Otto Julius Bierbaum – Die vier Jahreszeiten aus „Das Seidene Buch“

Walter Crane - The Masque of the Four Seasons - 1903Walter Crane – The Masque of the Four Seasons – 1903

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F r ü h l i n g

Vorfrühling
Sieh da: Die Weide schon im Silberpelz,
Die Birken glänzen, ob auch ohne Laub,
In einem Lichte, das wie Frühling ist.
Der graue Himmel zeigt türkisenblau
Ganz schmale Streifen, und ich weiß, das ist
Des jungen Jahres erster Farbenklang,
Die ferne Flöte der Beruhigung:
Die Liebe hat die Flügel schon gespannt,
Sie naht gelassenen Flügels himmelher,
Bald wird die Erde bräutlich heiter sein.

Nun, Herz, sei wach und halte dich bereit
Dem holden Gaste, der mit Blumen kommt
Und Liebe atmet, wie die Blume Duft.
Sei wach und glaube: Liebe kommt zu dir,
Wenn du nur recht ergeben und getrost
Dich auftust wie ein Frühlingsblumenkelch.

An die Trauerweide
Trauerweide, erster Baum,
Der die grünen Wimpel schwingt,
Dem zuerst die Lebenslust
Frisch aus Ast und Zweige dringt, –

Warum nennen sie dich so,
Den die Blätterfülle biegt,
Der zuerst im Frühlingswind
Sich im Frühlingstanze wiegt?

Schlecht verstehen sie die Kraft,
Die sich spielend niederneigt,
Mit der Hand die Erde kost,
Mit dem Haupt den Himmel zeigt.

Das grüne Wunder
Mein Birkenhain stand weiß und kahl,
Die dünnen Stämmchen fror,
Da kam April und zauberte
Das Leben grün hervor.

Mit einem Schleier angetan
Steht nun mein Birkenhain;
Das grüne Wunder ist geschehn,
Nun laßt uns gläubig sein.

Nun laßt uns glauben wiederum,
Daß Leben Schönheit heißt:
Mein Birkicht ist ein Zauberwald,
In dem das Wunder kreißt.

Das Wunder am Baum
Ein Wunder sich begeben hat:
Aus schwarzem Holz ist grün ein Blatt
Vergangne Nacht gedrungen.

Ein Vogel dann vom schwarzen Stamm
Zum grünen Zweig gottlobesam
Das Wunder hat besungen.

Frühlingszuruf
Nun sich die Knospen aus den Zweigen drängen,
Blühende Kräfte morsche Bande sprengen,
Wohin du siehst, wacht alles fröhlich auf –:
Nun sei in deiner Seele rein und heiter,
Erzengel rechts und links dir als Begleiter,
Nimm in den Morgen fröhlich deinen Lauf!

Die Schwingen streifen dich an beiden Seiten,
Um dich der Engel Atem im Geleiten,
Wie muß dein Schritt jetzt frei und kräftig sein!
Schreit aus und glaube: Dir erklang das Werde!
Schick deine Blicke aus: Die ganze Erde
Blüht dir ans Herz: Was schön ist, das ist dein!

Denn der ist König über alle Dinge,
Und den berührt der Engel goldene Schwinge,
Der seine Blicke so aussenden kann,
Daß sie wie Adler Beute heimwärts tragen,
Und dem die Morgenstunden leuchtend sagen:
Du Mensch mit hellen Augen, nimm uns an!

Die Birke
Die junge Frühlingssonne
Mit zarten Strahlenfädchen
Flirrt um die Jungfer Birke
Mattgoldenes Filigran.

Wie eine Braut im Schmucke,
So schämig schön, jungfräulich,
Steht zwischen schwarzen Tannen
Die schlanke junge Birke.

Könnt ich ein Bildchen malen
Mit zartgehauchten Farben,
Ich malte meine Birke
In junger Frühlingssonne.

Der Himmel sollte sie küssen,
Der heiter helle Himmel,
Und eine weiße Wolke
Schwömme über sie hin.

Das Gras zu ihren Füßen,
Halb hoch im Halm, durchflockt ich
Mit zarten Rosakelchen
Und blassen Margueriten.

Die sollten still wie Kinder
Ausblicken mit hellen Augen
Zur holden Jungfer Birke
In junger Frühlingssonne.

Mai
Nun aber hebt zu singen an
Der Mai mit seinen Winden.
Wohl dem, der suchen gehen kann
Und bunte Blumen finden!

Die Schönheit steigt millionenfach
Empor aus schwarzer Erden;
Manch eingekümmert Weh und Ach
Mag nun vergessen werden.

Denn dazu ist der Mai gemacht,
Daß er uns lachen lehre.
Die Herzen hoch! Und fortgelacht
Des Grames Miserere!

Mai-Willkomm
Wie lieblich hat sich’s eingemait!
Die Erde schwimmt in Blüten.
Das ist die höchst willkomm’ne Zeit,
Die alles will begüten.
Nun werden die härtesten Herzen gelinder,
Wir laufen ins Grüne wie lachende Kinder,
Nun werden wir töricht und werden gescheit.

So geht es jedes liebe Jahr:
Wird man im Winter trübe,
So ist’s im Maimond wunderbar,
Als ob sich alles hübe.
Es fliehen die Wolken der Seele in Ballen,
Es will uns das Leben nun wieder gefallen,
Wir fühlen, wie töricht das Trübesein war.

Drum singen wir dem werten Mai
Nach altem Brauch Willkommen.
Er mache alle Herzen frei
Und möge Allen frommen.
Insonderheit soll er verliebten Leuten
Auch heuer die seligsten Stunden bedeuten.
Das ist unser Mai-Wunsch. Amen! Es sei!

Erste Blüten, erster Mai
Lange schlug das Herz mir dumpf
Und in faulen Schlägen,
War ein tangbedeckter Sumpf
Ohne Wellenregen.

Bunte Blumen blühten rings,
Und ich ging vorüber;
Wissenschaft, die graue Sphinx,
Gab mir Nasenstüber.

Wissenschaft, die graue Sphinx,
Mag der Teufel holen;
Euch, ihr Blüheblumen rings,
Sei mein Herz befohlen.

Sonnevoll ist mein Gemüt,
Eine grüne Wiese,
Drauf es singt und springt und blüht,
Wie im Paradiese.

Eine Geige klingt in mir,
Glockenklar und leise . .
»O du allerschönste Zier! . .«
Wundersame Weise.

Glück und Glanz und Glorienschein
Über allem Leben,
Und die ganze Welt ist mein,
Mir zu Lehn gegeben.

Und mein Herz haucht Liebe aus,
Alle Not verendet,
Sorge, Sünde, Haß und Graus
Sind in Glück gewendet.

Dumme, holde Träumerei,
Immer kehrst du wieder:
Erste Blüten, erster Mai,
Schwärmerische Lieder.

Maientanz
Blütenblätter jagt der Wind
Von den jungen Zweigen,
Die sich nun im ersten Sturm,
Frühlingssturme neigen.

Rosarote Apfelblüh
Tanzt mit schneeig weißen
Kirschenblüten Ringelreih
Hell in Wirbelkreisen.

Junge Birken beugen sich
Jungferngrün im Winde,
Leise wispert’s, froh erstaunt,
In der alten Linde.

Heia, erster Frühlingssturm,
Blütenblätterfeger,
Sei gegrüßt, Lenzjunker Wind,
Allerliebster Jäger!

Nicht zum Morde ruft dein Horn,
Ruft zu Tanz und Leben,
Über deinem Hussah-Zug
Schmetterlinge schweben.

Letztes Winterwehtum treibt
Dein Hallih von hinnen,
Hüte hoch und juhuhu!
Maitanz soll beginnen!

Wie der Blütenblätterschnee
Woll’n wir Wirbel drehen,
Wie’s der alte Maienbaum
Nimmer noch gesehen.

Flöte kichert, Geige singt,
Und der Baß brummt bieder,
Doch der Lenzwind über uns
Hat die schönsten Lieder.

Hat die große Melodei
Helle Sturmlustweise;
Nach des Lenzen Pfeife tanzt,
Tanzt die frohen Kreise!

Tulpen-Predigt
Fenster auf! Es hat der Frühling
Endlich wieder seine Zeit.
Alle Blumen müssen blühen,
Alle Vögel müssen singen,
Alle Mädchen müssen lieben,
Alle Herzen werden weit.

Mädchen mit den süßen Augen,
Komm, setz dich auf meinen Schoß!
Deine Hände muß ich küssen,
Deine Augen muß ich küssen,
Deine Lippen muß ich küssen,
Denn die Freude ist zu groß.

Sieh doch, Kind, die Tulpen haben
Ihre Kelche aufgemacht:
Rote, gelbe und gescheckte,
Tiefe Kelche voller Gluten,
Nichts als Schönheit, nichts als Liebe,
Eine ungeheure Pracht.

Kann denn irgend einer traurig
Unter diesen Flammen sein?
Sieh: das kam aus schwarzer Erde!
Denke: solche Flammen schlafen
Winters unter unsern Füßen!
Nur die Liebe schläft nie ein.

Glaube, Mädchen, an die Erde,
Weil sie voller Liebe ist.
Sind wir doch aus ihr geboren,
Wie die Blumen aus dem Beete.
Schlechtes Kind, das seiner Mutter
Wunderreichen Schoß vergißt.

Laß die Blinden ihre Augen
In das Himmlische verdrehn.
Du, bewußtes Kind der Erde,
Reich wie sie an Saft und Kräften,
Wohlgetane, Starke, Schöne,
Du sollst in die Blumen sehn.

Alles, was das reiche Leben
Dir bestimmt hat, Mädchen, ruht
Auch in diesen Glutenkelchen,
Und es meint’s die Mutter Erde
Mit den liebetreuen Kindern
Immer, Mädchen, immer gut.

Liebe ist das Wort der Worte,
Liebe ist des Lebens Wort;
Weißt du das in deinem Herzen,
Weißt du das in deinen Sinnen,
Dann kann nichts dich überwinden,
Deine Mutter hilft dir fort.

Lacht mein Mädchen? Lache, lache,
Liebes Mädchen, lach mich aus!
Weiser ist dein klares Lachen
Als mein Predigen und Dichten,
Schöner ist dein liebes Lachen
Als ein ganzer Tulpenstrauß.

Einen Kuß! Dann in den Garten,
In die Flammen gelb und rot!
Dankbar treue Erdenkinder
Wollen wir den Tag genießen:
Liebe unser einzger Glaube,
Schönheit unser täglich Brot.

Flieder
Stille, träumende Frühlingsnacht . . .
Die Sterne am Himmel blinzelten mild,
Breit stand der Mond wie ein silberner Schild
In den Zweigen rauschte es sacht.
Arm in Arm und wie in Träumen
Unter duftenden Blütenbäumen
Gingen wir durch die Frühlingsnacht.

Der Flieder duftet berauschend weich;
Ich küsse den Mund dir liebeheiß,
Dicht über Häupten uns blau und weiß
Schimmern die Blüten reich.
Blüten brachst du uns zum Strauße,
Langsam gingen wir nach Hause,
Der Flieder duftete liebereich . . .

Bildchen
Der Frühling naht dem Sommer zu,
Ein leichter Wind wiegt über dem Gras,
Hell leuchten die Blüten im Busche.

Die Blumen im Grase nicken leis,
Es klingt der kleine, klare Bach
Aus schattigem Dunkel schüchtern heraus,
Als käm er vom Reiche der Träume.

Vom Reiche der Träume, in dem sie weilt
Das braune Mädel mit flatterndem Haar,
Die junge kräftige Bauerndirn.

Zwischen Frühling und Sommer webt ihr Traum,
Zwischen Blüte und Frucht, zwischen Hoffen und Glück,
Und die Augen gehen ihr über.
Sommer

Fröhliche Zuversicht
Nun ist die Blütenzeit vorbei,
Die grüne Wiese gilbt sich schon.
Vergangen ist der Mai.

Im Busch ein kleiner Vogel singt
Ein lautes Lied vom Glück, vom Glück,
Das nun der Sommer bringt:

Die Blütenfrucht, die junge Brut,
Das stille Reifen überall,
Des Segens schwere Flut,

Vom Nachbarbusch antwortet fein
Das Weibchen seinem Glücksgesang;
Nun singen sie zu zwein.

Zu zwein, zu zwein! Das war im Mai,
Da mir das Glück zu zwein beschert.
Schnell ging das Glück vorbei.

Es schwand im Blütenüberschwang,
Es hallte leise, leise aus,
Wie ferner Mädchensang.

In meinem Herzen lind und warm
Verglimmt’s wie Abendsonnenschein;
Mein Herz ist ohne Harm.

Mit Lachen flog mir fort das Glück,
Ich aber weiß: im nächsten Mai
Kehrt’s lachend mir zurück.

Frühsommerphilosophie
Die roten Tulpenflammen sind verglüht;
Maiglocken wachen auf; der Flieder blüht;
Die Eiche, die so lange sich besann,
Steht nun in Laub; es steckt die Kerzen an,
Die grünen Kerzen, übertrieft von Saft,
Der alten Fichten innerliche Kraft.
Um jede Blüte ist ein Surretanz
Von Schwebewesen, ein lebend’ger Kranz
Von Schillerflügeln, gelb, grün, blau von Glanz,
Und an den Stengeln kriecht im Drängelauf
Das Käfervolk bunt, tausendfüßig auf.
Die liebe Welt! Ob sie auch lange ruht,
Sie macht’s zuletzt doch immer wieder gut.
Mag sie nicht schelten.
Eh eine andre uns nicht voller mißt,
Glaub ich’s einstweil, daß sie die beste ist
Von allen Welten.

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S o m m e r

Sommer
Singe, meine liebe Seele,
Denn der Sommer lacht.
Alle Farben sind voll Feuer,
Alle Welt ist eine Scheuer,
Alle Frucht ist aufgewacht.

Singe, meine liebe Seele,
Denn das Glück ist da.
Zwischen Aehren, welch ein Schreiten!
Flimmernd tanzen alle Weiten,
Gott singt selbst Hallelujah.

Sommerglücksmusik
O Mond der Ernte des goldenen Korns!
O Sichelrauschen durch reife Frucht!
O Segensang des Sensenschwungs!

Sonne spielt in schweren, satten
Farben ein Strahlenlied der Macht,
Goldkorngarbenüberdacht
Sitzt der große Pan im Schatten.

Gelb ist des Liedes Tiefton; breit
Flutet es unter dem Klanggewelle;
Fanfaren in Rot; das Blau schalmeit;
Ein lustiges Grün schwillt flötenhelle.

Mit dem Haupt, dem hörnerschweren,
Nickt den Takt der große Pan:
Langsam kommt die Zeit heran,
Da die Götter wiederkehren.

O Mond der Ernte des goldenen Korns!
O Sichelrauschen durch reife Frucht!
O Segensang des Sensenschwungs!

Spätsommer
Wenn das Gras der grünen Wiesen
Zeitig ist zur großen Mahd,
Wenn der Sommer seine Sense
Singen läßt durch reife Saat:

Dann soll deine Seele Sonne,
Kraft und Frucht und Ernte sein:
Schneide ruhig deine Aehren,
Führe deine Garben ein!

Ernte
Sonnengießen durch den Tag.
Wellenhoch im fröhlichen Schlag
Geht mein Herz, es schaukelt leise
Eine Wiener Walzerweise.
Sensenschwung und Sichelschnitt,
Grün und gelb fällt Gras und Ähre,
Meine Freude erntet mit:
Segenschwere! Segenschwere!

Unter einem Lindenbaum,
Auf des weißen Kirchleins Hügel,
Ruht ich aus; da hub mein Traum
Surrend die Libellenflügel:

Steht ein Feld im Korne schwer,
Schwankt in goldnem Überschwange,
Früchtefroh und reifebange,
Trocken rauschend hin und her.

An des Segens goldnem Rand,
Wo des Himmels Blau sich breitet,
Eine Sense in der Hand,
Eine Bauerndirne schreitet.
Weit aus, wuchtig ist ihr Schritt,
Überhäupten ihr der Stahl
Lacht in huschig hellem Glitzen;

Schnell im Schwung mit einemmal
Seh ich’s durch die Bläue blitzen,
Und die Magd beginnt den Schnitt.
Bogenhalb dreht sich ihr Leib,
Bogenweit greift aus das Eisen,
Näher, näher kommt das Weib
Hinter breitem Messerkreisen.
Langsam rührt mit steter Kraft
Sie der schweren Sense Schaft.

Brach schon dehnt sich Stoppelleere.

Wo rauschgolden sich die Ähre
In des Windes Wehn gewiegt,
Sterbestarr das Leben liegt.

Näher, näher kommt sie her,
Auf die Seele fällt mir’s schwer.
Augen zu. Ich höre den Schnitt,
Und ein Klagen hör ich mit
Von Millionen Sterbequalen.
Stille dann. Scheu schau ich hin:
Ruhend steht die Schnitterin
Unter Abendsonnenstrahlen.
Von des vollen Goldes Rot
Einen Augenschein umloht,
Dann im letzten, hellen Licht,
Umrißschwarz . . . Bist du der Tod!?

Klar blickt sie mir ins Gesicht,
Gütig, groß und mütterlich,
Wendet in die Helle sich;
Geht. Sie überwächst den Schein,
Dunkel bricht von ihr herein.

Wo rauschgolden sich die Ähre
In des Windes Wehn gewiegt,
Sterbestarr das Leben liegt.
Allhin dehnt sich Stoppelleere.

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H  e r b s t

An den Herbst
Mit dankbarem Gemüte
Hin nehm ich deine Güte,
Herbsttag, du milder Gast,
Der du mich reich beschenktest,
Den Sinn ins klare lenktest
Und mich zum Abend fröhlich ausgerüstet hast.

Nun ist in mir kein Drängen
Und bin doch nicht im Engen,
Bin ruhevoll bewegt.
Was gilt es, mehr zu wollen,
Als so im Friedevollen
Teilhaftig sein des Ganzen, das mütterlich uns hegt.

Die goldene Birke
           Birke, wie warst du schön,
Als du im grünen Kleid,
Zierliche Jungfrau, standst
Und dir der Frühlingswind
Leise durchs zage Gezweig
Strich, wie des Bräutigams Hand
Zärtlich der Braut durch die schimmernden Locken streicht.

Birke, wie bist du schön,
Die du im goldnen Kleid,
Schöne Matrone, stehst.
Ruhig in klarer Luft
Hängt nun das fahle Gezweig,
Wie die Arme der Frau
Lässig herab im ermüdeten Schoße ruhn.

Mutterlied im Herbste
Will mein Junge Äpfel haben,
Rote oder gäle?
Hast du zweie, hast du dreie,
Schäl, mein Junge, schäle:

Schäle Schalen, lange Bänder,
Leg sie um im Kreise,
Iß die Äpfel, iß die Äpfel,
Beiß, mein Junge, beiße!

Ein Herbstlied
     Zur Begleitung des Faßtrichters
Nun klärt sich im Fasse der neue Wein,
Doch draußen wird es trübe,
Nur manchmal tut der Sonnenschein,
Als ob er den Nebel hübe;
Das Feld behauptet stolz allein
Die brave Zuckerrübe,
Doch auch ihr scheint es frostig zu Mute zu sein:
Ach, kochte man bald mich zu Zucker doch ein!
Ach, wenn man doch balde mich grübe!

King Thanatos sitzt aus dem Thron
Und übt sich im Regieren;
Mit Reichsschwert, Zepter, Reichsapfel und Kron
Sieht man ihn emsig jonglieren;
Sonst würd‘ es des Winters selbsteigenen Sohn
An höchstseine Hände frieren;
Blitzblau sind ihm Backen und Nase schon.
Jetzt ist der Trichter mein Bombardon,
Und ich gehe den Neuen probieren.
Winter

Alexandriner
           Dort lag der See gewellt, ein blauer Schimmerplan,
Wie weiße Möven drauf manch schneller Segelkahn;
Das Ufer drüben hell, der Himmel drüber klar,
Wie das doch wundersam, gar heilig heiter war!
Es tuschte noch der Herbst mit seiner Künstlerhand
In Sammetbraun und Rot Wald, Wiese, Berg und Land.
Unendlich weit der Blick, und umrißreinlich, fein,
Fiel Alles fern und nah, dem satten Auge ein.
Die Zacken des Gebirgs scharf vor dem Himmelsblau,
Ich sah der Schroffen Grat, der Schründe Spalt genau.
Und wenn zur Dämmerzeit der Mondkahn drüber schwamm,
War silberüberblitzt der blaue Höhenkamm.
Der fernsten Dächer Rot, der weitsten Wälder Braun,
Ich sah, wie weit es war, und konnt es nahe schaun,
Selbst kleinster Bäche Band, wie Silber eingestickt
Dem Sammetdunkelrot, hab deutlich ich erblickt.

Und heute. Eingebannt bin ich in kleinen Raum,
Das nahe Dorfgehölz seh ich als Schleier kaum.
Es fällt ein schneller Schnee, breitflockig, dicht gedrängt,
Und hat in leeres Grau mich drückend eingeengt.
Wo ist der See, der Wald, der blaue Höhenkamm,
Darauf der Silberkahn des halben Mondes schwamm?
Wie bin ich plötzlich arm. Ein König im Exil,
Dem über Nacht vom Haupt die goldene Krone fiel.
Er legt von sich den Prunk, die Pracht, die Macht, den Tand,
Und in sich selbst entdeckt er tief ein neues Land,
Das nie er noch geschaut, das, unveräußerlich,
Ein reiches Königreich: staunend entdeckt er – sich.

Mein Auge ward beraubt, mein Herz ward reich beschenkt,
Das in sich selber sich mit stiller Kraft versenkt.

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W i n t e r

 Winter
Der alte Säemann geht übers Land;
Sein grauer Sack ist voll und wird nicht leer,
So viele Hampfeln auch die Hand verstreut.

Und alles ist ihm Feld: Wald, Wiese, Berg;
Allüberallhin sät er seine Saat,
Die niemals aufgeht. Schweigend tut er so.

Ich seh ihm zu. Mich überschüttet weiß
Der kalte Segen seiner toten Saat.

Und wie ein Baum, aus dem der Lebenssaft
Sich in die Erde schlug, so steh ich starr
Und fühle innerlichst mich selbst vergehn.

Und Schlaf und Tod ist mir nur noch ein Gott.

Winterlied
           Weg und Wiese zugedeckt,
Und der Himmel selbst verhangen,
Alle Berge sind versteckt,
Alle Weiten eingegangen.

Ist wie eine graue Nacht,
Die sich vor den Tag geschoben,
Die der Sonne glühe Pracht
Schleierdicht mit Dunst umwoben.

Oder seid ihr alle tot:
Sonne, Mond und lichte Sterne?
Ruht das wirkende Gebot,
Das euch trieb durch Näh und Ferne?

Leben, lebst du noch ringsum?
Sind verschüttet alle Wege?
Grau und eng die Welt und stumm.
Doch mein Herz schlägt seine Schläge.

Das Wunder kommt
Schwarz ist die Nacht; es kracht das Eis;
Die ganze Welt ist eingeschneit;
Es sieht kein Stern am Himmel,
Am Himmel.

Da sieh: es blitzt ein zitternd Licht,
Ein Stern blitzt aus dem Schwarz heraus,
Ein roter Stern von Golde,
Von Golde.

So hat dereinst der Stern geblitzt,
Nach dem die heiligen drei gereist
Mit Weihrauch und mit Myrrhen,
Mit Myrrhen.

Den Heiland hat der Stern gebracht;
In dieser Nacht zerbrach das Eis;
Das Wunder kommt: Der Frühling,
Der Frühling.

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