Michail Lermontow ♦ Ein Traum ♦ Lyrik

EIN TRAUM

    In Daghestan, im Brand der Mittagsstunde
Lag still ich da, im Herzen das Geschoß;
Es rauchte noch die tiefe Todeswunde,
Draus sickernd tropfenweis mein Blut entfloß.

Still lag ich da im heißen, gelben Sande,
Und scheitelrecht der Strahl der Sonne traf
Die Felsen rings; doch ihre Glut verbrannte
Vergebens mich; ich träumt im ewigen Schlaf.

Es träumte mir: Von hellen Feuern glänzend,
Die Heimat nächtlich lag; im Festgewirr
Die Menge summte; festlich sich bekränzend
Die Mädchen schelmisch plauderten von mir.

Nur eine will nicht plaudern, will nicht scherzen,
Sie sitzt allein und sinnt und atmet kaum,
Und quälend lastet auf dem jungen Herzen
Ein ahnungsvoller, wunderbarer Traum.

Es träumte ihr: Im fernen Talesgrunde
Ein wohlbekannter Körper einsam ruht;
Es klafft in seiner Brust die Todeswunde,
Und schon erkaltend sickert draus sein Blut.

(Übersetzt von: Hans Gerschmann)

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