Moderne Nomaden ϖ Katherina Ibeling

Moderne Nomaden

Viktor Michajlovič Vasnecov - Fliegender Teppich - 1880

trennlinie640Jeder spricht von ihnen, den „Heimatlosen“. Sie sind überall. Ob unter Brücke oder im Flüchtlingsheim.
Trotzdem haben viele nur wenig Mitgefühl mit ihnen.
So, als hätten sie es sich ausgesucht – einfach so!
Ihre Geschichten gehen durch die Medien und unter die Haut.
Sie sind Vertriebene, ewig Getriebene, geflohen aus unhaltbaren Zuständen.
Ohne Not verlässt keiner seine Heimat – oder doch? Manche tun es auch freiwillig und suchen sich eine neue.

„Wo bist du zu Hause?“ – eine einzige, simple Frage. Die eine Frage, die uns im Zweifel verrät, wo unsere Heimat ist.
Ein Zuhause ist nicht zwingend der Ort, wo wir herkommen.
Aber immer der, zu dem wir zurückkehren.
Einfach so, ohne groß nachzudenken oder sich zu entscheiden.
Unserer sicherer Hafen im Strom des Lebens.
Es ist der Ort, wo unser Körper und unser Geist hin will.
Die Grundeinstellung unseres inneren Kompasses.
Gerne sagt man, es sei doch heute egal, wo man sich niederlässt.
Das stimmt nicht – Orte sind sehr wohl wichtig.
Orte formen uns; sie machen uns zu dem, was wir sind.
Die Orte unserer Kindheit und im späteren Leben prägen uns für immer.
Orte sind etwas, das wir mit Erlebnissen verbinden;
Sie lösen Gefühle aus, Erinnerungen, verbinden Lebenswege.
„Heimat ist dort, wo das Herz zu Hause ist“, sagt ein Sprichwort.
Doch was nützt das, wenn der Körper ständig gezwungen ist, woanders zu sein?

„Wo bist du zu Hause?“ – Das könnte ich zurzeit nicht beantworten.
Und dabei geht es mir gut.
Ich habe einen Beruf, leide keinen Hunger oder große Armut.
Mein Land wird nicht von Soldaten überrannt.
Ich bin gesund – und habe auch die Möglichkeiten, es zu bleiben.
Und doch fühle ich mich entwurzelt und verliere manchmal die Ortung.
Denn ich weiß sehr genau, wo mein Herz hin will.
Doch die Pflicht ruft mich dauernd an andere Orte.

„Globalisierung“ nennen die Einen es und „unbegrenzte Möglichkeiten“.
„Ausbeutung“ und „unzumutbar“ finden es die Anderen.
Es ist wundervoll, überall hin gehen zu können, wohin das Herz begehrt –
Doch was ist mit denen, die einfach irgendwo bleiben wollen?
Mit denen, die des Reisens, des Wanderns, des Pendelns müde sind?
Warum ist man heute „langweilig“ und von gestern, wenn man davon seine Ruhe will?
Was ist mit all denen, die eine sichere Bank suchen,die nicht sofort umfällt, wenn sie sich nur eine Weile ausruhen wollen?

Mein Mitgefühl gilt allen, die immer wieder aus ihrem Leben gerissen werden; sei es durch Krieg, durch eine Wirtschaftskrise oder auch durch den Klimawandel.
Denn auch wenn mein Lebenspuzzle auf den ersten Blick intakt scheint,
Bleibt doch selten etwas an seinem Platz und Teile verschieben sich.
Sie müssen neu eingesetzt, getauscht und angepasst werden,
Damit sich wieder ein vollständiges Bild ergibt.
Nichts bleibt „an Ort und Stelle“; und jede Lücke schmerzt.
Nirgendwo kann ich je ganz sein, solange nichts gleich bleibt.

Es gab schon immer Nomaden und Sesshafte, Wagemutige und Vorsichtige; Zugvögel und Angewachsene.
Warum gilt es also als „normal“, ständig verfügbar zu sein;
Flexibel, erreichbar, und immer auf der Flucht vor Gewohntem?
Warum zwingen wir uns, uns zwischen mehreren Orten zu teilen;
In Autos, Bussen, Bahnen und Flugzeugen.
Warum widerspricht niemand, wenn man ihm sagt: „Es geht nicht anders?“
Das macht uns alle heimatlos – wenn man uns dazu zwingt.

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