Alexander Eliasberg über Michael Jurjewitsch Lermontov

Michael Jurjewitsch Lermontov

Puschkin und Lermontow werden wohl von den meisten Russen in einem Atem genannt, wie etwa Schiller und Goethe, sind aber die größten Gegensätze. Der eine ist ein lichter, der andere ein finsterer Engel. Der eine der Tag, der andere die Nacht. Byrons Einfluß auf Puschkin war nur vorübergehend und nicht tief; Lermontow war dagegen mehr als von Byron beeinflußt; er war eine Wiederholung Byrons auf russischem Boden (Lermontows Geschlecht stammte übrigens aus Schottland); er hatte sogar die Grenzen des Byronismus weit überschritten: der Dichter und Philosoph Wladimir Ssolowjow spricht von ihm als von einem Vorläufer Nietzsches; Mereshkowskij nennt ihn den »Dichter des Übermenschentums«. Jedenfalls ist Lermontow in der Entwicklungsgeschichte der russischen Literatur schwer einzureihen: er ist ein Meteor aus einer andern Welt, aus einer andern, späteren Zeit, der zufällig im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts den russischen Himmel durchflog. In einem seiner schönsten Gedichte Der Engel, das er als Siebzehnjähriger schrieb, erzählt er sogar von diesem Flug.

Michaïl Jurjewitsch Lermontow wurde 1814 zu Moskau geboren. Seine Mutter, die früh gestorben war, kannte er nicht, und er wurde von seiner Großmutter Arssenjewa erzogen; seinen Vater, der mit der Großmutter entzweit war, sah er fast nie. Seine Kindheit verbrachte er mit der Großmutter auf dem Lande in Mittelrußland, besuchte mit ihr einmal als Zehnjähriger den Kaukasus, der seine dichterische Heimat werden sollte, und kam 1828 in ein Knabenpensionat und 1830 auf die Universität zu Moskau. Schon auf der Schulbank schrieb er eine Menge Gedichte, darunter mehrere Übersetzungen aus Schiller und Byron. Viele dieser Jugendgedichte zeigen uns Lermontow schon in seiner ganzen Eigenart und Vollendung. So das merkwürdige, für ihn ungemein charakteristische, 1829, also mit fünfzehn Jahren geschriebene Gebet, das wir vollständig zitieren:

Nicht straf mit rächender Gebärde,
Allmächtiger, des Herzens Trieb;
daß ich die Grabesnacht der Erde
mit ihren Leidenschaften lieb‘;
daß selten in die Seele flutet,
sie läuternd, Dein lebend’ges Wort;
daß dieser Geist in Schmerz verblutet,
entfernt von Dir, an üblem Ort.
Daß der Begeist’rung Lavamassen
durchströmen brodelnd meine Brust,
und wildes Lieben, wildes Hassen
des Auges Glas umflorend rußt;
daß mir zu eng ist diese Erde;
daß ich mich fürcht‘, zu Dir zu gehn;
daß oft aus meines Lieds Beschwerde,
Gott, nicht zu Dir sich hebt mein Flehn.
Doch lösch die wunderbare Flamme,
in der verbrennet Lust und Schmerz,
des Blickes Gier Dein Schlag verdamme,
in Stein verwandele mein Herz;
vom schauerlichen Durst zum Liede
erlöse mich, als letzter Pein:
dann wird aufs neue mir Dein Friede,
Dein enger Pfad geöffnet sein.

Erstaunlich ist auch das im nächsten Jahre entstandene Gedicht:

Neig, schöner Jüngling, dich zu mir mit Lust!
Wie bist du schamhaft! Herzt zum erstenmal
dein scheuer Finger eine Frauenbrust…

das an Leidenschaftlichkeit wohl alles übertrifft, was irgendein Sechzehnjähriger geschrieben hat.

Schon nach zwei Jahren verließ Lermontow nicht ganz freiwillig die Universität und trat in die Petersburger Schule für Gardefähnriche ein. Über diesen Wechsel der Laufbahn schrieb er selbst: »Dieser Weg ist vielleicht der kürzere: wenn er mich nicht zu meinem ersten (dichterischen) Ziel bringt, so vielleicht zum letzten Ziel alles Seins. Es ist besser, mit der Kugel in der Brust zu sterben als vor langsamer Erschöpfung des Alters.« Die letzten Worte waren prophetisch, wie auch die in einem früheren Gedicht (1831):

Ich bin nicht Byron, bin ein andrer
Berufener schaffender Befehle,
wie er, ein weltverfolgter Wandrer,
jedoch mit einer russischen Seele.
Fing früher an, werd‘ früher stranden,
nicht viel vollbringen wird mein Geist.
In meiner Seele Meeresbranden
der Hoffnungen Getrümmer kreist…

Der Aufenthalt in der Fähnrichschule und der Umgang mit den jungen Taugenichtsen wirkte übrigens ungünstig auf Lermontows auch ohnehin unangenehmen Charakter, der alle, die mit dem jungen Dichter in Berührung kamen, abstieß. Er spielte einen Dämon oder war in Wirklichkeit ein Dämon. Wladimir Ssolowjow erzählt: »Schon in der Kindheit zeigte er Züge einer geradezu dämonischen Bosheit. Er brach im Garten die Sträucher ab und zerpflückte die schönsten Blumen. Mit wahrem Genuß quetschte er eine Fliege tot und freute sich, wenn ein von ihm geschleuderter Stein ein armes Huhn umwarf. Der erwachsene Lermontow benahm sich ebenso gegen jedes menschliche Wesen, besonders gegen Frauen.« 1834 kam Lermontow aus der Fähnrichschule als Kornett zu den Leibhusaren, im folgenden Jahr wurde er zum erstenmal gedruckt; das nicht sehr bedeutende Verspoem Hadschi-Abrek lenkte gleich die Aufmerksamkeit literarischer Kreise auf den jungen Dichter.

Auf den Tod Puschkins im Duell (1837) reagierte Lermontow mit einem ungemein temperamentvollen Gedicht, durch das sich die Hofkreise, die er für den Tod des Dichters verantwortlich machte, verletzt fühlten: »Und nimmer waschet ihr mit eurem schwarzen Blute das heil’ge Blut des Dichters fort.« Die Folge dieses Gedichts war die Strafversetzung Lermontows nach dem Kaukasus, den er schon aus seiner Kindheit kannte und der sein wahres Element war. Das Gedicht und die Verbannung machten Lermontow natürlich auf einen Schlag berühmt; viele sahen in ihm den rechtmäßigen Erben Puschkins, und dies veranlaßte die Regierung, auf ihn ein besonderes Augenmerk zu richten. Eines seiner schönsten Werke, das den Volksepen nachgebildete Lied vom Kaufmann Kalaschnikow, das absolut nichts Staatsgefährliches enthält, durfte nur auf besondere Verwendung Shukowskijs gedruckt werden und auch das nur ohne Nennung des Dichters.

Die erste Verbannung dauerte nur ein Jahr: Anfang 1838 durfte er nach Petersburg zurückkehren. Im Februar 1840 hatte er ein Duell mit dem Sohne des französischen Gesandten, den er ohne jeden Grund beleidigt hatte. Das Duell verlief unblutig, führte aber zu einer neuen Verbannung nach dem Kaukasus. Nur noch einmal (1841) durfte er für kurze Zeit nach Petersburg zurückkehren. Auf der Rückreise hielt er sich kurze Zeit in Moskau auf und machte hier die Bekanntschaft Bodenstedts, der sehr interessante Erinnerungen an ihn hinterlassen und fast sein ganzes Werk ins Deutsche übertragen hat (einige Gedichte Lermontows sind uns nur in der deutschen Übersetzung Bodenstedts erhalten geblieben). Nach dem Orte seiner Verbannung zurückgekehrt (1841), nahm Lermontow krankheitshalber Urlaub und ging nach Pjatigorsk, einem Schwefelbad im Kaukasus. Hier provozierte er einen gewissen Major a.D. Martynow zum Duell und wurde von diesem am 27. Juli getötet, ohne selbst einen Schuß abgegeben zu haben. Die Gründe des Duells sind niemals bekanntgeworden. Die offizielle Meldung aus Pjatigorsk über den Tod Lermontows lautete: »Am 27. Juli gegen fünf Uhr abends entlud sich ein schreckliches Gewitter mit Blitzen und Donner; um diese Zeit verschied im Tale zwischen den Bergen Maschuk und Beschtau der in Pjatigorsk zur Kur weilende M. J. Lermontow.« Der Beamte, der diese lapidaren Sätze verfaßte, hatte wohl ganz unbewußt den richtigen Ton für den Bericht über das Hinscheiden des ›Dämons‹ gefunden. Kaiser Nikolai I. soll aber beim Empfang der Nachricht vom Tode des Dichters gesagt haben: »Einem Hunde gebührt ein hündischer Tod.« Nur einige wenige Freunde, die ihn wirklich kannten, beweinten ihn; die Mehrzahl der Menschen, die mit ihm in Berührung gekommen waren, atmete erleichtert auf, als hätte der Dämon des Bösen die Erde verlassen.

Das Werk des mit sechsundzwanzig Jahren aus dem Leben geschiedenen Dichters ist nicht groß. Er selbst hielt für sein Hauptwerk die längere Dichtung Der Dämon, die er als Vierzehnjähriger begonnen und erst nach neun Jahren, 1838, vollendet hatte. Die Zensur erlaubte die Veröffentlichung des Werkes erst viele Jahre nach dem Tode des Dichters, in den sechziger Jahren. Das Motiv der Dichtung ist nicht originell: der gefallene Engel entbrennt in Liebe zu einer Irdischen, dem Georgiermädchen Tamara, und verfolgt sie mit seinem Liebeswerben auch im Kloster, in das sie sich nach dem Tode ihres Bräutigams zurückzieht. Tamara erwidert die Liebe und stirbt unter dem sengenden Kusse des Dämons. Ein Abgesandter des Himmels rettet ihre Seele, »und sein unsinniges Begehren verfluchend, blieb nun wie vorher, verdammt zu ewigem Entbehren, der Dämon in den öden Sphären des Weltalls trost- und liebeleer«. Wie es aus anderen Gedichten Lermontows hervorgeht, identifizierte er sich selbst mit seinem Dämon, der übrigens nicht das Böse verkörpert, sondern nur den Trotz, die Einsamkeit und den Hochmut; er will Tamara nicht bloß zur Sünde verführen; seine Leidenschaft ist echt, und von der Liebe erhofft er Läuterung, um in seine lichte Heimat zurückkehren zu können. Die Wirkung des Dämon auf die Leser war ganz gewaltig und ist es noch. Der sehr bekannte Maler Wrubel (1856-1910) wählte ihn zum Thema seines Lebenswerkes. Er malte einen ›Dämon‹ nach dem andern, identifizierte sich mit ihm und starb im Irrenhaus. – Ein anderes Versepos Lermontows heißt Mzyri (georgisch: der Klosternovize) und behandelt das Schicksal eines Tscherkessenjungen, den Russen in ein Kloster zur Erziehung gaben. Es ist die Tragödie eines jungen Adlers, der im Käfig verkümmert. Der Knabe bricht aus, sieht noch einmal seine heimatlichen Berge, kehrt nach einigen Tagen der Freiheit ins Kloster zurück und stirbt in den Armen seines Beichtvaters. Vor dem Tode erzählt er dem Alten seine Erlebnisse auf der Flucht. Die kaukasische Natur ist hier mit einer Farbenpracht gemalt, vor der Puschkins einfache Schilderungen verblassen. Aber der Mzyri hat (wie auch der Dämon), in Gegensatz zu Puschkins Dichtungen, viel von seiner Frische eingebüßt. Weit mehr fesseln uns Lermontows lyrische Gedichte, in denen neben dem trotzigen Übermenschentum zuweilen auch ein glühendes religiöses Gefühl zum Durchbruch kommt. Hier ein Beispiel für seine lyrische Eigenart:

Ein Engel flog singend durchs Himmelsgefild,
sein Lied klang verhalten und mild;
ihm lauschten, erstrahlend in schimmernder Pracht,
der Mond und die Sterne der Nacht.

Er sang von dem ewigen seligen Sein
der Seelen, die sündlos und rein,
er sang vom allmächtigen Herrn – und sein Lob
zu lauterer Andacht erhob.

Er trug eine knospende Seele im Arm
zur Erde in Tränen und Harm,
der Klang seines Liedes verblieb sonder Wort
der Seele als heiliger Hort.

Sie duldete lange in irdischer Nacht,
von traumhafter Sehnsucht umwacht,
ihr konnte kein Lied, das auf Erden erklang,
ersetzen des Himmels Gesang.

Diese Lyrik stellt einen krassen Gegensatz zu der Puschkinschen dar: Puschkin wirkt wie das alles gleichmäßig durchdringende Sonnenlicht, Lermontow wie ein unheimliches, unruhig flackerndes Wetterleuchten.

Mit Lermontows einzigem vollendeten Prosawerk, dem Held unserer Zeit (1839) beginnt die eigentliche russische Romanliteratur. Die Handlung spielt im Kaukasus, der Held heißt Petschorin und ist wieder Lermontow selbst (obwohl er es energisch ableugnete und behauptete, er hätte nur den modernen Menschen mit allen Mängeln seiner Zeit schildern wollen). Das Werk besteht aus fünf sehr lose zusammenhängenden Teilen, von denen die letzten drei das Tagebuch Petschorins darstellen. Jeder Teil kann einzeln als eine in sich abgeschlossene Novelle gelten. Der blasierte Petschorin, ein russischer Byron, war bei den Zeitgenossen Lermontows und auch bei den späteren Generationen außerordentlich beliebt; »Vergleichende Charakteristik Onjegins und Petschorins« lautete ein in den russischen Schulen sehr beliebtes Aufsatzthema. Heute ist er wie sein weiblicher Gegenpart, die Fürstin Mary, ziemlich verblaßt; viel mehr fesseln uns die als episodische Figuren auftretenden Kaukasier. – Der gleiche Dämon-Lermontow kehrt als Arbenin zum drittenmal in Lermontows einzigem Drama Der Maskenball wieder. Der Maskenball ist wohl eines der schwächsten Werke Lermontows und vermochte sich, trotz der großen Popularität des Dichters, auf der Bühne nicht zu behaupten.

Lermontow war unter den Nachfolgern Puschkins der letzte Lyriker, für den sich die Zeitgenossen begeisterten und dessen Ruhm im Laufe des ganzen 19. Jahrhunderts nicht verblaßte. Die Bedeutung seines nicht minder großen, um elf Jahre älteren Zeitgenossen Tjutschew wurde erst viel später offenbar, und wir kommen auf ihn an einer anderen Stelle zu sprechen. Das Interesse der russischen Gesellschaft wandte sich nun ganz der Prosa zu, und wir betreten damit das Gebiet des großen russischen Romans.


Alexander Eliasberg – Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts
München, Beck, 1925, 2. Auflage

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