Nikolai Ljesskow • Interessante Männer • Eine Kriminalgeschichte à la E.A.Poe

Nikolai Ljesskow • Interessante Männer
Eine spannende Kriminalgeschichte, die an Edgar Allan Poe erinnert; über Mann & Frau – falsches Ehrgefühl und den Verlust der Liebe durch männliche Langeweile.

I

Im Hause einer mir befreundeten Familie erwartete man mit Ungeduld das Eintreffen des Februarheftes der Moskauer Zeitschrift »Mysl«. Diese Ungeduld war wohl begreiflich, weil in diesem Hefte eine neue Erzählung des Grafen Leo Tolstoi hatte erscheinen sollen. Ich kam nun fast täglich zu meinen Freunden, um das neue Werk unseres großen Dichters gleich nach Eintreffen der Zeitschrift in einer angenehmen Gesellschaft am runden Tisch beim milden Schein der Eßzimmerlampe zu lesen. Gleich mir kamen auch andere intime Freunde mit der gleichen Absicht fast jeden Abend hin. Das ersehnte Heft traf endlich ein, die Tolstoische Erzählung war aber darin nicht enthalten: Ein kleiner rosa Zettel teilte den Abonnenten mit, daß die Erzählung nicht veröffentlicht werden könne. Alle waren enttäuscht und betrübt, und ein jeder zeigte es je nach seinem Charakter und Temperament: Der eine runzelte die Stirne und schwieg, der andere schimpfte, der dritte suchte nach Parallelen zwischen der Gegenwart, die wir erlebten, der Vergangenheit, deren wir gedachten, und der Zukunft, die wir ersehnten. Ich aber blätterte schweigend in der Zeitschrift und durchflog die neue Skizze Gljeb Uspenskijs, eines der sehr wenigen russischen Literaten, die immer der Wahrheit des Lebens treu bleiben und nicht den sogenannten »Richtungen« zu Liebe lügen. Darum ist die Unterhaltung mit ihm immer angenehm und oft sogar nützlich.
Uspenskij schrieb diesmal über ein Gespräch mit einer älteren Dame, die ihm von der jüngsten Vergangenheit erzählt und die Meinung geäußert hatte, daß die Männer einst viel interessanter gewesen seien. In ihren engen Uniformen hätten sie zwar einen kühlen und reservierten Eindruck gemacht, dabei aber viel Begeisterung, Herzensglut, Edelsinn und andere Eigenschaften besessen, die den Menschen interessanter und anziehender machen. Alle diese Eigenschaften seien heute, meinte die Dame, nur sehr selten und oft gar nicht anzutreffen. Die Männer übten heute zwar freiere Berufe aus und kleideten sich auch viel ungezwungener, hätten zuweilen auch große Ideen im Kopfe, seien aber dabei alle nach der gleichen Form gestanzt, langweilig und uninteressant.
Die Bemerkungen der alten Dame erschienen mir durchaus treffend, und ich machte den Vorschlag, nicht länger über die Erzählung Tolstois, die wir nicht lesen könnten, zu trauern, sondern die Skizze Uspenskijs vorzunehmen. Mein Vorschlag wurde angenommen, und die von Uspenskij geäußerten Gedanken fanden allgemeine Zustimmung. Nun rückte ein jeder mit Erinnerungen und Vergleichen heraus. Unter den Anwesenden gab es einige, die den jüngst verstorbenen dicken General Rostislaw Fadejew gekannt hatten; man erzählte sich, wie ungewöhnlich interessant dieser Mann trotz seines gewöhnlichen, plumpen und wenig versprechenden Äußeren gewesen war. Wie er selbst im Alter die Aufmerksamkeit der klügsten und nettesten Damen zu fesseln vermochte und die blühendsten jungen Gecken aus dem Felde zu schlagen wußte.
»Ist es denn wirklich so erstaunlich?« sagte ein Herr, der älter als alle Anwesenden war und wohl auch einen klareren Blick hatte. »Ist es denn für einen so klugen Mann, wie es der verstorbene Fadejew war, schwer, das Interesse einer klugen Frau zu fesseln?! Die klugen Frauen fühlen sich immer ungemütlich. Erstens gibt es ihrer nur sehr wenige, und zweitens haben sie, da sie mehr als die andern verstehen, auch größeres Leid zu tragen; daher freuen sie sich so, wenn sie auf einen wirklich klugen Mann stoßen. Hier gilt der Satz: ›Simile simili curatur‹ oder ›gaudet‹ – ich weiß nicht, was richtiger ist. Sie alle und auch die Dame, deren Worte unser Dichter anführt, wählen ihre Beispiele unter den Männern von hervorragender Begabung und Bedeutung; weit bemerkenswerter ist es aber meines Erachtens, daß man einst auch auf weit tieferen Stufen ungemein lebendige und anziehende Persönlichkeiten, die man ›interessante Männer‹ zu nennen pflegte, antreffen konnte. Auch die Damen, auf die sie solchen Eindruck machten, gehörten nicht zu den Auserwählten, die imstande sind, einen Mann mit hervorragenden Geistesgaben zu vergöttern; selbst unter den allergewöhnlichsten Durchschnittsfrauen gab es viele von hervorragender Empfindsamkeit. In ihnen war wie in tiefen Wassern eine latente Wärme enthalten. Solche Durchschnittsmenschen halte ich für viel bemerkenswerter als die Lermontowschen Charaktere, in die sich selbstverständlich jeder verlieben mußte.«
»Haben Sie einmal einen solchen Durchschnittsmenschen mit der latenten Wärme der tiefen Wasser gekannt?«
»Gewiß.«
»Erzählen Sie uns also von ihm und entschädigen Sie uns auf diese Weise für die Unmöglichkeit, die Erzählung Tolstois zu lesen.«
»Als Entschädigung kann meine Erzählung natürlich nicht gelten, aber einfach zu Ihrer Unterhaltung will ich Ihnen eine Geschichte aus dem allergewöhnlichsten Offiziersmilieu zum besten geben.«

II

Ich diente bei der Kavallerie. Das Regiment lag in mehreren Dörfern des T-schen Gouvernements in Quartier; der Regimentskommandeur und sein Stab hielten sich natürlich in der Gouvernementsstadt selbst auf. Die Stadt war auch damals schon sauber und freundlich und hatte ein Theater, einen Adelsklub und ein riesengroßes, übrigens recht unsinnig angelegtes Hotel, dessen größten Teil wir mit Beschlag belegt hatten. Die Zimmer waren sowohl von den Offizieren bewohnt, die sich ständig in der Stadt aufhielten, als auch für die Offiziere reserviert, die periodisch aus ihren Dorfquartieren in die Stadt kamen. Diese Zimmer wurden niemals an gewöhnliche Passanten vermietet. Sobald der eine Offizier auszog, kam sofort ein anderer gefahren, und diese »Offizierszimmer« waren immer besetzt.
Unser Zeitvertreib bestand natürlich im Kartenspiel und im Dienste des Bacchus, sowie auch der Göttin der Herzensfreuden.
Man spielte zuweilen – besonders im Winter, während der Wahlen zur Adelsversammlung – sehr hoch. Man spielte nicht im Klub, sondern in den Hotelzimmern, wo man die Röcke ablegen durfte und sich überhaupt ungezwungener fühlte. Auf diese Weise verbrachte man Tage und Nächte. Es gibt wohl keinen sinnloseren und öderen Zeitvertreib, und Sie können daraus wohl selbst schließen, was für Menschen wir damals waren und was für Ideen uns begeistern konnten. Wir lasen wenig und schrieben noch weniger; letzteres nur nach großen Verlusten, wenn es galt, unsere Eltern anzulügen und von ihnen eine Extrasumme zu erpressen. Kurz und gut, man konnte von uns nichts Gutes lernen. Wir spielten teils unter uns, teils mit den durchreisenden Gutsbesitzern, die nicht viel ernster waren als wir. In den Zwischenpausen betranken wir uns, schlugen uns mit den Beamten herum und entführten Kaufmannsfrauen und Schauspielerinnen, die wir gleich darauf wieder laufen ließen.
Die Gesellschaft war furchtbar stupid und verbummelt; die Jüngeren eiferten den Älteren nach, und die einen wie die anderen zeigten nichts Gescheites und Beachtenswertes.
Über die Fragen der Ehre und des Anstandes wurde bei uns niemals gesprochen. Man trug seine Uniform und lebte nach der einmal eingeführten Sitte – man bummelte und war bemüht, Herz und Seele gegen alles Erhabene, Empfindsame und Ernste abzustumpfen. Und doch gab es auch in unserem seichten Sumpfe die »latente Wärme«, die sonst nur tiefen Wassern eigen ist.

III

Unser Regimentskommandeur war ein nicht mehr junger, sehr anständiger und guter Soldat, aber ein rauher, strenger Mensch, ganz »ohne Zartgefühl für das weibliche Geschlecht«, wie man sich damals ausdrückte. Er war einige fünfzig Jahre alt und schon zweimal verheiratet gewesen; seine zweite Frau hatte er in T. verloren und war eben im Begriff, ein junges Mädchen, das aus einer nicht sehr reichen Gutsbesitzersfamilie stammte, zu heiraten. Sie hieß Anna Nikolajewna. Dieser so gewöhnliche Name entsprach durchaus ihrer ganzen gewöhnlichen Erscheinung. Sie war von mittlerem Wuchs, weder dick noch schlank, weder hübsch noch häßlich, hatte blonde Haare, blaue Äuglein, rote Lippen, weiße Zähne, ein rundes, weißes Gesicht und je ein Grübchen in jeder rosigen Wange – mit einem Worte, ein Mädchen, das wenig Begeisterung wecken kann, eines von denen, die man »Trost des Greisenalters« zu nennen pflegt.
Unser Kommandeur lernte sie in Gesellschaft durch ihren Bruder, der bei uns als Kornett diente, kennen und hielt durch Vermittlung dieses selben Bruders um ihre Hand an.
Das wurde ganz einfach und kameradschaftlich gemacht. Er ließ den jungen Offizier zu sich ins Kabinett kommen und sagte ihm: »Hören Sie einmal, Ihre würdige Schwester hat auf mich den angenehmsten Eindruck gemacht. Sie wissen wohl selbst, wie unangenehm es mir in meinem Alter und bei meiner Position wäre, einen Korb zu bekommen. Wir beide sind aber Soldaten, und Ihre Aufrichtigkeit kann mich unmöglich verletzen. Wenn mein Antrag angenommen wird, so ist es gut. Wenn sie mir aber absagen sollte, wird es mir auch im Traume nicht einfallen, es Ihnen irgendwie übelzunehmen. Erkundigen Sie sich also ….«
Jener erwiderte ebenso einfach: »Gut, ich werde mich erkundigen.«
»Danke.«
»Kann ich vielleicht zu diesem Zweck einen Urlaub von drei oder vier Tagen bekommen?«
»Bitte sehr, auch für eine Woche.«
»Darf mich vielleicht mein Vetter begleiten?«
Sein Vetter war ein ebenso zarter und rosiger Jüngling wie er selbst. Wir nannten ihn »Sascha die Rose«. Beide junge Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen keine eingehende Schilderung.
Der Kommandeur fragte den Kornett: »Was brauchen Sie Ihren Vetter in dieser Familienangelegenheit?«
Der Kornett antwortet, daß er den Vetter eben für diese Familienangelegenheit brauche.
»Während ich mit den Eltern verhandeln werde«, sagt der Kornett, »wird der Vetter meine Schwester in ein Gespräch ziehen und ihre Aufmerksamkeit ablenken, bis ich mit den Eltern fertig geworden bin.«
Der Kommandeur antwortet: »Gut, fahren Sie in diesem Falle alle beide hin, ich will auch Ihrem Vetter einen Urlaub geben.«
Die beiden Kornetts fahren heim und führen den Auftrag zu voller Zufriedenheit des Kommandeurs aus. Der Bruder des jungen Mädchens kommt nach einigen Tagen zurück und meldet: »Wenn Sie wollen, können Sie bei meinen Eltern brieflich oder mündlich um die Hand meiner Schwester anhalten. Sie haben keine Absage zu gewärtigen.«
»Und wie stellt sich Ihre Schwester dazu?«
»Auch die Schwester ist einverstanden.«
»Nun, freut sie sich oder nicht?«
»Ich weiß wirklich nicht.«
»Ist sie wenigstens zufrieden oder eher unzufrieden?«
»Um die Wahrheit zu sagen, hat sie überhaupt nichts geäußert. Sie sagte nur zu den Eltern: Ganz wie Sie es befehlen, ich will mich Ihnen fügen.«
»Es ist ja sehr schön, daß sie das sagte, aber man kann doch in den Augen und im Gesicht lesen, was sich ein junges Mädchen dabei denkt!«
Der Kornett entschuldigt sich und sagt, er sei als Bruder an das Gesicht seiner Schwester so gewöhnt, daß er darin nicht zu lesen verstünde und den Ausdruck ihrer Augen nicht beobachtet habe; darum könne er darüber nichts Bestimmtes sagen.
»Aber Ihr Vetter hat doch etwas bemerken können. Haben Sie denn nicht auf der Rückfahrt mit ihm darüber gesprochen?«
»Nein«, antwortet jener, »wir haben darüber nicht sprechen können: Ich wollte Ihnen die Antwort so schnell wie möglich überbringen, mein Vetter ist aber noch dort geblieben, und ich habe die Ehre, Ihnen gehorsamst zu melden: Er ist plötzlich erkrankt, und wir haben sofort seine Eltern benachrichtigt.«
»So! Was hat er denn?«
»Es war eine plötzliche Ohnmacht und ein Schwindelanfall.«
»Eine echte Mädchenkrankheit. Schön. Ich danke Ihnen. Da wir nun miteinander so gut wie verwandt sind, bitte ich Sie, mit mir heute zu Mittag zu essen.«
Beim Mittagessen fragt er ihn immer nach dem Vetter aus: Was der für ein Mensch sei, wie seine Eltern sich zu ihm verhielten, unter welchen Umständen er in Ohnmacht gefallen sei. Dabei schenkt er dem jungen Mann immer wieder Wein ein und macht ihn so betrunken, daß der Kornett sich wohl sicher verschnappt hätte, hätte er etwas gewußt. Glücklicherweise lag aber nichts vor, und der Kommandeur heiratete bald darauf Anna Nikolajewna. Wir alle waren bei der Hochzeit und tranken Bier und Wein. Die beiden Kornette – der Bruder und der Vetter – waren Brautführer, und man konnte keinem von den Beteiligten auch nur das geringste anmerken. Die jungen Leute setzten ihr flottes Leben fort, unsere Kommandeuse aber wurde von Tag zu Tag voller und begann seltsame Gelüste zu äußern. Der Kommandeur freute sich darüber und bemühte sich, alle ihre Wünsche zu befriedigen, und die beiden jungen Leute – der Bruder und der Vetter – suchten ihn darin noch zu übertreffen. Wegen jeder Kleinigkeit schickte man eine Troika nach Moskau. Ihr Appetit war aber nicht auf irgendwelche ausgesuchte Leckerbissen, sondern auf ganz gewöhnliche Dinge gerichtet, doch auf solche, die schwer zu beschaffen waren: Bald verlangte sie nach Suhan-Datteln, bald nach griechischer Chalwa, mit einem Worte nach lauter einfachen und kindlichen Dingen, wie sie auch selbst einen durchaus kindlichen Eindruck machte. Endlich kam für sie die schwere Stunde, und man ließ aus Moskau eine Hebamme kommen. Ich erinnere mich noch, daß diese Hebamme in die Stadt just um die Stunde gefahren kam, als man in allen Kirchen zur Abendmesse läutete, was unsere Heiterkeit erregte: »Schaut nur, die weise Frau wird mit Glockengeläute begrüßt! Was für Freuden wird sie uns wohl bringen?« Und wir warteten auf das Ereignis mit solcher Spannung, wie wenn das ganze Regiment daran beteiligt wäre. Indessen geschah aber etwas ganz Unerwartetes.

IV

Wenn Sie bei Bret-Harte gelesen haben, welches Interesse ein Häuflein Vagabunden in der amerikanischen Wüste für die Niederkunft einer fremden Frau zeigte, so werden Sie auch das Interesse begreifen, mit dem wir, verbummelte Offiziere, die Niederkunft unserer jungen Kommandeuse erwarteten. Diesem Ereignis maßen wir große Bedeutung bei und faßten den Beschluß, die Geburt des Kindes durch ein Trinkgelage zu feiern. Wir gaben unserem Restaurateur den Auftrag, einen ordentlichen Vorrat an Sekt bereitzuhalten. Um aber inzwischen die Zeit totzuschlagen, setzten wir uns beim Abendläuten an die Kartentische.
Ich wiederhole, das Kartenspiel war für uns eine Beschäftigung, eine Gewohnheit, eine Arbeit und das beste uns bekannte Mittel gegen Langeweile. Das Spiel begann an diesem Abend auf die gleiche Weise wie an den vorhergegangenen. Die älteren Offiziere, die Rittmeister und die Stabsrittmeister mit den ersten grauen Haaren in den Schnurrbärten und an den Schläfen machten den Anfang. Sie setzen sich an die Kartentische just in dem Augenblick, als man zur Abendmesse zu läuten anfing und die Bürger, einander mit großem Respekt begrüßend, in die Kirchen zogen, um zu beichten, und zu kommunizieren: Das Ereignis, von dem ich spreche, spielte sich am Freitag in der sechsten Fastenwoche ab.
Die Rittmeister blickten diesen guten Christen und auch der Hebamme nach, die gerade in die Stadt einzog, wünschten ihnen allen in ihren einfältigen Soldatenherzen Glück und Erfolg, ließen in dem größten Hotelzimmer die grünen Kattunvorhänge herunter, zündeten die Leuchter an und setzten sich an die Arbeit.
Die Jugend machte indessen noch einige Touren durch die Straßen, wechselte im Vorbeigehen Blicke mit den Kaufmannstöchtern und erschien, als es schon ganz dunkel war, im selben Hotelzimmer.
Ich kann mich gut an diesen Abend, und wie er diesseits und jenseits der grünen Vorhänge verlief, erinnern. Draußen war es wunderschön. Der heitere Märztag war im schönsten Abendrot verglommen; die Pfützen, die während des Tages aufgetaut waren, überzogen sich wieder mit einer Eiskruste; es wurde frisch und kühl, in der Luft aber schwebte schon der Duft des Frühlings, und in der Höhe sangen die Lerchen. Die Kirchen waren halb beleuchtet, und die von ihren Sünden erlösten Beichtenden kamen einzeln heraus. Ganz langsam, ohne mit jemandem zu sprechen, gingen sie durch die Gassen und verschwanden stumm in den Häusern. Sie alle waren nur um das eine besorgt: jeder Ablenkung aus dem Weg zu gehen und den Frieden, der ihre Herzen erfüllte, nicht zu verlieren.
In der ganzen Stadt, die ja auch sonst nicht sehr belebt war, wurde es auf einmal still. Die Haustore wurden abgesperrt, hinter den Zäunen erklirrten die Ketten der Hofhunde, und alle kleinen Wirtshäuser wurden geschlossen; nur vor dem von uns besetzten Hotel standen noch immer zwei Mietsdroschken mit ausgesucht schönen Pferden, in Erwartung, daß wir sie noch zu irgendeinem Zweck brauchen würden.
Auf der hartgefrorenen Schneedecke der großen Straße klapperte plötzlich ein mit drei Pferden bespannter Reiseschlitten. Er hielt vor dem Hotel, ihm entstieg ein uns unbekannter schlanker Herr in einem Bärenpelz mit langen Ärmeln und erkundigte sich, ob noch ein Zimmer frei sei.
Das geschah gerade in dem Augenblick, als ich und noch zwei junge Offiziere vom letzten Rundgang durch die Straßen, in deren Fenstern nochmals die spröden Kaufmannstöchter erschienen, ins Hotel zurückkehrten.
Wir hörten, wie der Neuankömmling ein Zimmer verlangte und wie der Zimmerkellner Marko, der ihn mit »Awgust Matwejitsch« anredete, seine Frage beantwortete; »Ich wage es nicht, Sie anzulügen und zu sagen, daß wir kein Zimmer haben. Wir haben wohl ein Zimmer, aber ich weiß wirklich nicht, ob es Ihnen passen wird.«
»Was ist denn damit?« fragte der Gast. »Ist es schmutzig oder voller Wanzen?«
»Nein, Sie wissen doch selbst, daß wir bei uns keinen Schmutz und keine Wanzen dulden. Wir haben aber sehr viel Offiziere im Hause.«
»Machen die solchen Lärm?«
»Ja, Sie können es sich wohl selbst denken: Es sind lauter Junggesellen, die immer auf und ab rennen und pfeifen … Ich muß es Ihnen sagen, damit Sie uns später keine Vorwürfe machen … Wir können ja die jungen Leute nicht bändigen.«
»Das wäre ja nicht schlecht! Selbstverständlich darf sich niemand unterstehen, Offizieren Ruhe zu gebieten! Was wäre das für ein Leben? … Ich bin müde und glaube, daß ich schon irgendwie einschlafen werde.«
»Natürlich werden Sie einschlafen. Ich mußte aber Euer Gnaden für jeden Fall darauf aufmerksam machen. Darf ich das Gepäck und das Bettzeug hinauftragen?«
»Trag es nur hinauf, mein Bester. Ich komme direkt aus Moskau, habe mich unterwegs nirgends aufgehalten und bin so müde, daß mich wohl kein Lärm wecken wird.«
Der Kellner führte den Gast hinauf, und wir begaben uns in das größte Zimmer, das dem Schwadrons-Rittmeister gehörte. Hier war unsere ganze Gesellschaft versammelt mit Ausnahme des Vetters der Kommandeuse: Er klagte über Unwohlsein, wollte weder trinken noch spielen und ging immer den Korridor auf und ab.
Der Bruder der Kommandeuse hatte an unserer Fensterparade teilgenommen und sich gleich uns an den Kartentisch gesetzt, Sascha aber blickte nur einmal in das Spielzimmer herein und begann dann wieder im Korridor auf und ab zu gehen.
Er machte einen seltsamen Eindruck, so daß wir auf ihn aufmerksam werden mußten. Er schien entweder krank oder verstimmt; wenn man ihn aber genauer ansah, schien keines von beiden der Fall zu sein. Er machte nur den Eindruck, wie wenn er im Geiste irgendwo weit von uns allen schweifte und an etwas, was uns allen fremd und ferne lag, dächte. Wir sagten im Scherze: »Du hast dich wohl in die Hebamme vergafft!«, legten aber seinem Benehmen keine große Bedeutung bei. Er war ja noch sehr jung und den beliebten Offizierstrank »aus neun Elementen« nicht gewohnt. Es war sehr wahrscheinlich, daß sein Zustand nur eine Folge der vorhergehenden Trinkgelage war. Im Spielzimmer war es wie immer so vollgeraucht, daß man leicht Kopfweh bekommen konnte; schließlich war es auch möglich, daß seine Finanzen zerrüttet waren: Er hatte in der letzten Zeit sehr hoch gespielt und größere Summen verloren. Er hatte aber gewisse moralische Grundsätze und scheute sich, seinen Eltern mit solchen Dingen zu kommen.
Wir ließen also den jungen Mann in dem mit einem Tuchläufer belegten Korridor auf und ab gehen. Wir selbst aber spielten, tranken und aßen, stritten und lärmten und dachten weder an die späte Stunde noch an das freudige Ereignis, das im Hause des Kommandeurs erwartet wurde. Diese Vergessenheit wurde vollständig, als sich bald nach Mitternacht etwas ereignete, wobei der unbekannte Gast, der, wie gesagt, vor unseren Augen dem Reiseschlitten entstiegen war, die Hauptrolle spielte.

V

Gegen zwei Uhr nachts erschien in unserem Spielzimmer der Zimmerkellner Marko und meldete nach einigem Zögern, daß der eben eingetroffene fürstliche Generalbevollmächtigte sich höflichst entschuldige und anfrage, ob die Herren Offiziere ihm gestatten möchten, zu ihnen zu kommen und am Kartenspiel teilzunehmen; er könne nämlich nicht einschlafen und langweile sich.
»Kennst du denn den Herrn?« fragte der älteste Offizier.
»Aber ich bitte Sie! Wie sollte ich denn Awgust Matwejitsch nicht kennen? Man kennt ihn nicht nur hier, sondern in ganz Rußland, überall wo der Fürst seine Güter hat. Awgust Matwejitsch ist sein Generalbevollmächtigter, verwaltet alle fürstlichen Güter und Besitztümer, und sein Gehalt allein beträgt an die vierzigtausend Rubel im Jahre.« (Damals rechnete man noch nach Assignaten.)
»Ist er Pole?«
»Er stammt wohl von Polen ab, ist aber ein wirklich vornehmer Herr und war einmal selbst Offizier.«
Wir alle hielten den Kellner, der uns das meldete, für zuverlässig und uns ergeben. Er war intelligent und sehr religiös; er ging jeden Morgen zur Frühmesse und sparte Geld, um seinem Heimatorte eine Kirchenglocke zu stiften.
Als Marko sah, daß wir uns für den Fremden interessierten, berichtete er uns noch mehr: »Awgust Matwejitsch kommt jetzt direkt aus Moskau. Man sagt, daß er eben zwei fürstliche Güter bei der Vormundschaftsbank verpfändet hat. Er wird wohl eine nette Summe bei sich haben und möchte sich gerne zerstreuen.«
Die Offiziere wechselten Blicke, flüsterten miteinander und erklärten: »Nun, soll er nur die Dukaten aus seinem Beutel in unsere Taschen umquartieren. Der neue Mensch soll nur kommen und neues Leben in unsere Gesellschaft bringen!«
»Garantierst du uns auch dafür«, fragten wir den Zimmerkellner, »daß er das Geld bei sich hat?«
»Aber erlauben Sie! Awgust Matwejitsch hat immer Geld bei sich.«
»Wenn es sich so verhält, so soll er nur mit seinem Gelde kommen. Nicht wahr, meine Herren?« wandte sich der älteste Rittmeister an uns alle.
Alle erklärten sich einverstanden.
»Schön. Sag ihm also, Marko, daß wir ihn bitten lassen.«
»Zu Befehl.«
»Deute ihm aber an oder sage es ihm auch geradeaus, daß wir, obwohl wir Kameraden sind, auch unter uns nur um bares Geld spielen. Es gibt bei uns weder Kreide noch Kredit.«
»Zu Befehl. Sie können aber unbesorgt sein: Er hat immer Geld.«
»Gut, wir lassen bitten.«
Nach einer ganz kurzen Weile, die für einen Mann, der kein besonderer Stutzer ist, eben genügt, um sich umzuziehen, geht die Türe auf, und in unserer Rauchwolke erscheint ein schlanker, wohlgebauter, nicht mehr junger Herr von höchst anständigem Aussehen. Er trägt Zivil, hält sich aber wie ein Militär, man könnte beinahe sagen, wie ein Gardeoffizier, das heißt kühn, selbstbewußt, nicht ohne eine träge Grazie und Blasiertheit, wie es damals Mode war. Sein Gesicht ist hübsch, seine Züge sind darin ebenso streng und regelmäßig verteilt wie die Ziffern auf dem Metallzifferblatt einer englischen Standuhr von Graham. Alles bewegt sich darin so abgemessen wie die Zeiger auf einer solchen Uhr. Er ist auch so lang wie eine Standuhr, und seine Stimme klingt wie ein Grahamsches Schlagwerk.
»Meine Herren, ich bitte um Vergebung, daß ich in Ihren Freundeskreis eingedrungen bin. Ich heiße so und so, eile aus Moskau nach Hause, bin aber sehr müde und wollte hier ausschlafen. Da hörte ich Ihre Stimmen, und die Ruhe floh meine Augenlider. Ich fühlte mich wie ein altes Kriegsroß von Kampfeslust beseelt und danke Ihnen aufrichtig, daß Sie mich in Ihren Kreis aufnehmen wollen.«
Man antwortet ihm: »Wir bitten recht schön! Wir sind einfache Menschen und machen keine großen Zeremonien. Wir sind unter uns Kameraden und halten uns ganz ungezwungen.«
»Einfachheit«, antwortet er, »ist das Schönste in der Welt: Gott liebt sie, und in ihr liegt die ganze Poesie des Lebens. Ich war ja einmal selbst beim Militär. Obwohl ich aus Familienrücksichten den Dienst quittieren mußte, bin ich den militärischen Sitten doch treu geblieben und hasse alles Zeremonielle. Sie haben aber, wie ich sehe, Ihre Röcke an, und hier ist es doch so heiß?«
»Offen gestanden, haben wir die Röcke erst unmittelbar vor Ihrem Erscheinen angezogen.«
»Sie sollten sich schämen! Das befürchtete ich ja eben. Da Sie aber schon einmal so freundlich waren, mich aufzunehmen, so können Sie mir gleich bei Beginn unserer Bekanntschaft eine große Freude machen, wenn Sie die Röcke wieder ablegen und sich ebenso ungezwungen fühlen, wie vor meinem Erscheinen.«
Die Offiziere ließen sich überreden und saßen bald in Hemdsärmeln da; dasselbe verlangten sie aber auch vom Unbekannten. Awgust Matwejitsch schlüpfte flink aus seiner elegant zugeschnittenen Joppe, die in den Ärmeln mit blauer Seide gefüttert war, und erklärte sich bereit, unsere Bekanntschaft mit einem Gläschen Schnaps einzuweihen.
Alle tranken mit und gedachten bei dieser Gelegenheit des Vetters Sascha, der noch immer im Korridor auf und ab ging.
»Gestatten Sie«, sagte man dem Gast, »hier fehlt einer von den Unsrigen. Wir müssen ihn holen!«
Awgust Matwejitsch fragte: »Sie vermissen wohl den interessanten jungen Kornett, der in so rührender Versunkenheit im Korridor auf und ab geht?«
»Ja, diesen. Ruft ihn doch her, meine Herren!«
»Er will nicht kommen.«
»Was für Dummheiten …! Er ist sonst ein so lieber junger Kamerad und hat in der Wissenschaft des Trinkens und Kartenspiels schon so schöne Fortschritte gezeigt; heute ist er uns aber plötzlich untreu geworden und benimmt sich so dumm. Meine Herren, bringt ihn mit Gewalt her!«
Viele protestierten, und es wurde die Meinung laut, daß Sascha vielleicht tatsächlich krank sei.
»Was euch nicht einfällt! Ich setze meinen Kopf ein, daß er einfach müde ist oder den letzten großen Verlust noch nicht verschmerzen kann.«
»Hat der Kornett viel verloren?«
»Ja, in der letzten Zeit hat er immer Pech gehabt. Er war irgendwie aufgeregt und verlor jeden Einsatz.«
»Was Sie nicht sagen! So was kommt allerdings vor. Er sieht aber so aus, wie wenn er weniger Unglück im Spiel als Unglück in der Liebe hätte.«
»Haben Sie ihn denn gesehen?«
»Gewiß. Ich habe sogar Gelegenheit gehabt, ihn mir sehr genau anzusehen. Er ist so sehr in Gedanken versunken, daß er vorhin aus Versehen in mein Zimmer statt in das seinige eintrat, mich auf dem Bette gar nicht liegen sah, direkt auf die Kommode zuging und etwas zu suchen begann. Ich glaubte sogar, daß es ein Schlafwandler sei, und rief Marko herbei.«
»Seltsam!«
»Als Marko ihn fragte, was er bei mir zu suchen habe, verstand er im ersten Augenblick gar nicht, was man von ihm wolle. Und als er seinen Irrtum einsah, wurde er furchtbar verlegen … Ich gedachte der alten Zeiten und sagte mir gleich: Der muß eine Herzensaffaire haben!«
»Ach was, Herzensaffaire! Das wird wohl bald vergehen. Bei Ihnen in Polen mißt man solchen Gefühlsduseleien viel zuviel Bedeutung bei; wir Moskowiter sind aber ein rohes Volk.«
»Ja, der junge Mann sieht aber gar nicht roh aus; im Gegenteil, er scheint mir sehr empfindsam und furchtbar erregt.«
»Er ist einfach müde, und unsere Lebensphilosophie lehrt, daß man in einem solchen Falle Gewalt anwenden muß. Meine Herren, zwei von Ihnen möchten hinausgehen und Sascha herbringen: Soll er sich nur gegen die Beschuldigung, daß er hoffnungslos verliebt sei, verteidigen.«
Zwei Offiziere gingen in den Korridor und kamen mit Sascha zurück, auf dessen jugendlichem Gesicht Müdigkeit, Verlegenheit und ein Lächeln miteinander kämpften.
Er sagte, er fühle sich tatsächlich unwohl und es rege ihn auf, daß man von ihm Rechenschaft fordere. Als man ihm im Scherz sagte, daß auch der »fremde Herr« der Ansicht sei, es handle sich wohl um eine Liebesaffaire, wurde Sascha plötzlich über und über rot, warf unserm Gast einen unsagbar gehässigen Blick zu und rief erbost aus: »Unsinn!«
Er bat um Erlaubnis, auf sein Zimmer zu gehen und sich schlafen zu legen. Wir erinnerten ihn aber daran, daß heute ein wichtiges Ereignis bevorstehe, das wir alle gemeinsam begrüßen wollten; es sei daher unstatthaft, die Gesellschaft zu verlassen. Als er vom »Ereignis« hörte, erbleichte er wieder.
Man sagte ihm: »Du darfst nicht fortgehen; trinke deinen Schnaps, und wenn du nicht mitspielen willst, so ziehe deinen Rock aus und lege dich hier aufs Sofa. Wenn dort das Kind zu schreien beginnt, werden wir es hier hören und dich wecken.«
Sascha gehorchte, jedoch nicht ganz; er trank seinen Schnaps, zog aber den Rock nicht aus und legte sich nicht hin, sondern setzte sich in den Schatten am Fenster, aus dem, da es nicht ganz dicht war, ein frischer Hauch ins Zimmer zog, und begann auf die Straße hinauszuschauen.
Ich weiß wirklich nicht, ob er auf jemanden wartete oder ob ihn irgend etwas innerlich beunruhigte; jedenfalls blickte er unverwandt auf die Straßenlaterne, die im Winde schwankte und flackerte, warf sich bald in die Tiefe des Sessels zurück und machte dann wieder den Eindruck, wie wenn er aufspringen und davonrennen wollte.
Unser Gast, neben den ich zu sitzen kam, merkte, daß ich Sascha beobachtete, und beobachtete ihn auch selbst. Ich mußte es seinen Blicken anmerken und auch seinen höchst unpassenden Worten, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde: »Sind Sie mit dem jungen Kameraden gut befreundet?«
Bei diesen Worten streifte er den niedergeschlagenen Sascha mit einem schnellen Blick.
»Selbstverständlich!« antwortete ich mit dem ganzen Eifer meiner Jugend, die in dieser Frage eine allzu plumpe Vertraulichkeit erblickt hatte.
Awgust Matwejitsch bemerkte meine Aufregung und drückte mir unter dem Tisch stumm die Hand. Ich blickte sein hübsches, ruhiges Gesicht an und mußte wieder an die gleichmütige englische Standuhr im langen Gehäuse mit dem Grahamschen Werk denken. Jeder Zeiger bewegt sich in der ihm vorgeschriebenen Richtung und registriert Stunden und Tage, Minuten und Sekunden, die Phasen des Mondes und die Tierkreiszeichen, das Zifferblatt aber ist kühl und teilnahmslos: Die Uhr zeigt alles, merkt sich alles und bleibt dabei selbst unveränderlich. Awgust Matwejitsch versöhnte mich durch seinen freundlichen Händedruck; dann fuhr er fort: »Seien Sie mir nicht böse, junger Mann. Glauben Sie mir: Ich will von Ihrem Freund nichts Böses sagen, ich habe aber schon manches erlebt, und sein Zustand flößt mir seltsame Gedanken ein …«
»Wie meinen Sie das?«
»Sein Zustand erscheint mir – wie soll ich es Ihnen sagen? – irgendwie verhängnisvoll. Er rührt und beunruhigt mich.«
»So, er beunruhigt Sie?«
»Ja, er beunruhigt mich.«
»Nun, ich kann Ihnen versichern, daß Ihre Unruhe grundlos ist. Ich kenne alle Verhältnisse meines Freundes und bürge dafür, daß in ihnen nichts enthalten ist, was seinen Lebensfaden verwirren oder zerreißen könnte.«
»Zerreißen!« wiederholte er. »C’est le mot! Das ist das richtige Wort: den Lebensfaden zerreißen!«
Diese Worte machten auf mich einen unangenehmen Eindruck. Warum hatte ich nur diesen Ausdruck gewählt, an den sich der Fremde gleich festklammern konnte.
Awgust Matwejitsch machte auf mich plötzlich den unangenehmsten Eindruck, und ich blickte feindselig auf sein präzises Grahamsches Zifferblatt. Ich sah darin etwas Harmonisches und zugleich Drückendes und Unwiderstehliches. Das Werk läuft gleichmäßig, läßt in bestimmten Abständen seine metallischen Schläge erklingen und läuft unverändert weiter. Alles, was der Mann anhat, ist von erster Qualität: Sein Hemd ist unvergleichlich feiner und weißer als unsere Hemden, und unter den weißen Manschetten leuchtet wie Blut eine rotseidene Jacke hervor. Es sieht so aus, wie wenn er unter den Kleidern keine Haut am Leibe hätte. Am Handgelenk tragt er aber ein goldenes Damenarmband, das bald nach unten rutscht und bald im Ärmel verschwindet. Ich lese darauf den in polnischen Schriftzeichen gravierten russischen Frauennamen »Olga«.
Diese »Olga« erregt mein Mißfallen. Wer sie auch sei – seine Verwandte oder seine Geliebte –, ich muß mich über sie ärgern.
Warum? Ich weiß es nicht. Es war wohl eine von den zahllosen Dummheiten, die uns, niemand weiß woher, in den Sinn kommen, um »die Gedanken des Sterblichen zu verwirren«.
Ich will mich von der unangenehmen Wirkung des Wortes »zerreißen«, das ich selbst zuerst gebraucht habe und dem er einen mir durchaus unerwünschten Sinn unterschiebt, befreien und sage: »Es tut mir leid, daß ich mich so ausgedrückt habe; das von mir gebrauchte Wort kann aber gar nicht die Bedeutung haben, die Sie ihm beilegen. Mein Freund ist jung, vermögend, der einzige Sohn seiner Eltern und der Liebling aller …«
»Ja, ja, und doch gefällt er mir nicht.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Er ist doch sterblich.«
»Selbstverständlich, wie Sie und ich, wie alle Menschen.«
»Sehr richtig, von den andern Menschen weiß ich aber nichts, und von uns beiden trägt keiner die verhängnisvollen Zeichen, die ich an ihm sehe.«
»Was für verhängnisvolle Zeichen meinen Sie?«
Ich lachte ziemlich unerzogen auf.
»Warum lachen Sie darüber?«
»Entschuldigen Sie, ich will wohl zugeben, daß mein Lachen unpassend ist; versetzen Sie sich aber in meine Lage: Wir betrachten beide das gleiche Gesicht, und Sie erzählen mir, daß Sie darin etwas Ungewöhnliches wahrnehmen, während ich darin nur das sehe, was ich immer gesehen habe.«
»Was Sie immer gesehen haben? Das kann nicht sein.«
»Ich versichere es Ihnen.«
»Das hypokratische Gesicht!«
»Das verstehe ich nicht.«
»Sie verstehen es nicht? Es gibt doch einen solchen ›agent psychique‹!«
»Ich verstehe es nicht«, sagte ich und fühlte zugleich, wie mir dieses Wort irgendeine dumme Angst einjagte.
»Agent psychique oder das hypokratische Gesicht ist ein unerklärliches, seltsames Zeichen, das den Menschen längst bekannt ist. Diese unfaßbaren Züge erscheinen auf den Gesichtern der Menschen nur in jenen verhängnisvollen Augenblicken ihres Lebens, wenn sie eben im Begriff sind, den großen Schritt in das Land zu machen, aus dem noch kein Wanderer zurückgekehrt ist … Die Schotten und die Hindus der Blauen Berge haben für diese Züge einen besonders scharfen Blick.«
»Waren Sie denn je in Schottland?«
»Ja, ich habe dort die Landwirtschaft studiert; ich bin auch in Indien gewesen.«
»Und Sie behaupten, daß Sie diese verdammten Zeichen auf dem Gesicht unseres guten Sascha sehen?«
»Ja, wenn dieser junge Mann heute noch Sascha heißt, so wird er wohl bald anders heißen.«
Ich fühlte mich plötzlich von einer namenlosen Angst erfaßt und war sehr froh, daß in diesem Augenblick einer von unseren Offizieren, der schon recht angeheitert war, auf mich zuging und fragte:
»Was hast du? Worüber streitest du mit diesem Herrn?«
Ich antwortete, daß wir uns gar nicht stritten, sondern uns nur über sehr seltsame Dinge unterhielten. Und ich erzählte ihm kurz alles, worüber ich eben mit dem Polen gesprochen hatte.
Der Offizier, ein einfacher und entschlossener Bursche, warf einen Blick auf Sascha und sagte: »Er sieht tatsächlich schlecht aus!« Darauf wandte er sich an Awgust Matwejitsch und fragte ihn ziemlich barsch: »Was sind Sie eigentlich: ein Phrenologe oder ein Wahrsager?«
Jener antwortete: »Ich bin weder Phrenologe noch Wahrsager.«
»Sondern weiß der Teufel was?«
»Ich bin auch nicht ›weiß der Teufel was‹!« erwiderte jener ruhig.
»Was sind Sie dann: ein Zauberer?«
»Auch kein Zauberer.«
»Was denn?«
»Mystiker.«
»Ach so, Mystiker – Whistiker! Sie lieben wohl Whist zu spielen. Solche Mystiker kenne ich gut«, sagte der Offizier gedehnt. Obwohl er ohnehin schon betrunken war, wandte er sich wieder den Getränken zu.
Awgust Matwejitsch blickte ihm halb bedauernd und halb verachtungsvoll nach. Die Zeiger auf seinem Zifferblatt hatten sich verschoben; er stand auf und ging zu den Spielenden, die polnischen Verse Krasinskis vor sich hinmurmelnd: »Ich will keinen Gott, ich will keinen Himmel …«
Mir wurde es plötzlich so unheimlich zumute, wie wenn ich mit dem berühmten Zauberer Pan Twardowski gesprochen hätte. Um mir neuen Mut zu machen, trat ich an den Tisch, auf dem die Schnäpse standen, und unterhielt mich eine Weile mit dem Kameraden, der vorhin die Bedeutung des Wortes Mystiker erläutert hatte. Und als ich nach einiger Zeit, wie von einer Welle erfaßt, zum Kartentisch geworfen wurde, hielt der Pole schon die Bank.
Auf dem Tische vor ihm waren Riesensummen von Gewinnen und Verlusten angekreidet, und alle Gesichter drückten Feindseligkeit gegen ihn aus, die sich auch in allerlei dummen Bemerkungen äußerte. Die Situation wurde von Augenblick zu Augenblick gespannter, und man befürchtete ernste Unannehmlichkeiten.
Es erschien mir ganz unmöglich, daß die Sache ohne Zwischenfall ablaufen könnte: Ein böses Ende schien vom Schicksal beschieden.

VI

Als ich wieder am Kartentisch stand, bemerkte jemand wie nebenbei zu Awgust Matwejitsch, daß ihm das Armband, das auf seinem Handgelenk hin und herrutschte, beim Bankhalten hinderlich sein müsse. Und er fügte dem noch hinzu: »Vielleicht wäre es besser, wenn Sie diesen Frauenschmuck ablegten.«
Awgust Matwejitsch bewahrte aber seine Ruhe und antwortete: »Es wäre freilich besser, wenn ich ihn ablegen könnte, ich kann aber Ihrem guten Rat nicht folgen: Das Armband ist festgenietet.«
»Ein seltsamer Einfall, einen Sklaven zu spielen!«
»Warum auch nicht? Als Sklave fühlt man sich zuweilen gar nicht schlecht.«
»So! Das haben also auch die Polen schon eingesehen!«
»Gewiß. Was mich betrifft, so habe ich vom ersten Tage an, an dem mir die Begriffe des Guten, Wahren und Schönen verständlich geworden sind, anerkannt, daß diese Ideale wert sind, über die Gefühle und den Willen des Menschen zu herrschen.«
»Wo finden Sie aber diese Ideale vereint?«
»Natürlich nur im schönsten Geschöpfe Gottes – im Weibe.«
»Das den Namen Olga trägt«, scherzte jemand, nachdem er die Inschrift auf dem Armband gelesen.
»Ja, Sie haben es erraten: Meine Frau heißt Olga. Es ist doch ein schöner russischer Name, nicht wahr? Besonders, wenn man bedenkt, daß die Russen ihn nicht wie die andern Dinge den Griechen entlehnt, sondern schon in ihrer eigenen Umgangssprache vorrätig hatten.«
»Sind Sie mit einer Russin verheiratet?«
»Ich bin Witwer. Das große Glück, dessen ich würdig befunden war, war zu groß und zu vollständig, um dauernd zu sein. Ich finde aber auch heute noch mein höchstes Glück in der Erinnerung an die Russin, die auch ihrerseits ihr Glück an meiner Seite gefunden hat.«
Die Offiziere wechselten Blicke. Seine Antwort erschien ihnen irgendwie doppelsinnig und verletzend.
»Hol ihn der Teufel!« sagte jemand. »Will dieser Fremde damit vielleicht sagen, daß die Herren Polen ganz besonders nett und ritterlich sind, so daß jede Russin sich in sie verlieben muß?«
Awgust Matwejitsch hatte das sicher gehört; er blickte auch schweigend auf denjenigen, der es gesagt hatte, lächelte und fuhr fort, mit Seelenruhe die Karten zu verteilen. Er machte die Sache durchaus einwandfrei und korrekt. Die Pointierenden verfolgten mit der größten Aufmerksamkeit alle seine Bewegungen, konnten aber nichts Verdächtiges wahrnehmen. Jeder Verdacht wäre auch sinnlos gewesen, da Awgust Matwejitsch viel verloren hatte. Gegen vier Uhr hatte er schon über zweitausend Rubel bezahlt. Als er mit allen abgerechnet hatte, sagte er:
»Wenn die Herren weiterspielen wollen, setze ich noch einen Tausender ein.«
Die Offiziere, die gewonnen hatten, hielten es für unschicklich, seinen Vorschlag zurückzuweisen, und erklärten sich bereit, weiter zu pointieren.
Einige wandten sich weg und sahen sich die Banknoten, die sie von Awgust Matwejitsch erhalten hatten, genauer an.
Alles stimmte: Die Banknoten waren zweifellos echt.
»Ich muß aber bemerken, meine Herren«, sagte er, »daß ich keine kleineren Noten einsetzen kann: Ich habe sie alle ausgegeben. Ich habe aber Scheine zu fünfhundert und zu tausend Rubel und möchte Sie bitten, mir einige davon zu wechseln.«
»Das läßt sich wohl machen«, antwortete man ihm.
»In diesem Falle werde ich gleich die Ehre haben, Ihnen zwei größere Scheine vorzulegen und Sie zu bitten, sie zu untersuchen und zu wechseln.«
Mit diesen Worten stand er auf, ging zu seinem Rock, der auf dem Sofa neben dem geistesabwesenden Sascha lag, und begann in den Taschen zu suchen. Das dauerte auffallend lange. Awgust Matwejitsch warf plötzlich den Rock fort, griff sich mit der Hand an die Stirne, schwankte und fiel beinahe um.
Alle merkten diese Bewegung, und sie erschien so echt und ungekünstelt, daß Awgust Matwejitsch in vielen lebhaftes Mitgefühl weckte. Zwei oder drei Herren, die in seiner Nähe saßen, riefen teilnahmsvoll aus: »Was haben Sie?« und beeilten sich, ihn zu stützen.
Unser Gast war leichenblaß und ganz verändert. Ich sah zum erstenmal im Leben, wie ein starker, beherrschter Mann – und für einen solchen mußte ich den zu seinem eigenen und unserem Unglück in unseren Kreis eingedrungenen fürstlichen Generalbevollmächtigten wohl halten – vor großem und unerwartetem Kummer plötzlich alt und ganz verändert wird. Das plötzliche Unglück zerknittert und zerdrückt den Menschen und bearbeitet ihn wie die Wäscherin einen Lumpen so lange mit dem Waschbläuel, bis es aus ihm alles herausgeklopft hat. Ich bin gar nicht imstande, das Gesicht und die Blicke Awgust Matwejitschs zu beschreiben, erinnere mich aber lebhaft an den Vergleich, der dem Ernst der Situation gar nicht entsprach, der mir aber in den Sinn kam, als ich mich mit den andern über ihn stürzte und ihm eine Kerze vors Gesicht hielt. Dieser Vergleich bezog sich wiederum auf eine Uhr und ein Zifferblatt, und zwar in einem höchst komischen Zusammenhange.
Mein Vater war leidenschaftlicher Liebhaber alter Bilder. Er war immer auf der Suche nach solchen Kunstwerken, die er regelmäßig verdarb, indem er die alte Lackschicht entfernte und sie mit neuem Lack überzog. Oft bringt er so ein altes Bild heim, das eine gleichmäßige dunkle Fläche darstellt, in der alle Farbtöne friedlich ineinander geflossen sind, so daß man nichts erkennen kann. Da fährt er mit einem in Terpentin getauchten Schwamm darüber; der Lack wirft sich, schmutzige Ströme fließen über das ganze Bild hin, und alle Farbtöne kommen in Bewegung und Unordnung. Das Bild sieht plötzlich ganz verändert aus; eigentlich hat es erst jetzt sein wahres, ungeschminktes Aussehen, das vom Lack verdeckt war, wiedergewonnen. Ich erinnerte mich also, wie wir Kinder einst den Vater nachahmen wollten und das Zifferblatt der Uhr in unserem Kinderzimmer mit Terpentin abwuschen. Zu unserem Entsetzen sahen wir, wie der auf dem Zifferblatt dargestellte schwarze Mann mit dem Korb, in dem die ungezogenen Kinder saßen, seine Umrisse verlor und wie sein vorher so tapferes Gesicht plötzlich einen zweideutigen und lächerlichen Ausdruck bekam.
Dasselbe macht das Unglück mit den lebendigen, sogar beherrschten und oft stolzen Menschen. Das Unglück wäscht von ihm den Lack ab, und plötzlich kommen alle trüben Farbtöne und alle Sprünge zum Vorschein.
Unser Gast war aber stärker als mancher andere. Er beherrschte sich bald wieder und sagte: »Entschuldigen Sie, meine Herren, es ist nichts … Schenken Sie dem bitte keine Beachtung und lassen Sie mich gehen. Mir … mir ist plötzlich schlecht: Entschuldigen Sie mich, ich kann nicht weiterspielen.«
Awgust Matwejitsch wandte uns sein Gesicht zu, das ganz wie jenes abgewaschene Zifferblatt aussah. Er bemühte sich aber, verbindlich zu lächeln. Offenbar wollte er jeden Skandal vermeiden. In diesem Augenblick provozierte ihn aber einer von den Unsrigen, der offenbar ein Glas zuviel getrunken hatte: »War Ihnen vielleicht auch schon vorhin schlecht?«
Der Pole erbleichte.
»Nein«, sagte er mit erhobener Stimme, »nein, so schlecht war mir noch nie. Wer sich etwas anderes denkt, ist im Irrtum … Ich habe eine unerwartete Entdeckung gemacht … ich habe einen triftigen Grund, nicht weiter zu spielen, und verstehe wirklich nicht, was Sie von mir wollen!«
Nun begannen alle durcheinander zu reden: »Wie meint er das? Niemand will von Ihnen was, verehrter Herr! Es wäre aber immerhin interessant, zu erfahren, was für eine Entdeckung Sie in unserem Kreise gemacht haben!«
»Gar keine«, antwortete der Pole. Er dankte mit einem Kopfnicken den Offizieren, die ihn im Augenblick des Schwächeanfalls gestützt hatten, und fügte hinzu: »Meine Herren, Sie kennen mich ja nicht, die Aussage des Kellners über meine Reputation darf Ihnen nicht genügen. Darum halte ich es für unmöglich, dieses Gespräch fortzusetzen, und möchte mich von Ihnen verabschieden.«
Man hielt ihn aber zurück: »Erlauben Sie einmal«, sagte man ihm, »das geht doch nicht!«
»Ich weiß nicht, warum das nicht gehen sollte. Ich habe meine Spielschuld bezahlt, möchte nicht weiterspielen und bitte Sie, mir zu gestatten, Ihre Gesellschaft verlassen zu dürfen.«
»Wir sprechen nicht von der Bezahlung!«
»Ja, nicht von der Bezahlung!«
»Wovon denn? Ich frage, was Sie wollen, und Sie antworten, daß Sie von mir nichts wollen. Ich will mich schweigend zurückziehen, und Sie sind auch damit unzufrieden … Hol’s der Teufel, was ist eigentlich los?«
Nun ging auf ihn einer der älteren Rittmeister zu, ein ›in Schlachten ergrauter Kamerad‹, ein vielerfahrener Mann, der schon manchen Zusammenstoß am Kartentische erlebt hatte, und sagte: »Verehrter Herr! Gestatten Sie, daß ich mich mit Ihnen im Namen aller auseinandersetze.«
»Sehr gern, obwohl ich gar nicht weiß, worüber wir uns auseinanderzusetzen haben.«
»Ich will Ihnen gleich alles erklären.«
»Bitte sehr.«
»Verehrter Herr, meine Kameraden und ich kennen Sie tatsächlich nicht; wir haben Sie aber mit russischer Zutraulichkeit in unsere Gesellschaft aufgenommen. Es gelang Ihnen nicht, zu verheimlichen, daß Sie eben etwas Unerwartetes erlebt haben. Und zwar in unserem Kreise. Sie haben vorhin den Ausdruck ›Reputation‹ gebraucht. Auch wir haben unsere Reputation, hol’s der Teufel – Jawohl! Wir vertrauen Ihnen, müssen Sie aber bitten, auch unserer Ehrlichkeit zu vertrauen.«
»Sehr gern«, unterbrach ihn der Pole, »sehr gerne!« Und er streckte ihm seine Hand entgegen.
Der Rittmeister schien es aber nicht zu sehen und fuhr fort: »Ich setze meinen Kopf und meine Hand dafür ein, daß Sie hier nicht die geringsten Unannehmlichkeiten zu gewärtigen haben und daß jeder, der es wagt, Sie, und wenn auch nur durch eine entfernte Andeutung, zu verletzen, in mir Ihren Verteidiger finden wird. Wir dürfen aber die Sache nicht als erledigt betrachten. Ihr Benehmen erscheint uns sonderbar, und ich bitte Sie im Namen aller Anwesenden, sich zu beruhigen und uns ernsthaft zu erklären, ob Sie sich tatsächlich unwohl fühlten oder ob Sie etwas Unerwartetes entdeckt haben. Wir bitten Sie, uns diese Frage in einem Worte und ganz aufrichtig zu beantworten.«
Alle fielen ihm ins Wort: »Ja, wir bitten, wir bitten!« Die Bewegung war eine allgemeine. Nur Sascha allein nahm an ihr nicht teil: Er verharrte nach wie vor in seiner dummen Versunkenheit, erhob sich aber von seinem Platz, sagte »Wie ekelhaft!« und wandte sich mit dem Gesicht zum Fenster.
Der Pole aber, den wir so bedrängten, verlor seine Selbstbeherrschung nicht. Im Gegenteil, er nahm eine noch stolzere Haltung an und sagte:
»Meine Herren, in diesem Fall muß ich Sie um Verzeihung bitten. Ich wollte nichts sagen und alles in meinem Herzen tragen. Wenn Sie mich aber unter Berufung auf meine Ehre herausfordern, so muß ich als Ehrenmann und Adliger …«
Jemand, der sich nicht beherrschen konnte, rief dazwischen: »Er redet mir zu viel von Ehre!«
Der Rittmeister warf einen zornigen Blick in die Richtung, aus der dieser Zwischenruf gekommen war, und Awgust Matwejitsch fuhr fort: »Als Ehrenmann und Adliger muß ich Ihnen, meine Herren, sagen, daß ich außer der Summe, die ich im Kartenspiel verloren, in meiner Brieftasche noch zwölf tausend Rubel in Banknoten zu tausend und zu fünfhundert Rubel gehabt habe.«
»Haben Sie das Geld bei sich gehabt?« fragte der Rittmeister.
»Ja, bei mir.«
»Sie können sich daran genau erinnern?«
»Ja, ganz genau.«
»Und jetzt ist das Geld fort?«
»Ja, Sie haben es erraten: Es ist fort.«
Der betrunkene Offizier rief wieder dazwischen: »War denn das Geld auch wirklich da?«
Der Rittmeister sagte aber noch strenger:
»Ich bitte zu schweigen! Der Herr, den wir vor uns haben, wird sich nicht unterstehen, uns anzulügen. Er weiß, daß man mit solchen Dingen in anständiger Gesellschaft nicht scherzt: Solche Späße können einem leicht das Leben kosten. Daß wir aber wirklich anständige Menschen sind, müssen wir erst durch die Tat beweisen. Meine Herren, niemand rührt sich von seinem Platz, und ich bitte Sie, Leutnant soundso, und Sie, und auch Sie (er nannte die Namen dreier Kameraden), sofort alle Türen abzuschließen und die Schlüssel hier an sichtbarer Stelle niederzulegen. Der erste, der den Versuch macht, das Zimmer zu verlassen, wird es mit seinem Leben büßen. Ich hoffe aber, meine Herren, daß es niemand versuchen wird. Niemand wagt daran zu zweifeln, daß wir mit dem Verlust, von dem der fremde Herr spricht, nichts zu tun haben; aber das muß erst bewiesen werden.«
»Ja, ja, gewiß!« bestätigten die Offiziere.
»Und wenn das einmal bewiesen ist, so wird sofort der zweite Akt beginnen. Jetzt aber müssen wir, um unsere Ehre und unseren Stolz zu wahren, diesem Herrn gestatten, uns einer genauen Leibesvisitation zu unterziehen.«
»Ja, soll er uns nur durchsuchen!« riefen die Offiziere.
»Und zwar bis aufs Hemd!« sagte der Rittmeister.
»Ja, bis aufs Hemd!«
»Wir werden uns nun der Reihe nach vor diesem Herrn vollständig entkleiden. Ein jeder soll ganz nackt, wie er aus dem Mutterleibe hervorgegangen ist, vor ihn treten, und der Herr soll einen jeden eigenhändig durchsuchen. Ich bin hier der Älteste an Jahren und im Range und will mich als erster dieser Durchsuchung unterziehen, die für einen Ehrenmann nichts Ehrenrühriges ist. Ich bitte Sie alle, etwas zurückzutreten und sich in einer Reihe aufzustellen. Und nun entkleide ich mich.«
Er begann in großer Hast alle Kleidungsstücke von sich zu werfen und zog selbst die Socken aus. Als er ganz nackt war, legte er alle Sachen dem fürstlichen Generalbevollmächtigten vor die Füße, hob die Arme und sagte: »So stehe ich vor Ihnen wie ein Rekrut vor der Kommission. Wollen Sie mich durchsuchen.«
Awgust Matwejitsch weigerte sich mit der durchaus stichhaltigen Begründung, daß er keinerlei Verdacht ausgesprochen und diese Untersuchung nicht verlangt habe.
»Nein, auf solche Scherze lassen wir uns nicht ein!« sagte der Rittmeister, vor Wut ganz rot werdend und mit den bloßen Fersen stampfend. »Jetzt ist es zu spät, mein Herr, den Großmütigen zu spielen. Ich habe mich nicht zum Spaß vor Ihnen entkleidet! Ich bitte Sie, meine Sachen genau zu durchsuchen. Sonst erschlage ich Sie, nackt wie ich bin, augenblicklich mit diesem Stuhl!« Und er ergriff mit seiner behaarten Hand den schweren Stuhl und schwang ihn über dem Kopf des Polen.

VII

Awgust Matwejitsch beugte sich mit Widerstreben über die auf dem Fußboden ausgebreiteten Sachen des Rittmeisters und tat, als ob er sie durchsuchte.
Die nackten Fersen stampften noch wütender, und zugleich zischte eine erstickte Stimme: »Nicht so durchsucht man die Sachen! Nicht so! Haltet mich, sonst stürze ich mich auf ihn und erwürge ihn, wenn er es nicht ordentlich macht!«
Der Rittmeister war buchstäblich außer sich vor Zorn und bebte so, daß selbst das üppige schwarze Moos unter seinen muskulösen Armen, die er krampfhaft über dem Kopfe hielt, zitterte.
Der Pole ließ sich aber nicht einschüchtern. Er streifte mit einem ruhigen Blick das von Wut entstellte Gesicht und die Achselhöhlen des Rittmeisters, in denen sich zwei schwarze Ratten zu regen schienen und sagte:
»Sehr schön. Ich bin zwar fest überzeugt, daß Sie ein Ehrenmann sind; da Sie aber darauf bestehen, will ich Sie wie einen Dieb durchsuchen.«
»Ja, hol mich der Teufel, ich bin ein Ehrenmann und bestehe darauf, daß Sie mich wie einen Dieb durchsuchen!«
Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn und fand selbstverständlich nichts.
»Nun bin ich also von jedem Verdacht rein«, sagte der Rittmeister. »Wollen jetzt die anderen Herren meinem Beispiele folgen.«
Ein zweiter Offizier entkleidete sich, und Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn auf die gleiche Weise. Dann kam der dritte an die Reihe, und so unterzogen wir uns alle der Durchsuchung. Sascha allein war noch nicht durchsucht, und gerade in dem Augenblick, als die Reihe an ihn kommen sollte, wurde heftig an die Zimmertür geklopft.
Wir alle fuhren zusammen.
»Niemand darf herein!« kommandierte der Rittmeister. Man klopfte aber noch heftiger.
»Wen bringt der Teufel her? Wir dürfen niemand hereinlassen, solange diese schmachvolle Sache nicht erledigt ist. Wer es auch sei, jagt ihn zum Teufel!«
Es wurde wieder geklopft, und wir hörten zugleich eine wohlbekannte Stimme: »Wollen Sie mich einlassen. Ich bin es.«
Es war die Stimme unseres Obersten.
Die Offiziere wechselten Blicke.
»Machen Sie auf, meine Herren!« wiederholte der Oberst.
Die Tür wurde aufgemacht, und der nicht sehr beliebte Kommandeur trat wie ein Kamerad in unsere Mitte. Auf seinem Gesicht leuchtete ein freundliches Lächeln, was man nur sehr selten bei ihm sah.
»Meine Herren!« begann er, noch ehe er sich im Zimmer umgesehen hatte. »Bei mir zu Hause steht alles gut. Nach den aufreibenden Augenblicken, die ich eben durchlebt habe, wollte ich etwas frische Luft atmen. Und da ich Ihren kameradschaftlichen Wunsch, meine Freude zu teilen, kenne, bin ich hierher gekommen, um Ihnen persönlich mitzuteilen, daß Gott mir ein Töchterchen geschenkt hat.«
Wir gratulierten ihm, unsere Gratulation klang aber nicht so lebhaft und freudig, wie es der Oberst, der von unseren Vorbereitungen gehört hatte, zu erwarten berechtigt war. Das fiel ihm gleich auf. Er sah sich mit seinen gelben Augen im Zimmer um und richtete sie auf den Fremden.
»Wer ist der Herr?« fragte er leise.
Der Rittmeister antwortete ihm noch leiser und erzählte kurz die ganze unangenehme Geschichte.
»Wie ekelhaft!« rief der Oberst. »Wie ist nun die Sache ausgegangen, oder ist sie noch immer nicht zu Ende?«
»Wir zwangen ihn, uns alle zu durchsuchen, und bei Ihrem Erscheinen blieb nur noch der Kornett N. undurchsucht.«
»Machen Sie ein Ende!« sagte der Oberst, sich auf einen Stuhl in der Mitte des Zimmers setzend.
»Kornett N., wollen Sie sich entkleiden!« kommandierte der Rittmeister.
Sascha, der, die Arme auf der Brust gekreuzt, am Fenster stand, antwortete nichts und rührte sich nicht.
»Hören Sie denn nicht, Kornett?« wandte sich der Oberst an ihn.
Sascha rührte sich nun von seinem Platz und antwortete: »Herr Oberst und meine Herren Offiziere, ich schwöre bei meiner Ehre, daß ich das Geld nicht gestohlen habe.«
»Pfui, wozu dieses Schwören!« entgegnete der Oberst. »Alle sind hier über jeden Verdacht erhaben; wenn aber Ihre Kameraden einmal beschlossen haben, sich der Durchsuchung zu unterziehen, so müssen auch Sie sich dem fügen. Dieser Herr soll Sie nun gleich in Gegenwart aller durchsuchen, und dann beginnt der zweite Akt.«
»Ich kann es nicht.«
»Was … Was können Sie nicht?«
»Ich habe das Geld nicht gestohlen, ich will mich aber nicht durchsuchen lassen!«
Es erhob sich ein unzufriedenes Geflüster, und alle gerieten in Bewegung.
»Was soll das heißen? Es ist einfach dumm … Warum wollen Sie sich nicht durchsuchen lassen?«
»Ich kann es nicht.«
»Sie müssen! Sie müssen einsehen, daß Ihr Trotz den für uns alle erniedrigenden Verdacht verstärkt. Wenn Sie auf Ihre eigene Ehre keinen Wert legen, so muß Ihnen doch die Ehre Ihrer Kameraden teuer sein, die Ehre des Regiments und der Uniform! Wir alle verlangen von Ihnen, daß Sie sich augenblicklich entkleiden und sich durchsuchen lassen. Und da Ihr Benehmen den Verdacht bereits verstärkt hat, so freuen wir uns alle, daß Sie in Gegenwart des Obersten durchsucht werden können … Wollen Sie sich augenblicklich entkleiden?«
»Meine Herren!« sagte der Jüngling, der nun leichenblaß geworden und mit kaltem Schweiß bedeckt war. »Ich habe das Geld nicht genommen … Ich schwöre es Ihnen bei meinen Eltern, die ich über alles in der Welt liebe … Ich habe das Geld dieses Herrn nicht! Ich werde sofort dieses Fenster einschlagen und mich hinausstürzen, werde mich aber um nichts in der Welt ausziehen, das verlangt meine Ehre!«
»Was für eine Ehre?! Was für eine Ehre steht über der Ehre des Regiments und der Uniform? Wessen Ehre ist es?«
»Ich sage Ihnen kein Wort mehr, werde mich aber nicht ausziehen. Ich habe in der Tasche eine Pistole und mache Sie darauf aufmerksam, daß ich jeden niederschieße, der Gewalt gegen mich anzuwenden versucht!«
Als der Jüngling das sagte, wurde er bald blaß und bald feuerrot. Er keuchte und sah mit irren Blicken auf die Tür; sein einziger Wunsch war, sich von hier loszureißen. Man hörte, wie er in der Tasche seiner Reithose den Hahn seiner Pistole spannte.
Mit einem Wort, Sascha war ganz außer sich. Seine Ekstase machte alle weiteren Einwände unmöglich und stimmte uns alle nachdenklich.
Der Pole zeigte als erster große und fast rührende Teilnahme. Seine isolierte und daher sehr unvorteilhafte Stellung in unserem Kreis gänzlich außer acht lassend, rief er voller Entsetzen, das seltsam ansteckend wirkte: »Fluch über diesen Tag und dieses Geld! Ich will es nicht mehr, ich suche es nicht mehr, ich beklage es nicht mehr, ich werde niemals und niemandem von diesem Verlust auch nur ein Wort sagen. Aber ich beschwöre Sie beim Gott Zebaoth, der Sie alle erschaffen hat, beim Heiland, der für Recht und Wahrheit ans Kreuz geschlagen wurde, bei allem, was Ihnen wert und teuer ist, lassen Sie von diesem Knaben ab!«
Ja, er sagte »Knaben« und nicht »Jüngling«. Plötzlich fügte er mit einer gänzlich veränderten, aus der tiefsten Tiefe der Seele dringenden Stimme hinzu: »Beschleunigen Sie den Gang des Schicksals nicht! Sehen Sie denn nicht, wohin er geht …?«
Sascha ging oder schlich vielmehr tatsächlich an den Offizieren vorbei auf die Türe zu.
Der Oberst verfolgte ihn mit seinen gelben Augen und sagte: »Soll er nur gehen …«
Dann fügte er leise hinzu: »Ich glaube, ich fange an, etwas zu verstehen.«
Als Sascha die Schwelle erreicht hatte, wandte er sich zu allen um und sagte: »Meine Herren! Ich weiß wohl, wie schwer ich Sie beleidigt habe und wie niedrig Ihnen meine Handlung erscheinen muß. Verzeihen Sie mir …! Ich konnte nicht anders … Es ist mein Geheimnis … Verzeihen Sie … So verlangt es die Ehre.«
Seine Stimme bebte wie vor kindlichen Tränen. Er schämte sich ihrer, bedeckte die Augen mit der Hand, rief »Lebt wohl!« und stürzte hinaus.

VIII

Es ist sehr schwer, Ereignisse wie dieses gleichgültigen Zuhörern zu schildern, wenn man auch selbst nicht mehr so erregt ist, wie man es seinerzeit war. Jetzt, da ich Ihnen erzählen muß, was weiter geschah, fühle ich, daß ich es unmöglich mit jener Lebendigkeit, Kompaktheit und Intensität wiedergeben kann, mit der die Ereignisse sich damals überstürzten und sich aufeinander türmten, um gleichsam von einer schicksalsschweren Höhe auf die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft herabzublicken und sich gleich wieder in der Natur aufzulösen.
Wenn Sie die Berichte Jacolios oder unserer Landsmännin Rada-Bay gelesen haben, so wissen Sie vielleicht noch, was sie von der »psychischen Kraft« der Hindus und von der Abhängigkeit dieser Kraft von der »geistigen Stimmung« erzählen. Die psychische Kraft wohnt vielleicht auch dem Stutzer inne, der, das Stöckchen schwingend, durch die Straßen flaniert und »Nun sind wir da, nun sind wir da!« aus dem »Orpheus« singt. Nun versuche aber einer zu ergründen, wo in ihm diese Kraft steckt und worauf sie sich anwenden läßt. Der Prediger Salomo erläutert es trefflich am Beispiel des Schattens, den der Baum in der Richtung des auf ihn fallenden Lichtes wirft: Bei einer allgemeinen Panik verlieren alle den Kopf und halten das – Nebensächlichste für das Wichtigste; ein einziger anders gestimmter Blick sieht aber in diesem Moment das einzig Wichtige: Da haben Sie einen Fall der »psychischen Kraft«.
Ein winziges Teilchen dieser Kraft durchzuckte mich in dem Augenblick, als Sascha aus dem Zimmer stürzte. In seiner Bewegung, in seinem plötzlichen Sprung war etwas Schreckliches: Er war nicht einfach weggelaufen, er hatte sich von uns losgerissen, war uns sozusagen auf Nimmerwiedersehen entschwebt … Wir hörten keine Schritte mehr, es war nur ein leises Rauschen durch den Korridor.
Der Pole stürzte ihm augenblicklich nach. Wir glaubten, daß er ihn einholen und des Diebstahls überführen wolle; ich habe Ihnen schon erzählt, daß Sascha vorher das Unglück gehabt hatte, aus Versehen in das Zimmer des Polen einzudringen, was diesem das Recht gab, seinen Verdacht gerade auf ihn zu richten. Übrigens waren alle davon überzeugt, daß der Pole das Geld tatsächlich gehabt hatte und daß es ihm in unserem Kreise abhanden gekommen war. Mehrere Offiziere stürzten zur Türe, um Awgust Matwejitsch den Weg zu versperren, und der Oberst rief ihm zu: »Sie bleiben hier! Ihr Geld wird Ihnen ersetzt werden!«
Der Pole aber stieß die Offiziere mit unerwarteter Kraft zurück, antwortete dem Obersten: »Der Teufel soll das Geld holen!« und lief Sascha nach.
Jetzt erst sahen wir den unverzeihlichen Fehler ein, den wir vorhin gemacht hatten, als wir uns selbst durchsuchen ließen und dasselbe nicht auch vom Polen, der diese ganze Geschichte verschuldet hatte, verlangten. Wir stürzten ihm nach, um ihn zu packen und ihm die Möglichkeit zu nehmen, das Geld irgendwo zu verstecken und uns hinterher zu beschuldigen; aber in diesem selben Augenblick – es ging viel schneller, als ich es Ihnen erzähle – erklang im Korridor so etwas wie ein Händeklatschen …
Uns durchzuckte der Gedanke, daß der Pole Sascha ins Gesicht geschlagen hätte, und wir eilten unserem Kameraden zu Hilfe. Die Hilfe war aber unnötig …
In der Tür vor uns stand schwankend die lange, an eine Standuhr gemahnende Gestalt Awgust Matwejitschs mit dem Grahamschen Zifferblatt, dessen Zeiger nach unten wiesen …
»Es ist zu spät …« keuchte er. »Er hat sich erschossen.«

IX

Wir drängten uns in Saschas kleines Zimmer und sahen ein erschütterndes Bild: Mitten im Zimmer stand, von einer niedergebrannten Kerze beleuchtet, Saschas erschrockener Bursche und hielt ihn in seinen Armen, während Saschas Kopf auf seiner Schulter ruhte. Die Arme hingen kraftlos herab, aber die eingeknickten Knie zuckten noch, als ob man ihn kitzelte.
Die Geschichte mit dem Geld, die dies alles verschuldet, die sich jedenfalls zur rechten Zeit abgespielt hatte, um dem Erscheinen der »hypokratischen Züge« auf dem jugendlichen Gesicht des armen Sascha eine Begründung zu geben, war nun vergessen. Auch die Angst vor einem Skandal war völlig in den Hintergrund getreten. Wir legten den Verwundeten aufs Bett, schickten nach Ärzten und bemühten uns, ihm, dem nichts mehr helfen konnte, Hilfe zu bringen. Wir versuchten das Blut, das unaufhörlich aus der Wunde strömte, zu stillen, riefen ihn bei seinem Namen und schrien ihm ins Ohr: »Sascha! Sascha! Lieber Sascha!« Er hörte aber wohl nichts mehr; er erlosch und erkaltete und lag nach einer Minute auf seinem Bett so steif und unbeweglich wie ein Bleistift.
Viele weinten, und der Bursche schluchzte laut. Der Zimmerkellner Marko drängte sich zu der Leiche vor und sagte leise, seiner religiösen Stimmung getreu: »Meine Herren, man darf nicht weinen, wenn eine Seele den Körper verläßt. Beten Sie doch lieber!« Mit diesen Worten schob er uns etwas zur Seite und stellte einen Teller mit reinem Wasser auf den Tisch.
»Was ist das?« fragten wir ihn.
»Wasser«, antwortete er.
»Wozu?«
»Damit seine Seele sich darin wäscht.«
Marko legte die Leiche ordentlich auf den Rücken und drückte ihr die Augenlider zu.
Wir alle bekreuzigten uns und weinten. Der Bursche fiel auf die Knie und schlug mit der Stirn gegen den Fußboden, daß man es hörte.
Zwei Ärzte – unser Regimentsarzt und einer von der Polizei kamen gelaufen und konstatierten die »Tatsache des Todes«.
Sascha war tot.
Wer oder was war die Ursache seines Selbstmordes? Wo ist das Geld, wer ist der Dieb, der es genommen hat? Wie wird sich diese Geschichte, die wie der Inhalt eines aufgeschnittenen Daunenkissens durch die Luft wirbelte und an uns allen kleben blieb, weiter entwickeln?
Allen war es ganz wirr im Kopf. Die Leiche hatte aber doch die Kraft, alle Gedanken auf sich zu lenken und uns zu zwingen, sich in erster Linie mit ihr zu befassen.
In Saschas Zimmer erschienen Polizeibeamte, Ärzte und Heilgehilfen, und man begann ein Protokoll aufzunehmen. Unsere Gegenwart wurde als störend befunden, und man ersuchte uns, das Zimmer zu verlassen. Man entkleidete Sascha und durchsuchte seine Sachen in Gegenwart von Zeugen, unter denen sich der Zimmerkellner Marko, unser Regimentsarzt und einer der Offiziere als Delegierter befanden. Das Geld wurde selbstverständlich nicht gefunden.
Unter dem Tisch fand man die Pistole und auf dem Tische einen Zettel, auf dem Sascha mit flüchtiger Schrift hingekritzelt hatte: »Papa und Mama, verzeiht mir, ich bin unschuldig.«
Um das zu schreiben, hatte er wohl kaum mehr als zwei Sekunden gebraucht.
Der Bursche, der Zeuge des Selbstmordes gewesen war, erzählte, daß Sascha, gleich als er in sein Zimmer hereingestürzt war, stehend diese Zeilen geschrieben, sich dann die Kugel ins Herz gejagt habe und sterbend in seine Arme gefallen sei.
Der Soldat wiederholte diesen Bericht einige Male in der gleichen Fassung allen, die ihn fragten. Dann stand er schweigend da und zwinkerte mit den Augen. Als aber Awgust Matwejitsch auf ihn zuging, ihm in die Augen blickte und ihn nach weiteren Einzelheiten ausfragen wollte, wandte sich der Bursche an den Rittmeister und sagte: »Herr Rittmeister, erlauben Sie, daß ich hinausgehe und mich wasche: An meinen Händen ist Christenblut.«
Man erlaubte es ihm, weil er tatsächlich über und über mit Blut befleckt war, was einen schrecklichen Anblick bot.
Das alles spielte sich bei Tagesanbruch ab; der Himmel rötete sich, schon, und das erste Morgenlicht drang durch die Fenster herein.
In den von den Offizieren bewohnten Zimmern standen alle Türen nach dem Korridor offen, und überall brannte Licht. Einige Offiziere saßen mit gesenkten Köpfen ganz fassungslos in ihren Zimmern. Alle sahen mehr wie Mumien als wie lebende Menschen aus. Der Rausch hatte sich wie ein Nebel verflüchtigt, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen. Alle Gesichter drückten Verzweiflung und Trauer aus ….
Der arme Sascha! Wenn sein Geist sich noch für die irdischen Dinge interessieren könnte, so würde er sicher einen Trost darin finden, daß alle mit solcher Liebe an ihm hingen und daß es allen so weh tat, ihn, den blühenden und lebensvollen Jüngling, zu überleben!
Auf ihm lastete aber ein Verdacht – ein schrecklicher, schändlicher Verdacht. Wer würde es aber jetzt wagen, von diesem Verdacht zu seinen alten Kameraden zu sprechen, über deren bekümmerte Gesichter die Tränen rollten?
»Sascha! Sascha! Armer junger Sascha! Was hast du getan?« flüsterten alle Lippen, und plötzlich standen alle Herzen still, und ein jeder von uns fragte sich: »Bist du nicht auch selbst schuld daran? Hast du nicht gesehen, in welcher Verfassung er war? Hast du auf deine Kameraden einzuwirken versucht, daß sie ihn in Ruhe lassen? Hast du ihnen gesagt, daß du ihm vertraust und die Unantastbarkeit seines Geheimnisses achtest? Sascha! Armer Sascha! Was ist das für ein Geheimnis, das ihn zugrunde gerichtet hat, das er ins Jenseits mitgenommen hat? Er ist natürlich rein und von jedem schmählichen Verdacht frei … Fluch über den, der ihn in den Tod getrieben hat!«
Wer aber hat es getan?

X

Awgust Matwejitschs Tür stand ebenso offen wie die Türen aller Offizierszimmer; aber es brannte kein Licht darin, und im blassen Morgenscheine konnte man nur einen eleganten Reisekoffer und anderes Gepäck unterscheiden. In einer Ecke sah man das leicht aufgewühlte Bett.
Wenn man an diesem Zimmer vorbeiging, hatte man den Wunsch, stehenzubleiben und einen Blick hineinzuwerfen: Was birgt dieses Zimmer? Woher und warum ist dieses Unglück über uns gekommen?
Mich zog es, nachzuschauen, ob das verschwundene Geld nicht in diesem Zimmer war: Hat nicht der Pole selbst das Geld hier vergessen und dann diese ganze Geschichte inszeniert, die uns so viel Unannehmlichkeiten und den Verlust unseres schönen, jungen Kameraden gebracht hat? Ich war schon bereit, in das Zimmer einzudringen und es zu durchsuchen; glücklicherweise aber wurde ich rechtzeitig gestört.
Aus dem Ende des Korridors, wo sich das große Zimmer befand, in dem nachts gespielt und gezecht wurde, riefen mir in diesem Augenblick mehrere Stimmen zu: »Wohin? Wohin? – Diese Dummheit fehlt uns noch gerade!«
Ich fühlte mich auf einmal verlegen und entmutigt. Ich sah plötzlich ein, wie leichtsinnig mein Vorhaben war und wie leicht ich dabei in den Verdacht kommen könnte, in diese Sache verwickelt zu sein.
Ich bekreuzigte mich und ging mit raschen Schritten auf die Stimmen zu, die mich von meinem Vorhaben abgebracht hatten.
Vor dem noch finsteren, nach Norden gehenden Korridorfenster saßen auf der mit einer schmutzigen Pferdedecke bedeckten Bank, die dem Burschen des Rittmeisters als Lager diente, drei Offiziere und unser Regimentspfarrer. Der Pfarrer trug sein langes Haar zum Zopf geflochten und hatte einen üppigen blonden Vollbart, dem er den Namen »Vater Barbarossa« verdankte. Er war sehr gutmütig, nahm sich alle unsere Regimentsaffären zu Herzen, drückte aber seine Gefühle nicht durch Worte, sondern nur durch ein vielsagendes Kopfnicken und ein gedehntes »Ja« aus. Nur in den dringendsten Fällen sprach er etwas mehr und zeigte dann immer Geistesgegenwart und Findigkeit.
Die drei Offiziere und der Pfarrer rauchten abwechselnd aus zwei Pfeifen. Der Pfarrer saß in der Mitte der Gruppe und bekam daher die Pfeife von rechts und auch von links gereicht; so hatte er vom Rauchen den doppelten Genuß, den er außerdem noch auf die Weise vergrößerte, daß er sich nach jedem Zug aus der Pfeife das Gesicht mit dem herrlichen Vollbart bedeckte und den Rauch ganz langsam durch diesen eigenartigen Respirator hinausließ.
Diese guten Menschen saßen auf ihrer Bank, nahe beim Zimmer des Rittmeisters, das jetzt abgesperrt war; drinnen wurde lebhaft, aber gedämpft gesprochen. Man hörte mehrere Stimmen, konnte aber kein einziges Wort verstehen.
Hinter der verschlossenen Tür befanden sich unser Regimentskommandeur, der Rittmeister und der Urheber des ganzen Unglücks – Awgust Matwejitsch. Der Oberst selbst hatte die beiden Herren zu dieser Besprechung eingeladen, niemand wußte aber, was er von ihnen wollte. Die drei Offiziere und der Pfarrer hatten aus eigenem Antriebe den Posten in der Nähe des Zimmers bezogen, um den Kameraden zu Hilfe eilen zu können, wenn sich die Auseinandersetzung zuspitzen sollte.
Diese Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos: Das Gespräch wurde, wie gesagt, in höchst anständiger Form geführt; der Ton wurde immer weicher und klang zuletzt durchaus freundschaftlich und herzlich. Dann hörten wir, wie die Stühle zurückgeschoben wurden und wie zwei Herren sich der Tür näherten.
Der Schlüssel wurde umgedreht, und in der offenen Tür erschienen der Regimentskommandeur und Awgust Matwejitsch.
Ihr Gesichtsausdruck war, wenn auch nicht gerade ruhig, so doch jedenfalls friedfertig.
Der Oberst drückte dem Polen die Hand und sagte: »Ich freue mich, daß ich Ihnen die Gefühle entgegenbringen kann, die Sie mir unter diesen schrecklichen Umständen einzuflößen verstanden. Ich bitte Sie, meiner Aufrichtigkeit ebenso zu vertrauen, wie ich der Ihrigen vertraue.«
Der Pole verbeugte sich vor ihm mit großer Würde und begab sich schweigend auf sein Zimmer; der Oberst aber wandte sich an uns mit den Worten: »Ich eile nach Hause und bitte Sie, sich zum Rittmeister zu begeben: Sie werden von ihm erfahren, wie wir uns alle zu verhalten haben.«
Der Oberst nickte uns zu und begab sich zum Ausgang. Noch ehe die Türe hinter ihm ins Schloß gefallen war, füllten wir schon das Zimmer des Rittmeisters.

XI

Unser Rittmeister war ein Prachtkerl, aber nervös und aufbrausend. Er war schlagfertig und klug, konnte sich aber nicht beherrschen, und seine Redegabe war echt militärisch: Er verstand wohl zu befehlen, aber nicht zu erzählen und seine Gedanken darzulegen.
So war er auch in diesem Augenblick. Er riß seine Halsbinde von sich und warf uns allen wütende Blicke zu.
»Nun, das sind schöne Geschichten, nicht wahr?« wandte er sich an den Pfarrer.
Dieser sagte nur »Ja, ja, ja« und nickte.
»Das ist es eben: ja, ja, ja! Gute Werke haben schöne Folgen!«
Der Pfarrer sagte wieder: »Ja, ja, ja.«
»Das wäre aber eigentlich Ihre Sache!«
»Was denn?«
»Uns ganz andere Stimmungen beizubringen …«
»Ja.«
»Sie haben aber gar keinen Einfluß auf uns.«
»Unsinn!«
»Es ist kein Unsinn. Wozu sind Sie jetzt hergekommen? Viel notwendiger braucht man jetzt einen Küster, damit er bei der Leiche die Psalmen liest.«
»Wie steht es? Was sollen wir tun?« drangen die Offiziere in ihn. »Der Oberst ist fort, und Sie sind aufgeregt und machen dem Pfarrer eine Szene … Würden wir denn auf ihn hören, wenn er uns bekehren wollte? … Wo ist der Pole? Weiß der Teufel, ob er das Geld überhaupt gehabt hat. Was treibt er jetzt allein auf seinem Zimmer? Sagen Sie bitte, was Sie beschlossen haben! Wer ist der Schuldige?«
»Der Teufel ist der Schuldige! Sonst gibt es keinen Schuldigen!« antwortete der Rittmeister.
»Aber dieser Pole …«
»Der Pole ist über jeden Verdacht erhaben.«
»Wer hat Ihnen das eröffnet?«
»Wir selbst, meine Herren, wir selbst! Ich und unser Regimentskommandeur bürgen für ihn. Wir behaupten nicht, daß er der ehrlichste Mensch ist, wir sehen aber, daß er die Wahrheit spricht, daß er das Geld gehabt hat und daß es verschwunden ist. Nur der Teufel allein kann es gestohlen haben … Daß das Geld tatsächlich vorhanden war, folgt schon daraus, daß er auf die zwölftausend Rubel verzichtete, die der Oberst ihm in meiner Gegenwart anbot.«
»Er verzichtete?«
»Ja, und noch mehr als das: Er verpflichtete sich aus eigenem Antrieb, keine Anzeige über den Verlust zu erstatten und keinem Menschen auch nur ein Sterbenswort von dieser verfluchten Angelegenheit zu sagen. Kurz, er benahm sich so korrekt, vornehm und feinfühlend, wie man es nur wünschen kann.«
»Ja, ja, ja!« versetzte der Pfarrer.
»Der Oberst und ich gaben ihm im Namen aller das Wort, daß wir ihm unser volles Vertrauen entgegenbringen und uns während eines ganzen Jahres als seine Schuldner betrachten werden; wenn die Sache sich vor Ablauf dieses Jahres nicht aufklärt und das Geld nicht zum Vorschein kommt, so bezahlen wir ihm die zwölftausend Rubel, und er verpflichtet sich, sie anzunehmen …«
»Selbstverständlich nehmen wir diese Schuld auf uns und werden sie gewissenhaft abzahlen«, fielen ihm die Offiziere ins Wort.
»Meine Herren«, fuhr der Rittmeister etwas leiser fort, »er ist aber fest überzeugt, daß wir nichts zu zahlen brauchen werden; er behauptet, daß sich das Geld finden wird. Er sagt das so bestimmt und mit solcher Überzeugung, daß seine Erwartung sicher in Erfüllung gehen muß, wenn der Glaube wahrhaftig Berge versetzen kann. Ja, sie muß sich erfüllen, denn sie ist mit Blut erkauft … Er hat mit seinem Glauben auch mich und den Kommandeur angesteckt. Er bat uns zwar, ihn zu durchsuchen, wir verzichteten aber darauf. Wenn Sie es aber wünschen, so können Sie es noch nachholen; er sitzt in seinem Zimmer und erwartet Sie, Sie können es tun. Ich stelle Ihnen aber eine Bedingung: Alles muß unter uns bleiben. Sie müssen sich dazu mit Ihrem Ehrenwort verpflichten.«
Wir gaben ihm das Ehrenwort, durchsuchten aber den Polen nicht. Wir gingen nur alle zu ihm ins Zimmer und drückten ihm stumm die Hand.

XII

Und doch blieb in uns allen neben der Trauer um den Kameraden ein schwerer Zweifel zurück. An Saschas Leiche wurde indessen die Sektion vorgenommen, man fälschte den Tatbestand und schrieb ins Protokoll, daß er den Selbstmord »in einem Anfall von Wahnsinn« verübt habe; der Pfarrer segnete die Leiche ein, und der Küster las eintönig den Psalm: »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir.«
Wir waren alle in gedrückter Stimmung. Wir gingen auf und ab, rauchten bis zur Bewußtlosigkeit und weinten sogar ab und zu. Eine solche Jugend, eine solche Frische mußte erlöschen! … So wenig hatte er vom Honig gekostet und mußte schon sterben!
Wir alle, in Schlachten erprobte oder jedenfalls zu Schlachten bestimmte Männer waren auf einmal zu Waschlappen geworden. Der Pole verschob seine Abreise: Er wollte mit uns Sascha zum Grabe geleiten und dessen Vater sehen, der, gleich am Morgen benachrichtigt, gegen Abend ankommen sollte.
Wenn der Zimmerkellner Marko nicht gewesen wäre, so hätten wir wohl die Stunden der Mahlzeiten vergessen; er aber sorgte für uns und auch für die Leiche. Er wusch und kleidete sie ein, sagte uns, was und wo man kaufen müsse, und redete auf uns ein, wir sollten uns beruhigen.
»Alles geht nach dem Willen Gottes«, pflegte er zu sagen. »Wir sind wie Gras.«
Er war immer auf dem Sprung und machte allerlei Besorgungen. Man verhaftete die Hotelbediensteten unter verschiedenen Vorwänden und durchsuchte ihre Sachen. Auch Saschas Bursche wurde durchsucht und verhört, ob ihm der Selbstmörder vor dem Tode nichts übergeben hätte.
Der Soldat schien die Frage im ersten Augenblick nicht verstanden zu haben. Nach einer Weile antwortete er aber: »Der Herr Kornett hat mir keinerlei Geld übergeben.«
»Weißt du, was auf Hehlerei steht?«
»Jawohl.«
Selbstverständlich wurde er nicht von uns, sondern von den Gerichtsbeamten verhört, denen man bekanntlich keinen Überfluß an Zartgefühl vorwerfen kann.
Man ließ den Burschen laufen, und bald darauf sah man ihn schon mit dem Putzen von Saschas Reservestiefeln beschäftigt.

XIII

Abends kam der Vater, ein noch nicht sehr alter, etwa zweiundfünfzigjähriger Herr von angenehmem Äußeren. Er hatte eine militärische Haltung, trug die Uniform eines verabschiedeten Offiziers und Sporen, aber keinen Schnurrbart. Wir kannten ihn noch nicht und bemerkten gar nicht, wie er in das Zimmer seines Sohnes trat; wir sahen ihn erst, als er wieder herauskam.
Gleich nach seiner Ankunft fragte er nach dem Burschen, ließ sich von ihm ins Sterbezimmer führen und verblieb dort mit ihm unter vier Augen mehrere Minuten. Als er dann zu uns in den Saal trat, mußten wir über die stille Majestät in seinen Zügen staunen.
»Meine Herren«, sagte er, sich vor uns verbeugend, »ich stelle mich Ihnen vor: Ich bin der Vater Ihres unglücklichen Kameraden. Mein Sohn ist tot, er hat selbst Hand an sich gelegt und mich und seine Mutter in namenloses Unglück gestürzt … Aber er konnte nicht anders, meine Herren … Er starb wie ein Mann von Ehre und Gewissen. Und dies ist, glauben Sie es mir, mein einziger Trost.«
Mit diesen Worten ließ sich der alte Herr, der unsere Herzen sofort gefangengenommen hatte, in einen Sessel vor dem runden Tisch sinken, vergrub das Gesicht in die Hände und begann laut wie ein Kind zu schluchzen.
Ich reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas Wasser.
Er trank davon zwei Schluck, drückte mir freundlich die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen allen, meine Herren!«
Dann fuhr er sich mit dem Tuch übers Gesicht und sagte: »Das ist noch nicht das Schwerste … Was bin ich? Aber wie soll ich es meiner Frau sagen? Das Mutterherz wird es nicht ertragen können!«
Er wischte sich wieder die Tränen aus den Augen und begab sich zum Oberst, um sich ihm vorzustellen.
Auch zum Oberst sagte er, daß Sascha »wie ein Mann von Ehre und Gewissen« gestorben sei und daß er anders gar nicht habe handeln können.
Der Oberst starrte ihn lange an, lutschte dabei, wie es seine Gewohnheit war, an einem Bonbon und sagte schließlich: »Sie wissen doch, daß dem Selbstmord ein gewisser unglücklicher Umstand vorangegangen war. Wir sind ja miteinander verwandt, und ich kann und muß Ihnen alles sagen. Ich glaube an nichts, aber das Benehmen des Kornetts war immerhin etwas sonderbar …«
»Sein Benehmen war durchaus korrekt, Herr Oberst!«
»Ich glaube es Ihnen; wenn Sie aber doch den Schleier, der das Geheimnis vor uns verdeckt, ein wenig lüften wollten …«
»Ich kann es nicht, Herr Oberst …«
Der Oberst zuckte die Achseln.
»Was soll man machen?« sagte er. »Nun, mag es so bleiben.«
»Nur noch eines, Herr Oberst. Der fürstliche Generalbevollmächtigte wird sein Geld nicht vom Regiment, sondern von mir bekommen. Das ist mein trauriges Vorrecht.«
»Ich wage nicht zu widersprechen.«
Saschas Vater überreichte an diesem selben Tag dem Polen unter vier Augen die zwölftausend Rubel.
Awgust Matwejitsch nahm das Geld in die Hand, sagte »Um nichts in der Welt!« und steckte es dem Alten in die Tasche. Dann setzten sie sich einander gegenüber und fingen beide an zu weinen. »Großer Gott! Großer Gott!« rief der Alte. »Er hat so ehrenhaft, so vornehm gehandelt, und doch ist noch ein Bösewicht im Spiele, der den Diebstahl verübt hat.«
»Man wird ihn schon finden.«
»Ja, aber mein Sohn wird nicht wieder lebendig!«

XIV

Worin bestand nun das Geheimnis?
Damit meine Erzählung endlich einmal verständlich wird, muß ich es nun verraten: Sascha trug an seiner Brust das Aquarellbildnis seiner geliebten rosigen Kusine Anna, die nun die Frau seines Obersten war und just in dem Augenblick, in dem Sascha sich das Leben genommen, einem neuen menschlichen Wesen das Leben geschenkt hatte.
Dieses Bildnis war weniger das Pfand leidenschaftlicher Liebe als unschuldsvoller kindlicher Freundschaft und keuscher Gelübde; die rosige Anna war aber die Frau des Obersten geworden, dieser wurde auf ihren Vetter eifersüchtig, und Sascha mußte die Qualen eines Don Carlos erdulden. Als diese Qual ihn schon beinahe wahnsinnig gemacht hatte, kam die Geschichte mit dem Geld und der Durchsuchung, der obendrein auch noch der Oberst beiwohnte, dazwischen.
Sascha hatte das Geheimnis seiner Kusine treu bewahrt.
Als er die Pistole schon vor die Brust hielt, händigte er das Bildnis seinem Burschen ein und sagte ihm: »Ich beschwöre dich bei Gott: Übergib es dem Vater.«
Dieser gab es auch dem Vater vor dem Sarge des Sohnes.
Der Vater sagte, daß der Sohn wie ein Mann von Ehre und Gewissen gestorben sei.
Das Bildnis war unschuldig, ziemlich unähnlich und trug in winziger Schrift die Widmung: »Dem lieben Sascha seine treue Anna.«
Und kein Wort mehr …
Heute erscheint es komisch, vielleicht sogar dumm! Vielleicht ist es auch wirklich dumm. »Jede Zeit hat ihre Vögel, jeder Vogel hat sein Lied.« Ich will nichts rechtfertigen und nichts kritisieren; ich will nur von den Mahnern sprechen, die den Frauen interessant erschienen.
Was war eigentlich dieser Kornett Sascha? Eine Null oder sehr wenig – ein rosiger Knabe, ein Junker, ein gemästetes Muttersöhnchen in Uniform. Er hatte keinerlei bezaubernde Gaben außer der Gabe der Jugend und des unbeugsamen Gefühls für die persönliche Ehre der Frau … Sie werden wohl sagen: Ist denn das wert, daß man davor anbetend in die Knie sinkt? Ich will Ihnen aber erzählen, wie die Leute aufs Angesicht fielen!
Das Geheimnis, das ich Ihnen eben zum Verständnis der Geschichte eröffnen mußte, war damals natürlich keinem Menschen in der Stadt bekannt; der Bursche kannte es nur zum Teil, und nur der Vater begriff es vollkommen. Außerdem kam ein neuer Umstand hinzu, der die Sache noch dunkler und verworrener erscheinen lassen mußte: Der Zimmerkellner Marko erzählte vielen Leuten unter Diskretion, daß er mit eigenen Augen gesehen habe, wie der Bursche des Verstorbenen dem Vater etwas eingehändigt habe. Was mochte es wohl sein, das der eine so geheimnisvoll übergeben und der andere ebenso geheimnisvoll eingesteckt hatte? … Das weiß Gott allein!
Marko bekreuzigte sich und sagte: »Ich will keine Sünde auf meine Seele nehmen – ich konnte nicht sehen, was es war; ich sah nur ein in Papier eingewickeltes Paketchen.«
War das vielleicht das Geld? Warum sollte man unter diesen Umständen, die von Augenblick zu Augenblick verworrener wurden und den demoralisierenden Verdacht immer weiter um sich verbreiteten, nicht auch an eine solche Möglichkeit denken? … Ist denn nicht ein jeder, der ein Paar Hände hat, auch imstande, sich mit ihnen das Geld anzueignen? Den Dieb ausfindig zu machen – das ist die wichtigste Aufgabe; und die Pflicht eines jeden ist, keinen noch so winzigen verdächtigen Umstand außer acht zu lassen.
Ja, die Pflicht eines jeden, dessen argwöhnische Augen besser sehen als das lichte Auge eines rührseligen Herzens. Die Menschheit ist aber zu ihrem großen Glück auch seelischen Offenbarungen zugänglich; die Menschen betasten gleichsam die unsichtbare Wahrheit und ehren, durch nichts gehemmt, einem elementaren Triebe gehorchend, das Unglück mit ihren Tränen. Das sind heilige Stürme, die herabgesandt werden, um den dicken erstickenden Nebel zu zerreißen; sie sind ein Hauch aus dem Jenseits, sie sind eine Offenbarung, in der alles Verworrene klar wird.
Man ließ Marko nicht viel erzählen, was er alles gesehen haben wollte. Alle wußten, daß der Bursche dem Vater des unglücklichen Sascha ein weibliches Bildnis übergeben hatte. Keine einzige Menschenseele wollte daran auch nur einen Augenblick zweifeln; davon zeugte das Licht, wenn es ins Fenster des Zimmers blickte, in dem die geheimnisvolle Übergabe stattgefunden hatte; jeder Windhauch bestätigte es, und die Lerche sang davon, wenn sie in den Himmel stieg.
Saschas Beerdigung war nicht feierlich und nicht einmal rührend, sondern erschreckend. Sie haben wohl alle, meine Herren, sogenannte »prunkvolle« Beerdigungen gesehen. Ich meine gar nicht die Beerdigungen mit großer Parade, in denen sich nur die menschliche Eitelkeit äußert. Denken Sie aber an die uns aus Beschreibungen bekannte Beerdigung Gogols, Nekrassows oder Dostojewskijs, die allgemein als »weltgeschichtliche Ereignisse« angesehen wurden. Sicher war in allen diesen Fällen auch viel aufrichtiges Gefühl dabei, die Aufrichtigkeit wurde aber von Nebensächlichkeiten erdrückt. Ich selbst habe der Beerdigung des Generals Skobelew in Moskau beigewohnt. In diesem Falle war vielleicht etwas mehr echte Trauer zum Durchbruch gekommen … Sie können mich auslachen, wenn Sie wollen, ich muß aber sage, daß Saschas Beerdigung auf mich einen unvergleichlich tieferen Eindruck gemacht hat als jede andere … Auch er wurde als Offizier mit allen vorgeschriebenen militärischen Ehren beerdigt, aber alle diese Zeremonien standen nicht im Vordergrund und wurden von den meisten überhaupt nicht beachtet. Die echte Trauer der Menschen, die von überall herbeigeströmt waren, um beim Anblick seines jugendlichen, totenblassen Gesichts zu weinen und vor Kummer zu vergehen, hatte alles andere erdrückt und die ganze Luft in Beben versetzt.

XV

Wir hatten zu dieser Beerdigung niemand außer den Angehörigen der Schwadron, in der der Verstorbene gedient hatte, eingeladen; die Leute strömten aber auch ungeladen von allen Seiten herbei. Auf dem ganzen Weg vom Hotel bis zur Friedhofskirche standen Menschen aller Stände Spalier. Die Frauen waren in der Mehrzahl. Niemand hatte ihnen erklärt, was sie zu beweinen hätten. Sie wußten es aber selbst und trauerten um das junge Leben, das sich aus »adliger Gesinnung« selbst vernichtet hatte. Ich gebrauche gerade dieses Wort, das damals in aller Munde war: »Der Arme ist für seine adlige Gesinnung gestorben!«
»Hat sich für sein Herzliebchen aufgeopfert!«
Da steht so eine alte Tante aus der Vorstadt und jammert: »Der Liebe, Herzige … hat aus adliger Gesinnung das Leben hingegeben …«
Und wo man auch lauschte, überall konnte man nur ähnliche warme, herzliche Worte hören. Alle duzten ihn dabei und bemühten sich, möglichst freundlich zu sprechen, gleichsam sein Herz zu liebkosen: »Mein lieber Kleiner! … Du Junger, Edler! … Du mein gefühlvoller Engel! …Wie sollte man dich nicht lieben?!«
Alles in diesem Sinne. Damen vom Adel, Kaufmannsfrauen, Popentöchter, Kleinbürgerinnen, Dienstmädchen und Varieté-Zigeunerinnen – diese letzteren als Meisterinnen und Priesterinnen des tragischen Stils in der Liebe in erster Linie –, alle stammeln mit bebenden Lippen herzliche Worte und beweinen ihn wie ihren besten Freund, wie ihren eigenen Geliebten, als ob sie ihn zum letzten Male in ihren Armen hielten und liebkosten.
Alle diese Frauen waren aber in keiner Beziehung hervorragend; sie kannten Sascha auch gar nicht, hatten ihn vorher noch nie gesehen und hätten ihn vielleicht auch nicht liebgewonnen, wenn sie ihn, so wie er im Leben war, mit allen seinen guten und schlechten Eigenschaften gekannt hätten. Aber jetzt, wo sie wußten, daß er aus »adliger Gesinnung« für sein »Herzliebchen« gestorben war, hatten sie gar keine Zeit, sich durch irgendwelche Überlegungen zu ernüchtern: Sie konnten nur weinen und klagen … Jede Seele verging vor Wehmut.
Der bekannte Kanzelredner, Erzbischof Innokentij, rührte einmal alle Herzen, als er statt einer richtigen Grabpredigt nur die Worte sagte: »Er liegt im Sarge – laßt uns weinen.« Nur diese Worte sagte er, und bei allen flossen die Tränen. Ein Fieber hatte alle Herzen ergriffen. Als die Frauen Sascha im Sarge sahen (in unseren Städten werden die Toten in offenen Särgen zum Friedhof getragen), fanden sie sein durchaus gewöhnliches Gesicht erhaben und herrlich. Sie sagten: »In diesem Gesicht steht geschrieben: Treue bis in den Tod!«
Es ist ganz gleichgültig, ob in seinem Gesicht tatsächlich das oder etwas ganz anderes geschrieben stand. Sie lasen nur das, was ihre Augen sahen, und das genügte.
Alle Lippen zittern, und alle Gesichter sind feucht von Tränen; alle sind gerührt und alle sprechen zu ihm: »Schlaf, schlaf, du Märtyrer!«
In der Kirche herrscht eine andere, noch stärkere Stimmung. Keine Predigt wagt den heiligen Schauer der Grabgesänge des Johannes von Damaskus zu stören. Seine poetischen Wehklagen brennen und heilen zugleich die Wunde.
Ich muß Ihnen, meine Herren, sagen, daß wir uns wirklich vor dem Herrn niederwarfen! … Wie groß Saschas Vergehen, vom Standpunkte der theologischen Wissenschaft aus betrachtet, war, konnten die ihn Beweinenden nicht beurteilen; sie flehten aber den Herrn so inständig an, ihn »in seine himmlischen Wohnungen aufzunehmen«, daß ich gar nicht weiß, wie man diese Herzensschreie mit den Gründen jener Wissenschaft in Einklang bringen soll. Ich kann es jedenfalls nicht.
Es wird oft behauptet, daß es heute keinen guten Prediger mehr gäbe. Ist dieser Vorwurf auch gerechtfertigt? Man versteht es freilich nicht besonders gut zu predigen, es ist aber auch gar nicht nötig, wo es die Sitte verlangt, zu reden. Es gibt Fälle, wo es besser ist, einfach zu weinen, wo ein gewöhnliches »Vergib!« oder »Nimm ihn auf!« viel eindringlicher ist als jede Predigt, die zuweilen mit verstiegenen Worten entweder die Vernunft oder das Gefühl verletzt. Denken Sie nur an den Großinquisitor bei Schiller. Darum ziehe ich auch die Beerdigung nach orientalischem Ritus vor. Man kommt und geht wie auf den Ruf des Propheten Jesajas: »So kommt und laßt uns miteinander rechten …« Wie soll man aber mit Ihm rechten? Es ist ja klar, wer siegen wird. Du kannst aber alles, Du hast den Menschen berufen … Vergiß, verzeih und vergib ihm alles, worin er sich vor Dir nicht rechtfertigen kann …
Man denkt an die Parabel vom Mächtigen, der nichts fürchtete und nichts scheute; als man aber mit großem Eifer in ihn drang, da sagte er: »Ich werde es tun.« Und man fühlt sich beruhigt.
Und Er, der das Ohr erschaffen hat, um alles zu hören, kann Er denn einschlafen und dem Flehen so vieler gerührter Herzen kein Gehör schenken …?
Bei Saschas Beerdigung gab es einen Zwischenfall mit einer Dame, der Witwe eines bekannten Staatsmannes. Die Dame war von altem Adel, sehr klug, sehr wohlerzogen, hatte aber den Zunamen: »Schlange«. Dieser Zuname war eigentlich recht ungeschickt gewählt: Man nannte sie so, nicht weil sie böse war – nein, sie tat niemand etwas zu Leide! –, sondern weil sie so furchtbar spöttisch war. Diese Dame mochte nichts Russisches: weder die Sprache noch die Religion, noch die Sitten. Sie verachtete das alles, und zwar nicht aus Leichtsinn oder Originalitätssucht, sondern tief, aufrichtig und bewußt. Sie tadelte nichts und verwarf nichts, sie war einfach der Meinung, daß alles Russische nicht die geringste Beachtung verdiene. Sie wunderte sich sogar, daß die Geographen es für nötig hielten, dieses Land in die Landkarten einzuzeichnen. Ja, solche Damen hat es damals gegeben! Als diese »Schlange« hörte, daß alle Leute irgendeinen Offizier beweinten, der sich aus »adliger Gesinnung« erschossen hatte, ließ sie die Doppeltür ihres Balkons, an dem der Leichenzug vorbeiging, aufmachen und trat mit einem Lorgnon in der Hand hinaus. Ich kann mich noch gut an sie erinnern: schlank, in einem roten, mit Zobel gefütterten Mantel steht sie auf dem Balkon und blickt durch ihr Lorgnon herab.
Unser jugendlich schöner Sascha aber schwimmt wie ein vom Winde abgebrochener Zweig über dem Meer der Menschenköpfe vor ihren Blicken vorbei.
Die Schlange unterdrückt einen Seufzer und wendet sich an die Engländerin, die neben ihr steht: »Die Jugend ist überall wahnsinnig, der Wahnsinn gleicht oft dem Heldentum, und das Heldentum gefällt der Menge.«
Die Engländerin erwidert:
»O yes!« Dann sagt sie noch, daß sie das allgemeine Gefühl interessiere, von dem diese ganze Menge ergriffen sei. Der Ausländerin zu Gefallen läßt sich die Schlange herab, mit ihr in die Kirche zu gehen, wo der Hammer des Sargtischlers den letzten Punkt hinter diese Geschichte setzen wird.

XVI

Gegen alle Gesetze der Architektonik und Ökonomie im Aufbau der Erzählung habe ich zum Schluß diese neue Person auftreten lassen und muß ihr nun einige Worte widmen, damit Sie wissen, wie giftig sie war. Als ihr Gatte noch lebte, bekamen sie einmal Besuch von einer hochgestellten Persönlichkeit, der sich ihr Mann in seinem ganzen Glanze zeigen wollte; sie verachtete aber den Mann ebenso wie alle andern Menschen, vielleicht auch etwas mehr. Der Mann wußte es und bat sie, ihn wenigstens bei dieser Gelegenheit nicht bloßzustellen. Er bat sie nur um den einen Gefallen: »Widersprechen Sie mir wenigstens in Gegenwart des Gastes nicht.«
Sie sah ihn an und versprach ihm: »Ich bin sogar bereit, Sie zu unterstützen.«
Der Mann dankte ihr dafür mit einer Verbeugung. Der hohe Gast war gutmütig und gab sich gerne einfach. Diesmal wollte er den Vortrag des ihm unterstellten Würdenträgers im häuslichen Kreise, am Teetisch, hören, wo ihm die Hausfrau selbst den Tee kredenzte. Der Hausherr begann nun zu prahlen, wie gut er alles wisse, kenne, voraussehe und zum allgemeinen Wohle ordne … Er sprach und sprach und verschnappte sich zuletzt und sagte auch etwas Wahres. Die »Schlange« fiel in diesem Augenblick ein und bestätigte: »Voilà ça c’est vrai!«
Nur dieses sagte sie. Dem Gast genügte es aber; er lachte auf, küßte ihr die Hand und sagte ihrem Gemahl: »Es ist genug: Ich will annehmen, daß tout ça est vrai!«
Als der Gemahl nach diesem Vorfall starb, ließ sie sich hier mit ihrer Engländerin nieder und widmete sich ganz der Lektüre ausländischer Bücher.
Sie erschien sonst niemals in der Öffentlichkeit. Als sie nun mit ihrer Engländerin in die Kirche trat, in der Saschas Leiche eingesegnet wurde, erregte sie allgemeines Aufsehen, und alle machten ihr Platz. Die Menge selbst schob die beiden Damen nach vorne, gleichsam um sie besser sehen zu können. Dem Himmel war es aber nicht genehm, daß etwas Nebensächliches die allgemeine Aufmerksamkeit von den Dingen ablenke, die den Verstorbenen am nächsten angingen.
Im selben Augenblick, als diese beiden imposanten Damen sich durch die Menge bewegten, erschien in der Kirchentüre eine dritte weibliche Gestalt, eine bescheidene Dame in schwarzem Pelzmantel, der noch von der Reise verstaubt war. Ihr Gesicht war der Kummer selbst. Niemand kannte sie, alle hatten sie aber sofort erkannt, und durch die Menge ertönte das Wort: »Die Mutter!«
Man ließ ihr eine breite Straße zu dem ihr so teuren Sarge frei.
Sie ging schnell, beide Arme vor sich ausgestreckt, durch die Menge, die ihr gewichen war, und als sie den Sarg erreichte, umschlang sie ihn mit beiden Armen und erstarrte …
Und alles fiel nieder und erstarrte zugleich mit ihr. Alle sanken in die Knie, und es wurde so still, daß wir alle ihr Flüstern hörten, als die Mutter sich erhob und den toten Sohn bekreuzigte: »Schlaf, mein armer Junge … Du bist als Ehrenmann gestorben …«
Sie hatte diese Worte ganz leise, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung der Lippen gesprochen, und doch drangen sie allen ins Herz, wie wenn wir alle ihre Kinder gewesen wären.
Nun erklang der Hammer des Sargtischlers, man trug den Sarg zur Ausgangstür; der Vater führte die unglückliche Mutter am Arm, während ihre stillen Blicke in die Höhe gerichtet waren. Sie wußte wohl, woher sie die Kraft, solches Leid zu tragen, schöpfen sollte, und sie merkte gar nicht, wie junge Frauen und Mädchen sich um sie drängten und ihr wie einer Heiligen die Hände küßten.
Auf dem Weg vom Grabe bis zum Friedhofstor gab es wieder das gleiche Gedränge, die gleiche Bewegung.
Vor dem Tor, wo der Wagen auf sie wartete, schien die Mutter zur Besinnung gekommen zu sein; sie wandte sich um und wollte allen »Danke!« zurufen, wurde aber beinahe ohnmächtig. Die »Schlange«, die neben ihr stand, stützte sie und küßte ihr die Hand.
So sehr hatte unser armer Sascha alle Herzen gerührt und gefangengenommen; so wurde sein einfacher und vielleicht gar nicht ordentlich überlegter Entschluß, »die Frau nicht zu verraten«, belohnt und geehrt.
Niemand fragte sich, was das für eine Frau gewesen und ob sie dieses Opfers auch wert sei. Das war allen gleich. Was war das auch für eine Liebe, und worauf war sie gegründet? Alles hatte im Kinderzimmer, wo sie »Vater und Mütter« spielten, begonnen; dann trennten sich ihre Wege. Sie ist ja so leer, daß sie mit ihrem Mann vielleicht auch glücklich ist. Er hat sich aber irgendeinen Fetzen aufgehoben und tötet sich dieses Fetzens wegen … Das ist ja ganz gleich! Er ist schön, er ist allen interessant! Es ist so leicht und so süß, um ihn zu weinen. Mit einem Worte: Hier ist niemand durch gesperrten Druck besonders hervorzuheben; alle spielen ihre Rollen mit gleichem Ernst und Talent, wie die Mitglieder der Meiningenschen Hoftruppe, die vor kurzem ganz Petersburg in Entzücken versetzt hat. Alles war mit so tiefem Ernst inszeniert!
Die Engländerin, die ich vorhin erwähnte, stand uns doch sicher am fernsten. Sie mußte Saschas Tat ja mit ganz anderen Augen betrachten als die Varieté-Zigeunerinnen, die ihn beweinten; man könnte annehmen, daß sie sich die Sache nur ansehen und sich dann wieder in ihr Gehäuse zurückziehen würde. Aber nein: Auch sie mußte ihren Pinselstrich dem allgemeinen Gemälde beisteuern. Sie schrieb Notizen über Rußland und machte die Sache sehr gründlich an Hand der bereits erschienenen Werke über unsere Heimat. Sie vervollständigte die von anderen gemachten Beobachtungen über unsere Sitten durch ihre eigenen Wahrnehmungen. Den älteren Werken entnahm sie die Behauptung, daß »die Weiber nirgends so gemein behandelt werden wie in Moskowien«. Um die von ihr gemachte neue Wahrnehmung zu ergründen, wählte sie einen passenden Zeitpunkt und wandte sich an Saschas Vater selbst. Sie schrieb ihm einen sehr gemütvollen und höflichen Brief, in dem sie ihrem Mitgefühl Ausdruck gab und der großen Würde, mit der er und seine Gattin das schwere Leid trugen, hohe Bewunderung zollte. Zum Schluß richtete sie an ihn die Frage, wo sie ihre Erziehung genossen hätten, der sie diese würdigen Gefühle verdankten?
Der Alte antwortete, daß seine Frau ein französisches Pensionat besucht habe, während er selbst von einem Monsieur Ravel aus Paris erzogen worden sei.
Die Engländerin fand dies sehr seltsam, die »Schlange« aber gab ihr die Aufklärung: »Wenn sie von einem Seminaristen erzogen worden wären, so hätten Sie wohl überhaupt keine Antwort bekommen.«
Damals war man nämlich der Ansicht, daß alles Rohe und Plumpe aus den Priesterseminaren komme.

XVII

Nun muß ich auch noch die kriminelle Seite der Angelegenheit erledigen. Ob das Geld wirklich gestohlen worden war oder nicht, jedenfalls wurde, wie Sie sich wohl erinnern, beschlossen, dem Polen seinen Verlust zu ersetzen. Auch dies hatte noch seine Fortsetzung.
Außer den Regimentskameraden gab es noch einen freiwilligen Schuldner, und zwar einen sehr hartnäckigen – ich meine Saschas Vater. Den Polen kostete es große Mühe, das Geld, das er ihm unbedingt aufdrängen wollte, zurückzuweisen. Awgust Matwejitsch benahm sich in der ganzen Affäre überhaupt außerordentlich korrekt und vornehm, und wir hatten ihm auch nicht das geringste vorzuwerfen. Niemand zweifelte mehr daran, daß er das Geld gehabt hatte und daß es verschwunden war. Warum hatte er denn sonst auf die ihm angebotene Zahlung verzichtet und was brauchte er überhaupt die ganze unangenehme Geschichte mit dem blutigen Ende?
Die ganze Einwohnerschaft der Stadt, vor der wir unser nächtliches Erlebnis natürlich nicht geheimhalten konnten, war der gleichen Ansicht; ein einziger Mensch sah aber die Sache doch ganz anders an und gab uns damit eine harte Nuß zu knacken.
Es war der sonst wenig interessante, von mir schon einige Male erwähnte Zimmerkellner Marko. Er war nicht so leicht zu durchschauen: Obwohl wir unsere Bekanntschaft mit Awgust Matwejitsch nur ihm zu verdanken hatten, stand er jetzt durchaus nicht auf seiner Seite, was er uns auch selbst gestand.
»Ich bin bereit«, sagte er, »jede Kirchenbuße auf mich zu nehmen, weil ich Sie mit dem Herrn bekannt gemacht habe; jetzt glaube ich aber, daß es weniger meine Schuld als Gottes Wille war. Und Ihre ganze jetzige Sympathie für ihn beruht nur darauf – nehmen Sie es mir nicht übel! –, daß er nicht russischer Abstammung ist. Er aber hat es verschuldet, daß unser Geschäft jetzt in schlechtem Rufe steht und daß die Polizei unsere Angestellten unter allen möglichen Vorwänden einsperrt und überall nach dem Gelde forscht … Es ist nur Sünde und nichts als Sünde …« schloß Marko und zog sich in seine finstere Kammer zurück, wo er einen mächtigen Heiligenschrein hatte, vor dem immer ein ewiges Lämpchen brannte.
Marko tat uns irgendwie leid. Manchmal stand er stundenlang vor den Heiligenbildern und dachte über etwas nach.
»Was denkst du immer, Marko?«
Er zuckt die Achseln und antwortet: »Wie sollte ich nicht denken, meine Herren? So ein Unglück, so eine Schande … eine Christenseele ist zugrunde gegangen!«
Diejenigen, die mit ihm öfters sprachen, kamen zuerst auf einen neuen Gedanken, in den sie nach und nach auch die anderen einweihten.
»Marko ist ein einfacher Mensch«, pflegten sie zu sagen, »aus dem Bauernstande, ist aber klug und hat den gesunden Menschenverstand eines einfachen russischen Bauern.«
»Und ist obendrein ehrlich.«
»Ja, auch ehrlich. Sonst hätte ihm der Hotelbesitzer das Geschäft gar nicht anvertraut. Er ist eben ein sehr zuverlässiger Mensch.«
»Ja, ja, ja«, bestätigte der Pfarrer, den Rauch durch seinen breiten Bart blasend.
»Er sieht die Dinge ganz einfach an und merkt darum manches, was wir nicht merken. Er beurteilt die Sache so: Wozu hat der die ganze Sache eingebrockt? Das Geld will er ja nicht nehmen. Also braucht er das Geld gar nicht …«
»Es ist klar, daß er es nicht braucht, wenn er es nicht nimmt.«
»Natürlich! Er hat ja das Ganze auch nicht des Geldes wegen eingebrockt …«
»Wozu denn sonst?«
»Fragen Sie Marko danach und nicht mich.«
Auch der Pfarrer sagte: »Ja, ja, ja, wollen wir Marko hören.«
»Und was sagt Marko?«
»Marko sagt: Traue dem Polen nicht.«
»Warum denn?«
»Weil er eben Pole und Ketzer ist.«
»Aber erlauben Sie doch! Ketzer ist eine Sache für sich, und Dieb wieder eine Sache für sich. Die Polen sind ein Volk mit großer Ambition, und es ist nicht ganz anständig, von ihnen so zu denken.«
»Aber erlauben Sie, erlauben Sie!« unterbricht der von Marko inspirierte Kamerad: »Sie sagen: Man darf von ihm nicht so denken; Sie wissen aber gar nicht, was für ein Denken ich meine … Von einem Diebstahl ist nicht die Rede, nicht der geringste Verdacht liegt gegen ihn vor; der Pole hat aber das, was Sie vorhin selbst sagten: Ambition.«
»Was für ein Interesse hat er dann, daß das Geld verschwunden sein soll?«
»Was für ein Interesse er daran hat?«
»Jawohl!«
»Fällt Ihnen denn selbst gar nichts ein?«
Alle dachten angestrengt nach: Was kann mir dazu einfallen?
»Nein, uns fällt nichts ein.
»Das kommt eben davon, daß Ihre Köpfe mit Adel vollgestopft sind. Der einfache russische Bauer sieht aber, was der Pole will.«
»Nun, was will er denn? Sagen Sie es einmal, es geht uns doch alle an!«
»Ja, es geht uns alle an … Es liegt im Interesse seiner Heimat, uns diese Schande anzutun.«
»Mein Gott!«
»Selbstverständlich! Nun kann er überall verbreiten, daß in der Gesellschaft russischer Offiziere ein gemeiner Diebstahl möglich ist.«
»Wenn es sich so verhält, wie Sie es meinen …«
»Natürlich verhält es sich so!«
»Hol ihn der Teufel!«
»Was für ein tückisches Volk die Polen doch sind!«
Auch der Pfarrer war der gleichen Ansicht und sagte: »Ja, ja, ja!«
Wir überlegten uns die Sache noch weiter und kamen zum Entschluß, daß man Markos Kombination auch dem Kommandeur mitteilen müsse; man dürfe ihm aber nicht verraten, daß die Idee von Marko stamme, weil es den Eindruck abschwächen könnte; man müsse sich vielmehr auf eine andere Quelle von größerer Autorität und geringerer Verantwortlichkeit berufen.
»Jemand hat es im Wirtshaus beim Billardspiel erzählt …«
»Nein, das klingt nicht gut. Der Oberst wird darauf sagen: Sie haben so etwas gehört und sind nicht eingeschritten? So einen Kerl hätten Sie doch auf der Stelle verhaften müssen!«
»Man muß eben etwas anderes ausdenken.«
»Was denn?«
Hier half uns der Pfarrer: »Sie sagen einfach, daß Sie es im Dampfbad gehört haben.«
Dieser Vorschlag gefiel allen. Das war ja in der Tat klug erdacht: Das Dampfbad ist ein öffentlicher Ort, da reden und schreien alle durcheinander, und alle sind nackt. Wer hat es gesagt? – Geh einer hin und stelle es fest; da müßte man doch alle verhaften, denn im Dampfbad sind alle Menschen nackt und gleich.
Man nahm diesen Vorschlag an und ersuchte den Pfarrer, ihn auch auszuführen.
Der Pfarrer ging am nächsten Tag zum Obersten und erzählte es ihm.
Der Oberst zeigte für das Gerücht Interesse und sagte: »Das Schlimmste dabei ist, daß es schon zu einem allgemeinen Gerede geworden ist. Selbst im Bade sprechen die Leute schon davon.«
Der Pfarrer fiel ein: »Ja, ja, ja! Ich habe es selbst im Bad gehört.«
»Und Sie konnten wirklich nicht feststellen, wer das gesagt hat?«,
»Nein, ich konnte es beim besten Willen nicht.«
»Das ist sehr schade.«
»Ja … Ich hätte es selbst gerne festgestellt, konnte es aber nicht, weil im Bade alle Menschen gleich sind. Uns geistliche Personen kann man noch einigermaßen unterscheiden, weil wir zwar Männer sind, aber Zöpfe tragen. Doch die anderen Menschen sehen einander vollkommen gleich.«
»Sie hätten ja den, der es gesagt hat, bei der Hand packen können.«
»Bedenken Sie doch, ein eingeseifter Mensch kann mir leicht entschlüpfen! Außerdem befand ich mich gerade auf der obersten Dampfbank und konnte den Betreffenden nicht einmal mit der Hand erreichen.«
»Na ja – wenn Sie ihn nicht erreichen konnten, so ist eben nichts zu machen … Nun glaube ich, das Beste wäre, die Sache jetzt auf sich beruhen zu lassen … Es ist ja schon einige Zeit verstrichen, und der Pole hat uns das Wort gegeben, nach einem Jahre wieder herzukommen … Ich glaube, daß er sein Wort halten wird. Sagen Sie mir bitte folgendes: Was halten Sie, als Geistlicher, von den Träumen? Sind die Träume Unsinn oder nicht?«
Der Pfarrer antwortete:
»Das hängt von den Überzeugungen ab …«
»Von was für Überzeugungen?«
»Nein, ich wollte etwas anderes sagen … Es gibt Träume, die von Gott kommen und den Menschen erleuchten; es gibt auch natürliche Träume, die von der Verdauung kommen; es gibt auch verderbliche Träume, und diese sind vom Bösen.«
»So ist es eben«, antwortete der Oberst. »Aber das ist wohl noch nicht alles. Wo würden Sie folgenden Traum einreihen: Meine Frau ist, wie Sie wissen, jung, und der verstorbene Kornett war ihr Vetter und Jugendfreund; sein Tod hat sie daher sehr erschüttert und abergläubisch gemacht. Außerdem ist unser Kind gestorben. Kurz vorher hatte sie aber einen Traum.«
»Was Sie nicht sagen!«
»Ja, ja, ja. Was die Träume betrifft, so beurteilt sie diese so, wie Sie eben sagten. Ich stehe nicht auf diesem Standpunkte, will aber dem auch nicht widersprechen. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß man schlechte Träume hat, wenn man spät zu Abend ißt; solche Träume kommen offenbar vom Magen.«
»Ja, vom Magen«, stimmte der Pfarrer zu. »Die meisten Träume kommen vom Magen.« Der Oberst ließ ihn aber noch nicht los.
»Jawohl«, fuhr der Oberst fort, »das ist eben die Sache, daß sie keinen Traum, sondern eine Vision gehabt hat …«
»Was, eine Vision?«
»Ja, eine Vision: Sie sieht und hört es nicht im Schlafe und nicht mit geschlossenen Äugen, sondern im Wachen …«
»Das ist seltsam.«
»Sehr seltsam – um so mehr, als sie ihn noch nie gesehen hat!«
»Ja, ja, ja … Wen hat sie nicht gesehen?«
»Den Polen natürlich!«
»Ach so! … Ja, ja, ja! Ich verstehe.«
»Meine Frau hat ihn niemals gesehen, weil sie während jenes unglücklichen Ereignisses zu Bett lag. Sie konnte nicht einmal von der Leiche des Unglücklichen Abschied nehmen – wir verheimlichten vor ihr seinen Tod, damit ihr die Milch nicht in den Kopf steige.«
»Behüte Gott!«
»Gewiß … Natürlich wäre schon der Tod besser als das … Es ist wohl Wahnsinn. Aber denken Sie sich nur: Er verfolgt sie auf Schritt und Tritt!«
»Der Verstorbene?«
»Aber nein – der Pole! Ich bin jetzt sogar sehr froh, daß Sie mich nach dem Bade aufgesucht haben und ich mit Ihnen darüber sprechen kann. Vielleicht können Sie mir dazu auf Grund Ihrer geistlichen Praxis etwas sagen.«
Und der Oberst erzählte dem Pfarrer, daß unsere junge, rosige Kommandeuse immer den Polen vor sich sehe. Sie schildere unseren Awgust Matwejitsch, wie er leibt und lebt, und er komme ihr wie eine altmodische englische Standuhr vor …
Als der Pfarrer das hörte, sprang er förmlich auf.
»Das ist ja einfach unglaublich!« rief er aus. »Alle Offiziere nennen ihn ja ›die Standuhr‹!«
»Darum erzähle ich es eben, weil es so unglaublich ist! Stellen Sie sich nun vor, daß wir in unserm Salon just eine solche altmodische Standuhr, obendrein eine mit einem Glockenspiel stehen haben; wenn man sie aufzieht, so hört das Bimmeln gar nicht auf. Meine Frau fürchtet sich sogar, in der Dämmerung durch den Salon zu gehen. Wir können aber die Uhr nirgends fortschaffen; sie soll auch sehr wertvoll sein, und meine Frau hat sie jetzt auch selbst liebgewonnen.«
»Warum eigentlich?«
»Sie sinnt gerne … sie glaubt, im Pendelschlag etwas zu hören … Sie hört darin immer die Worte: ›Ich – such! – Ich – such!‹ Jawohl! Sie fühlt sich dadurch irgendwie angezogen und hat zugleich unheimliche Angst … Sie schmiegt sich immer an mich und will, daß ich sie in den Armen halte. Ich glaube sogar, daß sie wieder in Umständen ist.«
»Ja, ja … das ist ja bei einer verheirateten Frau wohl möglich … Sogar sehr möglich!« platzte der Pfarrer heraus. Mit diesen Worten lief er davon und kam zu uns, so verschwitzt, wie wenn er tatsächlich aus dem Dampfbad käme. Er erzählte uns alles in einem Zug, ersuchte uns aber, alles geheimzuhalten.
Der Verlauf seiner Unterredung mit dem Obersten gefiel uns übrigens nicht. Wir waren der Ansicht, daß der Oberst der ihm mitgeteilten Entdeckung nicht die gebührende Beachtung geschenkt und sie auf eine ganz unpassende Weise mit seinen eigenen Eheangelegenheiten in Verbindung gebracht habe.
Einer von uns, ein Kleinrusse, fand dafür sofort eine Erklärung.
»Die Mutter des Obersten«, sagte er, »heißt Veronika Stanislawowna.«
Die anderen fragten ihn: »Was wollen Sie damit sagen?«
»Nichts weiter, als daß seine Mutter Veronika Stanislawowna heißt.« Man deutete es natürlich in dem Sinne, daß die Mutter des Obersten Polin sei und er daher ungern derartige Ansichten über die Polen höre.
Unsere Offiziere beschlossen, den Obersten gänzlich aus dem Spiel zu lassen, und wählten einen Kameraden, der imstande war, jeden beliebigen Menschen tätlich zu beleidigen. Dieser Kamerad nahm Urlaub und begab sich auf die Suche nach Awgust Matwejitsch, um ihn zu zwingen, das Geld anzunehmen; falls er die Annahme verweigern sollte, würde er ihn ins Gesicht schlagen.
Er hätte diesen Beschluß auch sicher ausgeführt, wenn er ihn gefunden hätte. Nach der Fügung des Himmels kam es aber ganz anders.

XVIII

An einem heißen Tag Ende Mai kam ganz unerwartet Awgust Matwejitsch in eigener Person angefahren. Er lief schnell die Treppe hinauf und rief: »He, Marko!«
Marko, der in seiner Kammer war, wo er wohl vor den Heiligenbildern betete, kam sofort herausgesprungen.
»Awgust Matwejitsch«, ruft er, »nun sind Sie endlich wieder einmal hier!«
Jener aber antwortet: »Ja, mein Lieber, ich bin wieder hier. Und du, Schurke, gießt noch immer deine Kirchenglocken und verbreitest, damit sie besser läuten, unsinnige Gerüchte über anständige Menschen?«
Und mit diesen Worten schlägt er ihn ins Gesicht.
Marko fällt um und schreit: »Was ist denn das? … Wofür? …«
Wir alle, die gerade zu Hause waren, sprangen aus unseren Zimmern heraus und wollten schon für Marko eintreten. Was hat er denn für ein Recht, Marko zu schlagen: Marko ist ja so ehrlich!
Awgust Matwejitsch aber sagt: »Ich bitte Sie, einen Augenblick zu warten: Mir folgen auf dem Fuße noch andere Gäste, in deren Gegenwart ich Ihnen seine Ehrlichkeit beweisen werde. Ich bitte Sie nur, ihn nicht anzurühren, damit ich ihn für keinen Augenblick aus den Augen verliere.«
Wir traten etwas zurück, und im nächsten Augenblick kam schon die Polizei. Awgust Matwejitsch wandte sich an die Beamten und sagte: »Wollen Sie ihn verhaften: Ich übergebe Ihnen hiermit einen völlig überführten Dieb, und hier sind die Beweise.«
Und er legte eine Bestätigung vor, aus der hervorging, daß die Glockengießerei von Marko eine Banknote erhalten hatte, deren Nummer mit einer der Banknoten, die Awgust Matwejitsch am Tage vor dem Diebstahl ausgezahlt bekam, übereinstimmte.
Marko fiel auf die Knie und gestand, wie die Sache war. Awgust Matwejitsch hatte gleich nach seiner Ankunft die Banknoten aus der Tasche genommen und unter das Kopfkissen gesteckt. Diesen Umstand hatte er später vergessen und sich eingebildet, das Geld befinde sich noch in seiner Rocktasche. Als Marko ihm das Bett machte, fand er das Geld und eignete es sich an, in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde, jemand anderen in die Sache zu verwickeln, was ihm, wie wir gesehen haben, auch wirklich gelang. Um seine Sünde vor Gott wieder gutzumachen, bestellte er zu der bereits vorher angeschafften Kirchenglocke noch ein ganzes abgestimmtes Glockenspiel, das er mit einer der gestohlenen Banknoten bezahlte.
Die übrigen Banknoten fand man auch sofort im Kasten unter dem Heiligenschreine.
Und nun begannen bei uns die eigenen »Glocken von Corneville« zu läuten. Alle schlugen die Hände über den Köpfen zusammen, weinten dem unglücklichen Sascha noch eine Träne nach und beschlossen zuletzt, die erfreuliche Entdeckung gebührend zu feiern.
Alle waren Awgust Matwejitsch dankbar, und der Kommandeur veranstaltete, um ihm seinen Dank und seine Achtung zu zeigen, einen großen Abend ihm zu Ehren, zu dem er den ganzen Adel einlud. Selbst seine Mutter, die bereits erwähnte Veronika – sie war schon in den Siebzigern – kam zu dieser Festlichkeit gefahren; es stellte sich aber heraus, daß sie gar nicht »Stanislawowna« sondern Veronika »Wassiljewna« hieß; auch stammte sie aus dem geistlichen Stande und war die Tochter eines Protopopen. Der Name »Veronika« kommt aber auch im russischen Kalender vor. Warum man sie für eine »Stanislawowna« gehalten hatte, blieb unaufgeklärt.
Die Kommandeuse zeichnete Awgust Matwejitsch ganz besonders aus: Sie stand auf, ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hände. Er bat sie, ihm seine »polnische Manier« zu entschuldigen, und küßte ihr beide Hände. Am nächsten Tage schickte er ihr aber einen Brief in französischer Sprache, in dem er ihr sagte, daß er das Geld gar nicht des Geldes wegen, sondern nur der Ehre wegen gesucht habe … Obwohl es nun gefunden worden sei, wolle er es nicht annehmen, »weil daran Blut klebe«. Und er bat die Frau Oberst, ihm die Gnade zu erweisen und mit diesem Gelde ein armes kleines Waisenmädchen groß zu ziehen, das er ausfindig gemacht habe; es sei just in derselben Nacht zur Welt gekommen, in der Sascha aus dem Leben geschieden. »Vielleicht wohnt in dem Kind seine Seele.«
Die junge Kommandeuse war sehr gerührt und erklärte sich bereit, das Kind anzunehmen. Awgust Matwejitsch überbrachte es ihr persönlich in einem sauberen weißen, mit Tüll und weißen Bändern garnierten Korbe.
»Der schlaue Pole!« Alle beneideten ihn, daß er es in einer so schönen, zarten und einschmeichelnden Form einzurichten verstand. Ja, dieser Mystiker!
Sie soll beim Abschied von ihm geweint haben; wir aber verabschiedeten uns von ihm unter Trinksprüchen und Schmollistrinken im Wäldchen vor der Stadt. Das war ganz zufällig gekommen: Wir zechten gerade draußen, als er vorbeifuhr. Wir entschuldigten uns zuvor, zogen ihn dann vom Wagen, tranken ohne Ende und erzählten ihm ganz aufrichtig, was für eine schlechte Meinung wir von ihm gehabt hatten.
»Erzähle uns nun, wie du das so eingerichtet hast!« drangen wir in ihn.
Er sagte: »Ich habe gar nichts eingerichtet, meine Herren, es ist alles ganz von selbst so gekommen …«
»Mache keine Ausflüchte«, sagten wir ihm, »du bist ja Pole, und wir können dir daraus keinen Vorwurf machen. Wie hast du es aber fertig gebracht, ein Kind zu finden, das just in der Nacht auf die Welt kam, in der Sascha gestorben ist, so daß es das gleiche Alter hat wie das verstorbene Kind der Kommandeuse?«
Der Pole lachte: »Meine Herren, wie habe ich das einrichten können?«
»Das ist es eben! Ihr Polen seid so fein, daß sich der Teufel in euch auskennt!«
»Glauben Sie mir: Ich höre heute zum erstenmal, ich sei so fein, daß ich mich selbst nicht sehe. Lassen Sie mich aber weiterfahren, sonst spannt der Postkutscher, wie es seine Pflicht ist, die Pferde aus.« Wir ließen von ihm ab, halfen ihm in den Wagen und riefen dem Kutscher zu: »Los!«
Er versuchte, sich vor uns möglichst graziös zu verbeugen, die Pferde zogen aber in diesem Augenblick an, und er verbeugte sich höchst zweideutig mit dem Rücken. So endete unsere traurige Geschichte. Sie finden darin keine Ideen, die irgendeine Beachtung verdienten; ich erzählte sie nur, weil sie mir interessant erscheint. Vor Zeiten war es so, daß jede noch so unbedeutende Sache leicht zu etwas Großem und Interessantem anwachsen konnte. Heute ist es aber umgekehrt: Eine Geschichte läßt sich Gott weiß wie groß an; wie sie aber den Leuten in die Hände kommt, wird sie immer kleiner und kleiner, bis von ihr schließlich nichts mehr zurückbleibt … Gar mancher fängt zu lieben an und gibt es plötzlich auf, weil es ihm zu langweilig wird. Worauf mag das beruhen? Ich glaube, daß es viele Gründe hat. Und ist nicht einer der Hauptgründe unsere Gleichgültigkeit gegen das, was man persönliche Ehre nennt?

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Nikolai Ljesskow – Lady Macbeth und andere Geschichten
– Interessante Männer – 1885
Wilhelm Goldmann Verlag – 1961
Übersetzung: Alexander Eliasberg

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