Michail Lermontow Θ DAS BLATT Θ LYRIK

DAS BLATT

    Es ward einst ein Blatt von der heimischen Eiche geschlagen
    Und ward von dem Sturme zur baumleeren Steppe getragen;
    Es welkte vor Gram und vor Hitze und Kälte geschwind,
    Da trug es endlich zum Schwarzen Meere der Wind.

    Hier sieht es am Meer eine junge Platane aufsteigen –
    Sanft säuselt der Wind durch die Blätter und spielt mit den Zweigen;
    Es wiegen Paradiesvögel sich auf den Ästen und singen,
    Der Meeresprinzessin zum Ruhm ihre Lieder erklingen.

    Schüchtern naht sich das wandernde Blättchen
    dem blühenden Baume
    Und fleht um Obdach und Schutz in dem schattigen Raume,
    So spricht es: »Ich bin das verwaiste Blatt einer Eiche,
    Vom Sturme entrissen der Heimat rauhem Bereiche;

    Ganz einsam und ziellos, so flog ich im endlosen Kummer,
    Nicht Obdach konnte ich finden, nicht Nahrung noch
    Schlummer –
    In deinen smaragdenen Blättern erlös mich der Plagen,
    Ich will dir’s vergelten; kenn viele Geschichten und Sagen…«

    »Du, heb dich hinweg!« sprach der Baum – »du bist
    von den Wettern
    Vergilbt und verdorrt und gleichst nicht meinen
    übrigen Blättern.
    Hast vieles gesehn, doch was soll ich mit deinem Erzählen?
    Ich muß mich genug mit dem Singsang der Vögel schon quälen.

    Nein, geh deinen Weg – bei mir wirst du umsonst dich bemühen!
    Mich liebt die Sonne – und ihr nur gehört mein Blühen;
    Stolz sind meine Zweige empor zum Himmel gebogen,
    Die Wurzeln mir waschen des Meeres dienstbare Wogen.«

(Übersetzt von: Friedrich Bodenstedt)

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