Oskar Loerke Φ Die Kindermurmel Φ Lyrik

Die Kindermurmel

1
Sie ruht sich aus in einer Hand voll Narben.
Das Glas durchscheinen Güsse vieler Farben.

Der gelbe hier gleicht einem Höhlenstollen,
Versteinter Schwefelqualm hat ihn verquollen.

Wie Ströme winden sich die blauen Strähnen.
Wohin wohl führen wir? auf welchen Kähnen?

Die grauen Adern mögen hart beginnen
In diesem Tag, doch hängen sie nach innen

Und wenden sich vom Grübeln und Ergründen
Gleich Gletschern, die in süßem Süden münden.

2
Der gelbe Strang gleicht einem Höhlenstollen,
Versteinter Schwefelqualm hat ihn verquollen.
Darunter schläft ein März mit seinem Weben,
Behorcht von einem Knaben, der mir ähnelt.
Ein Feuer singt in weißer Bretter Kiene,
Von Regenweite spricht der Mund der Röhren,
Und ihre Tropfen schlägt der Wind zu Schnee.
Und Hoffnung war. Das ist nun abgeschlossen,
Als wäre es im Spiegelglas geblieben,
Doch außen vor dem Spiegel ist nichts mehr.

3
Wie Ströme winden sich die blauen Strähnen.
Wohin wohl fahren wir? auf welchen Kähnen?
Am Quellenende träumt der Knabe wieder;
Umgeben von den schmalen Widerscheinen
Der lotrecht aufgeschoßnen Erlen, geht er
Im Honigduft Grausilbervlies der Raupen
Zum Wasserspiel vom roten Baste lösen.
Nun kühlt er seine Hand im Blütenbaume,
Des Schnee mitunter leise trauernd klang.

4
Die grauen Adern mögen hart beginnen
In diesem Tag, doch hängen sie nach innen
Und wenden sich vom Grübeln und Ergründen
Gleich Gletschern, die in süßem Süden münden.
Der blüht nun eine Ewigkeit entlegen.
In ihren Gärten sucht sich selbst der Knabe.
Der Junimond geht wie ein Wohlgefallen,
Dann fahren auch die letzten Vogelnester
Zum Bausch des Dunkels ein, doch er bleibt wachen,
Muß immer wiederkehren zu dem Takte,
Der immer wiederkehrt in einem Leben.


Oskar Loerke: Atem der Erde – Poesie – 1930

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