Oriana Fallaci – Brief an ein nie geborenes Kind – Eine Buchkolumne von Stefan Krause

Brief an ein
Oriana Fallaci – Brief an ein nie geborenes Kind – c FISCHER Taschenbuch

Über dieses Buch
Eine junge Frau erwartet ein Kind. Sie spricht zu ihm und versucht, sich über ihre wechselnden Gefühle, ihre widersprüchliche Einstellung zu dem Kind klar zu werden. Als erfolgreiche Journalistin ist sie emanzipiert und besteht darauf, weiterhin allein zu leben, allein für ihr Kind zu sorgen. Während der ersten Monate ihrer Schwangerschaft , die sie sehr bewußt erlebt, während ihrer seelischen und geistigen Vorbereitung auf die neue Rolle als Mutter, die sie ebenso herbeisehnt, wie sie sie fürchtet, durchlebt sie alle Stadien der Freude, der zärtlichen Ungeduld, der Verzweifl ung und der Traurigkeit, der Angst und der Hoffnung.

Das Buch schlug –  es erschien 1975 im italienischen Original – wie eine Bombe ein und riss einen unüberwindlichen gesellschaftlichen Graben auf. Nun hatte „die Fallaci“ ihren Ruf weg: anmaßende, kalte Egoistin wird sie seither auf der einen Seite des Grabens genannt, schonungslos ehrliche Aufklärerin auf der anderen. Sie polarisierte, wann immer sie zur Feder griff oder „den Mund aufmachte.“
Die teilweise gar nicht schmeichelhaften Interviews, die sie mit unzählten Prominenten führte – darunter Yassir Arafat, Henry Kissinger und dem Ayatollah Khomeini – und zunächst in einer Zeitschrift, später teilweise auch als Buch veröffentlicht, sind weitere Zeugnisse für die Art, wie Oriana Fallaci dachte und leben wollte: als freies, authentisches Individuum in einer freien, offenen Gesellschaft – und mit der unbedingten Bereitschaft, diese Errungenschaft zu verteidigen, koste es, was es wolle. Wobei „offen und frei“ vermutlich von jedem anders definiert wird….

Mit diesem Buch wurde Oriana Fallaci endgültig  bekannt; und das mit einem Thema, dem eine tragische autobiographische Geschichte zu Grunde liegt. In ihrem „Brief an ein nie geborenes Kind“ erzählt die werdende Mutter Fallaci, was einerseits nur eine werdende Mutter erzählen könnte, andererseits aber kaum eine werdende Mutter in dieser Ausführlichkeit und Konsequenz auch nur in Gedanken sich selbst gegenüber auszudrücken wagen würde: ihre Ambivalenz gegenüber dem in ihr heranreifenden menschlichen Leben nämlich. Sie spricht mit dem werdenden Kind – und sie spricht offen – über die Last ihrer Verantwortung, über die Aufgabe ihrer Ungebundenheit, über das Leben, seine guten und seine Schattenseiten, über all das, was Mutter und Kind nach der Geburt erwarten wird. Und auch darüber, was ihre Mutter tat, als sie erfuhr, dass sie schwanger war: sie löste jeden Abend eine „Medizin“ in Wasser auf und trank sie weinend, weil sie nicht wollte, dass ein kleiner Mensch aus dem einzigen Grund ins harte Geschäft des Lebens geworfen wird, weil seine Eltern einen Moment lang unaufmerksam gewesen sind. Sie hörte schlagartig auf, die „Medizin“ zu trinken, als sie die ersten Lebensäußerungen der kleinen Oriana in ihrem Körper spürte.
Aber die werdende Mutter Fallaci spricht nicht nur, sie handelt auch: begleitet von einer unermüdlichen analytischen Auseinandersetzung nimmt sie trotz der ärztlicherseits verordneten Bettruhe in einer brenzligen Phase ihrer Schwangerschaft ihre Tätigkeit wieder auf und tritt eine strapaziöse Reise an; sie will sich, ganz bewusst, nicht um ihr – bereits individuell vorhandenes – Leben betrügen, um einem anderen Leben – das seiner Individualität nach erst potentiell ist – zu seiner Entfaltung zu verhelfen: entweder ist beides möglich: dass sie ihr Leben lebt und einem anderen Leben zur Entfaltung verhilft – oder ……..
Fallaci verliert das Kind im dritten Monat. In einem in der hier gebotenen Kürze nicht annähernd darstellbaren Schlussakt schonungslosem Durchdenkens und Durchleidens sämtlicher Positionen, die man zu dem Verlauf dieser Schwangerschaft, zu ihrer eigenen Rolle darin und zu den bekannten prinzipiellen Fragen überhaupt einnehmen kann – Fallaci geht soweit, sich den toten Embryo gegen den Widerstand der Ärzte, die diesmal um ihr Leben kämpfen, in einem Glas neben ihr Krankenbett stellen zu lassen – , erobert sie sich eine Position, von der aus sie im Gros der Fürs und Widers überall Berechtigtes erkennt und den Wert des Lebens neu begreift, sich trotzdem jede urteilende Einmischung Außenstehender deutlich verbittet und sich schließlich endgültig für ihre Zukunft und gegen ein schuldbewusstes Festgehaltenwerden durch die Vergangenheit entscheidet – wesentlich schneller, als das, wenn überhaupt, gemeinhin für schicklich befunden wird.

Fazit: Dieses Buch ist in einer Zeit geschrieben worden, wo es sicherlich andere moralische Vorstellungen gab. Heute wirft sich Frau einfach die „Pile danach“ ein und ist jeglicher weiterer Verantwortung entledigt und kann wie gehabt weitermachen.
Mich als Mann hat dieses Buch, 2015 gelesen, immer wieder sprachlos, wütend und hilflos enttäuscht gemacht. Es ist in meinen Augen auch in dieser Zeit ein wichtiges Buch. Weniger für die Frau, da sie durch die pharmazeutische Entwicklung ihr Sexualleben unbeschwert ausleben und Folgen schnell korrigieren kann, sondern insbesondere für den Mann: es ist eine Möglichkeit, seine Position als Mann und möglicher Vater zu überdenken und sich gegebenenfalls der Frau gegenüber zu positionieren. Egal ob sie auf die einfache Lösung mit der Pille steht oder, wie Oriana Fallaci sehr anschaulich beschreibt, das anstrengende seelische Mit-sich-Ringen durchlebt. Letzteres bietet zumindest die Möglichkeit daran zu wachsen: allein oder gemeinsam.

Die Autorin
Oriana Fallaci (* 29. Juni 1929 in Florenz; † 15. September 2006 ebenda) war eine italienische Journalistin und Schriftstellerin. Sie galt als dieerfolgreichste Interviewerin der Welt, durch ihre Porträts der Großen und Mächtigen dieser Welt. Dieses Buch der engagierten und scharfzüngigen Journalistin wurde ein sensationeller Bestsellererfolg; es wurde in mehr als 15 Sprachen übersetzt.


Taschenbuch
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Auflage: 171 bis 210 Tausend (Januar 2002)
ISBN-10: 3596237068
ISBN-13: 978-3596237067


Stefan Krause lebt als zweifacher Vater in Augsburg und ist an der Universität tätig.

0 Kommentare zu “Oriana Fallaci – Brief an ein nie geborenes Kind – Eine Buchkolumne von Stefan Krause

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!