Michael Lermontoff: Ein Held unserer Zeit • Petschorins Tagebuch II • Feine Textfragmente

Mikhail Yurievich Lermontov by Pyotr Zabolotsky, painted in 1837. This reproduction is in color.
Mikhail Yurievich Lermontov by Pyotr Zabolotsky, painted in 1837. This reproduction is in color.

Ich durcheile im Gedächtnis meine ganze Vergangenheit und frage mich unwillkürlich: wozu habe ich gelebt? zu welchem Zwecke bin ich geboren? … Und sicher muss der Zweck existiert haben, und wahrscheinlich hatte ich eine hohe Bestimmung, denn ich fühle in meiner Seele unermessliche Kräfte … Aber ich habe diese Bestimmung nicht erkannt, ich habe mich durch Lockmittel von leeren und undankbaren Leidenschaften hinreissen lassen; aus ihrem Schmelzofen bin ich hart und kalt wie Eisen hervorgegangen, habe aber auf ewig das Feuer der edlen Bestrebungen – die schönste Blüte des Lebens – verloren. Und wie oft habe ich seit dieser Zeit schon die Rolle eines Beiles in den Händen des Schicksals gespielt! Wie ein Henkerbeil fiel ich auf die Köpfe der verdammten Opfer nieder, oft ohne Bosheit, stets ohne Mitleid … Meine Liebe hat niemand Glück gebracht, weil ich nichts opferte für die, die ich liebte: ich liebte meinetwegen, zu meinem eigenen Vergnügen. Ich befriedigte bloss ein sonderbares Bedürfnis des Herzens, verschlang voller Gier ihre Gefühle, ihre Zärtlichkeit, ihre Freuden und Leiden – und konnte nie mich sättigen. So verfällt der von Hunger Gequälte ermattet in einen Schlaf und erblickt prachtvolle Gerichte und schäumenden Wein; er verschlingt mit Entzücken die Gaukelgeschenke der Phantasie, und ihm wird scheinbar leichter, aber kaum ist er erwacht – verschwindet auch der Traum … es bleibt der verstärkte Hunger und die Verzweiflung.

Aus: Michael Lermontoff: Ein Held unserer Zeit • Petschorins Tagebuch

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