Menschenbilder | Rafael Santeria

Rafael Santeria war einer unserer ersten Interviewpartner und löste in der damaligen Redaktion mehrere hitzige Diskussionen aus. Er arbeitet in der Erotikbranche und als Model; was für den einen verrucht, ist für den anderen ein ganz normaler Job. Wir haben Rafael interviewt, weil wir neugierig auf sein Weltbild waren und sind.
Der Weltenbummler, Jahrgang 1988, fällt auf: im ersten Eindruck durch seine markigen Sprüche und seine zahlreichen Tattoos. Spannend ist zudem sein Leben als „Digitalnomade“. Seine Arbeit ist eher Berufung als Lohn- und Brotjob. Auf unsere Frage, welchen anderen Beruf er ausüben würde, gäbe es diesen nicht, sagte er 2014: „Ich liebe dieses Leben, ich liebe diesen Beruf.“ Inzwischen ist er nicht mehr so enthusiastisch.
Rafael ist eloquent und reflektiert. Er weiß, was er will, und verfolgt seine Ziele hartnäckig; inklusive der notwendigen Nebenwege. Wir hatten ihn im ersten Gespräch zu seinem Verhältnis zu Frauen, seiner Lebensphilosophie und seinen Erfahrungen in der Pornobranche befragt. Nun, zwei Jahre später, sprechen wir mit Rafael Santeria über seine Modelkarriere, was sich zu damals verändert hat und seine Zukunftspläne.

Die Pseudounabhängigkeit der Frau. – Hat sich Deine Wahrnehmung inzwischen verändert?
Hand aufs Herz! Hätten mich nach meinem Einbruch 2015 keine Frauen durch emotionalen, organisatorischen und persönlichen Support begleitet, wäre ich vermutlich untergegangen. Psychologinnen, Unternehmensberaterinnen, Anwältinnen, Journalistinnen, Feministinnen, Freundinnen: Nichts und niemand wie die Krise hat mir so deutlich gezeigt, dass mein weltanschaulicher Herrenwitz eine Blamage für mich, nicht für die Frauenwelt, gewesen ist. Ich weiß aus vielseitigen Erfahrungen, dass es Unterschiede gibt zwischen den Geschlechtern, aber diese sind diffus und durchlässig. Ich habe Tränen geweint an den Schultern der Frauen, denen ich mangelnde Autonomie vorgeworfen habe.

Ist meine Frau bereit, sich meinem Regelsystem zu fügen? – Wie wichtig ist Dir Macht in Deinen Beziehungen, privat wie beruflich? Würdest Du das heute noch so definieren?

Rafael Santeria | Foto: @corneredring
Rafael Santeria | Foto: @corneredring

Im Grunde genommen eine ethische und psychologische Binsenweisheit: Beziehungen sollten sich vorrangig um Einverständnis, Gegenseitigkeit, Kommunikation, Mitgefühl und selbstverständlich Liebe drehen – oh Wunder! Zwischenmenschliche Beziehungen sind bis zu einem gewissen Grad von dynamischen Macht- und Dominanzstrukturen geprägt, aber das zu einer Philosophie zu verklären, dürfte nach meinen Erfahrungen und Beobachtungen in Trennung, gegenseitiger Antipathie oder gar Gewalt enden. Wenn man sich nicht zufälligerweise gerade für den oberkrassesten Hatefucker hält, dürfte das den meisten Menschen missfallen. Womöglich geht es in langfristigen Beziehungen gerade darum, Machtverhältnisse abzubauen und durch liebevolles Einlassen zu verschmelzen: Für diese These fehlt mir allerdings noch die langfristige Erfahrung.

Ich liebe glatte, sterile Körper. – Ist das immer noch so?
Ja, das ist geblieben. Wobei ich es als berufliche und persönliche “Herausforderung” betrachte, mich mehr und mehr auch auf Körper einlassen zu können – jenseits meiner gewohnten und allgemeiner Schönheitsideale. Bei beidem spielt nämlich immer auch ein gewisser Grad an sozialem Druck eine Rolle. Und soziale Konvention sollte ja nun wirklich nicht die tiefere Sexualität dominieren.

Einfach drauf los. – Ist das immer noch Dein Motto?

Foto: Privat
Foto: Privat

Oh Himmel, nein. Ich wähnte mich damals in weitreichender Sicherheit vor ethischem und sozialem Ausschluss, vor Feindschaft und weitreichenden eigenen Fehlentscheidungen. Zwei, drei Jahre später sind meine persönliche Sensibilität und mein soziales Bewusstsein immens gewachsen. Heute sind kurz- und langfristige Entscheidungen durchdacht, zum Teil mit “Beraterstab” entwickelt. Bisher zahlt sich das aus.

Du arbeitest daran, Dich als Marke/Kunstfigur aufzubauen. Was bedeutet das konkret? Warum ist es Dir wichtig, als Markenprodukt in Erscheinung zu treten? Wie wichtig ist Dir dabei eine gewisse Privatsphäre?
Rafael Santeria ist eine sich selbst schreibende und von mir geschriebene Geschichte: Mein Leben war bis hierher unkonventionell und dramatisch. Aus diesem Leben kann ich mich reich bedienen, wenn ich die Öffentlichkeit unterhalten, faszinieren, bewegen möchte: Depressionen, Schmerzen, unvorstellbares Leid, ungeahnte Wendungen, durch nichts zu erklärendes Glück, Veränderung. Das Erzählen macht mir Spaß und hilft mir zudem bei der Verarbeitung. Meine Privatsphäre schütze ich dabei immer bewusster: Es braucht nicht jedes Detail meiner Geschichte bekannt zu sein, dann bleibt es spannend und ich erspare mir manche Konflikte mit mir selbst.

Du wurdest oft als Hatefucker bezeichet. Wenn Du zurück blickst: Wie geht es Dir mit diesem Stempel heute? Wie möchtest Du Dich aktuell gewertet wissen?

Foto: Privat
Foto: Privat

“Hatefuck” war ein ungeahnt erfolgreiches Branding, dabei war es seinerzeit gar nicht realitätsgerecht: Manchmal ging es härter zur Sache, aber auch nicht wesentlich mehr als bei vielen jungen Paaren heutzutage. Ich habe erschrocken und panisch das Image abgestreift, als ich bemerkt habe, dass Leute aus meiner Worthülse eine potentiell justiziable Realität gemacht haben. Ich habe mich über die Vorgänge damals ausführlich im feministischen Ressort des Vice-Magazins Broadly geäußert: “Ich fand mich selbst eklig” – in diesem Umfeld ist es seit dem auch nicht schöner geworden. Aktuell entwerfe ich einen neuen Produktionsstil, der eine Menge “von zart bis hart” abdeckt, aber klare und auch im Rahmen der Inszenierung sichtbare Grenzen sichtbar macht. Das Image-Produkt “Hatefuck” spielt dabei keine wirkliche Rolle mehr. Eine kleine Spielerei ist gerade in Überlegung, aber die ist noch nicht spruchreif.

Was ist Dir persönlich wichtig? Was ist Dein Antrieb? Geld, Macht, Ruhm, viele schöne Frauen und über kurz oder lang seelische Ausgeglichenheit und Lebensfrieden. – Hat sich das verändert? Warum?

Rafael Santeria | Foto: @benlaerk
Rafael Santeria | Foto: @benlaerk

Ich bin einigen Zielen auf unfreiwillige und zum Teil ganz merkwürdige Weise näher gekommen, vermutlich weil sich ihr Stellenwert verringert hat. Erfolg kann man nicht erzwingen – Seelenfrieden auch nicht. Moralisch integres Verhalten hingegen kann man sich im Zweifel sogar abverlangen. Ich habe mich von all zu konkreten Lebensentwürfen verabschiedet. Ich pokere auf Hoffnung, Geduld, Vertrauen und meinen mittlerweile etwas zivilisierteren Ehrgeiz, der mich selbst in den tiefsten Tälern immer noch vergleichsweise produktiv hat bleiben lassen.

Thema Depressionen: Du sagst, dass Du früher unter ihnen gelitten hast. Was hat sich geändert? Gibt es etwas, was Dich diese Krankheit gelehrt hat?
Die Depressionen haben sich immens verschlimmert, als mir alles in die Binsen gegangen ist. Demut. Leidensfähigkeit. Ich habe das “Durchhalten” erlernt. Einfach immer weitermachen. Es ist nicht (mehr) mein Lieblingsthema zugegebenermaßen. Ich danke dem Himmel für jeden Tag in Frieden und für das viele Glück, das ich am Ende hatte und zukünftig noch haben darf.

Du hast in den letzten Jahren einige Erfahrungen im Pornobiz gesammelt. Wie denkst Du heute über diese Szene?

Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures
Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures

Nun, ich wollte seinerzeit ja eine moderne Subkultur in die Branche hineingründen – mit Sicherheit ein etwas vermessener Anspruch. Ein erfahrenerer Darsteller hat mir irgendwann mal geraten, nicht weiter meine Lebenserfüllung im “Wegwerfprodukt” Porno zu suchen – der Ratschlag hat wehgetan, hat sich aber als sehr heilsam erwiesen. Ich halte mich heute eher am Rand der Branche auf und lasse mich nicht mehr von jedem Gerücht, Zoff, Drama, Skandal persönlich involvieren. Auch wenn mir das heute manch einer nicht mehr glaubt, aber ich hatte irgendwann mal richtig gute Absichten. Bedauerlicherweise habe ich durch eigenes Image-Fehlverhalten diese Absichten bestmöglich verschleiert. Manche Leute tragen mir bis heute noch nach, dass ich naiv Leute unterstützt habe, die für geringe oder auch gar keine Bezahlung bekannt waren. Ansonsten muss und möchte ich das Chaos gerne vor der Tür lassen. Es gibt funktionierende Systeme mit anständigen Leuten. Die Branche an sich ist zwar durcheinander, aber im Großen und Ganzen fair und verträglich.

Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures
Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures

Du bist inzwischen auch als Model tätig. Wie ist es dazu gekommen? Was verbindest Du für Dich mit diesem Job? Welche Ziele hast Du dabei?
Richtig! rafaelsanteriamodel.com — ein wie auch der Rest mittlerweile international ausgerichtetes Projekt, mit dem ich mich künstlerisch über Wasser gehalten habe, als mir alles andere zum Hals raushing. Es geschieht ohne jeden Zwang, die Fotografen sind dankbar für interessante Gesichter (mit Verlaub: hab ich) und ich bin dankbar für professionelle Fotos. Ein gewisses Talent ist erkennbar und die Nachfrage erstaunt mich manchmal selbst. Mal sehen, wohin das noch führt.

Was bedeutet für Dich „Moderne Pornographie“? Wie möchtest Du Deine Interpretation in die Köpfe bzw. Betten der Konsumenten bringen?

Foto: Privat
Foto: Privat

Noch ist mein neues Produkt kaum sichtbar. Im Inflagranti-Streifen “Kinky Euro Girls” habe ich mit liebevollen Verbündeten bereits vorgelegt, was möglich ist: Anspruchsvolle Technik, in diesem Fall hauptsächlich britische, junge, attraktive Darstellerinnen mit Schlagseite zum Szenemilieu: Bisschen Tattoo und Piercings, bisschen Porno, Erotik-Subkultur 2016. Pornographisch geht’s dabei recht klassisch zu: Gonzo, wenig bis gar kein Dialog, dafür aber etwas Behind-the-Scenes-Material. Es ist ein Innenanblick davon, wie ein Junge aus dem deutschen Punkrock Profi-Porno produziert. Zukünftig sollen mehr Lifestyle-Produkte eine Rolle spielen.

Wie denkst Du über Frauen?
Dankbar denke ich an und über sie. Ohne sie wäre ich nicht da und vermutlich nicht mehr da.

Wie definierst Du Männlichkeit? Wie äußern sich Frauen diesbezüglich Dir gegenüber?
Maskulinität definieren. Oh weia. Souveränität, Liebesfähigkeit, Mut, Hoffnung… Es hat Facetten, aber eine Definition würde mich gerade überfordern. Sprechen wir in weiteren zwei Jahren nochmal und auf dem Sterbebett im Alter von medizinisch modernen 190. Die Frauenwelt hat auf meine Wandlung überaus positiv reagiert: Manche Menschen, die ich wie Dreck oder nah dran behandelt hatte, haben mir tatsächlich verziehen. Die meisten hatten all das Getue eh recht neutral verarbeitet, wurde mir zurückgemeldet: Es war so offensichtlich kindisches Getue. Mittlerweile zeigen mir die größten aller Frauen, die ich kenne, wie tief ihr Einfühlungsvermögen ist und wie groß ihre Energie und Hilfsbereitschaft sind. Ich kann ihnen nur danken für ihre Großherzigkeit.

Dass sich eine Frau um Dich zu bemühen hat, ist für viele „normale“ Männer – insbesondere aus der Fraktion der Schüchternen & Introvertierten, der eher optisch ungünstig Veranlagten – mehr Wunschtraum als Realität. Anspruchsdenken reicht da sicherlich nicht. Hast Du den einen oder anderen Tipp?

Foto: Privat
Foto: Privat

Jeder von uns muss sich im Rahmen seiner Möglichkeiten “verbessern”, wenn er seinen “Marktwert” steigern möchte. Ich bin offenbar attraktiv genug, dass bei mir vor allem der Faktor Persönlichkeit erfolgssteigernd ist – und natürlich Psychologie, Kommunikation. Ich würde ganz allgemein raten, sich fortlaufend in den Bereichen zu steigern, in denen man sich nicht blockiert fühlt: Wenn man sich fürs Fitnessstudio nicht begeistern kann, dann sollte wenigstens der Anzug sitzen. Viele Künstler, Schauspieler, Rapper und Alltagsmenschen machen vor, wie man auch mit 150 Kilo oder anderen “Defiziten” eine anziehende Menschlichkeit entwickeln kann. Wenn ich mich mal wieder für YouTube aufraffen kann, werde ich mich dazu bestimmt auch nochmal ausführlicher äußern. Im Video “Wie reißt man Frauen auf? Sei kein Idiot!” habe ich schon mal erste Ausblicke gegeben.

Du hast mittels Social Media Deinen Lebensstil des modernen Nomaden veranschaulicht und indirekt die Umsetzung erleichtert. Wie denkst Du aktuell über diesen Lebensstil? Was sind Deine herausragenden Erfahrungen bisher dabei?
Autsch. Schwachpunkt. Ganz ehrlich: Der Weg war so steinig und belastet und obwohl mir Minimalismus und – zumindest theoretisch – globale Flexibilität ein paar Vorsprünge verschafft haben, würde ich das Experiment nicht uneingeschränkt weiter empfehlen. Ich habe viel zu stark in Abhängigkeit von sesshaften Strukturen gelebt, als dass ich hier ein Loblied auf meinen eigenen Wagemut singen könnte.

Wer mehr über Rafael Santeria wissen möchte:
Rafaels youtube-Kanal
facebook.com/rafael.santeria
rafaelsanteria.com/ (Pornografische Inhalte. Ab 18J.!)
rafaelsanteriamodel.com

Titelfoto: @julianpaul.pictures

Infos zu den Fotografen:
Katrin Steffer | @corneredring
Ben Laerk | @benlaerk
Julian Paul@julianpaul.pictures


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