Mihu Dragomir – PLANET IM RAUM – eine phantastische Erzählung

Sternenhimmel_Guillaume_unsplash            Als wir uns nach dem Vorbeiflug am Jupiter zum Verlassen unseres Sonnensystems und zur Fortsetzung unserer Fahrt nach dem Tau Ceti anschickten, begann zwischen mir und Magda wieder der alte Streit. Wie gewöhnlich sprang sie, während ich las, plötzlich aus ihrem Lehnsessel auf und verließ, die Tür heftig zuschlagend, den Raum, so wie sie es auch zu Hause, auf der Erde, tat. In solchen Augenblicken vermied ich auch die kleinste Frage, und vielleicht verletzte ich Magda gerade durch mein Schweigen am meisten. Ich wußte im vorhinein alles, was sie mir auf eine solche Frage vorgeworfen hätte: Ich beschäftige mich nicht mit ihr, sondern verliere meine ganze Zeit über den Büchern, ich sei mürrisch und sonderbar. Vielleicht hatte sie auch recht, aber die Art und Weise, wie sie ihr Recht durchsetzen wollte, brachte mich aus der Fassung.

            Wenige Minuten später kam sie zurück und sagte scharf  „Diesmal, glaube ich, hast du verstanden: Ich kann es nicht mehr aushalten. Habe ich mich mit dir in diesem Raumschiff eingesperrt, um dich lesen zu sehen? Ich habe es satt.“

            Ich versuchte ihr so ruhig wie möglich zu antworten, sprach betont sachlich und ohne die Stimme zu heben, obwohl ich wie bei allen ähnlichen Vorfällen überzeugt war, daß mir unrecht geschehen sei. Ich lächelte, aber ich empfand mein Lächeln als falsch, und die Unmöglichkeit, sie durch ein Lächeln zu überzeugen, brachte mich noch mehr auf.

            „Meine Liebe, warum treibst du denn nicht auch Sport wie alle anderen? (Ich wußte ganz genau, daß diese Aufforderung stupid war.) Warum hörst du nicht Musik? (Tatsächlich gefiel sie ihr, wenn wir gemeinsam zuhörten …) Wir haben vorläufig beide zu viel freie Zeit. Ich muß in dieser Zeit studieren, ob dir das jetzt paßt oder nicht. Du weißt doch selbst, daß ich nicht auf die Erde zurückkehren kann, ohne wenigstens in einer Disziplin alle Prüfungen abgelegt zu haben. Ich kann nicht das ganze Leben lang nur Arzt bleiben. Versteh das doch, zum Teufel!“

            Von da an war es mit der Ruhe aus. Das Gespräch wurde formell, denn immer kamen wir, mit welchen Argumenten wir es auch versucht hatten, zum gleichen Ergebnis: Vorwürfe, gereizte Stimmen, scharfe Antworten nur um der puren Streitsucht willen. Dies alles ließ mir das Blut in den Schläfen kochen. Konnte ich nicht einmal hier im Raumschiff Ruhe haben? Und die Fahrt sollte gute acht Erdenjahre dauern …

            Der Streit war heftiger gewesen als gewöhnlich, und schließlich verließ auch ich, die Tür hinter mir zuwerfend, den Raum. Das kühlte mich ein wenig ab. Ich lief ziellos durch die Korridore und trat dann, eine Bleibe suchend, aus Gewohnheit in das Krankenzimmer. Wir hatten bisher noch keinen einzigen Patienten gehabt, und jeden Morgen machten wir, Magda und ich, nichts anderes, als die Apparate und Instrumente von einem Platz auf den anderen zu stellen. Magda bezeichnete das Krankenzimmer als ihren „weißen Salon“, stellte in alle Ecken Blumen und behauptete lächelnd, sie würde es niemandem erlauben, die Schwelle zu übertreten, falls er nicht den „Ort nur besuchen wollte, um zu sehen, wie in der Vorzeit die behandelt wurden, die es sich leisteten, krank zu werden“. Hier, im „weißen Salon“, sollten wir nach ihrem Wunsch jedes Jahr unsere Freunde zu unserem Hochzeitstag einladen. Während ich aber über all das nachdachte, empfand ich ihren unerwarteten und doch so alltäglichen Ausbruch plötzlich wie einen schmerzhaften Stich. Magda war ein eigensinniges, ewig aufgeregtes Wesen, unfähig, auch nur einen Augenblick lang zu träumen, ohne das Geträumte nicht sofort in Wirklichkeit umsetzen zu wollen. Übrigens – warum sollte ich das verschweigen? – hatte mich eigentlich diese Seite ihres Wesens an sie gefesselt …

            Ich saß, den Kopf in die Hände gestützt, auf einem Schemel und fühlte, wie mit der Müdigkeit, die mich langsam umfing, meine Erregung schwand. Es herrschte völliges Schweigen. Wegen der sorgfältigen Isolierung konnte von außen, selbst wenn alle Triebwerke des Raumschiffs liefen, kein Lärm hereindringen. Die Deckentäfelung aus Elektroquarz leuchtete besänftigend in den Farben der Morgenröte. Mein Blick glitt über die glänzenden Apparate. Obwohl alle Besatzungsmitglieder des Raumschiffs beneidenswerte ärztliche Zeugnisse hatten, war das Krankenzimmer für die kompliziertesten Eingriffe eingerichtet. Vorläufig bestand unsere ganze Arbeit in der allmorgendlichen genauen Kontrolle der Besatzungsmitglieder, gleichgültig, ob die Leute ihren Dienst taten oder im Dauerschlaf lagen. Was würde morgen bei der Kontrolle sein? Sollten es die anderen nicht gemerkt haben, daß zwischen mir und Magda etwas vorgefallen war? Der Gedanke, ein solches Schauspiel zu bieten, schnürte mir die Kehle zu. Es war den Menschen gelungen, tief ins Weltall vorzustoßen, hochentwickelte Raumschiffe zu bauen, die kleinen bewohnten Planeten glichen, und sie sollten sich von dieser uralten, sinnlosen Streitsucht nicht frei machen können? Mußte Magda jetzt nicht auch dasselbe denken?

            „Kann ich nicht einmal in meinem ‚Salon‘ einen Augenblick allein sein?“ Magda stand im Türrahmen und forderte mich durch ihre Haltung auf, den Raum sofort zu verlassen.
„Magda, unsere ganze Nervosität ist doch wirklich lächerlich. Ich will dir …“ 
 „Bitte, laß mich allein! Geh und bereite dich für deine Prüfungen vor, du ewiger Student …“ Ich lief wütend durch die leeren Korridore. Es war die Zeit, in der außer den Piloten die ganze Besatzung des Raumschiffes schlief. Wohin hätte ich gehen sollen? Obwohl sie mich gebeten hatte, sie allein zu lassen, würde Magda sicher nicht länger als eine Viertelstunde im „weißen Salon“ bleiben. Dann hätte sie mich gesucht, um ihre Nervosität bis zum letzten Rest zu entladen. Es war doch nicht das erstemal …

            Zuletzt entschloß ich mich, eine Zeitlang in einer Rettungskabine zu bleiben, wo mich Magda vermutlich nicht suchen würde. Ich wollte sie wenigstens eine Stunde allein lassen, damit sie sich beruhigen konnte. Ich beglückwünschte mich zu dieser Idee, fuhr im Fahrstuhl durch das ganze Raumschiff hinunter, trat in die Kabine, blockierte die Tür und setzte mich irgendwohin.

            Die Kabine war, obwohl etwa zehn Meter lang, wenig geräumig, überall waren Reservematerialien aufgehäuft. Ein weißes, gleichmäßiges Licht, wie auf den Korridoren des Raumschiffs, erfüllte den Raum. So saß ich, ich weiß nicht wie lange, und versuchte meinen Streit mit Magda zu vergessen. Woran dachte ich eigentlich? Ich weiß es nicht mehr. Ich mußte eingeschlafen sein, denn plötzlich weckte mich ein starkes Schaukeln. Mein Rücken war steif geworden. Einen Augenblick lang ließ mich ein unerklärliches Schwindelgefühl die Augen schließen, dann kam ich wieder zu mir. Ich sah auf die Uhr. Seit fast fünf Stunden befand ich mich in der Kabine. Sicher suchte mich Magda überall. Was für eine Kinderei, mich über ein Nichts zu ärgern! Ich hätte doch sehr gut für ein, zwei Stunden die Bücher beiseite legen und mit Magda zum Schwimmbecken laufen oder einfach in dem kleinen Park im Mittelteil des Raumschiffs Spazierengehen können … Sie hatte recht, ich kümmerte mich viel zuwenig um sie. Plötzlich erinnerte ich mich, daß sie mich kurz vor ihrem Zornausbruch gebeten hatte, in der Phonothek die Melodien der Studentenjahre herauszusuchen und sie wenigstens eine halbe Stunde lang anzuhören. Und ich hatte ihr, in die Zahlenreihen der Bücher vertieft, nicht einmal geantwortet! Dann hatte ich auch noch den lächerlichen Einfall gehabt, ihr zur Entspannung ihrer Nerven Musik zu empfehlen! Nein, ganz bestimmt war ich zu Magda nicht aufmerksam genug. Ich mußte sofort zu ihr gehen und versuchen, mich mit ihr auszusprechen …

            Ich wollte hinausgehen, aber die gepanzerte Tür gab nicht nach. Ich versuchte es mit Gewalt, aber der Mechanismus gehorchte nicht. Ich drehte an allen Knöpfen und Hebeln, umsonst. Ich drückte auf den Alarmknopf, ein schrilles Pfeifen erfüllte den Raum. Ich drückte noch einmal lange und setzte mich wieder hin, um zu warten. Schon sah ich die über meine Unbeholfenheit lachenden Piloten und den Expeditionsleiter vor mir, der mir nahelegte, noch einmal alle technischen Prüfungen abzulegen … Natürlich würden alle, wenn sie mich in der Kabine eingeschlossen fanden, glauben, ich hätte mich wieder mit Magda gestritten. Dieser Gedanke brachte mich in Wut. Ich mußte mich mit ihr gründlich aussprechen.

            Es vergingen fast anderthalb Stunden ohne ein Anzeichen, daß jemand den Alarmknopf gehört habe. Von Unruhe gepackt, drückte ich nochmals auf den Knopf. Ich betätigte die Lukenmechanismen und versuchte hinauszusehen. Durch die starken Scheiben aus durchsichtigem Metall sah ich eine pechschwarze Unendlichkeit, in der fern einige rote Punkte flimmerten; der gewöhnliche Anblick kosmischer Fahrten, wenn sich das Raumschiff von einem Sonnensystem entfernt. Ich hämmerte mit den Fäusten an die Tür, ich rief, obwohl ich ganz genau wußte, daß mich niemand hören konnte, und drückte nochmals lange auf den Alarmknopf. Niemand antwortete. Ich öffnete auch die anderen Luken und mußte, nachdem ich nach allen Seiten Ausschau gehalten hatte, endlich meine Lage erkennen. Es war etwas Furchtbares geschehen: Die Kabine hatte sich vom Raumschiff gelöst. Ich schwebte allein im unendlichen Kosmos.

             Ich konnte nicht begreifen, wie sich die Katastrophe ereignet hatte. Wahrscheinlich hatte ich beim Blockieren der Tür einen Auslösungsmechanismus in Bewegung gesetzt. Wie die anderen Rettungskabinen, konnte auch diese vom Rumpf des Raumschiffs gelöst werden. Aber was hatte es noch für einen Sinn, mir darüber Gedanken zu machen. Ich war allein wie in einer Gefängniszelle (in vorkosmischen Romanen hatte ich über solche Zellen gelesen), gleich, ob aus eigener Schuld oder aus der anderer, und mußte unbedingt eine Rettung finden. Nach den ersten grauenvollen Augenblicken fand ich mein Selbstvertrauen wieder. Es war nicht so schlimm, sagte ich mir; die Kabine konnte, auch nachdem sie sich losgelöst hatte, doch nur wie ein Satellit gehorsam um den Rumpf des Raumschiffs kreisen. Das wußte jedes Kind, schon seit Jules Verne Ich hatte also keinen Grund zur Besorgnis. Ich wußte, daß sich in jeder dieser Kabinen wenigstens ein Raumanzug für Arbeiten außerhalb der Bordwand befand. Tatsächlich fand ich ihn auch gleich, stieg hinein und schwang mich durch die schmale Lukenöffnung hinaus.

            Das Raumschiff war nirgends zu sehen. Ich stieg in die Kabine zurück und zwang mich mit Mühe zur Ruhe. Allein … Die Vorstellung der Einsamkeit im Weltall drang mir plötzlich wie eine unerahnte, unmenschliche Wirklichkeit durch alle Poren. Die Unendlichkeit ist faßbar und noch erträglich, wenn wir sie auf das algebraische Zeichen beschränken oder sie konventionell und doch reell in die Wegstrecken der Raumschiffe zwischen den Planeten oder die des Lichtes zwischen den Welteninseln zerlegen. Aber ein Mensch, der mutterseelenallein in die schwarze Unendlichkeit gestoßen wird … Meine Gedanken fanden keinen anderen Halt als das Raumschiff, das sich in kosmischer Geschwindigkeit von mir entfernte. Ich aber … Mir wurde plötzlich bewußt, daß ich mit derselben Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung jagte, fort von den einzigen Menschen, die mir in der unendlichen Einöde nahe gewesen waren. Die Rettungskabine besaß, wie auch die anderen Kabinen, einen Gegenraketen-Mechanismus und hatte sich also nicht einfach losgelöst, sondern war in entgegengesetzter Fahrtrichtung abgeschossen worden. Wann würde im Raumschiff mein Fehlen und natürlich das der Kabine bemerkt werden?

            Und was konnten sie schon unternehmen? Der Raumanzug hatte mich vor der kosmischen Kälte geschützt und trotzdem spürte ich schon die von ihr hervorgerufene Mattigkeit, in der die Verzweiflung erst mit den letzten Gedankenspuren erlischt. Erst spät kam ich aus dieser Betäubung wieder zu mir. Obwohl ich zum furchtbarsten Ende verurteilt war, das es je gegeben hatte, zwang mich mein Lebenswille, mich ihm entgegenzustemmen, einen Ausweg zu suchen. Solange ich noch lebte und vor der Unerbittlichkeit des Kosmos geschützt war, mußte ich mich trotz der so äußerst ungleichen Bedingungen, die mir aufgezwungen waren, gegen das Ende wehren. Aber wie lange konnte ich es in der engen, unwohnlichen Kabine mit ihrem gleichgültigen weißen Licht und ihrer Totenstille aushalten? Sollte ich mich überhaupt noch wehren? Hatte mein Trotz denn noch irgendeinen Sinn? Ob ja oder nein, ich überraschte mich plötzlich dabei, daß ich die Vorräte in der Kabine untersuchte. Sie waren jämmerlich genug. Ein Mensch, der allein auf einer öden Insel haust, hat doch noch Gras um sich, und wenn das auch sehr spärlich ist, kann er doch Muscheln suchen oder Fische fangen und hat Luft zum Atmen. Ich hatte auch diese nicht, das heißt, sie würde mir in nicht allzu langer Zeit ausgehen. Zwar besaß ich ein paar Dosen komprimierten Sauerstoff aus dem Krankenzimmer, konnte damit aber ohne den Apparat, der ihn in Atemluft umsetzte, nichts anfangen. Dieser befand sich im „weißen Salon“, wo wir nach Magdas Wunsch jedes Jahr unseren Hochzeitstag feiern sollten … Es blieb mir also nichts als der Luftaustauscher der gewöhnlichen Raumschiffausrüstung mit seiner kurzen Lebensdauer übrig … Mit den Nahrungsmitteln war ich noch schlechter dran. Am stärksten empfand ich aber das Fehlen eines Sendegerätes, mit dem ich hätte versuchen können, mich bemerkbar zu machen. Jeder Gedanke verursachte mir einen organischen Schmerz, wie ein tiefer Schnitt. Ich versuchte meinen Gedanken eine Richtung zu geben, aber einer war hoffnungsloser, zersetzender als der andere. Sie verwirrten sich in einem Knäuel, in einem Wirbel von Verzweiflung. Ich schluckte zwei Schlaftabletten, um nicht mehr denken zu müssen.

            Als ich erwachte, sah ich instinktiv auf die Uhr. Sie war stehengeblieben. Ich zog sie auf, aber was konnte sie hier, in der zeitlosen Finsternis des Weltalls, noch anzeigen, nachdem der Begriff der Unendlichkeit für mich so konkrete Formen angenommen hatte? Gab es überhaupt noch eine Zeit, wie ich sie zu denken gewohnt war? Und wo im Raum befand ich mich? Die menschlichen Begriffe von Zeit und Raum waren verschwunden, hatten sich zu einer ungeheuerlichen Gegenwart verdichtet, die meine letzten Augenblicke zu belauern schien.

            Wie ich mich erinnerte, war ich in die Kabine eingetreten, als das Raumschiff ungefähr auf der Höhe des Jupiter unser Sonnensystem verließ. Aber wieviel Zeit war seither vergangen? Und in welcher Richtung flog ich mit meiner zwerghaft kleinen, kaum mit dem Alternotwendigsten versehenen Rakete? Ich versuchte lange Zeit, meine Gedanken zu sammeln, die wie Wasser aus meinem immer leerer werdenden Hirn sickerten.

            Es klingt vielleicht sonderbar, aber in diesen Augenblicken absoluter Hoffnungslosigkeit sah ich vor mir die Geschichte jenes uralten Robinson Crusoe, der inmitten des Ozeans auf eine kleine öde Insel verschlagen war. Ein kleines Stück Erde … Was hätte ich nicht darum gegeben, auch nur einen Quadratmeter Erde unter den Füßen zu haben, um der Unendlichkeit des Weltalls ihren Schrecken zu nehmen! Ein paar Jahrhunderte war der Name Robinson Crusoes Sinnbild der Einsamkeit, des ungebrochenen, die rohen Gesetze des Ausgestoßenseins überwindenden Lebenswillens gewesen. Aber seine Einsamkeit hatte doch im wesentlichen menschliches Ausmaß, er lebte auf der Erde, in einer Natur die, selbst lebendig, auch ihm zu leben ermöglichte. Nein, Robinson war nicht ausgestoßen, er war nur von der Menschheit abgeschlossen gewesen. Meine Einsamkeit dagegen war eine absolute, kosmische; sie ließ mir auch nicht die geringste Möglichkeit einer Berührung mit Menschen, war der kalte Begriff der Einsamkeit. Um nicht die Herrschaft über meine Gedanken und Gefühle zu verlieren, mußte ich irgendeinen Entschluß fassen, irgend etwas unternehmen. Oh, es wäre so einfach gewesen, die starken Lukentüren aus galaktischem Metall zu öffnen und in diesen fliegenden Sarg die kosmische Leere eindringen zu lassen … Aber mein Wille war noch nicht gebrochen, etwas schrie in mir, einen Ausweg zu suchen. Einen Ausweg?

            Ich begann noch einmal den Inhalt der Kabine zu untersuchen. Man hatte hier vor allem medizinische und optische Geräte untergebracht. Die Medikamentenvorräte waren groß genug. Ich legte alles beiseite, wovon ich glaubte, daß es mir als Nahrungsersatz dienen könnte, und spritzte mir für den Anfang eine starke Dosis von dem Kräftigungsmittel ein, das ich sonst bei Operationen benutzte. Die Dosis reichte für 48 Stunden. Es war davon genug vorhanden, so daß mich die Nahrungsfrage nicht weiter beschäftigte. Dann stieß ich auf einen großen Vorrat an Sonnenspiegeln, die für mich völlig nutzlos waren. Ich lächelte bitter, als ich eine große Schachtel mit Farben entdeckte. Sie paßten wirklich zu meiner Lage!

            Damals reisten mit dem Raumschiff viele Maler, darunter Amateure, aber auch einige der berühmtesten Meister. Die kosmische Kunstepoche hatte begonnen, in der die Maler monate- und selbst jahrelange Reisen unternehmen konnten, um mit eigenen Augen die Landschaften der Venus und des Merkur zu sehen oder auf einem Satelliten die phantastischen Spiele der Jupiterwolken zu malen. Übrigens hatte ein solches Gemälde bei meinem und Magdas Entschluß, uns als Raumschiffärzte zu melden, eine entscheidende Rolle gespielt. Wir waren beide noch unentschlossen, vielleicht hatten wir auch nicht einmal an eine solche Möglichkeit gedacht, als wir jenes violette Meer mit dem von blauen Riesenbäumen beschatteten Ufer sahen, über dem sich der Himmel des Tau Ceti mit seinen drei Monden wölbte. Das auf dem ganzen Erdball bekannte Gemälde stammte von einem der bedeutendsten Meister und hatte etwas außerordentlich Erregendes an sich. Es war wie die Vision einer anderen Welt, die im wesentlichen unserer zu gleichen schien, in der aber die Farben eine so immense Leuchtkraft hatten, daß daneben aller Farben der Erde verblaßten. Wir waren damals in den Ferien, nachdem wir beide unser Arztdiplom erhalten hatten.

            „Noch zwei Wochen faulenzen am Strand“, meinten wir, „dann entschließen wir uns …“

            Man hatte uns damals unter anderem zwei Stellen im Polarsanatorium in der Antarktis vorgeschlagen, und der Gedanke, in einer sonnenüberfluteten gläsernen Stadt mitten in einer Eiswüste zu leben, war für uns sehr verlockend. Wir hatten auch andere, vielleicht ebenso schöne Angebote, wahrscheinlich wären wir aber schließlich beide doch in die Antarktis gezogen, wenn wir uns nicht die Ausstellung zeitgenössischer Kunst angesehen hätten, die damals in dem Seebad, wo wir unsere Ferien verbrachten, eine Zeitlang zu sehen war. Als Magda das Gemälde vom Tau Ceti sah, schrie sie auf. Das Bild nahm ihr den Atem.

            „Wir müssen uns das unbedingt mit eigenen Augen ansehen …“, sagte sie. Damals hatte sich unser Schicksal entschieden. Wir besuchten ein Jahr lang den Sonderkurs für Raumschiffärzte und traten dann unsere erste Reise in den Kosmos an. Einen Erdenmonat lang umkreisten wir den Merkur, den kleinsten Planeten unseres Sonnensystems, um seine Atmosphäre zu erforschen. Die ganze Expedition dauerte ein Jahr. Bei meiner Rückkehr auf die Erde war ich mehr als enttäuscht. Vor der Abfahrt hatte ich geglaubt, so eine Expedition sei eine Fahrt durch ein Märchenland, auf der wir jeden Tag etwas Unerwartetes sehen, leicht wie eine Schneeflocke auf den Planeten landen, neue Welten und Spuren astraler Zivilisation entdecken und nach der Rückkehr auf die Erde die Menschheit mit unseren phantastischen Ergebnissen in Staunen versetzen würden. Diese Erwartungen entzündeten unsere Phantasie, die kosmische Romantik hielt uns unentrinnbar gefangen, und wir gaben ihr uns bedenkenlos hin, weil sie uns einmalige Abenteuer versprach. Die erste Expedition aber kühlte unsere erregte Phantasie mit einemmal ab und stellte uns einer bedrückenden, eintönigen Wirklichkeit gegenüber: Endlose Tage im Raumschiff, das eintönige Bordprogramm, ringsum ewige Nacht. Der Anblick unserer alten Erde, die wir in der Ferne sahen, freute uns nur in der ersten Zeit, später schien es, als würde sie uns rufen, und wir konnten diesem Ruf nicht folgen. Im unendlichen Raum schien unsere Fahrt durch einen Tunnel zu führen. Der Äther umgab uns dunkel und undurchdringlich wie Felsengestein. Wir landeten nirgends. Die erste Fahrt stand in schroffstem Gegensatz zu meinen kosmischen Träumen. Ich war drauf und dran, mich als Raumschiffarzt ausmustern zu lassen und auf der Erde zu bleiben. Magda aber wollte nichts davon hören. Unsere erste Raumfahrt hatte sie gerade deswegen, weil sie nicht die geringste Überraschung gebracht hatte, in ihrem Willen bestärkt.

            „Wir dürfen nicht lockerlassen“, sagte sie. „Ich muß diese Landschaft auf dem Tau Ceti sehen!“ In unserer Kabine hing eine Reproduktion des Gemäldes, das uns mit seinen leuchtenden Farben unwiderstehlich in die Geheimnisse des Kosmos gezogen hatte. Unsere Kabine … Ich sah auf die Vorräte an Farben und überraschte mich dabei, daß ich die Tuben mit den Füßen zertrat. Überall kann man die Hoffnung haben, Menschen zu treffen, nur nicht in der ewigen Nacht des Kosmos. Wenn aber trotzdem … Natürlich, die Wahrscheinlichkeit war so verschwindend klein, daß sie praktisch zur Unmöglichkeit wurde. Und trotzdem … Schon die Tatsache, daß ich mich gezwungen hatte, an eine mögliche Rettung zu denken, auch wenn sie ganz undenkbar gewesen wäre, beruhigte mich: Es war eine furchtbare Ruhe, die an Wahnsinn grenzte. Eigentlich suchte ich nicht einmal eine Lösung, sondern wollte nur den Gedanken an das völlige Ende auslöschen oder wenigstens von mir fortschieben, wie ein Mensch, der unter der Zwangsvorstellung lebt, daß er lebendig begraben wird, schon vorher seine Gruft dafür einrichtet und sie mit den verschiedensten Alarmvorrichtungen ausstattet, die ihn retten sollen, wenn er vom Scheintod erwacht.

            Wie lange schwankte ich zwischen den phantastischsten Projekten? Ich weiß es nicht mehr. Das Bewußtsein, noch zu leben, zwang mich, wie irrsinnig den Gedanken vorauszueilen, um eine Lösung zu finden. Schließlich glaubte ich, eine gefunden zu haben, die einzige Lösung, ebenso verzweifelt wie meine Lage. Ich legte den Raumanzug an und schwang mich hinaus. Flog ich, oder blieb ich auf der Stelle? Ich wurde mir darüber nicht klar. Nirgends war auch nur die Spur eines Himmelskörpers zu sehen. Ich war das einzige Wesen in der Unendlichkeit, ein hilfloser, in einen einsamen Planeten verwandelter Mensch, der, für alle verschollen, sein Ende erwartete. Befand ich mich unter oder über der Kabine? Unten, oben, das alles gab es nicht mehr. Der einzige Mechanismus, der noch etwas zu messen versuchte, war das Blut, das in den Adern kochte und schrie: „Ich lebe!“

            Dieses Wort schrieb ich in großen Lettern auf die Bordwand der Kapsel und verbrauchte dafür alle Tuben mit weißer Farbe. „Ich lebe!“ stand auf der einen und „Ich lebe!“ auf der anderen Seite der Kapsel. Dies war die einzige Hoffnung, an die ich mich noch klammern konnte.

            Es blieb nichts mehr übrig, als … Oh, meine Hoffnung war so unwahrscheinlich! Es hätte ein Raumschiff nahe vorbeikommen müssen – aber was hieß schon ‚nahe‘ im Kosmos? –, dazu mit brennenden Scheinwerfern, was nur dann eintrat, wenn man etwas Bestimmtes suchte, und meine winzige Kabine in ihrem weißen Licht erfassen müssen. „Ich lebe!“ hätte dann der leblose Kosmos gerufen. Wie wenig ich mich auch in Berechnungen auskannte, es war mir doch klar, daß die Möglichkeit, an die ich mich klammerte, gleich Null war … Es blieb mir nur übrig zu warten. Wie lange? Vielleicht eine Ewigkeit. Und was konnte ich in dieser Zeit tun (Oh, die Zeit, die es für mich nicht mehr gab und die ich doch im ungeduldigen Schlagen des Herzens spürte!), in meinem durch den Kosmos irrenden Kerker? Zuerst dachte ich daran, mir von Zeit zu Zeit Kräftigungsmittel einzuspritzen, mich dann hinzulegen und an irgend etwas zu denken. Aber die Gedanken waren meine Todfeinde geworden. Alle Gedanken sind voll von Erinnerungen an Menschen, und sie wurden in der toten Unendlichkeit zur Folter. Ich mußte meine Gedanken unterdrücken. Ich hatte genug Schlaftabletten bei mir und hätte mich damit für längere Zeit betäuben können, aber ihre Wirkung war streng begrenzt, und auf einmal eingenommen, hätte eine größere Menge Tabletten im Organismus schwere Störungen hervorgerufen. Ich dachte daran, daß ich bei jedem Erwachen niedergeschlagen feststellen würde, daß sich nichts geändert hatte, und befürchtete, nicht nur meine Gedanken, sondern vor allem meine unbewußten Regungen nicht mehr beherrschen zu können. Mehrmals ertappte ich mich dabei, daß ich im Begriff war, den Lukenmechanismus auszuklinken und mich hinauszustürzen …

            Aber ich konnte noch durchhalten, und ich mußte es bis zuletzt. Ein paar Monate, ein Jahr, gleichgültig wie lange, ich mußte durchhalten! Ich glaubte hartnäckig, daß etwas geschehen mußte, noch bevor ich am Ende meiner Kräfte war. Die Schrift auf der Kapsel schrie es in den Kosmos. Ich hätte nicht mehr tun können, selbst wenn ein Raumschiff in der Nähe gewesen wäre. Ich mußte also meine unmittelbaren Feinde, die Gedanken und unbewußten Regungen, vernichten, mich in einen unbegrenzten Schlaf versenken, möglichst lange schlafen, um die Zeit zu überwinden. Der Raumanzug war natürlich mit Wärmeregler und Luftregenerierungsfilter versehen. Ich verabreichte mir eine starke Spritze mit dem Kräftigungsmittel und legte den Anzug an. Der Luftregenerierungsfilter funktionierte normal. Und selbst wenn er gestreikt hätte, während ich schlief, hätte ich das nicht mehr empfinden können. Langsam, wie ich es oft in den Sanatorien bei der Unterkühlungsanästhesie getan hatte, senkte ich die Temperatur im Raumanzug. Als ich auf 35 Grad gekommen war, verschleierte ein Nebel meine Augen, der undeutlich die Umrisse Magdas annahm … Ich streckte die Arme dicht am Körper aus und überließ den Apparat sich selbst. Ich wußte, daß die Temperatur langsam bis auf 5 Grad sinken und sich dann der Thermostat einschalten würde, während ich, im Raumanzug abgeschlossen, langsam in den traumlosen Schlaf hinüberglitt. Nur das Herz würde unmerklich weiterschlagen und mich am Leben erhalten, einem Leben, dessen ich mir nicht mehr bewußt sein würde. Ich hatte mich in einen endlosen, vielleicht ewigen Schlaf versenkt. Nichts konnte mich mehr aus meinem Zustand reißen als ein Mensch, der in die Kabine trat, oder ein Meteorit, der sie zerschlug. So trieb ich bewußtlos in den Kosmos.

            Erst war es wie laues Wasser, in das man die Zehen steckt, dann ein Leichterwerden der Augenlider. Meinen Körper fühlte ich, wie einen Schatten. Ängstlich öffnete ich die Augen. Ich befand mich in einem Raum, dessen Größe ich im Halbdunkel nicht genau erkennen konnte. Ein weiches, bläuliches Licht wie in der Morgendämmerung flutete über das Bett, auf dem ich ausgestreckt lag. Durch den Nebel, der meine Augen verschleierte, lächelte Magda.

            „Du …“, murmelte ich nur. Ich hätte es rufen, schreien wollen. Sie legte den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß ich schweigen sollte, und lächelte, wie nur sie allein lächeln konnte.„Wo bin ich?“ „Du bist bei mir. Aber du mußt noch schlafen …“  Sie setzte sich neben mich, strich mir leicht über die Stirn und zerstäubte dann nahe an meinem Gesicht das tonische Narkotikum, dessen Tannengeruch ich so gut kannte. Noch im Einschlafen beschäftigte mich dunkel die Frage, wo mein Raumanzug sei.

            Ich erwachte nach, ich weiß nicht wie langer Zeit, mit klarem Kopf. Magda saß noch immer neben mir und sah mich an. Plötzlich kam mir zu Bewußtsein, daß ich mich im „weißen Salon“ auf dem Raumschiff befand. War ich gerettet oder war alles nur eine Halluzination gewesen?

            „Jetzt darfst du aufstehen …“ Sie löschte das Licht und öffnete die Bordluken. Draußen wölbte sich wie in ruhigen Atemzügen ein tiefblauer Himmel, auf dem drei riesige rote Monde standen. Daneben ein Meer mit weichen, violetten Wellen. Riesige blaue Bäume beschatteten das Ufer.  „Das Meeresufer vom Tau Ceti …“ „Ja, Geliebter. Nicht wahr, das Bild hat uns nicht betrogen? Nur die Farben waren ein wenig matt …“

            Jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, um die mich das „Museum der ersten Raumflugjahrzehnte“ gebeten hatte, muß ich lächeln. Wie hatte ich auch nur einen Augenblick lang glauben können, daß mich meine Gefährten vom Raumschiff im Kosmos untergehen lassen könnten, daß sie nicht das Unmögliche versuchen würden, um mich zu finden? Wie hatte ich denken können, Magda würde vor dem Kosmos die Waffen strecken? Sie, die immer alles erreichte, was sie wollte, sogar das Meeresufer auf dem Tau Ceti?

            Allerdings war ich in der Raumschifftechnik ein blutiger Laie gewesen. Nach meinem Abenteuer wurde beschlossen, daß alle Teilnehmer einer Expedition, unabhängig von ihrem Beruf, die Bau- und Steuerungsprinzipien der Raumschiffe kennen müssen. Mein unfreiwilliges Experiment hatte also doch auch ein nützliches Ergebnis gehabt …

            Was mir damals jede Hoffnung genommen hatte, war der Gedanke, das Raumschiff und die Endkabine würden sich voneinander mit unvorstellbarer Geschwindigkeit entfernen, und die unbekannte Bahn meiner Rakete machte es, abgesehen von reinem Zufall, unmöglich, sie wieder einzuholen. Hätte ich das Gegenraketenprinzip auch nur in großen Zügen gekannt, so hätte ich natürlich wissen müssen, daß Geschwindigkeit und Bahn einer Rakete, die von Bord eines Raumschiffes abgeschossen wird, genau vorberechnet sind und daß sie also verhältnismäßig leicht von dem Raumschiff eingeholt werden kann, wenn es seine Geschwindigkeit entsprechend beschleunigt. Wir sollten die Bahnen von Hunderttausenden kleinster Asteroiden kennen und Gegenraketen abschießen, die wir nicht mehr einholen können? Heute ist das, was ich hier sage, jedem Schulkind klar wie die einfachste Addition … Darum erlaube auch ich mir, jetzt über meine damalige Unwissenheit zu lächeln.

            Vor meinen Augen steht die Kabine, in der ich damals, ich weiß nicht mehr wie lange, lebte. Ich will es auch gar nicht wissen, obwohl meine Gefährten vom Raumschiff behaupten, es habe nur einige Tage gedauert. Tage sind aber nur dann ein Begriff, wenn man auf einem Planeten oder doch wenigstens auf einem Raumschiff lebt. In meiner Kabine hatten sie allen Inhalt verloren. Ein Tag war gleichbedeutend mit der Ewigkeit, und was ich hier sage, ist kein mathematischer Vergleich, sondern strenge Wahrheit. Die Kabine steht hier, vor meinen Augen, mit ihren ungefügen weißen Lettern: „Ich lebe!“ Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums bat mich, diese Geschichte zu schreiben und sie dann auch für die Besucher drucken zu lassen. Es sei besser, als wenn immer er dieses Abenteuer erzählen müsse, aus einer Zeit, in der der Bordarzt eines Raumschiffs noch nichts vom Gegenraketenprinzip wußte. Eigentlich sagen die Worte auf der Kabinenwand „Ich lebe!“ schon alles. Und auch das Lächeln Magdas, die unsere Freundin in diesem Jahr zu unserem Hochzeitstag auf dem Tau Ceti, „an das Ufer des violetten Meeres“, einladen will. Jetzt ist es auch schon leichter, denn mit den heutigen Überlichtraketen dauert ein Flug nur noch ein knappes Jahr.

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