Otto Lilienthal – „Kleine Opfer müssen gebracht werden!“

Otto Lilienthal - Gleitexperiment - 1895

trennlinie2Schmerzen hatte er nicht, aber er war unfähig, sich zu bewegen. Regungslos lag er auf dem Bett des trostlos gleichgültigen Zimmers in dem kleinen Dorfwirtshaus, unweit der Stelle, an der er verunglückt war. „Grüßen Sie meine Frau und meine Kinder und sagen sie ihnen, dass ich morgen komme!“ sagte er zu seinem Mechaniker. Er kam nicht, denn am folgenden Tag war Otto Lilienthal tot. Der Arzt hatte zunächst keine Verletzung finden können. „Nichts gebrochen, alles ganz!“ hatte er beruhigend gesagt, aber da der Abgestürzte bald das Bewusstsein verloren hatte und nicht wieder aufwachen wollte, ließ er ihn ins Krankenhaus bringen. Am nächsten Nachmittag starb er, und erst nach seinem Tode stellte man fest, dass sein Rückgrat gebrochen war.

Original caption: Portrait of Otto Lilienthal --- Image by © Bettmann/CORBISZuerst hatte alles ganz harmlos ausgesehen. „Ich will nur ein bisschen ausruhen und dann wieder fliegen“, hatte er nach dem Sturz gesagt. übertriebene Vorsicht war keine Eigenschaft dieses klugen und tollkühnen Waghalses. Andere aber hat er zur Vorsicht gemahnt und dabei gleichmütig von den vielen Verrenkungen, Verstauchungen und Fleischwunden gesprochen, die er sich selbst bei Stürzen zugezogen hatte. „Das rechnet nicht“, sagte er, „das macht nicht lange arbeitsunfähig, aber bedenken Sie, dass Sie nur ein Genick zum Zerbrechen haben!“ Andere sollten es bedenken, Lilienthal selbst hat es nicht bedacht. Nach mehr als 2000 Flügen, die er mit seinen primitiven, aber wohldurchdachten Segelflugzeugen unternommen hatte, war das böse Geschick seiner Herr geworden. Was eigentlich geschehen war, das konnte der einzige Augenzeuge des Sturzes auch nicht sagen. Es war der Mechaniker Lilienthals, ein Sachverständiger, aber er wusste nur zu berichten, dass der Flug bis zur halben Strecke normal verlaufen, dass dann das Flugzeug plötzlich zum Stillstand gekommen und aus einer Höhe von 15 Metern pfeilschnell zur Erde gesackt war. Er konnte sich den Unfall nicht erklären, obwohl er mit dem gleichen Eindecker mehrmals von dem künstlich errichteten Hügel durch die Luft auf die Wiesen geglitten war. Eine Berliner Zeitung, die diese Flugversuche nicht ernst nehmen konnte, hatte schon vor Jahren geschrieben: Wenn Ihr zwei Verrückte sehen wollt, so müsst Ihr nach Lichterfelde-Ost gehen.

Versuchsaufbau für Flügelschlagexperimente in Altwigshagen (bei Anklam) 1868, Holzstich


Auch Gelehrte können irren

Hin und wieder kamen wirklich Leute, die ihren Spaß haben wollten an den „Luftflöhen“, wie man sie nannte. Die Zweifler und Spötter konnten sich übrigens auf einen großen Gelehrten berufen, auf Helmholtz, den berühmten Physiker, Präsidenten der Physikalisch-Technischen Lehranstalt in Berlin, der seine Meinung in die Worte zusammenfasste: „Der Mensch hat wohl keine Aussicht, durch den geschicktesten flügelähnlichen Mechanismus, den er durch Muskelkraft bewegt, sein Gewicht in die Höhe zu, heben und dort zu erhalten.“ Noch viel bestimmter hatte eine vom Staat eingesetzte Kommission erklärt: Der Mensch kann nicht fliegen und wird nie fliegen können! So ziemlich alle waren der Meinung: Was schwerer als die Luft ist, das ist und bleibt an die Erde gebunden; die Zukunft gehört dem gasgefüllten Lenkballon, der leichter ist als die Luft und keiner fremden Kraft bedarf, um sich von der Erde zu lösen.

Unsere Lehrmeister im Fluge Zeichnung Lilienthals in seinem Buch Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst, 1889

Lilienthal war andern Glaubens. Er verstand Flugzeuge zu bauen, die ein sicheres Durchgleiten der Luft von erhöhten Punkten ermöglichten; er wollte andere Maschinen bauen, mit denen der Mensch sich stundenlang hoch über der Erde schwebend in der Luft halten konnte. Das war sein Denken und seine Arbeit. Deshalb rechnete er, konstruierte er, probierte er. Deshalb dichtete er: ,,Es kann Deines Schöpfers Wille nicht sein — Dich, Ersten der Schöpfung, dem Staube zu weih’n, — Dir ewig den Flug zu versagen . . .“ Obwohl er nichts ohne gründliche wissenschaftliche Überlegung in Angriff nahm, war Lilienthal doch kein Schreibstubenflieger. Er wusste: durch die Theorie allein ließ sich das Problem des Fliegens nicht lösen. Auch hier ging Probieren über Studieren. Beim damaligen Stand der Dinge musste der Flugkünstler nicht nur Techniker, sondern auch Akrobat sein. Lilienthal war das alles: ein hervorragender Mathematiker und Physiker, ein einfallsreicher Beobachter, ein gewiegter Konstrukteur, ein Wagehals mit akrobatischen Fähigkeiten, der die Gefahr verachtete. „In der Flugtechnik ist zu viel gerechnet und zu wenig versucht worden“, sagte er. „Das Fliegen muss von Fliegern erfunden werden, nicht von Mathematikern oder Alchimisten, wie das Schießpulver erfunden wurde.“

Versuchsflug bei Derwitz mit Lilienthal als Testpilot, 1891Machen wir’s den Störchen nach! Trotzdem hat er studiert — studiert und probiert, seit seinen Kinderjahren. Waren es die Störche seiner pommerschen Heimatstadt Anklam, denen der Knabe neidvoll nachsah, wenn sie hoch in den Lüften in elegantem Fluge majestätisch und ruhevoll dahinsegelten; waren es versprengte Nachrichten von Flugversuchen kühner Pioniere in fernen Ländern, die in ihm den Wunsch lebendig werden ließen, sich über die Erde zu erheben? Heimlich bauten die beiden Brüder Lilienthal, 12 und 14 Jahre alt, Schwingen aus Holzsparren und Vogelfedern. Mit ihrer Hilfe wollten sie sich in die Luft erheben. In einer Sommernacht versuchten sie es zum ersten Male auf dem Exerzierplatz der kleinen Garnisonstadt. Das kindliche Unternehmen misslang natürlich, aber Otto, der beharrlichere der Brüder, sagte voll männlicher Überzeugung: „Wir werden es schon schaffen!“ Mühsam und unermüdlich bastelten sie, schneiderten, nähten und formten sie neue Flügel, die sie den Störchen ihrer Heimat abguckten. Aus vier Meter Höhe, vom Fenster eines Schuppens, wollten sie langsam zu Boden gleiten. Ihre Mutter war außer sich, sie untersagte das gefährliche Spielzeug, sie bat und drohte. Ein Onkel warnte, und er sollte auf die Dauer recht behalten: „Jungens, ji stött jug (ihr stoßt euch) noch mal Gnick und Gnack af!“ Aber alles war vergeblich. Die Knaben wollten fliegen. Wieder blieb es beim Wollen, trotz der großen Erwartungen, mit denen sich Otto die künstlichen Flügel an die Arme geschnallt hatte. Mit den ausgebreiteten Schwingen saß er auf dem Fensterbrett, sah rund um sich und sprang. Er fiel zu Boden, aber nicht so hart, wie er bei einem freien Fall gestürzt wäre: Die Flügel hatten den Sturz gemildert.

Lilienthal mit Flügelschlagapparat am 16. August 1894Geld wächst nicht auf Bäumen Danach glaubte er mehr als je, dass er bald wirklich fliegen werde. In Gedanken daran wurden die Hausaufgaben der Schule manchmal kaum zur Hälfte fertig. Und wenn er in seinem Goethe las, der ihm lieber war als alle Hausaufgaben der Erde: „Ach, zu des Geistes Flügeln wird so bald kein körperlicher Flügel sich gesellen“, so lächelte er und dachte: Ich werde es dir schon zeigen, alter Goethe! Er war überzeugt, dass der Vogel nicht durch irgendwelche geheimnisvollen Muskelkräfte, sondern durch die Form seiner Flügel dazu befähigt wird, sich schwebend in der Luft zu halten. Wenn man die richtigen Flügel bauen könnte, so müsste auch der Mensch fliegen können! Noch viele Jahre später schrieb er: „Die ruhig gehaltenen, ausgebreiteten Fittiche dienen wirklich ohne eigentliche Kraftanstrengung als Träger des Vogelleibes“. Mit der Beobachtung der Vögel, deren Flug er „auswendig kannte“, mit dem Studium der Form der Vogelschwingen vergingen Tage, Monate und Jahre. Bis tief in die Nacht saß er oft bei seinen Zeichnungen, er baute Modelle, von denen er schließlich sagen konnte, dass „sie aus der Hand fraßen“, weil sie so zahm, d. h. windschnittig gebaut waren, dass sie auch im Winde auf der Hand sitzen blieben und nicht fortgeweht wurden. Aber da der Mensch essen muss, um leben zu können, und da das Essen Geld kostet und das Geld nicht auf den Bäumen des Waldes wächst, musste Otto Lilienthal zunächst daran denken, sich eine Lebensstellung zu schaffen. Sein Interesse für das Fliegen drängte ihn zu einem technischen Beruf, er wurde Ingenieur und Maschinenbauer, schließlich brachte er es zum Fabrikbesitzer.

Flug Lilienthals vom Fliegeberg Lichterfelde am 29. Juni 1895Daneben versuchte er sich als Erfinder. Er erfand eine Art bautechnischer Spielzeuge, die unter dem Namen des Fabrikanten Richter als Anker-Steinbaukasten durch mehrere Generationen zum beliebtesten Weihnachtsgeschenk in allen Familien wurden, in denen Jungen heranwuchsen. Ein Jahrzehnt lang hat ihn diese angestrengte Tätigkeit verhindert, sich mit dem Problem des Fliegens zu befassen. Aber sobald er seine Existenz als Unternehmer und Familienvater gesichert sah, kehrte er zu seinen Lieblingsideen, zur Leidenschaft seines Lebens, zurück. Ein großer Teil seiner Einkünfte, vielleicht der größte, floss von da an in den Bau neuer Flugzeuge. Er erprobte die verschiedenen Formen, auch Flugzeuge mit Flügelschlag, zuerst in den Rhinower Bergen, die, eigentlich keine Berge, sondern nur bescheidene Hügel sind, und» später in Lichterfelde in Berlin. Oft klagt er in dieser Zeit: „Man hat zu viel mit dem Broterwerb zu tun!“ Es war ein großer Tag, als ihm der erste Gleitflug gelang. Schließlich brachte er es dazu, 350 Meter zurückzulegen und sich bis zu acht Minuten schwebend in der Luft zu halten.

Lilienthal mit DoppeldeckerDie ersten Kinderschritte Jetzt lachten die Leute nicht mehr, jetzt bewunderten sie ihn, nannten ihn den „fliegenden Menschen“, „Fhomme volant“, „the flying man“; denn seine gelungenen Versuche hatten die Aufmerksamkeit der Fachleute auf der ganzen Erde erregt. Er flog bei jedem Wetter, bei Windstille und bei Sturm. „Herr Lilienthal, heute geht es wirklich nicht, Sie riskieren Ihr Leben!“ beschwor man ihn. „Sie haben es doch nicht nötig, sich solcher Lebensgefahr auszusetzen, denken Sie an Ihre Familie!“ Aber er wollte nicht hören. Natürlich fehlte es nicht an Kritikern, während unkritische Leute wieder glaubten, das Problem des Fliegens sei durch ihn endgültig gelöst. Von Reportern geschickt aufgenommene Photographien zeigten ihn hoch in den Lüften. Er, selbst wusste, woran er war. Er sagte: „Meine Segelflüge sind für den freien Flug nichts mehr, als die ersten unsicheren Kinderschritte für den Gang des Menschen sind.“ Viele haben Lilienthal einen Phantasten genannt, manche haben gesagt, dass es ihm in erster Linie darauf angekommen sei, von sich reden zu machen. Dass er nichts dagegen hatte, einiges Aufsehen zu erregen, das bewies er schon als Student, als er mit seinem Bruder auf einem selbstkonstruierten dreirädrigen Tretwagen in Berlin über die Linden fuhr. Mit Genugtuung vermerkte er, dass der alte Kaiser Wilhelm I. dem merkwürdigen Gefährt sinnend nachgesehen habe. Lilienthal hatte nichts dagegen, bekannt, bewundert, berühmt zu werden. Er freute sich wie ein Schauspieler über den Beifall des Publikums, er war glücklich, wenn die Leute ihm nach einem gelungenen Fluge zujubelten. Der Ruhm hat ihn sicher gelockt, für ihn setzte er sich gerne der Gefahr aus. Als man ihn einmal wieder zur Vorsicht mahnte, antwortete er: „Sollte mir wirklich ein Ende beschieden sein, wie Sie es fürchten, so werden Sie meinen Namen in allen Büchern verzeichnet finden, die über die ersten Flugversuche berichten.“ Er hatte ein sehr großes Selbstbewusstsein und glaubte sich zu großen Dingen auserwählt. Aber die wertvolle, mühereiche wissenschaftliche Arbeit, die er dem Luftwiderstand und allen andern Fragen des Flugwesens widmete, sind Beweis dafür, dass es ihm in erster Linie doch nur darauf ankam, den uralten Traum der Menschheit zu verwirklichen, sich von der Erde zu erheben und es den Vögeln gleichzutun.

Der beschädigte Flug-ApparatDiesem Traum opferte er sein Leben. „Opfer müssen gebracht werden“, war eines seiner Lieblingsworte. Sein Tod ereilte ihn in einem Augenblick, in dem er mit dem Gedanken beschäftigt war, leichte Motoren, vermutlich Kohlensäuremotoren, in seine Flugzeuge einzubauen und die Luftschraube zu benutzen. Vielleicht wäre er damit zum ersehnten Ziel, zum Dauerflug, gekommen.. Das Schicksal wollte es nicht, er starb wie der sagenhafte Ikarus, weil er der Sonne nahe sein wollte. Was Lilienthal versagt blieb, das haben die Brüder Wilbur und Orville Wright erreicht, die vier Jahre später, Lilienthals Erfahrungen klug und mutig verwertend, mehrere geglückte Gleitflüge durchführten, um dann im Jahre 1903 mit einem Motorflugzeug für uns die Luft zu erobern. Seither haben wir fliegen gelernt, anders als Lilienthal es sich gedacht hat. Tausende von Flugzeugen, mit kraftvollen Antriebsapparaturen ausgerüstet, durchqueren Tag und Nacht die Lüfte. Auch die Segelflieger haben Fortschritte gemacht, führen lange Überlandflüge durch, Hangwind und Aufwind benützend. Manche Fachleute meinen, dass Lilienthals kühne Experimente nur noch historisches Interesse haben; längst hat man es aufgegeben, den Flügelschlag des Vogels nachzuahmen, der Motor in der verschiedensten Form hat das Problem gelöst, anders gelöst als die Natur die Vögel das Fliegen lehrte; Lilienthals theoretische Berechnungen sind längst überholt — sein Ruhm aber ist es, dass er der erste Mensch war, der sich auf Schwingen von der Erde erhoben hat, als der erste Flieger der Welt.

0 Kommentare zu “Otto Lilienthal – „Kleine Opfer müssen gebracht werden!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!