Oliver Simon Φ Das Sonett Φ Eine kleine Erzählung

Das Sonett

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Ich hatte das Sonett aus Italien zu Ende gelesen. Schaudernd schloss ich die Augen und lehnte mich in meinem Stuhl zurück.

Dann gab ich das Buch dem Professor mit den Worten zurück: »Das ist das keuschste und heiligste, was ich je las. Es ist wie der Gesang eines jungen Engels vor Gottes Thron; eines Engels, der zum ersten Mal über die goldenen Saiten der großen Harfe streichen darf. Zögernd und doch voller Zuversicht. Welcher Minnesänger hat dieses Lied auf die reinste aller Frauen geschrieben?«

Der Gelehrte antwortete mir: »Dieses Gedicht wurde von dem Hofpoeten der Medici geschrieben, als er wegen Wuchers im Gefängnis saß. Er schrieb es auf die venerische Mätresse seines Herren und hoffte dafür in Freiheit zu gelangen. Dieser innige Wunsch erfüllte sich zwar nicht, aber man schickte ihm als Dank einen kalten Kapphahnbraten in den Kerker. Und damit war er vorerst zufrieden.«

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