Hermann Hesse • Narziss und Goldmund • Eine Erzählung

Hermann Hesse • Narziss und Goldmund

In Narziss und Goldmund bekommen die zwei Grundformen des schöpferischen Menschen Gestalt: der Denker und der Träumer, der Herbe und der Blühende, der Klare und der Kindliche. Beide verwandt, obwohl in allem ihr Gegenspiel, beide vereinsamt, beide von Hesse gleich gerecht in ihren Vorzügen und Schwächen erkannt, gleich exakt wiedergegeben.

Max Herrmann-Neiße

Hermann Hesse 1946
Hermann Hesse 1946

Hermann Hesses „Narziss und Goldmund“ ist eine einzige Schönheit, sprachlich wie inhaltlich. Dabei ist es kein Roman im eigentlichen Sinne, sondern eher eine Studie und eine Verbeugung vor der menschlichen Seele und ihrer verschiedenen Charakterzüge. So verschwendet Hesse hier auch nicht viel Zeit mit Zeit- und Umgebungsbeschreibungen, vielmehr konzentrieren sich Hesse und der Leser gleichermaßen auf die beiden Hauptpersonen und somit auf zwei Grundformen des Menschengeschlechts: Goldmund verkörpert die Seele eines von seinen Sinnen gesteuerten Menschen: der genießt und verschwendet, verführt und liebt, träumt und leidet, ganz und gar die Schöpfung eines Gottes in sich aufnimmt, an den er nicht glaubt.
Der stets beherrschte und streng gläubige Narziss hingegen steht für den Denker, dem sich die Welt in Form von Texten, Sprachen, Gebeten und Formeln erschließt. Alles was sich dem Menschen mittels Triebhaftigkeit und seine Sinne erschließt, ist für ihn Sünde.

Zwischen den beiden Figuren entsteht trotz oder gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit im Wesen eine tiefe Freundschaft und Liebe füreinander, in der jeder der beiden in der Bewunderung für den jeweils anderen aufgeht.

Der schöne Narziss - Honore Daumier - 1842
Der schöne Narziss – Honore Daumier – 1842

Goldmund zieht schließlich als Landfahrer in die Welt hinaus, während Narziss seiner Laufbahn im Kloster folgt und es bis zum Stand des Abtes bringt. Es vergehen viele Jahre bis die zwei auf unerwartete Weise und in einer verzwickten Situation wieder aufeinander treffen und sich eine Menge zu erzählen haben.
Unter den vielen Fragen, die beiden auf der Seele brennen ist auch die alles entscheidende Frage nach dem Sinn des Lebens, der hier vielmehr in der Überwindung des Vergänglichen gesehen wird. (Wir können froh sein, dass die einzig wahre Antwort „42“ dem Autoren Hesse unbekannt war…)
Diese Frage wiederum ist vor allem für den rastlosen Goldmund nur unter Beachtung des Konflikts zwischen dem Denker und dem Künstler zu beantworten, da es dieser Widerspruch ist, der ein ganzes Leben lang in ihm lodert. Er wäre gern beides, der Sinnesmensch, der das Leben in vollen Zügen mit aller Leidenschaft genießt und zugleich der Denker, der sich auf die gesammelten Eindrücke der Wanderschaft in aller Ruhe besinnen kann, um sie der Vergänglichkeit zu entreißen. Goldmund bedient sich hierbei der Bildhauerei und erschafft etliche Figuren, die verschiedenen bewegten Etappen seines Lebens entspringen und somit noch viele Jahre, mindestens sein Leben überdauern werden. Aber mit der Arbeit an seinen Figuren erschöpft sich auch sein Vorrat an Kraft, seine Eindrücke des Lebens und er wird von Neuem in die Welt hinausgezogen.
Narziss hingegen verbringt sein gesamtes Leben im Kloster, widmet es dem Lernen und Lehren von Schülern und entreißt der Vergänglichkeit somit auf ganz andere Art und Weise seinen Geist.

Narziss (Caravaggio, 1598/99, Galleria Nazionale d'Arte Antica, Rom)
Narziss – Caravaggio, 1598/99, Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom

Als Narziss und Goldmund schließlich wieder zusammentreffen, beneidet einer den jeweils anderen, denn beiden wurden Opfer abverlangt. Narziss hat nie die Lebendigkeit der Welt und seiner selbst , Goldmund hingegen nie die Wärme einer Heimat, Sicherheit und Geborgenheit spüren dürfen und doch muss man den beiden zugestehen die jeweils richtige Entscheidung getroffen zu haben. Am Ende steht die Erkenntnis, dass jeder sich entsprechend seines Gemüts und Geistes im Leben und auf Erden verwirklicht hat und es ihnen einzig dadurch gegeben war, ein Stück ihrer selbst und des Lebens der Vergänglichkeit, dem Tod zu entreißen und die Nachwelt mit sinnlicher und wissender Erfüllung zu bereichern.

Diese beiden, der Denker und der Träumer, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick sein mögen, finden bei Hesse zueinander. So finden die beiden vor den Augen Hesses und des Leser heraus, dass zwischen ihnen ein Band geknüpft ist, dass sie sich brauchen und dass sie in ihren Grundzügen verwandt sind, obgleich sie doch das genaue Gegenspiel des anderen sein sollten. Sie finden heraus, dass sie beide Stärken und Schwächen haben, dass sie jedoch auch beide ein „Daseinsrecht“ besitzen. Der Leser wird gefesselt von diesem Blick in die Seele der Schöpfung Mensch und erkennt sich in dem Buch des öfteren wieder.

„Narziss und Goldmund“ ein außergewöhnliches Buch, ein Blick in uns Menschen, in unser Innerstes, dass ebenso rührt und verzaubert, wie es zum Nachdenken anregt. Ein literarisches und psychologisches Meisterwerk.

0 Kommentare zu “Hermann Hesse • Narziss und Goldmund • Eine Erzählung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!