los davon.

Sauberes Denken
Ist aber doch
Kein
Lexikon.

Ihr solltet alle
Genau sein,
Das ist ehrlich sein,
Dann sagt ihr
Jedesmal euch.

Und dann versteht auch
Der Andere,
Daß ihr euch sagt,
Und wenn dann der Andere
Sich selbst kennt,
Ist die Brücke gangbar.

Der Dichter,
Der kein Bildermanscher ist,
Ist die treueste
Sprachseele.
Und daß Sprache
»Lebt«,
Euer Leib ist ja schon eure Sprache.

So versteht ihr
Dereinst doch,
Daß Denken und Gefühl
Nur Identität sein kann und darf,
Sonst sind beide unecht.

Und wieder sag ich euch:
Der Selbsthaß
Hindert uns am Helfen.
Aber ihn erkennen,
Ist Gesundung.

Wer hat MUT?
Oh beugt euch
Vor dem Größeren in euch!
Gebt ihm euch hin,
Dann »habt« ihr euch.
Dann bringt ihr
Würde in die Welt.

21.
Es ist schwer, Erkenntniß zu wissen, die so nötig ist,
Und damit so allein zu sein, daß keiner mich hört.
Die Zeit ist tot um mich. Der Weg meines Lebens,
Führt er hinaus aus Gemeinschaft? Dann war sie nie.

Oh ich rufe in mein Volk hinein, das bleibt so stumm.
Ist es denn ein »Leben«, vergeblich, oder darf ich glauben,
Daß eine Stimme im Wind nicht verhallt? Noch nichtmal
Weht etwas, es ist Unbeweglichkeit und dumpfer Schlaf.

Denken sie nicht? Das muß ihr Selbsthaß sein.
Auch die Guten? Sie haben nicht Mut zu sich.
Aber ein Volk wie das, dessen ich ja selber bin,
Will es nicht aufwachen? Es ist ein so künftiges Volk.

Also müßt ich geduldig sein seines Schlafes –
Das will ich sein. Nur ist es schwer, ach so schwer,
Einsamer Wacher zu leben und doch nicht
Tod zu sehnen und doch »Sinn« zu sehn.

Wer da sagt: »Bücher sind Leichen« (ach auch lebendste Bücher sinds,
Da keiner »mit« ihnen leben will) soll ich diesem Sager sagen:
Lies du mein Buch, und meine Bücher, und geh mit ihnen
Zu andern Menschen und lies ihnen, was in meinen Büchern steht?

Wer da sagt: »nur das gesprochne Wort kann leben« –
Oder wenn von Mund zu Mund eine Kunde geht,
Wißt ihr denn nicht, wie Mund verfälscht und der Wille
Sich selbst haßt, daß ein verwandeltes Gespenst

Am Ende eines langen Weges sterbend spukt
In unverstehnden Hirnen, daß es grausig ist,
Solches zu wissen. Ach ob Buch, ob Wort,
Kann denn ein Wacher auf dem Kirchhof sitzen

Und dort ans »Leben« glauben? So belagerts mich.
Wollt ich aber schreind umhergehn: »wacht doch auf!«
Es wär ein Lärmgedränge, Traum im Schlaf
Der Toten, fiebernd, und dann dumpfe Erschöpfung.

Also die Toten tot sein lassen? Sie aufsparn?
Als würden sie leben – Nein. So will ich »mich« leben,
So will ich warten, daß einmal beginne im Volk
Ein Suchen. Dann fänden sie mich? Ach! Aber dann will ich

Noch einmal zu ihnen gehn. Dann weiß ich vielleicht,
Wer »sucht«. Denen sag ich. Und bin ich dann gestorben?
Dann sagen ihnen meine Bücher. Sucher sagen nie:
»Bücher sind Leichen«. Sucher sind so fromm.

22.
Einsamkeit, ich ertrag sie so schwer.
So will ich »mich« leben?
Weil ich aber »mich« lebe,
Leidets mich eurer,
Daß ich euch nicht bringen soll,
Wessen ihr so sehr bedürft.
Weiß ichs doch,
Daß ihr vom Selbsthaß lassen müßt.

23.
Ist dies eine Überschwänglichkeit?
Ich erwarte doch keine Wunder –

Ich bin so milde, und ich weiß,
Daß alle Menschen in der Wurzel gutartig sind.

Aber einen Tobenden zu streicheln,
Und zärtlich sein, das hülf ihm wohl nicht.

Ist das aber Hülfe, ihn anzubinden,
Bis er wehrlos ist? Es ist leidvolle

TREUE am Mißlungenen, er soll nicht störn
Den Weg der Welt, denn Auslöschen ist untreu.

24.
Es hilft nur eine Neue Lehre.
Und daß sie so sei,
Keine Versklavung auf ihr hochzubaun.

Es hilft nur: dem Denken
Güte und Selbstvertrauen wiederzuschenken.
Dann lassen die Menschen ab vom Selbsthaß.

25.
Ich-mir ist keine Wunderkur.
Oh wir wollen uns alle hüten,
Einen Rausch zu leben.
Heilige Nüchternheit
Ist Neuer Lehre tathafte BALANZE.

»Heilige« Nüchternheit –
Ihr sollt innen wieder »fromm« werden.
Aber eine Heiligkeit sollt ihr
Das nur nennen, was in euch
Als euer »Größeres« von euch erlebt wird.

Ihr sollt euch, so wie ihr als Weltzustand
Seid und sein müßt,
Niemals »Heilige« nennen,
Das wär Heuchelei.

Und wär dann wieder der WAHN
Und – ja und der Selbsthaß.

26.
Ein Kind, das sich im Verkleinerungsspiegel säh,
Würde entzückt sagen: oh wie klein bin ich!
Aber der Selbsthaß sagt zur Welt:
Ich bin ja nur ein winzig Stäubchen.

Ein Kind sieht sich klein,
Wie der Selbsthaß sich klein sieht –
Aber der Selbsthaß hat vergessen,
Was das Kind nicht vergessen hat.

Um zu denken, müssen wir uns konzentriern.
Aber wir behalten doch die Tür offen,
Die uns zu unserm größern Umkreis führt.
Warum ist die Tür geschlossen,

Die uns führt zu unserm größeren Selbst?!
Wir müssen vergessen,
Um unser Denken zu konzentriern,
Um die Mikroskopie der Endlichkeit

Treu und genau leisten zu können.
Warum aber wissen wir nicht,
Daß wir Unendlichkeit »sind«?
Wir haben also unser Vergessen … vergessen.

Dies ist der Stückwahn,
Welcher Selbsthaß ist, unsere Krankheit.
Wir identifizieren uns nicht
Im Leben der Endlichkeit

Als Unendlichkeiten, die wir doch sind.
Es ist nur Vollkommenheitswahn,
Der uns vordozieren möchte,
Daß die Tür zu unserm Unendlichen

Geschlossen sein müsse,
Ja nichtmal gewußt sein dürfe,
Um das Endliche »vollkommen« zu leisten.
Ein Endliches, das sich für ein »Stück« hält,

Erkennt sich ja garnicht als Endlichkeit,
Wie die Welle, welche sich für ein Ding hielte
Statt für bewegtes Wasser,
Sich selbst nicht war, also ein grober Irrtum.

Genau so wie ein Apfelbaum
Keine Klapperschlange ist,
Genau so ist die Welle
Kein Ding, und wir kein »Stück«.

Eine Welle ist auch der Baum,
Eine Welle ist auch die Klapperschlange,
Eine Welle bist du, bin ich,
Wir sind »als« Endlichkeit

Unsre fließende Unendlichkeit.
Wir sind »als« Werden
Unser Sein, das sich »ist«,
Indem es wird und wirkt.

Das Sein, wenn es »wirklich« ist,
Tut sich, unser Erdenzustand
Wäre garnicht sich und uns,
Wenn wir ihn nicht »täten«, also muß

Selbstidentifizierung sein –
Wie du am Morgen wissen mußt,
Daß du der von gestern bist,
So mußt du deine Unendlichkeit »wissen«.

Oder die Erde wär ein Irrenhaus –
Das ist sie, ach das ist sie.
Was mißlang Allerseelen, also mir,
An der Welt? Das muß ich fragen.

So gesundet ihr vom Selbsthaß.
Ganz bescheiden helft ihr dann.
Und wälzt die Schuld nicht mehr von euch –
Aber auch kein indisches »Abbüßen«.

Mißlungnes wolln wir bessern
Und nicht überschlau dabei sein.
Das Größere in uns ist so heilig,
Daß es uns liebt, daran werden wir treu.

Du sprichst auch nicht Chinesisch
Mit den Deutschen. Also bist du den Menschen
Antwort »als« ein Mensch, als dich.
Daß diese Antwort edel sei,

Das ist Befreiung vom Selbsthaß.
Wann werden die Menschen »wissen«,
Daß sie nicht einander Feinde sind,
Also: wann werden sie »aufwachen«?

Uns umwölkt der WAHN. Gewiß kannst du
Keiner Mücke wissende Antwort sein,
Aber jedem Menschen. Warum bist dus nicht?
Und er, der Mensch, warum ist ers nicht?

Sie leiden alle am Selbsthaß,
Den sie im Andern verdinglichen,
Oder wie ihr lieber sagt: objektiviern.
So setztet ihr außerhalb euch,

Wann ihr mit Inbrunst
Euch suchtet, setztet ihr
Ich-mir außerhalb euch als euren … Gott.
So nur tastet ihr euch für Betminuten

Los vom Selbsthaß. Oh es war gut so.
Dann aber machtet ihr
Eine Hypnose daraus. Ihr wolltet
Wieder los von euch (der Selbsthaß wollte das) –

So ließet ihr jemanden außerhalb euch
Euren Erschaffer sein. So wart ihr nicht
»Verantwortlich«. Nur Gehorsam,
Oder daß ihr ihn Dankbarkeit nanntet,

Wolltet ihr vielleicht noch leisten.
Der aber im tiefsten doch
Keine Treue ist. Ihr verrietet so
Ich-mir. Ihr entfloht euch. Also Selbsthaß.

»Gemeint« aber hat Jesus Christus
Doch Ich-mir. Es leuchtet zu strahlend
Immer wieder hindurch. Also daß er
Lehren konnte, den Nächsten

Zu lieben wie sich selbst.
Und alle seine Mildheit sagte:
Ich komme zu den Beladenen.
Und allen Menschen sagte er:

Ihr seid ja garnicht schlecht.
Er führte den Menschen, jeden
Zu sich selbst, er »meinte«,
Ihn zu führen zu Ich-mir.

Der »Vater«, ja. Aber: »Ehe denn Moses war,
Bin ich.« Wer mir Antwort ist –
Er sagte: »wer an mich glaubt«.
Er »meinte«: wer zur Wahrheit erwacht.

Und dies ertastet ihr doch aus Jesus Christus,
Daß er im tiefsten jedem Menschen sagt:
Hab dich doch lieb, hasse dich nicht,
Dann können wir das Neue Reich aufrichten.

Wer an die Güte »glaubt«, der ist erlöst.
Unsern Erlöser als unsre Antwort sehn,
Das ist kein Knieumklammern, kein Winseln:
»Wenn mirs am allerbängsten« –

Oh dies Gewinsel im schreckensvollen Irrenhaus,
Ihr sollt die lieben Herzen streicheln,
Und solchem Liedersänger sagen:
Deiner Tränen erbarmts mich heute noch.

Ich hab nie winseln können.
Als ich Kind war, war ich angststier-gewiß,
Daß ich in die Hölle kam.
Aber ich hab nie winseln können.

»Oh Lamm Gottes unschuldig« –
Noch heute könnt ich weinen.
Aber mir kam nochnichtmal der aktive Gedanke,
Es wäre möglich, daß ich nicht in die Hölle müßte.

Die Engel im Himmel waren süß, so süß –
Aus der Hölle sah ich sie und neidete nie
Ihnen den Himmel, doch mir
Nicht die Hölle zuzusprechen,

Das kam mir garnicht. Was ist das?
Eine unerbittliche Sachlichkeit.
Erst als mir Erlebniß wurde,
Daß andere Seelen neben mir

In der Hölle gequält würden,
Von dann an begann eine langsame,
Jahrzehnte währende Selbstbesinnung.
Litt ich am Selbsthaß, ist

Wurzeltiefe Melancholie
Dieser Selbsthaß? Aber ich entfloh
Mir ja nicht wollend.
Es war eine schwerstöhnende Zwischenheit.

Vom Selbsthaß wird kein Mensch
Ganz befreit. Auch hier sollt ihr
Wehren dem Vollkommenheitswahn.
Denn sonst »rächt« ihr euch ja doch

Am Unvollkommenen, also am Mißlungenen,
Oder auch schon am Nochnichtgelungenen.
Ihr sollt »offen« halten die Tür
Zu Ich-mir. Ihr sollt nicht mehr

Dem Selbst entfliehn. Dann liebt ihr
Und dann liebt euch das Größere in euch.
Dann identifiziert ihr euch, das ist: Wiedererkennung –
Dann »wißt« ihr eure Unendlichkeit.

Dann seid ihr euch vor euch
(Eurem Größeren in euch)
Ein »Wert«, dessen ihr Würde
Gelobt und nun Würde in die »Welt« bringt.

Dies ist ein so Bescheidnes,
Tief Ehrliches, ingrimmig Sachliches,
Da ist keine Autosuggestion,
Da ist Eintauchen ins »horizontlose Meer«.

Nun flieht ihr niemehr in ein »Jenseits«,
Nun ist euer Hier die endliche
Welle eurer fließenden Unendlichkeit,
Vom »Stückwahn« seid ihr dann befreit.

27.
Des Denkens Last und Lust –
Ich habe nie gezweifelt,
Aber auch nie gewußt.

Mißtrauen kenn ich nicht,
Das ertrank wohl
In meiner Angst.

Meine Angst,
Die Denken ist,
Und sich »als« Denken

Gegenhält –
Sodaß Angst und Angst
Wie Denken und Denken

Auge in Auge schaut,
Das ist:
Irgend war ich doch schon früh mich selbst.

So errettend
Eine Erdengestalt
Doch in den »Sinn«.

Dies ist nicht
Aug und Ohr
Und die drei anderen,

Der Sprache Worte
Verstellen uns oft
Den Weg.

Denn Sprache lebt,
Und auch Sprache
Rollt ihr Antinomienrad.

Wenn Denken aber
Geduldig ist,
Rollt es sein Rad mit Lust.

Denn das ist Funktion:
Wenn wir froh sind,
Tuen wir sie froh,

So macht sie uns froh.
Rettung ist:
Daß wir treu sind allem Begonnenen.

Warf ich also auch
Meine Erdengestalt
(Dieses kranke, verkrüppelte,

Sehr mißlungene
Kind) nicht fort –
Statt eines Idioten ward ein Denker draus.

Ist nicht alles Körperliche
(Im tiefsten) Schmerz?
Wievieles wir auch

Lust nennen –
Was ist da vergiftet?
Die Frage:

Wer reagiert,
Führt uns doch
Zu Erkenntnissen.

Alles Körperliche
Ist eine
Transformatorenbatterie.

Das durchläuft eine Kette
Hin zu wem?
Und wo ist

Der »Sinn« dafür,
Daß sich Seele
Sowas gebaut hat?

Und wo ist Garantie,
Daß sich Seele
Ihres Werkes freut!

Was mißlang Allerseelen,
Also mir,
An der Welt?

Es wäre doch zu billig,
Hier ein Bild
Der Gefahren der Vielheit

Uns hinzuhalten.
Und doch, und doch,
Uns überwältigt es,

Daß die Gesamtheit
Allerseelen
Etwas »tut«,

(Die Welt)
Das uns so verängstet
Wie ein Werk der Vielen.

Religionen
Kamen ja auch nicht
Vorbei an dieser Angst.

Ob ich nun
Gott gegen Satan,
Böse gegen gut,

Oder zwei Heerlager
(»Die« Guten
Und »die« Bösen)

Gegeneinander
Aufmarschieren lasse,
Oder ob ich

Vom Nichtverstehn,
Oder Mißverstehn
Der unendlich Vielen

Herleite das Mißlungene,
Ganz gewiß
Droht hier ein Billiges,

Daß wir nämlich
Allerseelen sehn
Als einen Saal voll Menschen,

Dessen Durcheinanderwollen
Eine mühevolle
Scheineinigung

(Die Welt)
Als Kompromiß
Geschaffen habe.

Und doch ist
Nötig, zu vertraun
Unserm Denken.

Auf dem »Wege«
Wird ja
Jeder Irrtum wahr.

Und dies doch auch
Vom Antinomienrad
Des Denkens

Ist zu beachten:
Daß die Gegenseite
Genau so billig wäre,

Nämlich zu sagen:
Seelen können garnicht
Sich nicht- oder mißverstehn,

Also sei die Welt
Vollkommen,
Und nur … hah hier

Rollt das Rad
Eine neue Umdrehung,
Bald seid ihr wieder

Beim Saal voll Menschen –
Aber dann nicht so
Wie die Drehung vorher.

Also sollt ihr
Das schein-ernste
Spiel lassen,

Als wöget ihr
Gegeneinander ab
Pro und Kontra.

Ein Entweder-Oder
Giebt es ja nicht,
Sondern nur das Vorwärts.

28.
Ihr wollt alles in der Schachtel haben,
Die steckt ihr in die Tasche
Und tragt sie bei euch.

Wo es »paßt«, da holt ihr die Schachtel raus,
Da kuckt ihr nach,
Was ihr welchem Menschen zeigen könnt.

Zeigt ihrs aber euch,
Da belügt ihr euch ja auch,
Ihr registriert,

Und das ist euer Selbstgenuß.
Ihr wollt zufrieden sein,
Ihr wollt euch täuschen.

So fein säuberlich verpackt
Liegen doch nie
Die Resultate des Denkens.

Das ist alles Abschlußwahn.
Diese »Nüanze« der Vollkommenheit.
Ein Aufhören nennt ihr Fertigsein.

Nämlich wo euer Denken aufhört,
Das ja nur
Könnt ihr in eure Schachtel packen.

Alles Lebende »wird«,
Ist nie am Abschluß,
Aber immer am Anfang.

Daß nichts Wirkliches
Weder Anfang noch Ende habe,
Das widerspricht hier nicht.

Denn wenn ihr den Anfang
Als Etappe meint,
Und das Ende

Auch als Etappe,
Dann sind das die Wegstationen,
Die aber sind zahllos.

Solcher Anfänge
Und solcher Enden
Habt ihr unzählige.

Ihr vergeßt ja,
Daß Sprache »lebt«.
Daß also mit einem »Wort«

(Ihr mögt das »Begriff« auch nennen)
Nichts »fixiert« wird,
Sondern daß etwas »geschieht«.

Also muß euer Denken
»Leben«,
Das ist: unermüdlich sein.

Ihr fürchtet zu sehr
Die Wiederholung,
Weil ihr nicht erfuhrt,

Daß niemals ein Wort
Oder ein Begriff
Sich gleich bleibt.

Denn Sprache ist eine Funktion
Und nicht
Ein »Gesetz« eures Denkens.

Eure Beine
Sind ganz gewiß eure Beine,
Ihr geht mit ihnen.

Aber da schon wißt ihr,
Daß sie »leben«,
Solange ihr lebt.

So werdet ihr in der Sprache
Nicht Bein sagen
Und Arm »meinen«,

Aber ein »Fixiertes«
Ist da nicht,
Sondern ein Lebendes.

Ihr »versteht« euch,
Das genügt euch,
Und eure Sprache »seid« ihr.

Da ihr aber eure Sprache seid,
Sagt ihr auch nicht mehr,
Daß sie nur Verständigungsmittel sei.

Euer Leben ist sie –
Kein totes Wort als Rechenpfennig
Sollte in ihr sein.

Und daß ihr nicht schwachsinnig
Arme statt Beine sagt,
Das ist doch

Funktion
Eines Lebendigseins
Und ist grade kein Totsein.

So vieles Denken
Will an der Sprache
Wie an Krücken gehn,

Oder an einem Zaun entlang,
Oder eine Leiter herauf,
Als seien Worte und Begriffe

Bohlen und Gitterwerk,
Solche Brücken
Oder Umwandungen,

Drüber zu laufen,
Oder sich dran hochzuziehn,
Auch rundherum zu laufen,

Das alles
Wäre ja niemals Denken
Sondern nur … Registriern.

Und zwar:
Zweimalige Registratur.
Denn die Sprache

Wäre ja schon
Die erste Registratur.
Glaubt ihr,

Daß der Denker
Ein Aktenleser sei?
Oder daß er

Nachplärre,
Was die Sprache
Ihm souffliert.

Hier habt ihr es:
So vieles Denken
Ist nur Schauspielerei.

Auch wenn ihr tiefer sprecht,
Daß ihr auf Erforschung ginget,
So bleibt doch:

Ihr »glaubt«,
Daß ihr etwas ohne euch
Daseiendes

Nun findet.
Nein, euer Leben ist nicht so.
Ihr könnt nur finden, was ihr schafft.

Und ihr könnt nur schaffen,
Was ihr seid.
Die Wirklichkeit ist reziprok.

Sein und Werden
Ist eine Identität.
Dies nicht zu wissen,

War so jahrtausendoft
Schweres, ernsthaftes Denkens
Leidvoller WAHN.

So ersehnten sich
Adelige Herzen
Erlösung vom Werden,

Oder leugneten es,
Und nannten das Sein
Die Ruhe, das Losgelöste

Vom Willen,
Welcher die Ursünde sei.
Und wußten nicht,

Daß sie den Selbsthaß meinten.
Von hier aus aber
Versteht ihr alte Denker

Ganz tief, und seht sie
Ehrfürchtig an,
Und lernt von ihnen.

Ich lehre euch
Den MUT zur Unermüdlichkeit.
Dann »lebt« euer Denken.

Alles »letzte Ziel«
Ist doch noch WAHN,
Und verborgenster Selbsthaß.

Oder sagt vorsichtiger:
Ist noch letzte Furcht
Vorm Selbsthaß, dem man so entfliehen möchte.

Ist noch nicht
LIEBE
Zu Ich-mir.

29.
Der Selbsthaß –
Hat da mein Denken
Entdeckt,

Wie das Böse
»Unwirklich« sein
Und doch

Uns so vergiften kann?

Was ist Krankheit
Der Seele?
Ist sie

Eine »Möglichkeit«,
Die aus ihrem kommt,
Dann wär sie

Doch und doch eine »Qualität«.

Dagegen aber
Lehnt sich auf
Und »glaubt« es nicht

Mein Denken,
Das hier ahnt
(Von der falschen Verwandlung her)

Einen Trick der Logik.

Alle »Bedingtheiten«
Sind Wahn.
Es giebt ja

Kein »Gesetz«
Außer der Treue
Ich-mirs,

Die aber ist das Reziproke Allerseelen.

Also kann
Die Krankheit
Der Seele

Garnicht ihre
»Möglichkeit« sein.
Denn sonst

Wäre Ich-mir
»Bedingt«,
Daß diese »Möglichkeit«

Ihr frei oder nicht frei stehe.

Und alles Dazwischen?
Also weder freistehe
Noch: nicht freistehe,

Oder sie
Die Wahl habe,
Eine Apothekermischung

Oder eine radikale Umschmelzung draus zu machen.

Also daß dann
Entweder
Nicht mehr

Entweder sei,
Und Oder
Nicht mehr Oder sei,

Und Entweder-oder auch nicht mehr Entweder-oder sei.

Wir ahnen schon,
Daß wir im Endlichen
Solchem Können

Schon sehr nahe sind.
Dann aber:
Ist »Können«

Auch eine »Möglichkeit«? Und wenn ihr lacht,

Es schlägt vielleicht
Der Gegenpendel
An euer Denken,

Oder die Spirale
Dreht eine Windung,
Dann lacht ihr nicht,

Sondern dann graust es euch.

Aber wäre etwa
»Können«
Eine, seine

»Notwendigkeit«?
Oh sagt: TREUE,
Dann habt ihrs

Aus der Logik in die Innenkonsequenz.

30.
Worte sind Worte, ganz gewiß –
Oder sagt ihr lieber: ganz ungewiß?
Mit Worten könnt ihr nichts fixiern.
Daran wären nun die Worte schuld?
Euer Fixierungsversuch schon ist schuld.
Also lasset auch davon ab,
Die Worte fixieren zu wollen.
Denn sie »leben«, und nichts
Lebendiges ist tote Zahl.
Was aber eine Zahl ist, das ist das Grausigste.
Relativ? Ganz gewiß. Aber ebenso
Ganz ungewiß. Und dann:
Eine Zahl ohne Bestimmung, das ist
Noch grausiger.
Und alle Rechenkunst ist unerklärbar.
Was ihr daran erklären könnt,
Ist Mnemotechnik. Vier mal vier,
Ihr müßt es zurückführen
Auf vier plus vier.
Aber dann? Wollt ihr nun sagen:
Ich zähle erst einmal bis vier,
Dann nochmal, sage aber dann:
Fünf, sechs, sieben, acht?
Da muß es euch doch grausen.
Ihr müßt euch dann zu helfen versuchen:
Ich schlage an meiner linken Hand
Den Daumen ein, dann stehen
Vier Finger hoch. Ich schlage
An meiner rechten Hand
Den Daumen ein, dann stehen
Vier Finger hoch.
Dann halt ich beide Hände
Nebeneinander und zähle
Von eins bis acht. Das ist dann:
Vier plus vier, oder
Zweimal vier. Nun habt ihrs durchforscht?
Jetzt frage ich euch: was ist eins,
Was ist zwei, was ist drei,
Was ist vier? Denn wenn ihr sagt:
Kleiner Finger, Ringfinger,
Mittelfinger, Zeigefinger,
Wo ist denn da die Zahl?
Also läge es verborgen
Im »Nochmal« der Kinder. Nochmal,
Nochmal, nochmal das war vier?
Wenn aber einer jetzt sagt,
Das wäre drei? Wo finden wir da
Ein Schlupfloch hinaus?
Da sagt ihr: nochmal ist schon zwei.
So? Ich sage: nochmal ist Bewegung.
Oder Tun. Oder … Werden.
Nie aber ist Nochmal eine Reduplikatio.
Aber auch das Zählen, da ist
Es doch garnicht anders
Wie überall in der Sprache.
Ihr könnt sagen: es giebt nur
Abstrakta. Wenn ihr sagt: ich gehe,
Was ist da konkret? Sondern
Es ist eine Verkürzung. Aber auch
Wenn ihr sagt: ich hebe meinen linken Fuß,
Setze ihn vorwärts, wenn er steht,
Hebe ich meinen rechten Fuß. Ja das hilft
Euch doch nicht. Denn schon den linken Fuß
Zu heben, da müßtet ihr alle Muskeln
Nennen, und bei jeder Muskel
Alle Stränge nennen, und bei jedem Strang
Alle Zellen nennen, und bei jeder Zelle
Alle Bestandteile nennen,
Und bei jedem Bestandteil
Sein Unter-unter-unterelektron,
Das aber wieder ist selbst schon
Eine Welt, eine Sternen-äonenwelt.
Ihr seht also, daß Sprache
Garnichts und alles ergreift,
Umgreift, also »begreift« ihr,
Daß Sprache »Leben« ist, ja euer Leib
Ist ja schon eure Sprache.
Der selber wieder eine Sprache spricht
Aus seinem Mund. Wir sind
Nur »wirklich« als Seelen (Ich-mir)
Und sind einander ANTWORT.

31.
Es war aber Wahn und Angst,
Wolltet ihr die Welt nun
Wegwischen und ein spukhaftes
Hypnotisieren glauben.

Das wäre die Festnagelung
Von Nichts an Nichts,
Dieses Null mal Null
Ist keine Potenz und »vermag« auch nicht.

32.
Daß es sinnvoll sei
Und sich nichts wiederholt,
Erfahrt ihr von euch selbst
Bei euch. Fragt Ich-mir!

Euren Tisch tragt ihr
Nicht im Gehirn zum Tischler,
Sondern auf dem Rücken
Oder fahrt ihn im Handwagen.

Dieser Tisch also,
Der auf eurer Stube steht,
Ist kein nur »gedachter« Tisch,
Aber er ist auch nicht »sich«.

33.
Auch euer Denken soll »Gesinnung« sein.
Treue. Treue. Zu wem? Zu euch.

Wer fromm steht vor Ich-mir,
Der erlebt seine Endlichkeit

Wahrhaft als fließende
Unendlichkeit und weiß,

Daß Würde in ihm ist.
Nun ist er so bescheiden.

Oh neue Frömmigkeit
Tut ab von sich

Die schlimme Sensation.
Nicht aber die gute.

Antwort sein ist gute,
Sehnende, so frohe,

Erfüllung. Die sich »lebt«.
Euer Leben als WERK.

Stillewerden ist nicht stumm.
Der Überschwang ist heilig.

Aber er ist nicht GIER.
Die aber ist die
Schlimme Sensation.

34.
Und wenn ich immer denken muß,
So ist das meine Balanze.
Ich will nicht entfliehn.

Diese Balanze aber ist
Meine … Gesinnung.

Vom Selbsthaß mich erlösend,
Darf ich sprechen von meiner

Reifenden Güte. Dereinst
Eßt ihr diese Frucht so süß

Und eßt sie gern.

35.
Oh ihr sollt alle, alle
Mut zu eurer Güte erfahrn.

Dann ist das nie wieder
Ein weicher Brei mit harten Brocken.

Treue, Güte, und Geduld,
Und unerbittliche Sachlichkeit.

36.
Ihr hört nicht Sprache –
Ihr kennt einander nicht –
Ihr haltet Worte fest,
Die ihr fangt, und die
Ihr reiht und stellt
Und doch wieder zerreißt,
Und dann macht eure
Erinnerung ein Verzerrtes,
Das dann wähnt ihr
Als das Gehörte –
Dann geht ihr fort.

37.
Ihr klammert euch an –
Oder klettert auf Leitern –
Dann springt ihr ab –
Eure Erinnerung aber
Fügt nicht Stamm zu Stamm,
Und Sprossen fließen nicht
Euch stößt Sprache und Sprechen –
Ihr schwimmt und durchschwimmt nicht,
Was zu euch will –
Auch fließt nicht euer Hören
Hinüber dorthin, wo es spricht
Aus Mund und Seele –
Ihr seid nicht offen, also bricht
Eines Sprechenden Sprache
Die Wortewelln
An euren Barrikaden, und nur
Zwängen sich Klänge und Bedeutung
Wo ihr Lücken ließet
Zwischen den Barrikaden.
Das dann, was bis zu euch kam
[Das Wenige] Hört ihr nur. Die Sprache
Verschwendet ihre Ganzheit an euch,
Aber nur in Teilen
Erreicht sie euch und versickert so –
Dann seid ihr leer wie vorher.

38.
Wenn ein Mensch denkt,
Denkt mein Reziprokes
Seinen Gedanken mit.
Spricht dieser Mensch dann
Seinen Gedanken als Worte
Mit seinem Mund,
Hört mein Ohr diese Worte –
Wie also vermag ich dann
Der Worte Sinn zu hören?
Das vermag nur mein Reziprokes.
Spricht aber dieser Mensch
Seinen Gedanken nicht,
Sondern schweigt,
Dann sagt mein Reziprokes
Nichts meinem Ohr,
Denn meine Irdischheit
Fragt dann nicht,
Also antwortet meiner Irdischheit
Meine Unendlichkeit nicht,
Denn meine Irdischheit
»Ist« ja das schöpferische Vergessen,
Mit welchem meine Unendlichkeit
Zu ihrer eignen Welle wurde,
Um Endlichkeit zu »tun«.
Aber Frage und Antwort
Von Endlichkeit zu Endlichkeit
Ist niemals die »kürzeste Distanz«
Sondern je nur das Reziproke.
Also »weil« wir Unendlichkeiten sind,
Vermögen wir »als« Endlichkeiten
Brücke zu baun
[Die Worte] und unser Leib
Ist selbst ja schon ein Wort und umfassende Sprache.

39.
Das ist »beteiligt sein«,
Eine Annäherung ans Reziproke,
[Welchem Reziproken
Du ja niemals als Unendlichkeit
Getrennt bist] Wenn du als Endlichkeit
Sprache so hörst,
Als sei sie dein eigener Monolog.
Dann bist du zwar immer noch
Im schöpferischen Vergessen,
Aber das Tor ist auf zu dir,
Und weil »dies« Tor auf ist,
Öffnet sich auch das Tor
Zum Sprechenden,
Sodaß du weißt, ob er
(Der Sprechende) zu sich spricht.
Denn nur wenn jeder Sprechende
Zu sich spricht,
Und jeder Hörende
Seine eigene Unendlichkeit
»Offen« hat,
Vermag Sprache
Brücke zu sein
Und ist dann keine Mauer mehr,
Hinter der ihr euch verbergt.

40.
Wie können wir lernen?
Nur durch Selbsterkenntnis
Alles andere ist Raub am Lehrer
Oder Versklavung an ihn.

Schon die Nachahmung
Ist Gier oder Hypnose,
Wenn sie nicht Erforschung ist
Dessen in uns, was reziprok sei
Von uns zum Andern.

Wo Lernen nicht Aufwachen ist,
Ist es ein Wahn und eine Affenkunst.
Ach ein Irrenhaus ist die Welt –
Das falsche Ich ist unser Gespenstischtes.

Das falsche Ich ist ein gespiegeltes
Zentrum unsres Seins. Wir vergessen
Unser wirkliches Zentrum dann und rennen
Hinterm Gespenst her, also von uns fort.

41.
Weltangst
Ist die Zwischenheit
Aller Wesen,

Wenn sie als »Stück«
Sich loslösen
Vom Reziproken.

Wenn sie zum Ganzen
Sich als ein Teil
Selbständig stellen

Und meinen, sie seien
Sich, und die Welt sei
Das Nicht-ich zu ihnen.

Da ist das Mißverstehn
Und das Nichtverstehn
Seele zu Seele –

Da ist der Halbschlaf –
Seele erkennt sich nicht
Und träumt sich doch,

Träumt sich in falsche
Verwandlung des Angsttraums –
So steht sie »zwischen«

Sich selbst und der Welt –
Oh nun beginnt
Die grausige Verlassenheit.

Der Halbschlaf,
Diese Zwischenheit,
»Ist« ja die mißlungne Welt.

Seele im Wahn –
Wie »vermag« sie den Wahn?
Ich muß das suchen wohl mein Lebenlang.

42.
Oh singen, wie ich einsam bin –
Ihr würdet süchtig hören hin.
Es säng euch in das Ohr so süß
Wie fern und nah ein Paradies,

Darin auf silbernen Saiten schwang
Ein weiches Tönen. Ein Seelchen sang
Sein Leid der unerlösten Einsamkeit –
Ihr wollts verschönen. Oh wo ihr seid,

Ist kein Versöhnen. Es singt ein Lied –
Es ist wie eine Blume blüht
Aus Schmerzen. Die blutende Blüte tropft –
In euerm Herzen ein Hämmerchen klopft.

Dess‘ horcht ihr. Die süße, süße Sucht
Ist keiner Einsamkeit versenkte Frucht.
Da kann nichts keimen. Oh echolos
Ist Träumen und ein totes Kind im Schooß.

Was wär mein Singen? Was war die Welt?
Oh wenn das Vergebliche zur Erde fällt,
Nie steht ein Wald hoch. Wüste liegt –
Wie ein verirrter Vogel fliegt

Sehnen in suchender Verlassenheit.
Die Leere hat mich eingeschneit.
Kein Echo meinem kündenden Wort –
Und auch ein Lied, das singt, verdorrt.

43.
Ich sehne Seele und finde nicht
Antwort. Es schläft, oder spricht
Im Traum, was weit in Zeit mich umhüllt –
Es ist kein Ort, den die Welt anfüllt.

Sie rauscht vorbei. Sie lauscht so leer –
Dann weiß ich weh, sie lauscht nicht mir.
Sie rauscht nicht Antwort. Oh so spät
Kommt, wer zu frühe Saaten sät.

Schweige, schweige Geigenlied –
Meine Seele ist so sehr, sehr müd
Des Sehnens, Sie sah ein Bild, und bald
Leer die Wüste und des Wesens Gestalt.

Das ist Wissen. Aber Welt nicht will
Vom Wahn erwachen. Oh Wunsch sei still!
Mir ist kein Echo, Ernte, kein Ort
Der Einkehr und kein Abschiedswort.

Einmal wann ich gegangen, dann
Ist auch dieser mein Weg wohl Wahn.
Ein Stern so fern. Dann dunkle Nacht.
Wer schläft dann? Und ob er noch erwacht!

44.
Bin ich denn wach? Der Erwachte,
Warum kann er nicht wecken die Welt?
Weiß ich den Wahn? Und daß ins Leere fällt
Leid, und kein Lethe Lösung brachte?

Weiß ich das? Oder bin ich entschlafen,
Wohin ein andrer Traum mich trägt?
Ihr, hört ihr nie, und wer euch fragt
Ohne Antwort? Wo ist Fahrt und Hafen?

Was ist Welt und Mensch und Tier,
Wenn ich mich ins Einsame verirr?
Bin ich dann in anderen Räumen?
Muß ein Wacher wieder schlafen und träumen?

Dann erst sah er euch, dem ihr entschwunden?
Dies ach wär nicht verloren, nicht gefunden –
Wahn ists, den weiß ich. Warum erwacht ihr nicht?
In eurer Kammer brennt doch hell das Neue Licht.

45.
Kann ein Licht wecken, das so still brennt?
Ist der Schlaf doch Tod, der träumt?
Ist die Welt ein Tod? Und nur Traum und Traum
Wandeln Schlaf von Nacht zu Tag und Nacht –

Warum brennt dann tief im Innern mir
Stilles Licht, wenn es nicht weckt die Welt?
Warum stell ich dann neben euer Bett
Dieses Licht, das ich nur seh? Wollt ihr

Dieses Licht nicht sehn oder könnt ihr nicht?
Ist dann not, daß ich in Schlaf mich sing?
Welt, Welt, ein Wacher weint, mich friert
Des Alleinseins, dann lischt das Licht.

46.
Bin ich ein Greis nun?
Der war schon im Kind –
All mein Müdes
Ist fruchtschwerer Herbst.

Was ich euch bringe,
Ist Menschheitsfrühling –
Die Erde soll blühn,
Ich wölbe einen Neuen Himmel.

Meines Herbstes Schwerfrucht
Ist Samen. Den Winter
Verwandle ich euch –
Dann ist Klima des Geists.

Oh niemehr verkümmern
Soll Kindzeit und Zukunft,
Kein Gift mehr in Wurzel
Und Blüte, kein Wurm

In der Frucht, die zu früh treibt
Oder zu spät. Es soll
Der Mensch aus dem Zwischensein
Sanft erwachen und dann sich sehn.

So lern ich, meines Lebens
Sinn zu entfalten
Und um euch herum
Den weiten, weiten Horizont zu legen.

47.
So werdet ihr höhnen
Und dürft es auch:

»Im Jenseits dreht
Er Alles herum –
Er fixiert keinen Punkt
Und keine Kugel.
Es fließt so schnell –
Und ist Revolution
Im Himmel. Er macht
Die absolute Monarchie
Zur reziproken Republik –

Oh das ist Metametaphysik.«

48.
Die Treue sagt:
Was dem Denken heilig war,
Verwandelt und weitet
Der »Blick aus Unendlich«,
Wir gehen den WEG.

Kein Widerruf ist,
Was wächst und im Werden
Erfüllung findet –
Heilig ist solcher WEG.

Unendliche Seele
Entsendet die Sehnsucht,
Daß sie Gott seh. Dann sieht
Die Seele den »Sinn« und sieht … sich.

49.
Bin ich ein Greis nun?
Und flüchte mich nicht
In den Hafen, da wartet
Gott meiner Rückkehr –

Bin ich ein Greis nun?
Und flüchte mich nicht
In das Niemehr, dahin mich
Entläßt des Lebens Enttäuschung –

Ich bleib doch das Kind,
Dessen Denken nie los ließ –
Ein uralter Greis
War jung geworden im Kind.

Nun aber das Kind
Alt wird, ein Greis,
Überwachst das Werden
Und steht nicht still.

Oh Seele, da ist
Keine verlängerte Zeit –
Und über den Raum hinaus
Überwuchs mich mein Sein.

So »bin« ich mein Werden
Und »weiß« mein Sein –
So »tu« ich auch noch
Letzten Wahn, den Tod, vielleicht auch Müderes.

Aber doch ist mein Müdes
(Das Leid der Vergeblichkeit)
Reif, reifer denn Rausch
Und Traum und Trost,

Die mir das Entfliehn
Umduften würden
Mit süßer Betäubung,
Als sei ein Andrer mich.

Bin ich ein Greis nun,
Dann doch ganz wach.
Und ich bring euch den Wert
Und die Würde Ich-mirs.

Ich bring in die Welt
Das Weite. Ihr seid
Erlöst vom Heiland,
Der ist: jeder, Seele, Ich-mir.

Nun erst ist Liebe –
Euer Unendliches
Erwacht in euch.
Nun erst »antwortet« ihr.

Wem antwortet ihr?
Allerseelen. Oh »Ander«,
Daß ich nicht alleine bin,
Ist deine Tat und Treue.

So ist Wert und Würde
Seele zu Seele,
Weil Seele zu sich
Wert und Würde nun »weiß«.

Das ist Wiedererkennung –
Der lang sich vergaß,
Um Endlichkeit »tun«
Zu können, vergaß dann

Noch dieses Vergessen,
Nun glaubte er nicht
Sich zu sein. Oh Wahn –
Aus diesem Wahn erweck ich euch.

Dann erkennt ihr euch wieder –
Oh Würde und Wert!
Nun erst wird Christi
Wort an uns wahr.

Nun erst vermögen wir,
»Ander« zu lieben
Wie uns. Denn nun sind
Wissend wir unsrer. Nun sind wir ein »Selbst«.

50.
Wenns im Leib nicht stimmt,
Muß die Seele leiden –
Solche »Brücke« vom »Stoff« zum »Geist«
Ist zur Hälfte aus Bohlen,
Zur Hälfte ein Loch,
Es giebt keine solche Brücke.

Ihr meint, eine Leiter,
Die liegt, sei das –
Das Loch liege nicht
Am anderen Ende
Sondern »zwischen« den Bohlen,
Und ihr müßtet springen.

Dann hat diese liegende Leiter
Keine Längshölzer. Die Bohlen
Liegen auf Leerem –
Das große, große Loch
Liegt auch noch unter den Bohlen,
Die also überbrücken nichts.

Sie selber aber, die Bohlen?
Und das Loch, wie »zerschnitten« es Bohlen
In Streifen? Wo ist dann
Bohle und Streifen Möglichkeit
Des einander Berührens?
Die ganze »Brücke« ist ein Spuk.

51.
Und Leibnitz, der Uhrmacher,
Der zwei Uhren
Jede aufzieht und stellt, daß sie
Gleiche Stunden und Sekunden zeigen?

Wenns in einer Uhr nicht stimmt,
Leidet die andre –
Also stellt der Uhrmacher dann
Die andre jedesmal um?

Denn sonst ist keine »Brücke« da,
Und nenntet ihr sie auch Gott,
Oder den Uhrmacher Gott –
Der hat dann viel zu tun.

52.
Kausalität ist kein »An-sich« –
Sondern eine Funktion Allerseelen.
Das Reziproke ist dem Selbst verständlich,
Aber der Schmerz ist falsch verwandeltes Leid.

Es giebt kein »Gesetz« –
Wir beugen uns keinem Unvermeidbarem,
Seele ist »treu«. Das Reziproke Allerseelen
Ist unsre tiefste, tiefste Frömmigkeit.

53.
Sich selbst lieben ist schwer –
Denn was ihr Egoismus nennt,
Ist Selbsthaß. Und dies Ego
Ist ein Gespenst. Das falsche Ich.

Und … »liebt« ihr dieses falsche Ich?
Euch »lebt« euer WAHN. Denn Furcht
Ist solche Liebe, euch fressende Angst
Falsch verwandelt als Gier.

Wo ihr meint, das Raubtier zu sein
Und die Welt zu verschlingen, da verschlingt
Euch euer WAHN, und alles Hineinschlingen
Ist ja ein Hinaus, ihr seid und bleibt leer.

Ein Irrenhaus ist die mißlungne Welt –
Falsche Verwandlung, ach die Hölle
Der Phantasie. Denn falsche Verwandlung
Macht auch das Auge der himmlischen Phantasie

Krank und fiebernd, und die Furcht
Flieht das Wahre und sieht nur Gespenst.
Ein Irrenhaus ist die mißlungne Welt –
Oh welches Erwachen kennt die Wahrheit?

Keine Wunderkur. Kein Widerrufen.
Fließende Unendlichkeit »als« Endlichkeit
Muß WERK tun. Das ist kein Karma,
Sondern Erwachen und dann Müh und Möglichkeit.

54.
Seht doch, wo falscher Verdacht schwand,
Seid ihr erwacht. So nur dürft ihr der Hölle
Wahnverwirrtes Morden sehn.
Es giebt keinen »Stoff«. Und alles
Gedränge und Einanderstoßen
Ist falsche Verwandlung und ist spukverwirrte Furcht.
Das Böse ist nicht »wirklich«.
Aber die Welt als Hölle ist so würdelos.

55.
Die Menschen fürchten einander,
Weil sie sich für böse halten.
Erstmal hält sich jeder selbst für bös –
Wie er das nennt: Eigenliebe,
Recht, oder was, es ist Rache,
Und die ist immer, immer … Selbsthaß.

56.
Aber der Welt und Dinge
»Bedingtheiten«?
Der unermeßliche Mord –
Diese Brückenlosigkeit
Ist falsche Verwandlung –
So »mißlang« die Welt,
In der ja keiner
Keinem »Antwort« ist.

57.
In das Würdelose
Einen tiefen »Sinn« zu sehn,
Das ist dem Erwachten
Wahnsinn und verrucht.
Seine TREUE kann nur »reif« machen.
So bleibt er bescheiden
Und sucht die Müh und Möglichkeit.

58.
Kausalität als Funktion
Des Reziproken Allerseelen
Ist nicht ein An-sich als Gesetz.

Alles Suchen nach »Gesetzen«
In der Metaphysik
Ist ja doch Dogmatik.

Denn aus dem »Wunder«
Kommen wir dann nicht heraus –
Das Apriori hätte keine Brücke zu uns.

Kein »Über-uns« ist uns,
Sondern wir sind uns,
Jede Seele ist sich.

59.
Das Unvorstellbare
Ist kein »Außer-uns« –

Das Drüberhinaus
Ist kein »Neben-uns« –

Ihr sollt nicht mehr
Reden vom »Verborgenem«.

Ihr sollt denken –
Und was ihr findet,

Wenn ihrs nicht »seid«,
Ist das Gefundene ein WAHN.

Euer Werden ist euer WERK –
Nur so tut Seele ihr Sein.

Die Seele »ist« sich –
Dahin sollt ihr erwachen.

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Josef Benade, 1921 - Otto zur LindeOtto zur Linde (* 26. April 1873 in Essen; † 16. Februar 1938 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller.
Otto zur Lindes Werk umfasst vorwiegend Gedichte und Essays. Mit seiner Lyrik und seinen dichtungstheoretischen Schriften, die an das formale Vorbild Arno Holz‘ anknüpften, vertrat er in kämpferischer Weise einen anti-naturalistischen Standpunkt. Basierend auf seinen philosophischen Studien, versuchte er sich an der Schaffung eines neuen nordisch-urweltlichen Mythos, der die Grundlage einer allgemeinen ethischen Erneuerung bilden sollte; stilistisch stehen seine Dichtungen teilweise dem Frühexpressionismus nahe.

Quelle: Otto zur Linde – Gesammelte Gedichte
Gesammelte Werke – Band IX / X
Charonverlag – 1925

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