Otto Erich Hartleben • Moderne Oden

Moderne Oden 
I
Nicht sank in Schwachheit unserer Sprache Kunst,
seitdem verhallt ist früher Heroen Schritt –
wir wandeln weiter ihre Bahnen
tönenden Fußes – und schauen lichtwärts.
Wir meistern, stolz nicht minder wie jene, noch
das Wort, und kunstreich meißelt die sichre Hand
aus deutscher Sprache reinstem Marmor
nimmer-vergänglicher Formen Schönheit.
Denn für der Menschheit heilige Güter schlägt
auch uns das Herz. Die fröhliche Flammenglut,
die ewig zu den Sternen deutet,
loht auch in uns von dem Grund der Seelen.
Wie Göttern einst der lockigen Hebe Hand
geschenkt den Nektar ewigen Jugendmuts,
so wollen wir in alten Schalen
reichen den schäumenden Wein der Zeiten.

II
Wohin du horchst, vernimmst du den Hilferuf
der Not. Wohin du blickest, erschrecken dich
gerungne Hände, bleiche Lippen,
die nach des Todes Erlösung schmachten.
Wohin du hilfreich schreitest, versinkt dein Fuß
im Kot der Lügen. Jeglichem Elend noch
umwebten sie den Schein der Ordnung,
jeglicher Schande des Alters Würde.
In diesem dunkelflutenden Wogenschwall
wo ist der Grund, der unsere Anker hält?
Wann naht der Gott, im Sturme fahrend,
der die verpesteten Lüfte reinigt?
Wo blitzt ein Lichtstrahl kommenden Morgenrots
an diesem nachtbelasteten Horizont?
Wo sieht der Jugend Tatensehnsucht
flattern die Wimpel des fernen Zieles?

III
Sträuben sollen wir uns wider das Eisenjoch,
dem der Gewohnheit Schmutz Würde des Alters lieh –
wen das steigende Licht grüßt,
nie sehn er die Nacht zurück!
Feigheit knechtet die Zeit, beuget der Nacken Kraft:
wagt, o wagt es mit mir, frei zu bekennen, was
längst der kühnere Blick sah,
längst allen im Busen lebt!
Heilig gelten der Zeit Rechte des Alters nur:
was da bestand vordem, heißt sie bestehenswert,
heilig gelten der Zeit nicht
Treupflichten des eignen Sinns.
Sträuben wollen wir uns wider das Eisenjoch,
dem der Gewohnheit Schmutz Würde des Alters lieh –
wen das steigende Licht grüßt,
nie sehn er die Nacht zurück!

IV
Erschlafft im Schlafe kindischen Glaubens, hast
du lang genug jetzt, duldendes Volk, geruht.
Ermannet euch – und eurer Ketten
rostige Reife, sie werden brechen!
Nicht länger betend winselt in leere Luft,
auf dieser Erde wirkt und erschafft das Heil.
Verlacht der Pfaffen schnöde Lüge,
die da vertröstet aufs beßre Jenseits!
Fort mit dem Trugbild ewiger Seligkeit,
das aus dem Leben, drin es zu leben galt,
euch tatenlose, freudelose,
lockt in die schweigende Nacht des Todes!

V
Es lebt ein Gott, der Schöpfer des Weltenrunds,
so sagen sie. – Doch geben sie Kunde auch,
ob von dem Funkeln, das den einen
Tropfen im Meere des Alls umflimmert,
ob er vom Ringen menschlicher Nichtigkeit
jemals vernahm? – All-mächtig und -liebevoll
ist er! Vor seinen Vateraugen
birgt im unendlichen Raum sich niemand!
Kein Schmerz ist ihm, kein Jubel der Freude fremd:
als Gott der Liebe preisen wir ihn auf Knien!
– So säh er also dieser Erde
nimmer ermeßne Jammerwüste?
Er säh das Edle unter den Fuß gestampft
des Tiefgemeinen? Sähe in Qual und Staub
sich wälzen Millionen Herzen,
blutig, gemartert ein langes Leben?
Und endets nicht? – Und trümmert und schmettert nicht
die Welt ins wahnlos friedliche Nichts zurück?
Der Gott – grausamer wär er wahrlich,
als der verworfenste Menschenbube.

VI
Du lebtest noch, so sagen sie und knien
vor deinem Kreuzesholz, daran in Qual
du hängst, und küssen deine Füße.
Sie sahn die Hunde mit dem Schweife wedeln,
sich niederducken vor dem Fuß des Herrn –
und gingen hin und taten Gleiches.
Ha! Lebtest du, du rissest von dem Nagel,
dem martervollen, deinen Fuß – in Staub
trätest du sie verachtend nieder!

VII
Kennst du den Zwang, der Sterne um Sterne dreht?
Kennst du die Glut, die Sonnen entflammt zum Licht? –
Du siehst nach stillem Lenzeswerden
freudig unsterbliche Fruchtgestaltung.
Du fühlst der Liebe heiliges Wunder, fühlst
den Gott im Menschen, der dir das Schwert verliehn,
zu Höchstem Kraft und heißes Trachten
und den unendlichen Zug nach Freude!
Vollendungsfreude schmettert den Jubelton
des Sieges durch die ringende Wut des Alls.
Wohl stößt dein Blick an graue Wolken –
droben gewölbt steht ewige Klarheit.

VIII
Aus des Hochwalds Dunkel, empor zur Sonne,
die hindurchblitzt zwischen dem Laub der Kronen,
ringt und wächst und strebt in die Höh das junge
schwankende Stämmchen.
Nicht gedeihn kanns drunten im kalten Schatten,
aber droben lächelt ihm Licht und Wärme,
droben wirds im sonnigen Blau des Äthers
wiegen das Haupt einst. –
Auch du witterst und spürst, o meine Seele,
hoch ob all der lastenden Nacht der Schmerzen
eines blauen, nimmer getrübten Himmels
göttliche Reinheit.
Auch du dränge zur Höh, o meine Seele,
bis dich krönt das leuchtende Gold der Sonne,
bis vergessen unter dir schweigt des Lebens
wuchernde Wildnis.

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