Otto zur Linde • Der Mensch

Otto zur Linde • Der Mensch

1.
Ihr sollt nie wieder solches sagen,
Daß ihr der Schöpfung Krone seid.
Aus Hölle in Himmel empor zu ragen,
Ist WAHN zum Weinen. Würdelosigkeit

Des Weltwerks, das mißlungen. Falsches Ich
Als Spuk der Qualen. Später Haß,
Der sich entreißen will, oh früh und fürchterlich,
Der Weltschuld. Loskauf, ach und Verrat ist das.

Wenn ihr der Seele Wert an ihrem »Zustand« meßt,
Eurer und Allerseelen Unendlichkeit ihr dann vergeßt.
Den »Blick aus Unendlich« dreht ihr schielend um,
Vor eurem WAHN ward euer Wirkliches euch stumm.

Nicht sich. Denn der Wahn und das Böse »sind« ja nicht.
Wir müssen sie der Seele Krankheit nennen.
Die Krankheit »ist« ja nicht. Und doch, dies weltschwere Bleigewicht,
Ein Nichtseiendes, das wir nur im Zustand kennen,

In seinem und unserm Zustand, ist die Last
Auf deiner und meiner Seele, Allerseelen
Liegt unterm WAHN, sodaß sich Seele haßt –
So muß dem Paradiese letzte Seligkeit noch fehlen.

2.
»Wär nur eine Seel verloren,
Wär das Paradies ein Traum« –
Oh wacht auf! Dann neu geboren
Sieht der Mensch in sich den Raum,

Den er »ist«, Unendlichkeit
Fließend, also daß er seine Welle
Wandeln kann, und doch dem Leid
Treue hält. So bringt er Helle

In die Hölle. Oh erwacht!
Weltwerk wolln wir nicht verwirrn –
Aber in der dunklen Nacht
Soll nicht unser WAHN uns irrn.

3.
Wer bei Schlafenden erwacht ist,
Steht so scheu und weiß doch nicht,
Wem in dunkler Weltennacht ist
Allzufrüh ein leuchtend Licht.

Aber Menschen sind, die starren
Schon in Unruh, und ihr Stöhnen fleht:
Weck mich! So im Halbschlaf harren
Wir, daß WAHN weicht und verweht.

Wen ich wecke, der will Wahrheit –
Wahn entweicht. Dann soll nicht blind
Unser Aug starrn in die Klarheit –
Wißt, daß Seelen »wirklich« sind.

Wißt, daß Welt schläft, stöhnt, und Hölle
Spuk ist, den zu »wissen« wir
Müh und Möglichkeit als Mensch sind, unsre Welle
Rinnt, verrinnt, und wird an ihrem Wasser niemehr irr.

Das ist Seele. Und nun schaun
Wir nicht süchtig von uns fort.
Keine Treppe oder Tron wir baun –
Hier und Jetzt ist unser Ort.

Der ist TREUE. Aus Unendlich
Sehen wir die Welt nun an.
Uns zu »retten« ist nun schändlich –
Helfen wolln wir, jeder wie er »sich« sein kann.

Das ist WUERDE. So bescheiden –
WERT, und ist ein Vorparadies,
Daß in namenlosen Leiden
Uns Ich-mir erwachen ließ

Aus dem WAHN. Und Allerseelen
Weiß mein WERK und seins. Mißlang
WELT, solls Wahn nicht hehlen –
WILLE sei Möglichkeit (Gesinnung). Wahrheit nie Zwang.

Und eure »Ideale« laßt
Nun niemehr unerreichbar sein –
Der »Blick aus Unendlich« umfaßt
Das Mögliche und löscht den schönen Schein.

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Otto zur Linde – Gesammelte Gedichte
Band IX / X – Charonverlag – 1925


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