Oskar Levertin Φ Kalonymos Φ Eine Erzählung

Oskar Levertin Φ Kalonymos
(Übersetzt von Francis Maro)

Es war in der roten Morgendämmerung, der Stunde der Träume, und Kalonymos träumte, während die Purpurstrahlen über seinen geschlossenen Augenlidern lagen.

Kalonymos träumte, daß er ein Kind war und in seiner Mutter Kammer stand. Es war dunkel dort drinnen, aber nun entzündete sie die Wachskerzen in dem großen Chanukaleuchter aus Silber. Zuerst das einsame Licht, das vor der Reihe der anderen sieben an einem besonderen Arm steckte, und das Israels ewige Hoffnung bedeutete. Und mit dieser Kerze entzündete sie dann drei der anderen: Judiths Flamme, bebend wie eine Blutträne, Deborahs, die gleich einem brennenden Herz flammte, und Judas Makkabäus‘ Licht, das wie eine feurige Lanzenspitze gegen das Dunkel des Berges schimmerte.

Der Schein der vier Lichter fiel über ihre hohe Gestalt. Sie war ein noch junges Weib, aber das Haar auf ihrem Scheitel war in einer einzigen Nacht weiß geworden, und eisgrau lag es nun in einer schweren Binde um die schmale Stirn gewunden. Ihre schwarzen Augen leuchteten tränenlos und groß, und mit einer Stimme, die von ferne kam und klang wie die der schwarzen Winterlandschaft selbst, sprach sie die Dankgebete für die Helden in Juda.

Die nur halbverstandenen Worte schlugen an das Ohr des Knaben wie das Rauschen eines fernen Stromes an den sonnengelben Strand, sie murmelten und schläferten ein. Aber als die Mutter das Gebet beendigt hatte, nahm sie aus dem Wandschrank, der die wenigen Kleinodien des armen Heims, die Sabbatlampe und den Feiertagsbecher enthielt, einen großen, länglichen Stein.

»Mit diesem Stein hier ward dein Vater getötet,« sagte sie, »aber ich habe Abend für Abend gesessen, und Jahr für Jahr, und habe ihn scharf geschliffen wie ein Messer, und das Messer sollst du, Kalonymos, als Mündigkeitsgabe haben.«

Dann nahm sie den Stein, und mit seiner gleich einer Schneide scharfen Kante schnitt sie in die Hand des Kindes, so daß die Haut gespalten wurde und es blutete. Das Kind schluchzte laut. Aber die Mutter verband die Wunde nicht, sondern nahm den Knaben auf ihren Schoß und beschwichtigte ihn durch Erzählungen. Sie erzählte, wie Judith zu Holofernes Lager ging. »Es war ein klarer Sommermorgen,« sagte sie, »und die Lerche sang. Kleine, leichte, weiße Wölkchen tanzten über den Himmel, und die Tautropfen glitzerten, wie sie auf den Grashalmen hingen, die sich vor den Falten ihres Gewandes zur Seite neigten. Judith sah hinauf zur blauen Luft, mit starren, gebundenen Augen, als wollte sie aus einem Traum erwachen. In ihre Kehle kam eine unbezwingliche Lust zu jubeln, und sie wollte über die Wiesen dahintanzen, so daß die goldenen Fußringe an ihren Knöcheln blinkten.

Sie hatte noch alte Eltern am Leben, und sie selbst träumte davon, Kinder unter ihrem Herzen zu tragen und langsam in den Armen eines Mannes zu altern. Aber sie konnte weder singen noch tanzen. Ihre Schritte führten sie den Weg, der ihr zu gehen vorgezeichnet war, und unter der Wolle des Mantels lag das Racheschwert eisigkalt an ihrem Herzen.«

So erzählte Rahel Teura, des gesteinigten Baruch-ben-Esras Witwe, für sich selbst und das Kind die Geschichte von Judith, aber bevor sie fortfahren und auch von Judas Makkabäus erzählen konnte, dem fröhlichen Hirtenjüngling auf dem Berge Modin, ihm, der Israels Feinde vor sich hintreiben sollte wie aufgescheuchte Schafe und Ziegen, Gottes Hammer, der Judas Widersacher zu Staub und Asche zermalmte, war das Kind in ihren Armen eingeschlafen. Die kleine, verwundete Hand lag blutig auf ihrem weißen Rock, und der braune Lockenkopf hatte sich im Schlaf auf ihre Brust geneigt. Sachte küßte Rahel die verwundete Hand und lächelte schwach, als sie, während sie das Kind ins Bett hob, sein Herz so friedlich und ruhig an ihrer Brust schlagen fühlte.

Dann nahm sie den großen Stein zwischen ihre beiden Hände, hielt ihn aufrecht wie ein Schwert, setzte sich und wartete im Lehnstuhl, daß die Lichter erlöschen und sterben sollten: Judiths Blutträne, Deborahs brennendes Herz, Judas Makkabäus‘ feurige Lanzenspitze. Schließlich flackerte nur gelb und schwach das einsame Licht, das von Israels Hoffnung Zeugnis ablegte. Dann brannte auch dieses herab. Ein Geruch von verbranntem Wachs erfüllte die Dunkelheit, die sie bis zu dem weißen Stirnhaar umwob.

Die Morgenröte brannte ihre Spanne Zeit und verblich, ehe die Stunde der Träume zu Ende gegangen war, und Kalonymos träumte wieder, während der erste Tagesstrahl über seine Ruhe fiel.

Kalonymos träumte, daß er eben von seiner Mutter Begräbnis heimgekehrt war, und nun, ein einsamer Jüngling, in dem einsamen, öden Hause in der engen Judengasse in Leeuwarden stand. Das Ritual des Leichenbegängnisses, dessen einförmig feierliche hebräische Klageworte mit ihrem schluchzenden Klang aus zusammengepreßten Herzen dumpf und seltsam in den Frühlingsnebel draußen auf dem Kirchhof gerauscht waren, hallte noch in seinem Ohr wider. Aber dazwischen hörte er schwer und dumpf durch die Dämmerung das Rollen der ersten Schaufel Erde, die er nach feierlichem Brauch selbst mit bebender Hand auf die nackten Bretter des Sarges der Mutter hatte fallen lassen, das Dröhnen der feuchten kalten Erde, in der die Samen des Sommers schon keimten, die aber die Mutter der Vernichtung weihte.

Er wanderte auf und ab in den leeren Räumen und trug den Stein, den die Dahingegangene noch in ihrem Totenbett liegen gehabt hatte, von Ort zu Ort. Er hob ihn mit seinen beiden Händen, fand ihn schwer und wußte nicht, was er anfangen oder womit er beginnen sollte. Der Frühlingsnachmittag lächelte hell durchs Fenster herein, was konnte er ihm bringen? Zu Haß war er geboren und erzogen worden, und hart schlug er die Hände vor die Augen, um den strahlenden Abend nicht sehen zu müssen.

Da ging die Türe, und herein trat in seinem schleppenden schwarzen Kaftan und dem spitzköpfigen Hute sein alter Lehrer, Abraham-ha-Rohen.

»Sitzest du hier allein und trauerst, Kalonymos?« sagte der Graubart und sah mit seinen müden braunen Augen den Jüngling an. Des Alten Stirn war eine einzige große Runzel, sein Scheitel und sein Bart waren weiß, aber er wußte sich noch zu entsinnen, wieviel man leiden kann, wenn man jung ist.

Kalonymos lehnte sein Haupt an die Schulter des Alten, und in einem Strom von Tränen und Worten brauste es hervor: sein Kummer, seine Einsamkeit und der Fluch des Hasses, der auf sein Haupt gelegt war und sein Leben fesselte. Abraham-ha-Rohen schüttelte den weißen Kopf.

»Mein Sohn,« sagte er, »bevor es Abend wird und der Sabbat anbricht, wandere du wieder zum Kirchhof und lege den Stein der Rache auf das Grab der Alten. Er ist der ihre, und sie wollen ihn vielleicht am Tage der großen Rechenschaft vorweisen. Aber du sollst frei sein, denn siehst du, die Liebe ist das pure Gold, das Zinsen und Zinsen trägt, aber die Rache ist ein böses Erbteil, und niemand soll für eines andern Haß leben.«

Ängstlich forschend sah Kalonymos dem Alten in die Augen. Eine Lästerung gegen die Toten dünkte ihn der Rat. Aber Abraham-ha-Rohens gealtertes Antlitz sprach mit der Macht der Weisheit, die gereift und ergraut war, und es kam Ruhe über den Jüngling, als der Rabbiner ein weißes Tuch auf seinen Scheitel legte und seine Wanderung segnete. Da nahm er den Stein und trug ihn zum Kirchhof, der zwischen den Feldern auf der weiten Ebene lag, von Steinmauern umfriedet. Aber die gewohnte Düsterkeit lag heute nicht auf Israels Garten, wie die Juden ihn nennen. Die Weide rauschte heute nicht wie sonst von den gefangenen Harfen an den Strömen Babylons, sondern raschelte fröhlich und lustig im Frühlingswinde. Der schwarze Holunder, der Baum des Abschieds und der Trennungen, wurde von großen weißen Blütentrauben eingehüllt, deren würziger Duft dem eingeschlossenen Platz den Geruch eines ruhigen und wohlverwahrten Heims gab. Durch die tiefblaue, durchsichtige Luft kamen Zugvögel auf flatternden Schwingen und brachten Botschaft, daß es wieder Sommer war in Kanaan, und daß die Blüten des Mandelbaumes und die Ranken der Weinstöcke wieder über der zerfallenen Tempelstadt des heiligen Berges leuchteten.

Kalonymos fiel auf die Knie und betete:

»Vater du, den ich niemals gekannt habe, aber stets im Abendschatten neben mir sehe, grau und gebeugt, wie ich einmal sein werde – Mutter du, die du eben noch die Haube um dein weißes Haupt geknüpft und dahingegangen bist, die ich aber wieder erwarte über die Schwelle treten zu sehen, sowie der Riegel an unserer Tür sich bewegt, seht, zu euern Füßen lege ich dieses Zeichen der Rache nieder, denn ich fühle jetzt, daß ihr selbst mein Herz erzogen habt, Liebe und nicht Haß zu teilen.«

So, und mit anderen Worten und Gebeten, die seine Seele auf einsamen Wanderungen und unter stillen Nachtwachen gesammelt und gedichtet hatte, ohne daß er selbst darum wußte, die ihm aber nun unwillkürlich auf die Zunge kamen, legte er den Stein sachte auf das geschlossene Grab, das der Totengräber schon mit grünen, wachsenden Grashügelchen gedeckt hatte.

Kalonymos ging durch den kühlen blauen Abend heim. Auf der ganzen Ebene, soweit man sehen konnte, blühten und dufteten weiße Hyazinthen – die ganze Welt tat sich auf und blühte.

All die vielen Maste mit leichtem Takelwerk und weißen Segeln, die sich auf den Flüssen und in den Kanälen zeigten, führten nur weiter zu neuen weißen Blumenländern. Kalonymos sah lächelnd auf das gelbe Judenzeichen herab, das in das dunkle Tuch seines Rockes eingenäht war. Er hatte die Zaubermacht des Zirkels gelöst, er fesselte nicht mehr, und mit leichten Schritten trat er über die Türschwelle und entzündete die sieben Sabbatsflammen in seiner Eltern Haus.

Stockholms scharfes Märzlicht, von dem Glanze sonnenbeschienenen Schnees erfüllt, und von bewegter Seeluft durchweht, weckte Kalonymos in seiner Dachkammer in der Österlanggasse. Er erinnerte sich seiner Träume nicht sondern begann sogleich, während er sich ankleidete, die Obliegenheiten des Tages zu überdenken. Zerstreut blickte er hinaus auf die Stadt, die in weißem Morgenfrost leuchtete, mit unbekannten Häusern, Treppen, deren Stufen er nie betreten hatte, und einem Glockenklang, der für den Fremdling kalt und ohne Erinnerungen ertönte. Aber ein jahrelanges Wanderleben hatte ihn der trauten Begegnungen mit wohlbekannten Orten entwöhnt, und die immer wechselnden Städte und Menschen, die, wenn er die Augen aufschlug, seinem Blick begegneten, bestärkten ihn in dem Pilgerberuf für den er lebte. Von Land zu Land, überall, wo eine Synagoge von düsteren Judenvierteln umgeben stand, war er umhergezogen, um überall die Worte der Liebe zu verkündigen, die ihm selbst Frieden und Stolz geschenkt hatten. Mit glühender Zuversicht hatte er die Fahrt begonnen und sie trotz Enttäuschung und Verfolgungen mit der nur gesteigerten Begeisterung des Wahrheitszeugen fortgesetzt, für den Dornenstiche und Peitschenhiebe nur die Heiligkeit der Sendung bekräftigen. Rabbiner und Schriftgelehrte hatten ihn vor den ausgebreiteten heiligen Thorarollen im Schimmer der ewigen Lampe verflucht. Türen hatten sich vor ihm mit Hohn und Spott zugeschlagen, an den schwarzen Regenabenden, wo der Sinn nach Wärme trachtete und das Haupt nach dem Kissen. Die Einsamkeit der Einsamkeiten – die des von seinen eigenen Brüdern ausgestoßenen Juden – hatte an langen, eisigen Wintertagen seine wunden Füße über sturmdurchwehte Felder geführt. Doch was verschlug das alles? Gab es einen einzigen Blick, der verstand, so war dies Lohn genug, und glücklicherweise fand er auch überall begreifende Herzen, alte, die in seinen Worten vergessene, aber teure Torheiten zu erkennen glaubten, deren sie gern noch einmal gedachten, ehe der Tod kam – junge, die der Packen auf dem Rücken oder das Zeremonienbuch in der Rabbinerschule nicht hinderte, mit den Bäumen und den Wolken zu träumen. So war Kalonymos trotz allem glücklich auf seiner Reise, und heute nacht sollte er nach einwöchigem Aufenthalt in Stockholm mit einem Schoner weiter nach Polen fahren.

Kalonymos dachte an dies, als es an die Türe klopfte. Ein kleiner, krummrückiger, mahagonibrauner Alter mit einem wirren Bocksbart, der gleich altem Baummoos auf den Seehundskragen seines Mantels hing, trat ein.

»Gesegnet sei dein Morgen, Kalonymos«, sagte er, »der Herr erhalte dich bei Gesundheit und Freude und mache dir den Eingang des Passahfestes gut.«

»Gesegnet sei Euer eigner Morgen und der Anbruch der Feiertage, Herr Seidenschnur«, sagte Kalonymos und erkannte den Hühnerschlächter, wie er offiziell benannt wurde, oder den Judenschlächter, wie er beharrte, sich selbst zu nennen. Er wunderte sich über den Besuch des Alten, ohne doch nach dessen Ursache zu fragen, was der Ehrfurcht widerstritten hätte, die ein Jüngling wie er einem Manne von Seidenschnurs Alter und Ehrwürdigkeit schuldig war.

Der Alte hatte es nicht eilig, seine Angelegenheit vorzubringen. Er plauderte über dies und das, bis er plötzlich fragte:

»Habt Ihr die schimmernde Perle betrachtet, Kalonymos, den kostbaren Edelstein unter den Töchtern des schwedischen Zion?«

Und der kleine braune Alte zog eine blanke Tuladose aus der Tasche und nahm mit tränenden Augen eine große Prise Schnupftabak, selbst über all die verborgene Poesie gerührt, die in ihm lag wie der Saft in der verschrumpften Schale der Apfelsine.

»Wen meint der Herr Seidenschnur?«

»Die schöne Esther natürlich, Esther, die Tochter des Jair Henoch.«

Kalonymos schrak zusammen. Henoch war sein eigener Wirt, in dessen Haus er wohnte, und er begriff nicht, wo der Alte hinaus wollte. Seidenschnur schüttelte seinen braungebeizten Kopf über solche Einfalt.

»Ein unverheirateter Jude ist kein Mensch,« sagte er, »denn es heißt: ›Zum Manne und zum Weibe schuf Er ihn und nannte ihn Mensch‹.«

Und mit einem schwarzen Daumen drückte er den Deckel der Dose zu und sah den jungen Mann blinzelnd an.

Da ging Kalonymos plötzlich ein Licht auf. Ein schelmischer Sonnenschein huschte über sein Antlitz. Die Zähne blinkten zwischen den jugendlich leuchtenden Lippen. Nur die braunen Augen waren wie gewöhnlich dunkel und abwesend.

»Herr Seidenschnur ist also auch der Heiratsmakler der Gemeinde?« rief er aus.

»Ja, mit der Gnade des Allmächtigen bin ich das, und berühmt als solcher obendrein. Doch still! Eine fremde Zunge mag dich loben, doch nicht dein eigner Mund! Aber der Herr allein weiß, wie viele ich in die Welt geschafft habe. Ja, ja, wenn man Schlächter ist, sieht man am besten ein, wie wichtig es ist, daß die Kreatur sich vermehrt.«

Er wurde wieder gerührt, diesmal über seinen Tiefsinn, und war begierig, wer wohl alle Wahrheiten zählen könnte, die in ihm lagen. Es waren ihrer Legion, sowie die Kerne im Granatapfel.

»Und nun meint Herr Seidenschnur?« fuhr Kalonymos fort, den es belustigte, den Alten seine Vorschläge ausbreiten zu hören.

»Ich meine, daß Esther ihres Vaters Henoch – der Himmel erhalte ihn bei Gesundheit und Wohlsein! Freude und Stolz ist. Wie sie will, will er. Nun sah ich bei Tische, wie sie Euch, Kalonymos, betrachtete. Und da will ich Euch sagen, daß Henoch Hofjuwelier des Königs ist – lange möge er leben und siegreich sein Land regieren! – und der Reichste in der Gemeinde. Und allerdings sagt Rabbi Jochanan – denn niemand kann behaupten, daß Seidenschnur zu den Söhnen des Staubes gehört, die nichts gelesen haben –, daß man bei der Ehe weder an Schönheit noch an Geld denken soll. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß, wenn die Frau nur ein schönes Innere hat, man auch wünschte, daß sie sich wenden könnte wie der Basilisk. Und was Gold betrifft, so ist es ja bekannt, daß das Leben schön ist, aber Geld kostet. So will ich nun versprechen, die ganze Sache zu betreiben, und das bloß für die bei uns geltenden Prozente der Mitgift.«

Kalonymos ergötzte sich an dem Eifer des Ehemaklers.

»Aber bin ich nicht zu jung, um unter den Hochzeitsbaldachin zu treten?« sagte er.

»Zu jung! Im Gegenteil. Man soll jung heiraten, das bewahrt Lebenskraft und Glück. Die, welche warten, bis sie alt werden, um Hochzeit zu feiern, gleichen dem Manne, der ein Haus besitzt und es nicht bewohnt, bevor es anfängt schimmelig zu werden.«

»Aber ich muß reisen, Seidenschnur, zuerst nach Polen und dann weiter. Und es steht geschrieben, daß Reisende und Kaufleute, die lange fort sind, kein Weib allein lassen dürfen an kaltem Herd.«

Seidenschnur wollte eben diesen Satz mit einer anderen alten Schriftstelle parieren, als der Hauswirt, der erwähnte Henoch, gerade ins Zimmer trat.

»Schnur, Schnur«, sagte er und klopfte dem Alten vertraulich auf die Schulter. »Schon auf den Beinen! Welche von Israels Jungfrauen ist es, die dich als Bittsteller zu dem schönen Kalonymos geschickt hat?«

Der Alte und der Jüngling wurden beide stumm und verlegen.

»Nein, du mein Schöpfer, ist es vielleicht gar meine eigne Esther, die du hinter meinem Rücken verschacherst? Oder warum seid Ihr so bestürzt!«

Und Henoch lachte warm und lebenslustig, so daß es seine ganze stattliche Erscheinung überleuchtete. »Nun, über diese Sache wollen wir später sprechen. Jetzt müssen Kalonymos und ich Seiner Exzellenz dem Oberstatthalter unsere Aufwartung machen, der ihn sehen will, bevor er fährt – falls er fährt. Und Baron Sparre, unser edler Beschützer, ist ein Mann, den zu sehen es wohl der Mühe lohnt.«

Henoch und Kalonymos gingen in ihren weiten, schleppenden Pelzmänteln die Treppe hinab. Henoch sah aus wie ein Patriarch, der noch in der Landesflucht seine Würde bewahrt hat. Er trug den Zobel mit derselben ungezwungenen Haltung, mit der er in seinem Stammland den leichten weißen Wollmantel getragen hatte, und der große flache Hut mit der aufgebogenen Krempe kleidete seinen graugesprenkelten, aber noch jugendfrischen Kopf so gut wie das Samtbarett in der Stadt seiner Vorväter am gelben Ebro. Aber Kalonymos sah aus wie ein nach dem Norden geführter, gefangener assyrischer Prinz, ein Sanherib oder Tiglat Pileser, mit seinem schmalen Antlitz, in dessen bleichem Oval die braunen Augen leuchteten und der gerade schwarze Bart.

Die beiden Fremdlinge gingen die Österlanggasse hinab. Die Frühsonne schimmerte durch die fliehenden Nebel des Morgengrauens. Der Tauwind rüttelte die alten Schilder an den Mauern: das Kupferbecken des Feldschers, den Willkommenbecher des Zinngießers, die Wergkunkel des Seilers, und der kleine Messingschutzengel des Kellers zum Goldenen Frieden pirouettierte in seinem Laubkranz vor den Windstößen. Bauern mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen fuhren mit Pferden, um die der Dampf wie eine weiße Wolke stand, ihre Milcheimer in die Stadt, und ein Fischer in geteerten Kleidern schrie seinen Fang nach einer choralartigen Melodie aus: »Eisgefischter Hecht! Eisgefischter Hecht!« Der Lehrjunge des Saffianmachers fuhr heulend auf die Straße, beide Hände auf dem Rücken, und begann die Rolladen aufzuziehen. Aber der Konstabler der Stadtwache stand blaugefroren in seiner blauweißen Uniform da und starrte drohend zum Hoftrakteur Fuhrmann hinein. Er sah nämlich den Alten selbst in bloßen Unterbeinkleidern und Nachtmütze am Schanktisch stehen und sich mit einem gewaltigen Bowlelöffel einen Morgentrunk mit schwimmenden Korinthen brauen. Mollberg und Bredström hatten sich offenbar schon mit der Last des beginnenden Tages versöhnt und drängten sich nun singend an die Hausmauern. Aber drinnen im Weinkeller saßen noch Appelstubbe und sein Freund, Branntweinbrenner Lundholm, und sahen zu, wie ein spanischer Malvasier, schimmernd wie Goldsand, aus der Pipe durch einen langen Glastrichter hinab in die Flaschen perlte. Vor dem Wirtshaus »Holländska Dyhn« schälte ein sanftmütiger Ehemann in einem Krimmerpelz, unterstützt von einem Lakaien, eine kleine Gnädige vom Lande aus den Massen Decken und Pelzen des Reiseschlittens. In der Baggensgasse waren die Nymphen eben erwacht und guckten aus den Fenstern, mit ungepuderten Köpfen, oder schnürten mit trägen Fingern die grünen Seidenbänder an ihrem Leibchen. Aber beim Ballhause stand schon eine Gruppe französischer Aktricen und plauderte eifrig, geschminkt und koloriert, und die ehrsamen Handelsfrauen, die zum Morgengesang in die Hauptkirche gingen, eilten so rasch sie konnten an den französischen Äffinnen vorbei.

Im Portal des Oberstatthalterhauses stand Baron Sparres erster Lakai Anderzin und schüttelte eine graue Damenroberonde, über deren Seidenrundung er mit einer weichen und wohlgepflegten Hand liebkosend strich. Man sah, daß er der Domestik eines vornehmen Damenfreundes war.

»Guten, Morgen, Jude Henoch,« sagte er, »Seine Exzellenz wird gleich kommen. Er geht ins Haus vis-a-vis«, und wies vertraulich auf das königliche Schloß. Anderzin liebte es, »von der Herrschaft hier und der Herrschaft vis-a-vis« zu sprechen. »Aber sieh da, da kommt Seine Exzellenz die Treppen herunter. Wenn Ihr in den Hof tretet, begegnet Ihr ihm.«

Henoch und Kalonymos traten in den Tessinschen Hof, dessen feingestimmte Proportionen ihre klassische römische Stanze in den Stockholmer Sonnenmorgen sangen. Der Schnee auf dem Boden, die Eiszapfen am Dachfries und die entlaubten Baume nahmen sich hier drinnen fremd aus, so, als hätte ein unvorhergesehenes Unwetter plötzlich die abgeschlossene und selbstbegrenzte Sommerwelt des Gartens verwüstet. Aber im Fond zwischen den geschwungenen Flügeln, wo die Scheinperspektive ihre tiefe, sonnenbeleuchtete Loggia öffnete, entführte die blaue Luft die Träumer fort nach Italien. Kalonymos zuckte zusammen. Der Süden seiner Vorväter lag ihm im Blute, obgleich er selbst nie in Italien gewesen war.

Die alte Exzellenz kam ihnen im pelzgefütterten Radmantel entgegen, auf einen Stock mit silbernem Griff gestützt. Er hatte soeben seinen Friseur entlassen und war noch nicht recht in Tageshumor gekommen. Trotz des sorgsamen Puderns und Schminkens sah er verwüstet und müde aus, so, als wäre er in seinem Zimmer im Negligé überrascht worden.

Das Alter war herangenaht, aber seine leidenschaftliche Natur weigerte sich, zum Rückzug zu blasen, und wollte noch immer ebenso sorglos wie früher das Lebenslicht von beiden Enden mit Arbeit und Vergnügen verbrennen.

Vergebens mahnte Archiater Schulzenheim, daß es Zeit sei, die Zügel anzuziehen und behutsam weiterzufahren. Als der verschwenderische Grandseigneur, der Karl Sparre immer gewesen war, vergeudete er die letzten Kräfte wie alles andere, und es lag ein Zug vom Hazardspieler über diesem kranken Greise, der tollkühn und unerschrocken den Jugendlichen spielte.

»Guten Morgen, Henoch«, sagte Sparre und nickte freundlich. Er mochte den Hofjuwelier, der für seine großen Bedürfnisse an Nippes und Frauenzimmerschmuck sorgte, gut leiden, und Henochs Patriarchengestalt und weltweises Ebenmaß sagten ihm außerdem persönlich zu.

»Das ist also der junge Jude, den die Damen der Stadt dieser Tage auf der Straße gesehen haben, und von dem sie soviel zu erzählen wissen, und den sie den schönen Kaufmann Sindbad, Ali-Baba und Gott weiß was nennen.«

»Ja, Euer Exzellenz, das ist Kalonymos aus Leeuwarden,« sagte der Hofjuwelier, »der Sohn des berühmten und gelehrten Baruch-ben-Esra; Kalonymos hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alle jüdischen Gemeinden zu besuchen, in welchem Lande sie auch liegen mögen. So ist er auch hierher gekommen.«

»Warum denn das?« fragte Sparre.

»Ich glaube, meinen unterdrückten und unglücklichen Stamm lehren zu können, daß auch für ihn die Zeit des Hasses endlich vorbei ist, aber daß sie erst lernen müssen, alle wie Brüder zu lieben, welchen Glauben sie auch bekennen mögen, um selbst frei zu werden.«

Kalonymos sagte diese Worte in dem trotzigen Bewußtsein, nicht verstanden zu werden. Nicht für den alten, geschminkten und parfümierten Greis in Hoftracht sprach er, sondern für den klaren Tag, den blauen Himmel und für sich selbst. Sein dunkler Blick war weit, weit weg.

»Und Er hat keine Art Handel, keine Waren irgendwelcher Sorte mit?« sagte Sparre und betrachtete den Sprechenden verblüfft und mißtrauisch.

Kalonymos lächelte schwach, wendete aber den Blick nicht dem Oberstatthalter zu; er schüttelte nur das Haupt, ohne zu antworten. Er fühlte beinahe Mitleid mit dem vornehmen alten Herrn, mit dem Palaste und den vielen Lakaien – so hoch oben schwebte in dieser Minute seine eigne Seele.

»Was meint Er da? Alle wie Brüder lieben! Soll der Jude Henoch mich son cher frère nennen und ich Anderzin, der dort steht und meiner Mamsell Roberonde lüftet, wie einen Bruder lieben!«

Sparres Stimme wurde scharf und heftig. Sein Kopf begann heiß zu werden. Kalonymos‘ Worte machten auf ihn einen Doppeleindruck, der um so behaglicher war, als er sich ihn im Augenblick nicht recht klarmachen konnte. Die Antwort des jungen Juden schlug eine Saite an, die erst kürzlich aufgehört hatte, in ihm selbst zu erklingen – die philanthropische Schwärmerei des allgemeinen Wohltuns –, und rief ihm gleichzeitig die verhaßten Aufruhrstifter in Paris ins Gedächtnis. Er sah den Redner scharf an und rief aus:

»Er gehört doch nicht zu den Pariser Duzbrüderschreiern und Gassenbütteln? Sonst täte er wohl besser, flugs sein Bündel zu schnüren und der Stadt Valet zu sagen. Denn mit solchen Käuzen machen König Gustav und ich gar kurzen Prozeß.«

Aus undeutlichem und halb phantastischem Hörensagen, von Ghetto zu Ghetto verbreitet und in den dunkeln Vorhallen der Tempel mit leiser Stimme wiederholt, war zu Kalonymos wohl eine Ahnung von der großen Revolution in Frankreich gedrungen und von den Hoffnungen der Juden darauf, wie auf den blutroten Streifen, der den neuen Tag kündet. Aber für ihn selbst waren diese Ereignisse nur Mahnungen, sein eigenes Schifflein weiterzusteuern, – Zeichen, die ihn in seiner Lebensaufgabe bestärkten, während ihn doch gleichzeitig der Glaube an die Hilfskraft der Gewalt mit jedem Jahre, das er lebte, falscher dünkte.

»Wer zum Schwerte greift, wird durch das Schwert umkommen«, antwortete er bloß und schüttelte aufs neue das Haupt.

Aber Henoch, der fand, daß das Gespräch eine unglückliche Wendung nahm, fiel mit diplomatischer Feinheit ein:

»Euer Exzellenz, Kalonymos ist noch jung; gleich der Schlange wird er noch oftmals seine Haut wechseln, bevor er stirbt. Und seine Weisheit muß wie der frisch gekelterte Wein im Keller lagern und liegen, ehe er einem Gaumen wie dem Eurer Exzellenz geboten wird! Aber er spricht frei, denn er weiß, wie edelmütig Eure Exzellenz seine Glaubensgenossen geschützt hat, als sie Schutz und Schirm in Schweden suchten.«

»Deine Rede ist Gold, Henoch, kostbar wie die Becher und Spangen in deinem Laden. Ja, ich habe euch gestützt, weil ihr betriebsam seid und euch auf den Kommerz und anderes versteht, das für das Reich profitable sein kann. Und meinethalben mag überdies gern ein jeder auf seine kleine Privatfasson selig werden. Alle guten Wege führen nach Rom und ins Himmelreich, und auf welchem man seine Kutsche rollen läßt, geht niemand etwas an, der nicht zur Geistlichkeit gehört. Ein sensibles Herz stützt auch gern den verfolgten Mitmenschen, und Milde gegen den Elenden und Bedrückten ist des aufgeklärten Menschen erste Tugend. Doch genug damit – und nun Gott befohlen. Und ja, mein lieber Henoch, da es mir gerade einfällt, schicke mir noch einen Brillantring wie den vorige Woche, aber kein Gemogel mit Rosensteinen, hörst du!«

»Euer Exzellenz, wenn ich wie ein Schelm handeln wollte – was Gott und Israels Gesetz verbieten –, würde ich es nicht mit einem Connaisseur wie Euer Exzellenz versuchen.«

»Hofmann auch, Herr Hofjuwelier! Aber mon Dieu, ich hätte beinahe das importanteste vergessen. Meine junge Nièce Julie will durchaus Ali Baba sehen.«

Sparre ging zu dem rechten Flügel und rief zu den Fenstern hinauf: »Julie, Julie! Ma chère! Ma chère!«

Die Balkontüre öffnete sich, und Sparres letzte Nièce – ein halbes Dutzend solcher war seit dem Tode der Baronin im Hause aufgetreten – kam heraus, ein junges, blondes, hellwangiges Mädchen, das eine mit Blaufuchs verbrämte »Saloppe« über ihr Nachtgewand geworfen hatte. Das ungepuderte blonde Haar fiel in runden goldenen Locken über eine niedrige weiße Stirn, und wenn sie sich bewegte, leuchtete ihre Brust aus der weißen Spitzenchemisette zwischen dem halbgeöffneten Pelzwerk hervor. Behutsam trat sie mit weißen Seidenstrümpfen und grünen Schuhen auf den beschneiten Balkon. Die Morgensonne umrahmte das Lockenköpfchen und bildete einen goldenen Besatz auf dem Plissee ihres Rockes. In der einen Hand hielt sie einen Zuckerkringel, den sie vom Frühstücksplateau genommen hatte, und mit dem sie die Sperlinge an sich locken wollte.

»Was gibt es? Ich bin noch bei der Toilette und ganz nackt. Was gibt es, mon oncle – et ami!« fügte sie leise, mit einem Blick voll Schalkhaftigkeit hinzu.

Sparre richtete sich, als er sie sah, wie ein altes Kriegspferd auf, das die Reveille hört. Er zwang Leben in sein schlaffes Gesicht und Spannkraft in seine müde Gestalt. Er heftete den Blick auf sie und fuchtelte mit dem Stock in der Luft herum. »Es sind nur die Juden, die du sehen wolltest. Der Alte ist dein und des ganzen schwachen Geschlechtes Freund, der Edelsteinhändler Henoch, ihn kennst du. Aber den Jungen sollst du dir angucken, Er scheint eine Art Priester zu sein, der umherzieht und seine Glaubensgenossen lieben lehrt. Solltest du nicht eine Lektion in der Kunst brauchen können?«

»Zu lieben!« Die blonde Julie beugte sich eifrig über die Balustrade, blickte auf den Fremdling herab und lachte, das zarte, helle Gesicht von der scharfen Märzsonne beschienen.

Henoch nahm kavaliermäßig den Hut ab und grüßte galant, mit dem Lächeln eines alten Weisen, dessen ruhige Nachgiebigkeit viel Verachtung birgt, eines Weisen, der seinen eigenen Wert kennt und anderer Hohn und Spott an seiner Selbstachtung zerschellen läßt, wie Wogenschaum an der Klippe. Aber Kalonymos, der diesen Besuch nur gemacht hatte, weil die Schmähungen zu dem gehörten, was er durchkosten sollte und was seinen Vorsatz nur noch glühender machte, stand unbeweglich wie eine Bildsäule und sah noch immer in die weite Ferne nach dem blauen Himmel. Nur bleicher als gewöhnlich war er.

»Oncle,« sagte die junge Dame und winkte mit einem gekrümmten kleinen rosigen Zeigefinger Sparre zu sich, »Oncle,« flüsterte sie, als er ganz neben dem Balkon stand, »habe ich wirklich in der Kunst zu lieben noch so viel zu lernen übrig? Aber es ist kalt«, fuhr sie fort und erschauerte bei einem kalten Windstoß. Sie zog den Mantel enger um sich und mit dem ganz kleinen Köpfchen hinab in die Pelzverbrämung, so daß nur die blauen Augen im Sonnenschein blinzelten und leuchteten.

»Meine Sperlinge,« rief sie und zerbröckelte den Zuckerkringel, »alle meine grauen Sperlinge!«

Aber als diese sich auf dem beschneiten Balkon versammelt hatten, piepsend und zwitschernd, wie ein Schwarm grauer, hungriger Bettelkinder, schlich sie sich hinein, und das Gesicht an die verschlossene Scheibe plattgedrückt, stand sie da, ein neugieriges Schulmädchen, und betrachtete die Vögel, die, Brotkrümchen in den Schnäbeln, durcheinander hüpften.

Sparre gab mit einer Handbewegung das Zeichen, daß die Audienz zu Ende sei, und ging rasch durch das Vestibül; als er verschwunden war, folgten die beiden Fremdlinge langsam nach.

Als Jair Henoch in der Österlanggasse Kalonymos wieder durch seine Tür treten ließ, über der die langbeinigen Vögel des alten Bürgergeschlechts Trana in den dunklen Stein eingemeißelt standen, waren die letzten Spuren der Emsigkeit des Alltagmorgens verschwunden. Ein stilles, feierliches Haus harrte des jährlichen Gastes, für den Mutter und Tochter Tage hindurch gebraut und gebacken hatten, und für den das Heim vom Boden bis zum Keller gefegt worden war, – des Osterfestes. Das Erdgeschoß, das sonst von klirrendem Metall und dem Lärm der Gesellen der Goldschmiedewerkstätte widerhallte und wo der Handel unter unablässigem Kommen und Gehen sich in dem Verkaufsladen abwickelte, stand nun leer und stumm da, mit verschlossenen Türen, und erschien doppelt öde, weil in den Handelsbuden ringsumher Alltag war. Die enge Treppe, deren Geländer von Putzkalk glänzte, roch nach Weizenmehl und Öl. Aber aus der Wohnung selbst schlug einem schon von der Schwelle der Räucherduft des nahenden Festes von verbrannten Myrten entgegen, der Hauch des geträumten Paradieses, der an jedem Sabbat Geduld zu den Mühen des Arbeitstages gibt.

Weiße Vorhänge schimmerten an den sonnenbeschienenen Scheiben, weiße Tücher deckten Tische und Schränke, und auf den eichenen Wandbrettern, von denen jeder Teller und jedes Tischgerät, das dem Alltagsjahre angehörte, entfernt worden war, leuchtete das weiße Osterporzellan aus Wedgewood.

Frau Rosalie, die den Heimkommenden entgegenging, sah wie eine lebende Personifikation des Festes aus. Sie war in weiß gekleidet, weiße Jacke und weißer, schleppender Rock. Das waren die Kleidungsstücke, in denen sie als Braut unter der Chuppe gestanden hatte, und die auch ihr Totenkleid sein sollten, denn es ist dieselbe Tracht, und sie soll zu jeder Freudenstunde angelegt werden, wo Israel vergessen kann, daß sein Tempel in Staub und Asche liegt, und daß es selbst in Spott und Bedrängnis unter den Völkern umherirrt.

Die alte Frau, die langjährige Krankheit abgezehrt und verfeinert hatte, sah wie eine kleine Elfenbeinpuppe aus in all dem weiß, mit ihrem schmalen, scharfgeschnittenen Profil und den mageren Händen, die bleich-gelb aus den Spitzenmanschetten der Ärmel hervorsahen. Das graue Haar lag glatt um den Scheitel, unter den Tollfalten der weißen Haube, deren breite Kinnbänder ungeknüpft über die schmalen, abfallenden Schultern flatterten. Ihre braunen Augen, das einzig Jugendliche in ihrem erstarrten Antlitz, leuchteten zu dem Manne auf. Alles im Leben war ihre Religion, aber diese knüpfte sie vor allem an ihn. Das alte jüdische Wort, daß die Ehen im Himmel geschlossen werden, hatte für sie buchstäbliche Wahrheit, und sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß derselbe Gott, der Rebekka von dem fernen Brunnen in Beth-El zu Isaaks lebendem Brunnen in Kanaan geführt, auch sie zu ihres Mannes Bett geleitet hatte, und daß der Herr, gleich nachdem sie geboren war, einem seiner Schreibengel geboten hatte, mit dem Griffel auf der Wachstafel anzuzeichnen, daß Rosalie Golda Hakkapar zum Ehegatten Jair Henoch haben sollte, und das, obgleich sie an der Donau geboren war und er am Rhein.

»Da siehst du, Esther, daß Vater niemals zu spät kommt!« rief sie und lächelte der Tochter zu, die, hoch und schlank, ein paar Köpfe größer als sie selbst, neben ihr stand, auch in Weiß, die schweren schwarzen Flechten in einer Krone auf dem Scheitel geordnet.

»Nein, noch fehlt eine Viertelstunde, ehe die Gebete gesprochen werden sollen«, sagte Henoch mit seiner lebenswarmen Stimme, und in einem Augenblick hatte er das Gebettuch über die Schultern geworfen und die Samtkappe aufs Haupt gedrückt. Das ganze Haus versammelte sich nun im Speisesaale: die zwei kleinen Söhne des Ehepaares in grünen Kittelchen, Fiken, die Haushälterin, die Frau Rosalie aus ihrem Kindheitsheim gefolgt war, eine freundliche, alte Wetterhexe mit noch ganz rabenschwarzem, wirren Haar, samt der flachsblonden, immer frischgewaschenen und mürrischen Stina, dem christlichen Dienstmädchen der Familie, das schon bald zehn Jahre im Hause war und, obgleich sie stets gegen »Aberglauben und Dummheiten« wetterte und protestierte, die Methodischste und Genaueste bei der Einhaltung der alten Bräuche des Hauses geworden war.

Nun wandte sich Henoch der hebräischen Wandtafel zu, denn sie zeigte die Weltgegend des Morgens an, in der man den Schöpfer alles Lichts anrufen mußte, und er erhob in seiner Hand ein sorgfältig zugeknüpftes Tuch. Diesem entnahm er die Stücke des gewöhnlichen Brotes, die am Abend vorher bei der letzten Runde durch das Haus gefunden worden waren, als man in gesammeltem Trupp mit entzündeten Wachslichtern in jedem Winkel und jeder Ecke gesucht hatte, um zu verhindern, daß eine verbotene Nahrung im Hause bliebe. All die gefundenen Brotstückchen legte Henoch jetzt feierlich in die knisternde Kachelofenflamme. Während sie in der Flugasche verkohlten, sprach er das Gebet, wodurch aller Sauerteig und alles Gesäuerte vernichtet wurde, so daß nur das ungesäuerte Brot der Armut, das Gott zu Israels Wegzehrung durch die wüste bestimmt hatte, und das erst in den Herden des Heimatlandes mit den Würzen des Lebens versetzt werden sollte, im Hause blieb. Dann hieß er die Feiertage willkommen, mit den festlich ernsten Worten des Rituales, und segnete dem Alter nach die Anwesenden. Alle beglückwünschten einander. Kalonymos trat vor, um Esther seinen Wunsch des Wohlergehens zu sagen, aber die Worte des Heiratsmaklers am Morgen tönten ihm noch in den Ohren und raubten seiner Stimme und seinem Auftreten die gewohnte Sicherheit. Früher hatte er das junge Mädchen gar nicht betrachtet – nun konnte er es nicht lassen, sie zu beobachten. Da fühlte er, wie ihre tiefen, schwarzen Augen seinen Blick an sich zogen, und wie er in dem ihren unterging. Seine Hand bebte leise, als er sie ihr reichte.

»Gesegnete Feiertage, Esther Hennoch«, sagte er, und der alltägliche Glückwunsch dünkte ihn selbst tief und voll verborgenen Sinns.

»Möge der Herr dein eignes Osterfest segnen, Kalonymos«, antwortete Esther mit ihrem dünnen Sopran, der denselben spröden, leicht brechenden Ausdruck hatte wie ihre ganze zarte Gestalt mit dem schweren Haar, dessen Schatten dem schmalen, feinen Gesicht einen Ton gab, als stände sie stets in dem dunkeln, sterbenden Licht eines sinkenden Abends. Die beiden jungen Menschen waren gleich groß, wie sie da standen, etwas Verwandtes lag über ihnen, das zum Vertrauen verlockte. Esther lächelte so, als wünschte sie, daß Kalonymos ein Gespräch einleiten solle. Er merkte es, aber er fühlte seine Zunge gebunden, und in Scheu vor den Umherstehenden ging er wieder von ihrer Seite. Da half die Mutter ihrer Tochter, die leicht errötend mitten im Zimmer stand, indem sie sie zu einer häuslichen Besorgung zu sich rief. All die Versammelten zerstreuten sich wieder und gingen durch die weißen, myrtenduftenden Räume jeder in sein Gemach.

Nach dem leichten Mittagessen, als die Sonne wie ein ausgebrannter Stern an Stockholms grauem Märzhimmel erlosch und die Dämmerung so dicht zwischen den Häusern der Osterlanggasse einfiel, daß die Luft in den gewölbten Räumen trübe wurde, wurden die letzten Anordnungen für den Abend getroffen. Die Frauen gingen durch die Türen ab und zu, und der Geruch von Rosinen und süßem Teig strich unter den niedrigen Decken durch die Zimmer. In einer Fensternische saßen auf einem perlengestickten Schemel die beiden zehn- und elfjährigen Knaben, dicht aneinandergeschmiegt, und hockten über einem großen Osterbuch mit altertümlichen Kupferstichen, das sie auf den Knien aufgeschlagen hielten. Der kleine, eifrige, hellwangige Michel sollte, unterstützt von seinem ein Jahr älteren, um vieles gesetzteren Bruder die Zeilen des hebräischen Abendtextes einüben, die der Jüngste in der Familie laut sagen mußte, und die die Frage der Kinder an die Eltern enthielten, warum das Fest gefeiert würde. Michel hatte mehr Lust, die Bilder anzusehen. Denn auf diesen sah man so mancherlei aus Moses‘ Geschichte. Man sah, wie er, ein kleiner Knirps in langem Rock und Pantoffeln, dem bösen Pharao die Krone vom Haupte riß. Sprachlos vor Staunen ließ der ägyptische Tyrann Zepter und Reichsapfel zu Boden fallen, wie er da unter den Fransen des Thronhimmels neben seiner Tochter Badjah saß, die mit den schwarzen Augen unter der burgundischen Haube hervorschielte; und sein Magiker stand daneben und balancierte den Sternenglobus wie eine Kegelkugel in der Hand. Man sah weiter, wie Moses, jetzt der Prophet des Herrn, mit struppigem Graubart bis hinab zur Magengrube und einer Rabbinerkapuze mit Pelzkante und Agraffe, das Osterlamm schlachtetete. Es blökte mit dem Messer im Buge, guckte aber doch, das gute Zickelchen, ebenso fromm und klaräugig zu Moses‘ Antlitz auf, wie Isaak in das Abrahams. Man sah schließlich, wie Israels Volk um Mitternacht mit Kind und Kegel das Land Ägypten verließ. Die beiden düsteren Sklavenstädte Pithom und Rameses, zu deren Götzentempel die Juden unter der Geißel des Vogtes Ziegel und Stroh geschleppt hatten, lagen nun verlassen, jede auf ihrem Bergesgipfel mit gotischen Türmen, Altanen und Wällen mit Schießscharten, zwischen denen die ägyptischen Wachen, an ihre Hellebarden gelehnt, schliefen. Aber unterhalb des Hügels drängten sich Israels Mägde und Knechte um einen ungeheuren Ochsenwagen, auf dessen Bock Moses mit Ziporah saß, während all die anderen Männer und Frauen zwischen die wackligen Bretter hineingestopft waren. Es gab noch mehr Bilder, die Michel betrachten wollte, aber Ephraim wendete die Blätter zu der richtigen Stelle zurück, und wenn der Bruder im Gebete strauchelte, half er nach. In ihren dünnen, schrillen Knabenstimmen wirkten die hart und schwer klingenden Worte wie Schwerter in allzu zarten Händen. Die schwarzkrauscn Locken fielen hinab auf ihre Stirnen. Sie wurden rot vor Eifer, wie sie sich auf den vergilbten Seiten des Buches weiterbuchstabierten. Das Nachmittagsdunkel hüllte sie ein, und die hebräischen Buchstaben schlängelten sich wie dunkle Zauberzeichen um ihre Finger.

Nun ging Vater Henoch an ihnen vorbei, anscheinend ohne sie zu sehen, denn er sollte nicht wissen, daß sie sich für den Abend vorbereitet hatten. Aber Kalonymos nickte ihnen zu. Seine ganze Kindheit wurde lebendig, als er sie betrachtete. Er fühlte, wie die Blumenzwiebeln in hohen dunkelblauen Gläsern dufteten und Hollands sonnenerfüllte Nebelluft sanft in die Kammer glitt. Er hörte die Mutter mit ihrer düsteren Stimme erzählen: die Worte Strafe, Schlag, Blut und Tot fielen unaufhörlich in der sinkenden Dämmerung. Kalonymos wurde es so wehmütig ums Herz, daß er vorüberging, und in das Schreibzimmer seines Wirtes trat, in das Henoch ihn führte, damit sie noch einmal in Ruhe Zwiesprache pflegen konnten, ehe die Ostergäste ankamen.

Dort drinnen in dem kleinen Hofzimmer brannte eine Flamme im Ofen. Der letzte Schimmer des Wintertages durch den Schnee verdämmerte in Streifen auf den grünen Kacheln, aber über das weiße Gitterwerk auf dem Kachelofenstein fiel ein schwacher Feuerschimmer, der aufloderte, wenn die Flamme das Birkenholz erfaßt hatte. Die Porträts und die Bücher an den Wänden verschwanden im Dunkel. Die Tabakluft drang überall durch die Füllung der Möbel hervor, und auch jetzt nahm Henoch sogleich eine lange, weiße Pfeife vom Wandsims. Es war ungewiß, ob es mit dem Gesetz übereinstimmte, um diese Zeit zu rauchen. Aber Henoch hielt an den alten Bräuchen ohne sklavische Unterwürfigkeit fest, und mit sichtbarem Wohlbehagen entzündete er seinen Knaster mit einem Fidibus aus Papier. Da Kalonymos nicht rauchte, nahm der Alte aus dem Eckschrank eine grünbauchige Flasche mit Danziger Goldwasser.

»Wenn des Mannes Blut altert und erkaltet, hat es das Recht, Jugendwärme im Wein zu suchen,« pflegte er zu sagen, »und ein alter Körper, dem die Ruhe fern bleibt, muß das Schlafpulver in der Kanne suchen.«

Er goß die kleinen Gläser voll und trank dem Gaste zu. Dann ließ er sich im Lehnstuhl nieder, sah einen Augenblick die goldenen Lichter des Trankes an und begann:

»Kalonymos, ich bin alt genug, dein Vater zu sein, und einen Juden ohne Eltern, der unter meinem Dache schläft, will ich überdies immer als einen Sohn betrachten.«

Der feierliche Anfang paßte gar wohl, wie er da im Halbdunkel in dem großen Lehnstuhl saß. Wie breit und reich war in seiner Gestalt nicht alles angelegt! Da war nirgends etwas sparsam bemessen. Der leicht graugesprenkelte, aber noch jugendliche Kopf war breit und mächtig, die Gestalt breitschulterig und kräftig, und der Bart fiel wie üppige weiße Seide hinab auf einen hochgewölbten Brustkorb.

Sanft gefurcht leuchtete die Stirn unter der Kappe, und die Augen funkelten und glänzten feurig.

So wenig man ihm auch den Sechzigjährigen ansah, mußte Henoch doch fühlen, daß er sich der Schlußwindung des schattigen Pfades näherte, denn er sagte:

»Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, und der törichte Seidenschnur, der heute morgen meine Esther ausbot, fand diesmal das Korn der blinden Henne, lkin Mann, der keinen Sohn hat, ist ein abgestorbener Baum, und wer sterben muß, bevor seine Söhne herangewachsen sind, ein Baum, der welkt, bevor die Frucht gereift ist. Meine beiden Söhne – der Himmel gebe ihnen verstand und langes Leben – sind noch klein, und obgleich es sehr gegen meinen Willen geschähe, kann ich vielleicht früher, als ich es ahne, den Todesengel mit seiner Kette rasseln hören. Du bist mir teuer, Kalonymos, darum will ich dich fragen, ob du, der du nicht Vater noch Mutter hast, uns Alte deine Eltern werden lassen willst. Und wir werden dir unsere einzige Tochter zum Weibe schenken, ohne daß du die sieben Jahre zu dienen brauchst.«

Die ruhige Wärme, die die stille Hofstube erfüllte, der Tabaksrauch, der im Dunkel seine sich verflüchtigende und wiederkehrende Schrift von ineinander wallenden gleichen Jahren schrieb, der Feiertagsabend mit den Kindheitserinnerungen – alles versetzte Kalonymos in eine Gemütsstimmung, die ihm ganz neu war. Er hatte sonst eines Singvogels Natur, der unbewußt dazu getrieben wird, von Ast zu Ast zu fliegen, um auf jedem Zweig sein Lied ertönen zu lassen, und dann mit entfalteten Schwingen weiter zu ziehen. Nun empfand er zum erstenmal das Glück der engen Ufer, die den Strom sich in der Tiefe sammeln lassen, um still und spiegelklar zu werden. Der Schemel unter seinen Füßen und die Stuhllehne hinter seinem Rücken hielten ihn unmerklich fest. Wie er da saß, konnte er träumen, daß Esther schlank und stille zu seinem Stuhl träte, mit einem Kind, das schlief, auf ihrem weißen Arm. Aber unter den geschlossenen Augenlidern des Kindes leuchtete sein eigner Blick, gleichsam aus einer Weite, die noch nicht am Horizonte aufgetaucht war, deren ferne Luft aber, in der er selbst nur der Klang eines Namens sein würde, er doch mit den Augen des Knaben sah.

»Du antwortest nicht, ob du Gefallen an meiner Esther gefunden hast«, fuhr Henoch fort. »Was sie betrifft, so glaube ich, daß ihr Sinn sich dir zuneigt, und die Neigung des Weibes ist der wahre Ehering, der sie der Gattin Sorge und der Mutter Bürde leicht wie die Goldspangen des Hochzeitsgürtels tragen läßt. Die Braut ist es, die das Bett heilig macht. So steht es auch in dem alten Buche Othiot – daß Gott Vater selbst Evas, der ersten Braut, Haar flocht.«

»So sollte ich hier in diesem Hause bleiben?« Kalonymos sah sich mit einem verwunderten und fremden Blick um.

»Ja, und du solltest Teilhaber an all dem Meinen werden, und ich würde dich selbst lehren, was du von allen edlen Steinen zu wissen brauchst, so daß du unserem Handel vorstehen kannst.«

Kalonymos lächelte.

»Ja, mein Sohn, nun lachst du darüber und denkst: »Was soll mir Handel?« Und du hast das Geld als die Schmach des Juden hassen gelernt. Aber wenn das Goldstück sprechen könnte, würde es sagen: »Gestohlen, bin ich der Stein, der in die Verdammnis zieht; gefunden, bin ich der Angelhaken, an dem die Sünde hängen bleibt; geschenkt, bin ich die Lockspeise, die zu Leichtsinn verlockt; aber im Schweiße des Antlitzes errungen, bin ich der Lohn, der dem Brote Würze und dem Hause Freude bringt.« Es ist gut, mit leerem Ränzel anzufangen, wenn man jung ist und leicht und weit wandern will, aber wenn du älter wirst, und einmal, bevor du stirbst, dich mit dem Leben verflochten fühlen willst, gibt redlich erworbenes Gut dir das Gefühl des Heims und des Glücks und versüßt dein Alter.«

»Aber alle meine Fahrten, Vater Henoch, alle Tempel, die ich nicht gesehen, in denen ich mich aber sehne, zu stehen und die Zeit der Bruderliebe zu verkünden …«

»Ja, gebietet dir eine Stimme zu ziehen, so ziehe mit dem Herrn. Da wirst du dir anderswo eine Grabstatt kaufen, um auf den Messias und die Zeit der Bruderliebe zu warten. Rabbi Jehudah schrieb, daß die Zeit mit dem fünfundachtzigsten Jubeljahre der Welt kommen würde, das will sagen im Jahre 5480, dem Geburtsjahre meines eigenen Vaters. Mein Vater wartete seine achtzig Jahre, und er war kein glücklicher Mann, sondern ein Sturmgetriebener, der sein ganzes Leben lang wanderte und wanderte, bis er von hinnen ging, der kleine, graue Alte – gesegnet sei sein Andenken! Nun sage ich immer mit Rabbi Chainan, daß erst der Krieg zwischen Gog und Magog ausgekämpft werden und Rom und Konstantinopel fallen muß, bevor dieser Tag kommt. So haben wir Zeit vor uns, wir beide, du und ich, Kalonymos.«

Die Stimme des Alten wurde dumpf und schwer. Er stellte die Pfeife von sich und schwieg einen Augenblick in der Dunkelheit. Dann nahm er seinen weißen Totenmantel hervor und legte ihn an, denn nun war der Erinnerungsabend der Befreiung, des Aufbruchs und der Wüstenwanderung angebrochen. Das Feuer war erloschen. Wie eine hohe, weiße Erscheinung stand er in der Schneedämmerung des kleinen, trüben Gemachs.

»Nun wollen wir bloß an das Fest denken und fröhlich sein,« sagte er, »und willst du dann reisen, so sollst du an Bord gehen, bis die Abendfeierlickkeit vorüber ist.«

Im Wohnzimmer warteten schon die Eingeladenen rings um die Hausfrau, die in der Sofaecke in ihrem weißen Gewande die Kommenden freundlich empfing. Neben ihr standen ihre beiden Brüder, Moritz und Martin. Beide waren Junggesellen und daher stets zu den Feiertagen bei der Schwester. Sie waren im übrigen einander so unähnlich und entgegengesetzt wie nur möglich. Moritz, der Schulmeister, war ein langer, knochiger Mensch mit spärlichem, roten Haar und Bart, starken, aber abgemagerten Zügen und glasartigen Augen hinter einer Brille. Er sprach mit leiser Stimme, dankte unnötigerweise und bat oft um Entschuldigung, während er mechanisch ein paar bleiche Hände aneinander rieb, als hätte er sich eben gewaschen, oder als fürchtete er sich beständig vor Staub. Kein Mensch wußte etwas anderes als Gutes von dem sanftmütigen Sonderling, der unter seinen Büchern und unter seinen Schuljungen lebte. Aber alles in ihm verriet den Selbstquäler, der sein Ich auf Gefängniskost gesetzt hat.

Der Witzkopf der Gemeinde – Jakob, der Kleidertrödler, der gerade im Zimmer anwesend und der dritte in der Gruppe um Frau Rosalie war – hatte ihn einmal den zerbrochenen Krug genannt, und so brüchig war seine Seele zur Welt gekommen, daß die geringste Berührung den Kitt zwischen den Scherben löste. Wenn man mit ihm gesprochen hatte, konnte man sicher sein, gleich darauf einen Brief mit Erklärungen von Mißverständnissen zu erhalten, die nie vorgekommen oder mit Widerrufen, die nicht notwendig waren; und mehr als ein Haupt hatte sich verwundert über seine mit ängstlicher Schönschrift gemalten Buchstaben geschüttelt. Aber die Kinder liebten den mageren Mann mit der warmen Stimme, der ihnen den Arm um die Schultern legte, wenn er mit ihnen lernte – seine kalten, erfrorenen Finger berührten so gern etwas Lebendes – und aus dessen Schreibtischlade sie beim Nachhausekommen die Rocktaschen mit Brustzucker und Pfeffernüssen gefüllt fanden. Aber wenn es Abend wurde, sahen die Leute im Hause gegenüber den Schullehrer zwischen seinen vielen aufgeschlagenen Büchern auf und ab gehen, und im Scheine des qualmenden Talglichtes im Messingleuchter zeichnete sich der vergrößerte Schatten seines abgezehrten Gesichts und seiner sich aneinander reibenden Hände phantastisch auf der Tapete ab.

Martin, der Hofschneider, der jüngere der Brüder, war hingegen ein Weltkind. Er hatte in Paris gelernt und sprach ein scharmantes Schneiderfranzösisch. Er war der erste in der Gemeinde, der die jüdische Tracht abgelegt hatte, und trat als der alamodischeste Jean de France auf, in gepuderter Perücke, Seidenröcken mit Stickereien und seidenen Strümpfen. Die leidenschaftlichen und unbeherrschten jüdischen Gebärden hatte er mit Mühe abgerundet und sich aus der Komödie und seinem Umgang mit den Domestiken der Vornehmen einige magnifique Marquisfassons eingelernt, sowie auf den Zehenspitzen in den feinen Seidenschuhen auf und ab zu wippen, während er mit dem Daumen und dem Zeigefinger ein fingiertes Schnupftabakskörnchen von der Halskrause wegknipste, oder sich mit gekreuzten Beinen an einen Kachelofen zu lehnen, den Ellenbogen auf den Kaminsims, den Zeigefinger gedankenvoll an die Schläfe gelegt. Der Reim »les affaires et Voltaire« umfaßte seine Existenz ganz und gar, und er sammelte mit unbefangenem und elegantem Weltzweifel Reichtümer an. In bezug auf das Judentum trug er philosophischen Kaltsinn zur Schau, über Sitten und Gebräuche die Achseln zuckend, ohne doch eine angeborene Vorliebe für die alten Zeremonien bezwingen zu können. Wie sehr er auch während der Woche Freidenker war, am Sabbat wurde er Jude, fand sich regelmäßig bei der Schwester ein und ließ die Familienglieder in erstauntem Ärgernis die Hände zusammenschlagen über die schwindelerregende Abwechslung an Seidenwesten, Berlocken und Uhrketten in seiner Toilette.

Der dritte in der Gruppe, der schon erwähnte Kleidertrödler, Doppel-Jakob genannt, weil er der Sicherheit halber sowohl mit dem Vor- wie mit dem Zunamen nach dem Patriarchen hieß, war eine kleine Figur, die dem »Männlein in der Flasche« ähnelte, schwärzlich und zappelnd, mit einem Wald von Haar über ein Paar spielenden, listigen Augen. Er war sozusagen in einem Kleiderstand geboren, und nun besaß er selbst einen solchen gegenüber der deutschen Kirche. Sein ganzes Leben hatte er unter Kleidern und Hausgeräten zugebracht, die nach einer vergangenen Glanzzeit die Wanderung zu immer tieferer Erniedrigung angetreten hatten, bis sie in der egalité der Lumpen gelandet waren, die in einer halbdunklen Trödlerbude herrscht.

Hierher kam des Kavaliers Reunionsrock aus Seidenserge, wenn die Tasche mit den abgeschabten Galons den Kamm des Lakais beherbergte, anstatt das Riechfläschchen des Elegants, und die Roberonde der Hofschönheit, wenn Lisette darin in Vauxhall getanzt und die Garnierungen zerrissen hatte. Die ziselierten Lichthalter vom Nachttisch der Exzellenz und die Lichtschere des Gerichtsschreibers, die geschwungene Zinnterrine des Aldermans und das Sonntagskrügel des Großbauern lebten hier in Nachbarschaft auf demselben Tisch, alle durch dasselbe Gesetz der Degradation vereint. Aber ganz rückwärts in der Bude saß Doppel-Jakob, und die Gewohnheit, die Welt durch all diesen Plunder zu sehen, machte ihn zu einer Art zynischem Philisophen. Wie so recht in seinem Element pfiff er vergnügt, in den zerschlissenen Sitz eines ehemaligen Salonfauteuils gesunken, und führte kleine philosophische Dialoge mit einem alten, großen, halb zerstörten Porträt, das ihm gegenüber aufgestellt war. Es war ein Ritter aus dem sechzehnten Jahrhundert, dessen Ritterharnisch und Ritterkette man auf der dunkeln, undurchdringlichen Leinwand unter einem gelbbleichen Kriegergesicht mit schwarzem Schnurrbart und zusammengebissenen Lippen, der Physiognomie eines spanischen Ketzermassakreurs, kaum ahnen konnte.

»Guten Morgen, Herr Graf von und zu Gefressen von dem Wurm. Wie geruht der gnädige Herr sich zu befinden?«

Doppel-Jakob starrte dem Porträt unverschämt zudringlich ins Gesicht.

»Ach, Eure Herrlichkeit, hier ist Hoffart nicht gut am Platze. Wir sind ja all gleich vor unserem Herrgott, Schund und Plunder, rostige alte Kasserollen und buckelige alte Zinntöpfe.«

Diese drei untereinander so unvereinbaren Menschen vereinte Frau Rosalie in diesem Augenblick in ihrer Sofaecke durch ihre stille, gemessene Freundlichkeit. Ihr elfenbeinbleiches, abgezehrtes Gesicht und ihre fernsehenden Augen hatten eine besondere Kraft, die Andacht und Versöhnlichkeit der Menschen wachzurufen. Gegensätze und Eckigkeiten verwischten sich von selbst in ihrer Gegenwart, Feindschaft und laute Stimmen wurden gemildert. Schon das Gefühl der Gemeinsamkeit mit dieser frommen Frau, für die alles im Leben die Zeichensprache der Religion war, heiligte sonst schadhafte Bande, und die sinnreichen alten Bibelworte, die die Seelen der Anwesenden an die ihre knüpften, einte sie auch untereinander. Die vielen Kinder, die sich um die Söhne des Hauses scharten und mit ihrem Lotto spielten – arme Kinder sind zu Ostern selbstverständliche Gäste –, sahen von ihren Nüssen, dem grünen Nummernbeutel und den Zifferkarten mit den Glasstückchen auf, um sie von einer armen, einfältigen Jüdin erzählen zu hören, die, als sie am Sabbat kein Öl für die Lampen hatte, Essig einfüllte, und siehe da, der das Öl brennen läßt, gab auch dem Essig Leuchtkraft. Esther allein hörte nicht auf die Rede der Mutter. Hoch und still stand sie an der Wand und blickte gedankenvoll nach der Schwelle, über die gerade jetzt ihr Vater und Kalonymos eintraten. Dann wanderten alle hinaus in den Saal.

Der große Raum wurde ganz vom Ostertisch ausgefüllt. Das Tuch strahlte im Schein der entzündeten Wachskerzen der drei Silberkandelaber, und alle Silberbecher schimmerten gegen die flackernden Flämmchen.

Aber an dem einen Tischende wurde die Festtafel zum Opferaltar. Da leuchteten zwei große Silberpokale, der des Vorsängers und der, welcher bis zum Rande für den immer erwarteten Gast, den Propheten Elias, den nächsten Vorboten des Messias, gefüllt stand, der auch an einem Osterfeste in der Abendglut herniedersteigen und Israel erlösen wird. Da lagen auf Silberschalen, in weiße Tücher gewickelt, die ungesäuerten Brote der Armut und der Wüstenfahrt, das Salzwasser, das die Plagen und die Knechtschaft im Lande Ägypten versinnbildlichte, der Schafsknochen, der an das Osterlamm erinnerte, und das hartgekochte Ei, das Symbol des Lebens in seiner Veränderung und Erfüllung.

Vor diesen Schalen ließ Henoch, der Vorsänger und Hausvater, sich in dem hohen Ehrensessel nieder, seine Gattin neben sich, und die beiden Alten in den weißen Gewändern thronten wie ein Königspaar am Tischende. Ihnen zunächst saßen alle Kinder, krause schwarze Knabenköpfe, glattgekämmte, geneigte Mädchenköpfe in langer Reihe, und die kleinen Hände umfaßten eifrig die Becher, in denen der schäumende Rosinenwein der Jugend perlte. Nach den Kleinen saßen wieder ältere, Frau Rosalies Brüder und der ewig polternde Trödler Jakob. Ganz weit weg hatte Kalonymos seinen Platz, Esther gegenüber.

Es wurde für eine Sekunde ganz still in dem großen Räume. Die weißen Vorhänge deckten die Doppelfenster. Kein Laut drang von der Gasse herauf. Man war weit weg von gewöhnlichen Orten und Jahren, auf einer Palmeninsel im Zeitenmeer, und am Wasserspiegel des Horizontes tauchte der Totenpalast der Pharaonen auf, die Sandklippen der wüste und Kanaans ferne Tempel auf abendbeglänzten, schilfumsäumten Bergen. Mit lauter, lebensvoller Stimme brach Henoch das Schweigen und las das Eingangsgebet:

»Seht, dies ist das Brot der Armut, das unsere Väter aßen im Lande Ägypten. Wen hungert, der esse mit uns, wer bedürftig ist, halte Ostern mit uns – dieses Jahr hier, das nächste unter Israels Herrschaft, dieses in Sklaverei, das nächste in Freiheit.«

Er verstummte, und die Mutter machte unter dem Tischtuch Michel, der nun mit seiner Frage einfallen sollte, ein kleines Zeichen. Mit kindlichem, unsicherem Tonfall sprach der Knabe die für alte Stimmen und gefurchte Gesichter passenden Laute. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Er kroch mit dem kleinen dunkeln Lockenkopf hinab in das Buch. Der Schatten seines begleitenden Fingers flog wie ein schwarzer Schmetterling über die Seite. Endlich war er fertig und rief mit schriller und glücklicher Stimme die Schlußworte hinaus. Alle nickten und rollten ihm quer über den Tisch Nüsse und Früchte zu. Aber nun begann Henoch die Erzählung von Ägypten. Sein Vortrag war weder Sprechen noch Gesang, sondern eine Mischung aus beidem. Er summte die Worte nach alten traditionellen Melodien, von Land zu Land geführt mit Bundeszeichen und Schmähworten, vom Vater auf den Sohn vererbt, mit den Zügen und Leiden, unausrottbar, wie die Hoffnung des Volkes, seltsam wie Beschwörungen aus dem Anfang aller Zeiten, feierlich wie Wiederholungen unverbrüchlicher, wenn auch noch so lange unverwirklichter Verheißungen. Aber an diese uralten Melodien knüpfte er alle anderen des Lebens: den Wiegengesang der Mutter für ihren Erstgeborenen, die Hochzeitschöre der Knabenstimmen im Heim der Braut, die Tischlieder der Freudentage, ja den Straßenrefrain des Savoyarden zur Harfe, alles floß in die große Flut, in deren eintöniges Murmeln Jahrhunderte und die Schmerzen von Jahrhunderten versunken sind.

Aber je mehr Henoch in die Handlung hineinkam, desto dramatischer wurde sein Ton. Das Rituale verwandelte sich zu einem geistlichen Schauspiel, und die Gestalt des Vorsängers wandelte sich und wuchs. Und rings um die Tische stimmte man nach Gefallen ein, flüsterte oder lachte. Die religiöse Erzählung war ein heimischer Gast im Hause und wurde vertraulich ohne Konvenienz behandelt. Kalonymos hörte den Schulmeister halblaut und mit seiner tonlosen und gequälten Stimme im Texte mitfolgen, er hörte das Falsett des Hofschneiders, seine Komplimente an »sa belle nièce, sa chère Esther« einflechten und den schnarchenden Tonfall des Doppel-Jakob. Aber selbst faßte er nichts von all dem auf, und der Jubel der Kinder neben ihm klang für sein Ohr wie aus weiter Ferne. Er hatte das Gefühl, als läge er einsam ausgestreckt auf dem Sand seiner heimatlichen holländischen Küste, und während das Dunkel sich zu Nacht verdichtete, hörte er das Meereswogen Legenden von dem verödeten und zersplitterten Israel brausen.

Die Ostererzählung begann mit der Sage von den weisen Meistern in Juda, den fünf Rabbinern aus der Zeit des Kaisers Hadrianus: Elieser, Josua, Eleasar-ben-Assarja, Tarphon und Akiba. Eines Passahabends saßen sie in Akibas Lehrstadt, der Traubenstadt Bene-Berak in Palästina, und diskutierten in Akibas dürftigem Landhause das Fest des Abends, eifrig sprechend, bis sie durch ein Klopfen gestört wurden. Es waren die Schüler der Rabbinerschule, die die Lehrstühle leer gefunden hatten und erstaunt riefen, daß es an der Zeit sei, das Morgengebet abzuhalten. Die fünf Rabbiner hatten nicht gemerkt, daß die Nacht unter ihren Gesprächen zu Ende gegangen war.

Kalonymos sah sie vor sich, alle fünf. Da war der pfeilergerade Elieser mit dem großen, regungslosen Steinantlitz und einer vertrockneten Hand in dem tropfsteingrauen Bart. Er sprach nur in Gesetzesgeboten mit einer Stimme, die ein Echo aus vermauerten Grabkammern und zusammengestürzten Tempeln war. Aber auf alles, worauf das Gesetz keine Antwort gab, erwiderte auch er: »Davon weiß das Gesetz nichts, davon wissen unsere Vorväter nichts, davon weiß ich nichts«, oder er zwang den fürwitzigen Frager durch Gegenfragen zum Schweigen, wie diese: wie viele Muschelschalen wohl auf dem Strande zwischen Joppe und Askalon verwittert waren, oder wie viele Plagen das Volk Israels zu durchleiden haben würde. Wenn es dann still ward, wurde seine Stimme wieder die Kupfertafel mit der Weisheit des Gesetzes.

Da war der kleine, bucklige und kuhbeinige Josua, der gelehrte Nadelschmied, mit den Zeichen der Armut und der niedrigen Geburt in dem zusammengedrückten Gesicht und den von Kneipzange und Hammer schwieligen Händen. Sein Gewerbe hatte ihn die Tugend der Bescheidenheit und die Ehrfurcht vor den Kräften des Lebens gelehrt. Fünfzig wohlgemessene Hammerschläge auf den Messingdraht erheischte der Nadelschaft und ebenso viele die Hohlkehle um das Öhr, aber wenn die Nadel endlich fertiggestellt auf dem Amboß lag, dann war sie geschaffen, um zu befestigen und zu vereinen, nicht um zu stechen und zu verwunden. Und wenn die Nacht einfiel, saß Josua am Eingang der schwarzen Schmiede und folgte der Wanderung der Sterne längs des Wendekreises. Wie flammte es nicht um ihre Himmelsbahnen, und was wären die Nacht, die Wüsten und die Meere ohne den Silberschein der Sterne! Aber, dachte er, auch die kleinen Nadelköpfe, die neugeschmiedet unter den schwarzen Kohlen in der erloschenen Esse blinkten, hatten ihren Glanz und ihre Aufgabe, und Josuas Herz wurde von der Anbetung des Unendlichen erfüllt.

Aber Elieser und Josua waren alt, Eleasar-ben-Assarja war jung und trauerte darüber. Von beider Eltern Seite strömte unruhiges Königsblut durch seine Adern, und seine Mutter war eine holde Spielschwester der Berenice gewesen. Selbst war er schön und weise, wie der junge Salomo, und dennoch sahen seine Augen träumend fort von Schule und Predigerstuhl. Beim Sonnenuntergang pflegte er auf dem Dache seines Marmorhauses zu sitzen, beide Hände gen Westen ausgestreckt, während seine Lippen sich sachte regten. »Der fromme Gebetseufzer«, sagte das Volk, aber was Eleasar-ben-Assarja rezitierte, war Homer. Er hatte in Alexandria studiert, und Diotima war die heimliche Vertraute seiner Seele geworden. Aber die Bürde des Hasses und der Verachtung, die ihm von Geburt an auferlegt war, mit seinem Volke zu tragen, war er zu königlich stolz, abzuwerfen. So war er heimgekehrt und suchte nun, nur rasch alt zu werden über den alten Büchern.

Der vierte, Rabbi Tarphon, war der gewaltige Donnerer und Bestrafer, der strengste in Israel. Der Zorn pflegte seine weiße Mähne um die olivengelbe Stirn zu schütteln, und die mächtigen Kinnladen knirschten, wenn er gegen Christen und Heiden raste. Aber er war auch nicht milde gegen sein eigen Fleisch und Blut. Den Fluch hatte er ebenso leicht zur Hand wie andere den Segen, und Söhne und Anverwandte, die die Vorschriften übertraten, hatte er mit eigener Hand hinaus über die Schwelle gestoßen. Wenn es spät wurde, hörte man noch seine Posaunenstimme durch den Abend, und Jünglinge, die auf den Wegen des Dunkels wandelten, beschleunigten den Schritt, wenn sie an seinem Hause vorbeigingen.

Aber Rabbi Akiba, der Alldeuter, der Allkünder, war doch der Merkwürdigste von den fünfen. Schon als Knabe konnte er alle Schrift lesen und verstehen: die Linien und Falten in des Menschen flacher Hand, die Fibern der Blätter und die Schlingen der Spinngewebe. Als Hirtenknabe, als er hinter den Herden ging, lernte er die Sprache der Tiere, deutete Bienensummen und Vogelsang, sprach stundenlang mit dem weisen Panther oder den einsamen Schlangen der Nacht und verstand die Zeichen der fliehenden Wolken. Als er zum Manne wurde, ward er aller Schriftkundigen Überwinder. Moses und die Propheten hatten die großen Gebote gedeutet, Akiba legte jeden Punkt der Thora aus. Partikeln und kleine Worte, an denen andere vorbeigegangen, wurden für ihn die Goldketten der Wahrheit, und das doppelte Alphabet der Natur und der Schrift verkündete für seine Seele ein und dasselbe Wort von dem einzigen Gotte und seinem geprüften, aber einmal siegesgekrönten Volke.

Das waren die fünf Rabbiner in Bene-Berak. Ringsumher erscholl Lanzengeklirr und Pferdegetrampel. Überall in Kanaan raste der ewige Kampf mit den Römern zur Verteidigung von Land, Frauen und Kindern und von Salomos Tempel, den Titus dem Boden gleich gemacht hatte, der sich aber nun wieder aus der Asche erhob und mit offenen Hallen von Zions Berg zum Himmel rief. Judas letzter Held, er, den Akiba, der Deuter, bei dem ersten Blicke, den er auf sein Antlitz warf, »den Sohn des Sterns« nannte, und dem er als Messias huldigte, Simon-bar-Cochba, in dessen Arm Simsons Stärke und in dessen Herzen Judas Makkabäus‘ Mut wiedererstanden war, er führte die Scharen zum Siege und entriß den römischen Adlern eine Stadt nach der anderen. Seht, das war die Ursache, warum die fünf Rabbiner mit einer Begeisterung wie nie zuvor dieses Mal den Ostertext auslegten, so daß die Nacht vorbeiglitt, ohne daß sie es merkten.

Des achtzigjährigen Akiba jugendlicher Glaube berauschte die anderen. Der Tempelschein der Silberlampe fiel feierlich über das Tuch, und der Wein glühte in den Bechern. Die Gestalten der toten Helden tauchten im Dunkel auf und erhoben schwarze Häupter und blanke Klingen zum Dachgebälk. Das Rauschen aus der Stadt der sieben Hügel, das die fünf Rabbiner an einem Frühlingsmorgen, als sie Rom nahten, um den Cäsar anzustehen, zusammen gehört und das damals in der Morgenstille der Grasebene ihre Brust unvergeßlich mit der Verzweiflung über Edoms Übermacht erfüllt hatte, verrann wie eine ferne Brandung vor Josuas und Davids Siegesgerassel. Sollte der Herr nicht noch einmal den stärksten seiner Engel, den Todesengel, als den Bundesgenossen seines Stammes senden können, und das von Titus‘ Lanzen in Strömen vergossene Blut das neue Passahopfer werden lassen, das in der Befreiungsnacht an Türschwellen und Pfosten glühte? Konnte die Feuersäule nicht noch einmal aus dem Boden steigen, den Himmel erreichen und Israels Siegesfackel und der Feinde Mordbrand werden? Eine Osternacht – so lehrte die Schrift – sollte die Messiasnacht werden – war nicht Bar-Cochba der verheißene Rächer und Herr? So fragten die fünf einander und sahen mit brennenden Augen hinaus in die Dunkelheit. Sie schüttelten ihre großen Bärte. Die Sonne, die sich blendend aus dem Meere erhob und Bene-Beraks Dachfirste erglühen ließ, erfüllte ihre Herzen.

Aber ach »der Sohn des Sterns« fiel auf der Walstatt und sollte bloß unter dem Spottnamen »der Sohn der Lüge« in der Erinnerung fortleben. Die halb aufgerichteten Säulen des Tempels wurden zum letzten Male zerstört, und Zions Berg wurde eine Steinhalde, ein Nest der Raben, eine Höhle der Schakale. Die fünf Rabbiner wurden alle gesteinigt oder verbrannt, Elieser mit dem Gesetze, Josua, der weise Nadelschmied, Eleasar, der Gedankenträumer, und Tarphon, der gewaltige Bestrafer. Zuletzt starb Akiba selbst auf dem Scheiterhaufen, von seiner getäuschten Hoffnung gebrochen, aber aufrecht. Ohne den feuchten Wollmantel vom Leibe zu reißen, der den Brand verlängerte, stand er in den Flammen, demonstrierend wie in seiner Rabbinatsschule, glücklich, wie er sagte, »dem Herrn das Leben zu weihen«, bis zum Letzten ein frommer Wortspieler. Das war der letzte Kampf, den Juda mit dem Schwerte kämpfte, und die Nacht in Bene-Berak eine neue Aufbruchsnacht für eine Wüstenwanderung länger als die ägyptische, ohne Mannaregen und klare Springquellen am Tage, ohne Feuersäulen des Nachts, ohne Tempel, die winkten, und ohne Ziel, – die Wüstenwanderung, die noch währte.

So träumte Kalonymos während des Vorlesens, und wie Kindersorgen im vergleich mit denen Erwachsener dünkten ihn die Prüfungen der Moseslegenden gegen alles, was seither Israel getroffen hatte. Erst dann begann der schwarze Wald mit dem niemals verstummenden Klagerauschen. Man ging in die Irre, sowie man nur hereinkam. Kalonymos suchte seinen Gedanken Halt zu gebieten und sich an das Gegenwärtige zu klammern. Er sah sich um mit einem Blick, der von Antlitz zu Antlitz glitt. Dann erinnerte er sich seiner eigenen Zeit und wo er war und schöpfte tief Atem.

Henoch war während Kalonymos‘ Grübeleien weit im Texte gekommen. Ägyptens bittere Kräuter hatte man gekostet und das Osterlamm geopfert. Das Rote Meer hatte seine Wogen geteilt und eine Straße für die Flüchtlinge der Nacht gebildet.

Der Vorsänger sah vom Buche auf, mit einem knabenhaften Ausdruck in seinem gealterten und dennoch jugendlichen Patriarchengesicht. Er zog die Kappe schief, nickte den Kindern zu und rief das traditionelle Scherzwort: »Aber was geht das alles eigentlich uns an?« – um nach einer kleinen, von Lachsalven erfüllten Pause aufs neue daran zu erinnern, daß jeder der Anwesenden heute abend auch aus den Fesseln Ägyptens befreit wurde. Die Abendmahlzeit kam und unterbrach für eine Weile mit ihren Speisen und ihrer Heiterkeit die Vorlesung. Es duftete nach Öl und Sellerie, und man lachte laut ringsum über das mächtige Backwerk. Aber Kalonymos konnte die Stimmung nicht aufrecht erhalten. Die Alten suchten vergeblich den Fremdling in die Familienkette einzupassen, er selbst fühlte sich ferne. Er gehörte her und doch nicht mehr her, als er zu all den tausend Heimen, die über die Welt verstreut waren, in denen man mit derselben Wehmut dieselben Worte las und dieselben Scherzsprüche um dieselben süßen und gewürzten Gerichte ertönten. Sowie abgedeckt war und das Lesen wieder begann, war er aufs neue einsam und hörte abermals, in das Mitternachtsdunkel auf den Strandsteinen Hollands versunken, die Legenden der Meeresbrandung von Israel.

Und Kalonymos sagte zu sich selbst: »Wirf eine Handvoll Späne ins Meer, und sie werden an Klippen geschleudert und verfaulen, oder die Wellen zerschellen sie; aber welche Stürme und Meereswogen haben diese Späne nicht umhergewirbelt, ohne sie zu vernichten! Gleich als ob die Alte Welt für ihre Not und ihre Irrfahrten nicht hinreichte, standen sie auf dem Verdeck um Christoph Columbus und spähten mit heimatlosen Augen nach der Neuen, auf daß es kein Fußbreit Erde gäbe, das sie nicht mit ihrem Blute und ihren Tränen benetzten.«

Und Kalonymos sagte zu sich selbst: »Schwinge die gefüllte Getreidewanne durch die Luft, und die Samen schlagen Wurzel, wenn sie Erde haben, um darin zu wachsen. Sie keimen, wenn sie Sonne und Tau haben, und krönen sich mit Blüte und Frucht, wenn ihnen die nötige Zeit und Schutz vor den Winden vergönnt ist. Aber auf der Steinhalde und im Eisdunkel wächst nichts, und die Spreu wird zerstreut und stirbt im Winde. Aber es gibt Samen, die keimen müssen, wohin sie auch geworfen wurden, in wüsten und Felsenplatten, die im Dunkel gewachsen sind, von Blitzen gepeitscht, und Frucht getragen haben – oder nennet sie Spreu, obgleich man das nicht Spreu zu nennen pflegt, was grünen und Frucht tragen kann.«

Und Kalonymos sagte zu sich selbst: »Lang ist die Wintersonnenwendenacht, mit Qualen, Durst und Alp. Die Zunge klebt am Gaumen fest, das Blut siedet an der Haut, und du träumst, daß eisenbeschuhte Fersen deine Brust treten, oder daß der Hammer schlägt und schlägt, der die Eisenspitze durch die Augenlider treibt. Aber diese Nacht und dieser Alp haben Hunderte von Jahren gewährt, und jedesmal, wenn die Wächter mit ihren Nebelhörnern die Morgenröte verkündeten, war es der Widerschein der Abendröte auf ihren Augenlidern, und die Nacht dauerte fort mit ihren Nächten.«

Und Kalonymos blickte auf Henoch und sagte zu sich selbst: »Ergrauter, kann dein Herz noch schlagen? Du, der du gleich einer Bildsäule auf einem vergessenen Grab die Städte, die du bewohnt hast, zu Steinfeldern verwüstet sahst, du, der du in allen Sternennächten, das weiße Haupt an der Klagemauer, eingeschlummert und des Morgens unter dem Joch erwacht bist. Du Haft das tausendjährige Reich in den Schulsälen des alten Babylon prophezeit, du bist bei Roms Festen unter den Huf der Wettrennpferde geraten und mit Skorpionen gepeitscht worden. Pflug und Weinkelter ist aus deinen Händen gerissen worden, das Schwert aus deinem Gürtel, und der Erntemann und der Krieger ist zu Gewicht und Wage erniedrigt und gefesselt worden. Aber noch immer wurdest du von dem Engel aufrecht erhalten, der vor dem Anfange da war, ehe Licht und Dunkel sich schieden, und der dann über den Sinai und Hebron flog, dem Engel des Worts. So hast du, der Gefesselte und Geschmähte, um die Wette mit den Arabern meditiert, im Chor mit den Troubadours gesungen, die Kabbala und Averroes gedeutet, den uralten Glauben und die Weisheit des uralten Zweifels ausgelegt, bis dein Gedanke in der Vergöttlichung der Welt unterging, die dein Gefängnis war. Und von dem Engel des Worts an der Hand geführt, bist du zwischen Äquator und Pol gewandert, und nun sitzest du hier im Schnee und feierst die Befreiung aus – Ägypten.«

Und Kalonymos blickte auf Esther und sagte zu sich selbst: »Warum sollte ich dich Braut nennen? Meine Schwester bist du, eine Leidensschwester durch Jahrhunderte. Wie viele holde Namen und traurige stolze Schicksale habe ich dir nicht zu schenken? Du hast Miriam geheißen, hast ein Goldnetz und Smaragde im schwarzen Haar gehabt, und hast im Marmorhofe das Opfermesser in deine Brust gestoßen, um die Schande deines Geschlechts nicht zu überleben. Du bist Tudelas schwarze Rose genannt worden und bist im Brokatmantel und olivenfarbenen Schläfenbändern in Myrtenhainen gewandelt. Jehuda ben Halevy hat dich in seinen Träumen gesehen und dich besungen, und dein Vater hat dich getötet, wie man ein entweihtes Tempelgefäß zerschmettert. Du hast Liebheid geheißen und in dem alten Worms gelebt, ein armes, ehrbares Weib, das in engen, trüben Gassen geht und in niedrigen Kammern Garn hechelt und spinnt. Ein armer Wollkämmer bloß war dein Mann, aber du sangst seine Armut fort und gebarst ihm Töchter, die du mit eigner Hand im Frauenbade zu Worms tötetest, als die Kreuzritter die Judenstadt in Flammen setzten.

»Esther, willst du noch mehr Namen und Todeslegenden haben? Es gibt so viele, um darunter zu wählen. Aber nun begreifst du, Schwester, warum ich dir nicht den Namen Braut geben will. Braut – das ist die Verheißung errungenen Glücks, geflüsterter Lust und zweier Seelen Einverständnis eines frohen Geheimnisses. Aber Trauer ist unser beider Innerstes, und Heimlosigkeit unser beider Heimlichkeit. So, Schwester, tragen wir beide denselben Siegelring mit dem Bilde derselben zuckenden Flamme, und was sollten wir mit einem anderen Ringe?«

Ein Zicklein hat mein Vater‘ kauft
für rote Heller drei,
Doch sieh, daher die Katze lauft
Und reißt das Tier entzwei.
Ein Zicklein, ein Zicklein.

Doch in derselben Stund‘,
wo Miez‘ das Zicklein biß.
Sprang rasch dazu ein Hund,
Der ’s Kätzelein zerriß,
Ein Zicklein, ein Zicklein.

Doch wie der Hund nun kam gerannt,
Und ’s Kätzelein bedroht,
Da sprang der Stecken von der Wand,
Schlug ’s Hündlein mausetot.
Ein Zicklein, ein Zicklein.

Doch da von einem Holzstoß schoß
Ein rotes Feu’r herab.
Und bald nur schwarze Kohle,
Und keinen Stock es gab.
Ein Zicklein, ein Zicklein.

Das war der letzte Gesang des Abends und der Ostererzählung. In einem Augenblick legte sich der Sturm in Kalonymos‘ Brust, und alle seine Gedanken hielten inne. Das alte Kinderlied mit der Sinnlosigkeit seiner Litanei, dem Rhythmus eines langsam fallenden Landregens, seiner tränenlosen und klanglosen Eintönigkeit barg gleichsam die langen Reihen dumpf gemurmelter und wiederkehrender Worte, mit denen der Kranke auf seinem Schmerzenslager seine Qual und sich selbst in den Schlummer wiegt, alles, was er gefühlt, was er gemeint, alles, was er vergessen hat, und alles, was er niemals im Leben von dem Schicksale des Volkes ausdrücken könnte, dessen Sohn er war. Seine Augen füllten sich mit Tränen, und mit einem kindlichen KIang in der Stimme fiel er ein:

Doch eines Bronnens Quelle
Ergoß ihr Wasser klar,
Worauf gleich auf der Stelle
Das Feu’r verschwunden war.
Ein Zicklein, ein Zicklein.

Doch sieh, da kommt von einem Hag
Ein Ochs gelaufen her,
Der trinkt und trinkt so viel er mag
Und trank das Brünnlein leer.
Ein Zicklein, ein Zicklein.

Doch schon der Metzger hebet
Das Messer auf zum Schlag.
Der Ochse nicht mehr lebet,
In seinem Blut er lag.
Ein Zicklein, ein Zicklein.

Der Gesang war unisono geworden. Die abgenützten und müden Stimmen der Älteren und die hohen, klaren der Kleinen mischten sich, und in der eintönigen Wiegenweise des Kinderreims versanken all die alten Erzählungen von Leiden und Schwert. Die Kerzen in den Leuchtern waren beinahe niedergebrannt, und die schmäler werdenden Flämmchen flatterten wie blutige Fäden über den Dielen. Das Dunkel, das mit Gesang und Bibelworten gesättigt war, breitete sich feierlicher um das Tuch, in dessen Silber die Lichter sich gebrochen und flackernd widerspiegelten. Die Kinder wurden auf den Armen der Frauen ins Bett gehoben, und die Erwachsenen standen in Gruppen und wollten miteinander sprechen, doch ohne daß es ihnen gelang, den Alltagston zu finden.

Henoch betrachtete Kalonymos einen Augenblick forschend mit seinen erfahrenen braunen Augen, die nach der Andacht des Abends doppelt klar leuchteten, und er sagte milde:

»Und nun willst du an Bord gehen, Kalonymos?«

»Ja, Vater Henoch, nun will ich euch allen danken, euch eine gesegnete Fortsetzung des Osterfestes wünschen, und – selbst meine Straße ziehen … weiter.«

Als Kalonymos dieses sagte, fühlte er aller Blicke auf sich geheftet; den Frau Rosalies verwundert, vorwurfsvoll, den des Schulmeisters flehend, mit der Ehrfurcht des Selbstanklägers vor einem festen Willen, die der anderen bloß befriedigt über seine Abfahrt und das Verschwinden eines fremden und störenden Mitgliedes aus dem Kreise. Aber Esther erhob sich aus einem Stuhl am Fenster, wo sie gesessen und auf die weißen Gardinen geblickt hatte, auf denen die Eisenstangen draußen sich wie Gefängnisbalken abzeichneten, und mit einer Stimme, die schwach und stille war, sagte sie:

»Ich geleite Kalonymos zu seinem Fahrzeug.«

Kein Hauch von Farbe flog über ihr bleiches Antlitz, obgleich sie die Gedanken der Anwesenden erriet. Aber mit weiblicher Feinheit versetzte ihr Vater:

»Recht so, meine Tochter, erfülle deines Vaters Pflicht gegen den Gast, denn ich selbst bin müde und sehne mich nach dem Kissen. Aber ich bin ja auch den langen Weg zwischen Ägypten und Kanaan gewandert, und wenn mein Volk auch nicht gemurrt hat, so ist es doch recht beschwerlich, ein Vorsänger durch die Wüste zu sein … Gute Nacht, meine Freunde! Der Knecht wird euch begleiten und euch mit der Laterne durch die Nacht leuchten, Esther. – Und nun lebe wohl, Kalonymos, wir wollen deiner an jedem Osterfest gedenken, wenn wir das Brot der Wüstenwanderung brechen – und Friede über alle deine Lebenswege!«

In einem Augenblick war der Reisende bereit und hatte sein leichtes Ränzel am Arme. Mit einem langen Blick prägte er den Saal und seine Menschen der Erinnerung ein, und mit dem Abglanze der erlöschenden roten Osterlichter in den Pupillen kam er hinab in den dunklen Flur, wo Esther und der halbschlafende Knecht mit der Laterne warteten. So traten sie hinaus auf die Straße.

Die Glocke der Hauptkirche hatte eben elf geschlagen, und die Laterne des Nachtwächters auf dem langen Stecken verschwand wie ein kleines Sternlein in einer weißen Gassenkrümmung, Es hatte so dicht zu schneien begonnen, daß man die kleinen Lichter an den Ecken kaum sah, aber der viele Schnee leuchtete selbst mit einem bleichen Schimmer über die Straße. Der Schnee fiel unaufhörlich, nicht in dem wirren Gekrausel des Wintertags, noch in den schweren Flocken der Winterdämmerung, sondern in den leichten weichen Fähnchen der Märznacht, und der Duft frisch gefallener Schneehaufen erfüllte die Luft. Die Häuser und die Straßen sah man kaum – alles war weiß, rein und unberührt. Es war, als wandelte man in einem geheimnisvollen arktischen Garten, wo die Schneerosen der Hecken ihre weißen duftenden Blätter zu Boden streuten.

Kalonymus regte sich und atmete mit Wohlbehagen. Mit einem Gefühl der Befreiung kam er aus dem verschlossenen Saale und seinen aufreibenden Gemütsbewegungen hinaus ins Freie. Sein Wesen ward von jugendlicher Freude darüber erfüllt, nichts anderes mit sich zu führen, als das Ränzel, das er in seiner Hand schwang, kein Hab und Gut zu besitzen, kein Heim und keine Bande zu haben, sondern frei ziehen zu können, wie das Wort, dessen Träger er war, leicht wie die weiße Schneeflocke, die in ihrer launenvollen, aber vorgezeichneten Bahn durch den Raum an seiner Wange vorbeistreifte.

Aber während sein Gesichtskreis wieder die Weite der Unendlichkeit bekam, erwachte auch gleichzeitig in ihm jener Strom aus der Quelle der Liebe, den das Schicksal seinem Innern hatte entspringen lassen, und dessen Rauschen im tiefsten Grunde seiner Seele vor all den Blut- und Todeserinnerungen des Abends verstummt war. Wie scheu und schwach war der kleine Strom, aber dennoch wie unzertrennlich eins mit dem Springquell der Verjüngung und Vergebung!

In fröhlichem Wiedererkennen lächelte Kalonymos seiner alles auftauenden Wärme entgegen, so wie einer Trösterin, der die Macht eigen, alle Stacheln zu brechen. Ach, daß die Schuldsumme der Verunrechtungen und des Leidens in Mementobüchern gebucht werden konnte, bewies ihre Vergänglichkeit! Welcher Rechenmeister hatte auch nur daran gedacht, die Unendlichkeit der Liebestaten auszurechnen? Und im übrigen, was bedeutete die Rechnung von gestern für heute? Für jeden Menschen war das Leben neu, und die Liebe neu und unbefleckt.

Die tiefe Freiheit, die in der Versöhnung liegt, durchdrang sein Wesen, und der letzte Stein von der Sorgenlast des Abends fiel ihm vom Herzen. Er sah stille auf Esther, die in ihrem Pelz an seiner Seite ging, und eines Bruders Sehnsucht, ihr von der Fülle seiner Seele mitzuteilen, überkam ihn. Wie bleich, wie zart, wie verfeinert von einer verborgenen und rastlosen Sehnsucht ging sie an seiner Seite, und wie wunderlich wirkte doch der Schnee, der mit einem Eisglitzern in ihrem schwarzen Haar hängen blieb, über diesem schmalen südländischen Kopfe! Rebekka von Eleasars Brunnenrand, Ruth von Boas‘ Feldern, das Sonnenweib der Rebengelände, mit ihren starken Gefühlen und Farben von Schnee umgeben! Und dennoch hatte sie vielleicht nur hier – was wußte er davon! – gerade hier in dieser Kühle und Einsamkeit jenes Wesen der Sehnsucht, der Leidenschaft und der stolzen Schwermut werden können, unberührt von allem Kleinen und Niedrigen – so wie er fühlte, daß sie war. Er sah fragend in ihr Antlitz, das von einem Schimmer der Laterne des Knechts schwach beleuchtet wurde, und das gegen die Nacht und die Flocken schimmerte.

»Esther.«

»Kalonymos«, sagte sie, und ihr Ausdruck war ein anderer als zuvor.

Er fühlte, daß sie sich durch eine falsche Hoffnung durchgekämpft und daß sie seine verborgenen stummen Gedanken verstanden hatte. »Kalonymos,« sagte sie, und ihre Stimme war die der alles verstehenden Schwester, von der er eben zu sich selbst gesprochen, »glaubst du, daß es niemals anders wird, daß es stets so fortgehen soll, wie es gewesen … Der Stock auf die Katze und die Katze auf die Maus und die Maus auf den Strick – sollen die Schmähungen nie ein Ende nehmen und Gottes Gerechtigkeit in der Welt klar werden?«

»Das weiß ich nicht, Esther, aber ich weiß, daß es groß ist, die Ungerechtigkeit zu tragen, wenn man selbst der Rechtfertigkeit huldigt. Und außerdem – Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit? Wenn die Gerechtigkeit der göttliche Plan des Weltgebäudes ist, der in den Herzen der Besten und Auserwählten niedergelegt ist, und die Ungerechtigkeit die ganze Kette des Abfalls vom Plane, die während der Verwirklichung desselben auf unserer Erde hervortreten muß, dann muß es ja auch Ungerechtigkeit geben, und wer weiß, in welchem Grade sie eine Notwendigkeit des Opfers für den Bestand des Gebäudes ist. So wird es nur eine Ehre mehr für die treuen Schultern, die eingesetzt wurden, die heilige Bürde der Ungerechtigkeit zu tragen.«

»Ich glaube nicht, daß ich dich recht verstehe, Kalonymos.«

»Nein, Esther, aber wenn du einmal zwei Söhne hast von ungleicher Gemütsart, und verschieden in der Kraft, ihre eigenen und deine Sorgen zu tragen, aber beide gleich notwendig für dich und füreinander, wirst du mich vielleicht verstehen.«

Die Wanderer hatten während dieses Gesprächs die ruhigen Gassen hinter sich gelassen und waren hinaus auf die windumwehte Schiffsbrücke gekommen. Durch den Schnee hörte man die Wogen gejagt und rastlos gegen das Ufer schlagen, und die Seebrise hauchte schon kalt und fremd zwischen ihnen. In wenigen Minuten schon sollten sie getrennt sein! Kalonymos sah aus, als wollte er dem, was er gesagt hatte, noch etwas hinzufügen, aber im selben Augenblick stießen sie mit einem Fußgänger zusammen, der ohne Laterne durch den Schnee tappte. Der Knecht erhob das Licht zum Antlitz des Kommenden, und dieser blieb jäh im Scheine stehen.

»Mein Gott, Jungfrau Henoch, zu dieser Tageszeit aus«, sagte er und nahm artig den Hut ab, indes er Kalonymos verwundert betrachtete.

Es war ein junger Mann von schönem, echt schwedischem Aussehen, eine hochgewachsene, blonde Gestalt, ein glückliches Lächeln in den klaren, blauen Augen. Die helle Freudigkeit eines Stockholmer Gesellschaftsabends umschwebte ihn mit einer Atmosphäre von Lebensmut und Munterkeit, und es sah aus, als freute er sich so recht an seinem abendlichen Kampf mit dem Winde von der Ostsee und all dem wirbelnden Schnee. Den großen Kragen seines Mantels hatte er nicht aufgeschlagen. Er ließ Wind und Flocken sein Antlitz peitschen, und in der Einsamkeit der Winternacht wurde seine Seele bis zum Rande von seiner eigenen Jugend und Lebenslust erfüllt.

»Das ist meines Vaters Gast, Kalonymos, den ich zu seinem Fahrzeug geleite. Er soll ums Morgengrauen nach Liebau fahren und will an Bord.«

Esther hörte ihre eigene Stimme verändert wie aus der Ferne, und sie fügte dann lauter für Kalonymos hinzu:

»Das ist unser nächster Nachbar, Kauffahrteikapitän Trana.«

»Soso, Fremdling,« sagte Trana mit seiner frischen, klingenden Stimme, »da werdet Ihr wohl tüchtig geschaukelt werden, denn es bläst von Nordwest her, da wird es morgen Sturm geben – doch glückliche Fahrt wie immer. Und gute Nacht und Gottes Frieden, Jungfrau Esther.«

Seine Stimme nahm einen so warmen Tonfall an, als er sich an das junge Mädchen wandte, daß Kalonymos begriff, daß sie einen hohen Platz in seinen Gedanken einnahm. Esther selbst errötete, als sie den Kopf zum Abschied neigte. Und eine Bellmanmelodie summend, verschwand der Kapitän im Schnee, trotz der Dunkelheit den geraden Weg mit der Sicherheit eines Mannes weiterschreitend, den seiner selbst gewiß ist.

Inzwischen hatten Kalonymos und Esther ihren früheren Gesprächsfaden verloren, und sie sollten ihn nicht wiederaufnehmen. Nur ein paar Schritte noch, und das grüne, zischende Wasser, auf dessen Wellenkämmen sich die großen, weißen Schneeflocken wiegten und wie untertauchende Seevögel verschwanden, schimmerte eisig in der Dunkelheit. Sie waren an der Bomslupsbrücke, an der Kalonymos‘ Schoner lag.

»So schöne, blaue Augen,« sagte Kalonymos und sah noch einmal brüderlich das blasse, zarte Mädchen an. »Ja, Esther,« fuhr er fort, »Augen sind schließlich alles. Schwarze Augen und blaue Augen, Augen, die verstehen, und Augen, die noch nicht gelernt haben, einander zu verstehen. Aber überall auf Erden, wo es Menschenaugen gibt, gibt es auch die Liebe, die die Menschen leben und alles überwinden läßt.«

Das waren Kalonymos‘ letzte Worte. Er ergriff beide Hände Esthers, drückte sie fest, während er ihr tief in die Augen sah, und verschwand auf dem Verdeck.

Esther blieb am Ufer stehen und spähte ihm durch das Dunkel nach, aber ohne mehr als einen Schatten zu unterscheiden. Der Schnee fiel, der Meereswind wehte immer stärker mit seinen Stößen aus der Ferne, und das Boot riß an seinen Ketten und sehnte sich fort. Da drückte Esther beide Hände fest gegen die Lippen, streckte sie durch den Schnee nach dem dunkeln Wasser aus und wandte sich der Stadt zu. Der Fremdling war verschwunden, wie er gekommen war. Schon sah ihre Einbildungskraft nur undeutlich seine Gestalt, aber sein dunkler schwarzer Blick war ihr unvergeßlich eingeprägt, und still seine Worte von den Augen wiederholend, die verstehen, oder eines Tages verstehen lernen, folgte sie durch Finsternis und Schneefall der kleinen Laterne, die sie heim geleitete.

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