Nächtliche Sonne | Die Erfindung des Kunstlichts

Jozef Israëls - Bauernhof in Delden, - Dordrechts Museum - 1885
Jozef Israëls – Bauernhof in Delden, – Dordrechts Museum – 1885

Wer hat die Glühbirne erfunden? Gewöhnlich antwortet man darauf: der amerikanische Erfinder Edison. Aber das stimmt nicht. Edison war nur einer von den vielen, die an der Erfindung der künstlichen Sonne, die heute unsere Straßen und unsere Häuser beleuchtet, arbeiteten. Früher einmal gab es in den Straßen der Städte keine einzige Laterne, und in den Häusern verbrachten die Menschen ihre Abende im Lichtschein einer Talgkerze oder einer trüben, rußenden Öllampe. Würden wir diese alte Öllampe, die an eine Teekanne erinnert, mit unserer Glühbirne vergleichen, so würden wir zwischen den beiden keine Ähnlichkeit finden. Aber von der »Teekanne« bis zur Glühbirne führt eine lange Reihe Verwandlungen, eine lange Kette geringer, aber sehr wichtiger Veränderungen. Tausende von Erfindern mühten sich im Laufe von tausend Jahren darum, unseren Lampen mehr Leuchtkraft zu geben und sonstige Verbesserungen anzubringen.

Das Lagerfeuer im Zimmer

Die unförmige Öllampe war noch ein sehr schöner, gut durchdachter Gegenstand, verglichen mit den Lampen, die vor ihr in Gebrauch waren. Doch es gab auch Zeiten, in denen man überhaupt keine Lampen kannte. Vor anderthalbtausend Jahren hätten wir an der Stelle des heutigen Paris ein schmutziges Städtchen, Lutetia, gefunden, ein Städtchen mit Holzhütten, die mit Stroh oder Dachziegeln gedeckt waren. Wären wir in eines dieser Häuser eingetreten, so hätten wir ein offenes Feuer erblickt, das inmitten der einzigen Stube brannte.

Obwohl im Dach eine Öffnung war, wollte der Rauch nicht aus der Stube weichen und reizte Augen und Lungen unerträglich. Dieses primitive Herdfeuer diente den Menschen jener Zeit als Lampe, Küchenherd und als Ofen zugleich. Ein offenes Feuer in einem Holzhaus zu unterhalten, war äußerst gefährlich. Kein Wunder, dass damals sehr häufig Brände ausbrachen. Man fürchtete das Feuer wie einen bösen, unersättlichen Feind, der nur darauf wartete, wie er am besten ein Haus überfallen könnte, um es zu vernichten. Ofen mit Schornsteinen kamen im Westen Europas vor ungefähr siebenhundert Jahren auf, in Russland aber noch später. Vor der Oktoberrevolution gab es in Russland noch hier und da »schwarze Hütten« oder »Hütten ohne Rauchfang«, die durch Öfen ohne Schornstein geheizt wurden. Während des Heizens musste man die Tür öffnen.

Ein brennender Span an Stelle eines offenen Feuers

Zur Beleuchtung des Zimmers war es nicht nötig, unbedingt ein ganzes Lagerfeuer zu entfachen, denn hierzu genügte schon ein einziger Span. Vom Herdfeuer wurde es im Hause rauchig und heiß, und außerdem verbrauchte man dabei viel Holz. So ersetzten also die Menschen einen Haufen Reisig durch einen einzigen brennenden Kienspan. Von einem trockenen, astfreien Holzscheit spaltete man einen dreiviertel Meter langen Span ab, den man dann anzündete. Der Kienspan war eine ausgezeichnete Erfindung. Nicht umsonst blieb diese Art der Beleuchtung viele Jahrhunderte in Gebrauch — fast bis in unsere Tage hinein. Ein offenes Feuer in einem Holzhaus zu unterhalten, war äußerst gefährlich. Kein Wunder, dass damals sehr häufig Brände ausbrachen. Man fürchtete das Feuer wie einen bösen, unersättlichen Feind, der nur darauf wartete, wie er am besten ein Haus überfallen könnte, um es zu vernichten. Ofen mit Schornsteinen kamen im Westen Europas vor ungefähr siebenhundert Jahren auf, in Russland aber noch später. Vor der Oktoberrevolution gab es in Russland noch hier und da »schwarze Hütten« oder »Hütten ohne Rauchfang«, die durch Ofen ohne Schornstein geheizt wurden. Während des Heizens musste man die Tür öffnen.

Im Schein der Fackeln

Edvard Munch - Mädchen zündet Kamin an - 1883
Edvard Munch – Mädchen zündet Kamin an – 1883

Nicht überall konnte man leicht das richtige Holz für den Kienspan finden. Aber die Menschen haben vor diesem Hindernis nicht haltgemacht. Sie merkten, dass der Span besonders hell brannte, der aus harzhaltigem Holz bestand. Es lag also weniger am Holz als am Harz. Man braucht nur einen beliebigen Zweig in Harz oder Pech zu tauchen, und schon erhält man einen künstlichen Kienspan, der nicht schlechter, sondern eher besser brennen wird als der natürliche.
So kam die Fackel auf. Die Fackeln brannten sehr hell. Es wurden damit bei Festgelagen ganze Säle erleuchtet. Es wird berichtet, dass in der Burg des Ritters Gaston de Foy zwölf Diener während des Abendessens mit Fackeln in den Händen rund um den Tisch standen. In Königsschlössern wurden Fackeln nicht selten von silbernen Statuen an Stelle von lebenden Dienern gehalten. Die Fackeln und der Kienspan sind auch noch heute nicht verschwunden. Es kommt sogar jetzt noch vor, dass durch Dorfstraßen Feuerwehrwagen mit brennenden Fackeln fahren und uns so an eine ferne Vergangenheit erinnern.

Die erste Lampe

Aus Stein geformte Öllampe
Aus Stein geformte Öllampe

In einer Höhle in Frankreich haben Archäologen neben Schabern aus Feuerstein und Speerspitzen aus Hirschgeweih eine kleine, flache, aus Sandstein gearbeitete Schale gefunden. Der runde Boden der Schale war mit irgendeinem dunklen,Anflug bedeckt. Als man diesen Belag im Laboratorium untersuchte, stellte es sich heraus, dass es Brandspuren waren, die davon herrührten, dass einmal in der Schale Öl verbrannt worden war. So hat man die erste Lampe gefunden, die die menschliche Behausung schon zu einer Zeit erhellte, als die Menschen noch in Höhlen wohnten. Diese Lampe hatte weder einen Docht noch einen Zylinder. Beim Brennen füllte sie die Höhle mit Qualm und Ruß. Es mussten Jahrtausende vergehen, ehe die Menschen eine Lampe erfanden, die nicht rußte.

Die Lampe und der Fabrikschornstein

Warum rußen Lampen? Aus demselben Grunde, warum Fabrikschornsteine rußen. Seht ihr einmal, daß aus einem Fabrikschornstein dicker, schwarzer Rauch quillt, so könnt ihr sicher sein, daß in der Fabrik entweder der Feuerrost nicht in Ordnung ist oder die Heizer nichts taugen. Nur ein Teil des Holzes verbrennt hier im Feuerungsraum, der andere Teil aber fliegt unverbrannt durch den Schornstein. Es fliegen natürlich keine Holzscheite heraus, sondern Ruß — kleine Kohleteilchen, die keine Zeit zum Verbrennen hatten. Das liegt daran, daß kein Feuer ohne Luft brennen kann. Damit das Holz vollständig verbrennt, muß der Heizer in den Feuerungsraum genügend Luft hineinlassen, was er durch Heben oder Senken der Klappe im Schornstein erreichen kann. Wenn wenig Luft in den Ofen hineinströmt, kann ein Teil des Heizmaterials nicht verbrennen; er fliegt als Ruß davon. Gelangt zuviel Luft hinein, so ist es auch nicht gut: der Feuerungsraum des Ofens wird zu sehr abgekühlt. Der Lampenruß besteht auch aus Kohlestückchen. Aber woher kommt die Kohle in die Flamme der Lampe? Aus dem Petroleum, dem Fett oder dem Harz, je nachdem, was wir in der Lampe verbrennen. Zwar sehen wir im Petroleum oder im Harz keine Kohle, doch ebenso wenig sehen wir auch den Käse in der Milch. Ist eine Petroleumlampe gut eingestellt, so kann sie nicht rußen: die gesamte Kohle verbrennt in der Flamme. Eine altmodische Funzel, die mit den heutigen Lampen kaum zu vergleichen ist, rußte immer. Das lag daran: die Luft zum Verbrennen reichte nicht aus, und nicht alle Kohlestückchen der Flamme hatten Zeit, zu verbrennen. Die Luft aber reichte deswegen nicht, weil in der Lampe zu viel Fett auf einmal brannte. Man hätte es so einrichten müssen, dass das Fett nur allmählich der Flamme zugeführt würde. Zu diesem Zweck erfand man den Docht. Der Docht besteht aus Hunderten von Fäden. Jeder Faden aber ist ein Röhrchen, durch das das Fett allmählich zur Flamme emporsteigt, wie die Tinte beim Löschpapier, das man in ein Tintenfass hinein hält.

Die Lampe in Saucieren und Teekannenform

Wahrscheinlich habt ihr alle schon einmal etwas von Pompeji und Herkulaneum gehört. Das sind zwei Städte, die einmal vor langer Zeit während eines Vesuvausbruchs durch Asche verschüttet wurden. Sie sind jetzt mit allen ihren Häusern, Plätzen und Straßen freigelegt worden. In den Häusern fand man zwischen allem möglichen Hausrat auch Lampen.

Diese alten römischen Lampen waren aus Lehm gemacht und mit Bronze verziert. Dem Aussehen nach ähnelten sie einer Sauciere. Aus dem Schnabel ragte ein Docht, und an der Seite befand sich ein Henkel, an dem man die Lampe beim Hin und Hertragen anfaßte. Die Lampe wurde mit Öl gefüllt. Der Docht brannte allmählich ab, und man mußte ihn von Zeit zu Zeit aus dem Schnabel weiter herausziehen. Jahrhunderte gingen dahin, aber der Lampenbau änderte sich fast gar nicht. In einer mittelalterlichen Burg hättet ihr fast die gleiche Lampe wie in Pompeji vorgefunden, nur daß sie etwas größer war. Große Lampen — mit mehreren Dochten — hängte man mit Ketten an die Decke. Damit das Öl von den Dochten nicht auf den Tisch tropfte, befestigte man unter den Lampen noch kleine Schüsseln, in die das Öl tropfen konnte. Das Öl war teuer. Arabische Kaufleute brachten es aus dem Osten. Ärmere Leute verbrannten Fett in Tongefäßen oder in Nachtlampen, die einer Teekanne ähnelten. Die Dochte waren aus Hanf. In Paris wurden sie von Hausierern verkauft, die durch die Straßen gingen und ausriefen:  »Fürs Öl die Dochte hier sind gut,  Damit die Lampe brennen tut!«

Die Lampe ohne Gefäß

Die wichtigsten Dinge an einer Lampe sind das Fett und der Docht. Das Gefäß aber ist nicht so wichtig. Wie kann man nun aber ohne Gefäß auskommen? Das ist sehr einfach. Man braucht nur einen Docht in warmen, ausgelassenen Talg zu tauchen und ihn dann herauszuziehen. Der ganze Docht bedeckt sich mit einer Schicht, und wenn diese erstarrt, haben wir eine Kerze. So machte man das früher. Einige Dutzend Dochte, die an einem Stock befestigt waren, wurden gleichzeitig in einen Kessel mit Talg getaucht. “ Man tauchte die Dochte einige Male in den Talg, damit sich an ihnen eine dicke Schicht bilden konnte. Solche Kerzen nannte man »getauchte Lichte«. Größtenteils haben die Hausfrauen nicht fertige Kerzen gekauft, sondern sie haben sich die Kerzen selbst gemacht. Später lernte man, Kerzen in besonderen Blech oder Zinnformen zu gießen. Die gegossenen Kerzen waren bedeutend hübscher als die getauchten. Sie waren glatter und gleichmäßiger.

Kerzen wurden nicht nur aus Talg, sondern auch aus Wachs gemacht. Wachskerzen waren viel teurer. Man fand sie nur in Kirchen und Schlössern. Übrigens konnten sich euch Könige diesen Luxus nur zu feierlichen Anlässen leisten. Während großer Festlichkeiten wurden die Säle der Schlösser mit Hunderten von Wachskerzen erleuchtet. Folgendes erzählt ein Reisender von einem Fest in Moskau, das im 16. Jahrhundert stattfand: »Der Abend brach an, aber das Gelage war noch immer nicht zu Ende, so daß man vier silberne Kronleuchter, die an der Decke hingen, anzünden mußte. Der größte, gegenüber dem Großfürsten, hatte zwölf Kerzen, die drei anderen je vier. Alle Kerzen waren aus Wachs. Zu beiden Seiten der Tafel standen achtzehn Männer mit großen Wachskerzen; die Kerzen brannten sehr hell und erleuchteten den Raum sehr gut. Auf unseren Tisch brachte man auch sechs große Wachskerzen; die Leuchter waren aus Jaspis und Kristall in silberner Fassung.« Ein Gelage galt für um so prunkvoller, je mehr Kerzen dabei brannten. So war es nicht nur im 16. Jahrhundert, sondern auch noch viel später. Uns wird von einem großen Ball berichtet, den einmal der Fürst Potemkin zu Ehren Katharinas II. gegeben hat. In den Sälen des Palastes, der dem Fürsten gehörte, waren hundertvierzigtausend Öllampen und zwanzigtausend Wachskerzen angezündet. Man kann sich vorstellen, wie heiß es dabei war; überall im Kristall der Kronleuchter und in dem verschiedenfarbigen Glas der Lampen funkelten die Lichte.

Der Fächer war auf einem solchen Ball kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Die Hitze war aber noch nicht das Schlimmste. Es kam vor, daß sich zur Hitze ein dichter Nebel gesellte. Paul I. gab einmal in seinem feuchten, düstern Schloß Michajlowskij einen Ball. Auf Befehl des Zaren zündete man in den Sälen Tausende von Kerzen an. Infolge der Feuchtigkeit erzeugten diese Kerzen einen solchen Nebel, daß die Gäste einander nur mit Mühe erkennen konnten. In dem dichten Nebel sah man kaum die Kerzen. Die »Roben« der Damen, die mit Gold und verschiedenfarbiger Seide bestickt waren, schienen einfarbig zu sein. Die Wachskerzen waren ein Luxus, der nur wenigen zugänglich war. Aber auch die Talgkerzen waren nicht billig. Noch vor hundert Jahren verbrachten ganze Familien ihre Abende beim Schein einer Kerze. Aber wenn Gäste kamen, wurden zwei oder drei Kerzen angezündet. Und alle waren überzeugt, daß es im Zimmer sehr hell sei. Ein Tanzabend bei drei Kerzen erscheint uns heute lächerlich. Denn wir halten selbst eine fünfzehnkerzige Glühbirne für schwach. Nicht einmal beim Schein einer Stearinkerze würden wir leben wollen, während unsere Vorfahren Talglichte hatten, die viel schlechter als die aus Stearin waren. Ein Talglicht rußt sehr stark, doch das Unangenehmste daran ist, daß man dauernd die Lichtschnuppe abschneiden muß. Wenn man das nicht tut, bedeckt sich die Kerze mit herabtropfendem Talg, weil das freistehende Ende des Dochtes nicht abbrennt, sondern immer größer und größer wird. Dabei wird auch die Flamme größer, genau so wie bei der Petroleumlampe, wenn man den Docht herausschraubt. Aber eine große Flamme bringt mehr Talg zum Schmelzen als verbraucht werden kann. So fließt denn auch der Talg an der Kerze herab. Aus diesem Grunde mußte man den Docht mit besonderen Scheren verkürzen. Die Schere lag gewöhnlich auf einem Tablett neben der Kerze. Die Lichtschnuppe mit den Fingern abzunehmen, hielt man für nicht sehr fein. Wenn man die Lichtschnuppe mit der Schere entfernte, mußte man sie auf die Erde werfen und sie mit dem Fuß austreten — »damit kein schlechter Geruch unsere Nasen belästige«. Der Docht unserer jetzigen Stearinkerzen ist so eingerichtet, daß sich eine Lichtschnuppe nicht bilden kann.

Es verhält sich nämlich so, dass sich die heißeste Stelle nicht in der Mitte der Flamme befindet, wohin die Luft nur schwer gelangen kann, sondern außen, wo es mehr Luft gibt. Das kann man leicht überprüfen. Man braucht nur vorsichtig und schnell die Kerzenflamme mit einem Stück Papier zu überdecken. Auf dem Papier bildet sich eine Brandkreislinie. Das bedeutet, daß die Flamme innen nicht so heiß ist wie außen. Bei einem Talglicht bleibt der Docht die ganze Zeit in der Mitte der Flamme. Deswegen brennt er schlecht und bildet eine Lichtschnuppe. In der Stearinkerze ist der Docht nicht wie in der Talgkerze gedreht, sondern geflochten. Das Ende des Dochtes, der zu einem strammgezogenen Zöpfchen geflochten ist, biegt sich ständig um und ragt somit in den äußeren, heißesten Teil der Flamme hinein, wobei er allmählich verbrennt.

Die Kerze als Uhr

Wenn man früher einen Menschen fragte, wie spät es sei, sah er nicht auf die Uhr, sondern auf die brennende Kerze. Das geschah aber nicht aus Zerstreutheit, sondern weil die Kerzen damals nicht nur zur Beleuchtung, sondern auch zum Messen der Zeit dienten. Es wird erzählt, dass in der Kapelle König Karls V. Tag und Nacht eine große Kerze brannte, die durch schwarze Striche in vierundzwanzig Teile, die die Stunden anzeigten, eingeteilt war. Die zur Aufsicht bestellten Diener waren verpflichtet, dem König von Zeit zu Zeit mitzuteilen, bis zu welchem Strich die Kerze herunter gebrannt war. Diese Kerze war natürlich nicht klein. Man machte sie gerade so lang, dass sie im Laufe von vierundzwanzig Stunden herunter brannte.

Hunderte von Jahren im Dunkeln

Nachdem Fackeln, Öllampen und Kerzen erfunden waren, begnügten sich die Leute lange Zeit mit dieser traurigen Beleuchtung. Es war wirklich eine traurige Beleuchtung. Die Lampen und die Kerzen qualmten und rußten. Von ihrem Prasseln und den Geräuschen, die sie verursachten, würden wir, weil wir nicht daran gewöhnt sind, Kopfschmerzen bekommen. In gewöhnlichen Laternen, die man mit sich herumtragen konnte, waren an Stelle der Glasscheiben Metallplatten, die wie 3i n Sieb durchlöchert waren. Durch die Löcher drang wenig Licht. An Straßenlaternen war damals überhaupt noch nicht zu denken. Wenn der Mond nicht für die Beleuchtung der Stadt gesorgt hätte, würde man in den Straßen nicht einmal die Hand vor Augen gesehen haben. Aber Laternen waren damals notwendiger als heute. Die Straßen waren nur selten gepflastert. Der Erdboden war uneben, schmutzig, mit Abfällen bedeckt. In der Mitte der engen Gässchen zogen sich Abflussgräben hin. Die Menschen gingen möglichst dicht an den Häusern entlang. Aber auch dort lauerten nicht wenige Gefahren. Es kam vor, dass aus den Fenstern der oberen Stockwerke, die über die Hausfront hinausragten, Spülwasser auf die Köpfe der Vorübergehenden gegossen wurde. Gil Blas, der lustige Held eines alten Romans, erzählt folgende Geschichte: »Zum Unglück war die Nacht außerordentlich dunkel. Ich tastete mich durch die Straße vorwärts und hatte schon die Hälfte des Weges zurückgelegt, als man aus einem Fenster ein Geschirr mit einem für den Geruchssinn nicht besonders angenehmen Inhalt über meinen Kopf entleerte. So schrecklich zugerichtet, wusste ich nicht, wozu ich mich entschließen sollte. Wenn ich umgekehrt wäre: was für ein Schauspiel hätte das für meine Kameraden gegeben? Das hätte ja geheißen, sich freiwillig zum Gegenstand des Gespötts machen.« Um sich vor Unannehmlichkeiten dieser Art zu schützen, gingen vornehme Leute mit Dienern aus, die ihnen angezündete Fackeln vorantrugen. Auch im alten Moskau versanken die Straßen nachts in tiefste Finsternis. »In der Dunkelheit erreichten wir die große Palasttreppe. Zwanzig Schritte davor standen viele Bedienstete, die Pferde an den Zäumen hielten. Sie warteten auf ihre Herrschaften, die beim Zaren zu Gast waren, um sie nach Haus zu begleiten. Aber um bis zu der Stelle zu kommen, wo die Pferde standen, mussten wir in tiefster Finsternis bis zum Knie im Dreck waten.« Das erzählt ein Reisender, der Ausländer Barberino, der im 16. Jahrhundert in Moskau weilte. Übrigens kam es manchmal vor, dass in den dunklen Moskauer Straßen plötzlich ein Dutzend heller Feuer aufflammte. Diese Feuer blieben nicht auf der Stelle stehen, sondern bewegten sich, zogen sich bald zu einer langen Kette auseinander oder verschwanden bald hinter einer Ecke. In den Häusern wurden die Fensterläden geöffnet. Hinter den Fenstern sah man erschrockene Gesichter: Was ist das für ein Feuer auf der Straße? Ist es etwa ein Brand? Und die Feuer kamen imrner näher und näher. Schon erschienen die Läufer des Zaren, die große Glimmerlaternen trugen, und hinter den Läufern kamen Reiter in fremdländischen Trachten. Das war der Gesandte eines fremden Königs, der nach dem Empfang beim Zaren in das für ihn bestimmte Quartier zurückkehrte. Das Tagebuch eines Ausländers berichtet darüber wie folgt: »Auf der Treppe im Palast waren große Ölschalen angezündet. In der Mitte des Hofes brannten zwei große Feuer. Als wir nach Hause fuhren, bereits gegen zehn Uhr abends, trugen sechs Bürger, die vor den Pferden einher schritten, große Laternen mit Kerzen, doch vor dem Wagen des Herrn Gesandten gingen sechzehn Bürger mit Laternen und begleiteten ihn zu seinem Quartier.«

Hier lesen Sie Teil 2: Laternen fangen an zu brennen.


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