Menschenbilder | Laura Bridgman & Charles Dickens | Wie eine taubblinde Frau die Sprache findet

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Laura Bridgman | Daguerreotype by Southworth & Hawes | ca. 1855

Laura Bridgman, eine dreisinnige Amerikanerin, war etwa 12 Jahre alt, als sie erfuhr, dass sie sich von anderen Kindern unterschied und dass sie nur drei Sinne besaß, nämlich den Tastsinn und außerdem ein bisschen Geruch und Geschmack. Sie hatte damals schon das Wort denken (think) halb als Verbum, halb als Substantiv kennen gelernt und gebrauchte es auffallend häufig für die Anstrengung des Denkens, die sie lokalisiert in ihrem Kopf empfand. So sagte sie z. B.: »Mein Denken ist müde.« Als sie nun erfuhr, sie habe nur drei Sinne, rief sie (der Ausdruck »rufen« ist wohl nur als abkürzendes Wort zu verstehen): »Ich habe vier Sinne: Denken und Nase und Mund und Finger« . . . Das Denken war ihr etwa ein Substantiv, und sie konnte den Kopf gar wohl als das Sinneswerkzeug der Denkarbeit betrachten, wie die Nase als Sinneswerkzeug der Geruchsarbeit.
Lauras Gedächtnis war außerordentlich gut entwickelt. In ihrem vierzehnten Lebensjahr wurde ihr mittels der Fingersprache ein kindliches Lesestück vorgelesen, und Laura musste es am nächsten Tag aus dem Gedächtnis niederschreiben. Diese Niederschrift hält sich im wesentlichen so genau an das Original, dass eine solche Leistung einem vollsinnigen Kind gleichen Alters nicht immer gelingen würde. Laura ist also ein Beweis dafür, dass ein außerordentliches Gedächtnis alle oder doch die meisten Assoziationen, deren Verbindungen unsere Welterkenntnis oder Sprache ausmachen, auch ohne Gesicht und Gehör an den Tastsinn binden kann.
Aus Anlass eines besonderen Falls von Taubstummheit in Verbindung mit einem operierten Starblinden, der zunächst eine Kugel und einen Würfel nicht unterscheiden konnte, bemerkt der bedeutende La Mettrie: wäre der Taubstumme auch noch blind gewesen, so wäre er ganz ohne Ideen geblieben. Diese Behauptung kann durch die Geschichte der Amerikanerin als widerlegt gelten. Ein Wesen wie Laura Bridgman wäre freilich kaum glaubhaft erschienen, hätte sie nicht wirklich gelebt und gelehrte Zeitgenossen in Erstaunen gesetzt.
Zum Kapitel der Ersatz-Sinne gehört auch der Fall einer anderen Taubstummblinden, Julia Brace. Als sie zu Doktor Howe, dem Lehrer der Bridgman, kam, war sie schon zu alt, um noch sprechen zu lernen. Dafür hatte sie ihren Geruch in Stellvertretung so ausgebildet, daß sie aus einem Haufen Handschuhe ein zusammengehörendes Paar und sogar die Handschuhe zweier Schwestern herausfinden konnte.
Allerdings wird das Innenleben dieser Julia für einen vollsinnigen Menschen schwer vorzustellen sein. Und wir finden keine Begriffsbrücke zu ihrer Leidensschwester Laura, die sich doch an die immerhin artikulierteren Tastempfindungen halten konnte bis zu dem Grad, dass sie in der Fingersprache Selbstgespräche hielt und sogar in der Fingersprache träumte!

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Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika
Aus Kapitel 4.

Die Bostoner Perkins-Institution und das Massachusetts-Asyl für Blinde. Dickens beschreibt seine Erlebnisse.
Ich besuchte die Anstalt an einem sehr schönen Wintermorgen; über mir ein italienischer Himmel, und die Luft so klar und hell, dass selbst meine Augen, keineswegs die besten, die kleinen Linien und Verzierungen an entfernten Gebäuden erkennen konnten. Gleich den meisten andeern öffentlichen Anstalten dieser Klasse in Amerika befindet sich auch diese eine oder zwei englische Meilen vor der Stadt, an einem angenehmen, gesunden Plätzchen, und ist ein luftiges, geräumiges, schönes Gebäude. Es ist auf einer Anhöhe erbaut, von welcher aus man den Hafen übersehen kann. Als ich einen Augenblick an der Tür still stand und sah, wie frisch und frei die ganze Landschaft war – wie leichte glänzende Schaumblasen über die Wellen dahintanzten und jeden Augenblick zur Oberfläche empor quollen, als wenn die Welt unten, wie die oben, sich des heitern Tages freue und in dessen Lichtfülle hinüberströmen wolle: wenn ich von Segel zu Segel auf ein Schiff in der offenen See schaute, ein kleines winziges Fleckchen von reinem Weiß, wenn ich auf die einzige Wolke am stillen, tiefen, fernen Blau des Himmels blickte – und mich herumdrehend einem blinden Knaben in das Antlitz sah, das er in derselben Richtung hielt, als ob auch er in sich ein Gefühl der herrlichen Aussicht habe, so fühlte ich eine Art Kummer, dass der Ort so hell und freundlich war, und ein sonderbarer Wunsch kam über mich, dass er um des Blinden willen dunkler sein möchte. Freilich war dies nur für den Augenblick eine bloße Phantasie, allein trotzdem wurde sie mir deutlich bewusst.
Die Kinder waren eben an ihren täglichen Beschäftigungen in den verschiedenen Zimmern, mit Ausnahme einiger weniger, die man schon entlassen hatte und welche spielten. Hier, wie in vielen anderen Anstalten trägt keiner Uniform, was mir aus zwei Gründen sehr erfreulich war. Erstens, weil ich überzeugt bin, dass nur sinnlose Gewohnheit und Mangel an Nachdenken uns mit den Livreen und bunten Lappen, die wir zu Hause so gern sehen, versöhnen kann. Zweitens, weil der Mangel solcher Sachen dem Besuchenden jedes Kind in seinem eigenen Charakter zeigt, da sich dessen Individualität hier nicht bei einer hässlichen, einförmigen, steten Wiederholung desselben Anzugs verliert; und dies ist wahrlich ein wichtiger Grund. Die Weisheit, ein wenig harmlosen Stolz auf das Äußere anzuregen, oder die wunderliche Albernheit, Menschenliebe und Lederhosen für unzertrennliche Gefährten zu halten, bedürfen keiner Erörterung.
Ordnung, Reinlichkeit und Bequemlichkeit walteten in jedem Winkel des Gebäudes. Die verschiedenen Klassen, die sich um ihre Lehrer versammelt hatten, beantworteten die ihnen vorgelegten Fragen mit Schnelligkeit, Intelligenz und einem Geiste muntern Wetteifers, der mir sehr gefiel. Die Spielenden waren fröhlich und lärmten wie andere Kinder. Es schienen unter ihnen mehr geistige und zärtliche Freundschaften zu existieren als unter anderen jungen Leuten, die nicht unter ähnlicher Trübsal leiden; doch hatte ich das erwartet. Dies ist ein Teil des großen Planes der gnadenvollen Rücksicht Gottes.

In einem Teile des Gebäudes befinden sich Arbeitsgemächer für Blinde, deren Erziehung beendigt ist und die irgendeine gewerbliche Beschäftigung erlernt haben, welche sie jedoch wegen ihres traurigen Schicksales nicht in einer gewöhnlichen Fabrik verrichten können. Hier waren mehrere beschäftigt, Bürsten, Matratzen usw. zu verfertigen; die Heiterkeit, Betriebsamkeit und Ordnung, die in jedem anderen Teile des Gebäudes wahrzunehmen war, zeigten sich auch hier.
Auf das Läuten einer Glocke begaben sich die Zöglinge sämtlich, ohne Führer, in einen geräumigen Musiksaal, wo sie auf einem zu diesem Zwecke errichteten Orchester ihre Sitze einnahmen und mit offenbarem Vergnügen dem Präludium auf einer Orgel horchten, das einer von ihnen spielte. Als dies beendigt war, machte der Spieler, ein neunzehn- oder zwanzigjähriger Bursche, einem Mädchen Platz, und zu ihrer Begleitung sangen alle eine Hymne und nachher eine Art Chor. Es erweckte höchst traurige Gefühle, sie so zu sehen und zu hören, so glücklich ihre Lage auch ohne Zweifel war; ich sah, daß ein blindes Mädchen (das gerade durch Krankheit des Gebrauchs seiner Glieder beraubt war) dicht neben mir saß, das Gesicht auf die singende Versammlung gerichtet, und still weinend zuhorchte.
Merkwürdig ist es, die Gesichter der Blinden zu beobachten und zu sehen, wie frei sie von aller Verstellung oder Verheimlichung ihrer Gedanken sind; ein Sehender möchte hierbei erröten, wenn er die Maske betrachtet, die er trägt. Abgerechnet einen leichten Schatten von Ängstlichkeit, der sich stets in ihrem Antlitz ausdrückt und den wir auch in unsrem Gesicht bemerken können, wenn wir im Finstern unseren Weg ausfindig zu machen suchen, drückt sich jede Idee, so wie sie in ihnen entsteht, mit Blitzesschnelle und in ihrer natürlichen Wahrheit in ihren Mienen aus. Wenn eine Ballgesellschaft oder eine Versammlung bei Hofe nur ein einziges Mal sich so wenig der Sehkraft bewußt wäre wie Blinde, welche Geheimnisse würden an den Tag kommen, und als ein wie großer Beförderer der Heuchelei würde dieselbe Kraft erscheinen, deren Verlust wir so sehr beklagen!

Dieser Gedanke kam über mich, als ich in einem anderen Zimmer mich vor einem blinden, tauben und stummen Mädchen niedersetzte, dem der Geruch und fast auch der Geschmack fehlte: vor einem schönen jungen Geschöpf, begabt mit jeder menschlichen Fähigkeit und Hoffnung, empfänglich für Güte und Liebe, und bloß im Besitz eines einzigen äußeren Sinnes – des Gefühls. Da sah ich sie vor mir, gleichsam wie in einer Marmorzelle eingemauert, unzugänglich für den kleinsten Lichtstrahl oder den leisesten Ton, und ihre arme weiße Hand sah hervor durch einen Riß des Steins, irgendeinem guten Menschen um Hilfe zuwinkend, damit eine unsterbliche Seele geweckt werde.
Lange schon, ehe ich sie sah, war die Hilfe gekommen. Ihr Antlitz strahlte von Intelligenz und Vergnügen. Ihr Haar, von ihren eigenen Händen geflochten, war um einen Kopf geschlungen, dessen geistige Fähigkeiten in der schönen Kontur und der hohen, freien Stirn desselben sich herrlich ausdrückten; ihr Kleid, von ihr selbst geordnet, war ein Muster der Sauberkeit und Einfachheit; die Arbeit, an der sie eben gestrickt, ruhte neben ihr; ihr Schreibbuch lag auf dem Pulte, auf das sie sich stützte. – Aus wie kümmerlichen Resten eines Menschenleibes hatte sich langsam dieses sanfte, zarte, schuldlose, dankbare Wesen erhoben!
Gleich den andern Bewohnern des Hauses hatte sie ein grünes Band um ihre Augen gebunden. Eine Puppe, die sie angekleidet hatte, lag neben ihr auf dem Boden. Ich hob dies Spielwerk auf und sah, daß sie ein grünes Band, wie sie selbst trug, gemacht und der Puppe um die Augen gebunden hatte.
Sie saß innerhalb eines kleinen Kreises von Schulpulten und Bänken und schrieb ihr Tagebuch. Bald hatte sie diese Arbeit beendigt, und nun begann sie eine lebhafte Unterhaltung mit einer Lehrerin, die neben ihr saß. Dies war eine Lieblingslehrerin der Armen. Hätte sie ihr Gesicht sehen können, sie würde sie sicher nicht weniger geliebt haben.
Aus einer schriftlichen Mitteilung desselben Mannes, der sie zu dem gebildet hatte, was sie ist, habe ich einige unzusammenhängende Bruchstücke ihrer Geschichte entnommen. Es ist eine sehr schöne, rührende Erzählung und ich wünschte, ich könnte sie dem Leser vollständig vorlegen.

Ihr Name ist Laura Bridgman. Sie wurde in Hanover in New Hampshire am 21. Dezember 1829 geboren. Sie wird als ein sehr munteres, hübsches Kind mit hellen, blauen Augen geschildert. Bis zum Alter von anderthalb Jahren war sie jedoch so klein und schwächlich, dass ihre Eltern kaum glaubten, sie aufziehen zu können. Sie war harten Krankheitsanfällen unterworfen, welche ihren zarten Körper aufs äußerste mitnahmen; das Leben hing nur noch an einem Faden. Doch im Alter von anderthalb Jahren schien sie sich zu erholen, die gefährlichen Symptome ließen nach, und zwei Monate später war sie vollkommen wohl.
Jetzt entfalteten sich ihre Geistesfähigkeiten, bisher in ihrem Wachstum gehemmt, mit reißender Schnelle, und während der viermonatigen Gesundheit, die sie nun genoß, scheint sie (soweit wir der Erzählung einer liebenden Mutter glauben dürfen) einen bedeutenden Grad von Intelligenz gezeigt zu haben.
Allein plötzlich wurde sie abermals krank; die Krankheit wütete fünf Wochen lang mit großer Heftigkeit; dann entzündeten sich Augen und Ohren, und der Inhalt derselben lief aus. Aber obschon Gesicht und Gehör für immer verloren waren, hatten doch die Leiden des armen Kindes ihr Ende noch nicht erreicht. Fünf Monate mußte sie in einem verfinsterten Zimmer das Bett hüten; es währte ein Jahr, ehe sie ohne Hilfe selbst gehen konnte, und zwei Jahre, ehe sie den ganzen Tag aufrecht sitzen konnte. Man bemerkte jetzt, daß ihr Geruchssinn fast gänzlich zerstört und ihr Geschmack ebenfalls sehr abgestumpft war.
Erst als das arme Kind vier Jahre alt war, schien ihm die körperliche Gesundheit wiedergegeben zu sein, und erst jetzt konnte es in das Leben und die Welt eintreten.
Allein in welcher Lage befand sich das arme Mädchen! Die Dunkelheit und das Schweigen des Grabes herrschten um sie: keiner Mutter Lächeln rief ihr Lächeln hervor, keines Vaters Stimme lehrte sie, Laute nachahmen – Brüder und Schwestern waren für sie bloße Formen, die ihrem Griffe widerstanden, die jedoch in nichts von den Möbeln im Hause sich unterschieden, außer durch Wärme und durch das Vermögen, sich selbst bewegen zu können; und in diesen Beziehungen unterschieden sie sich nicht einmal von der Katze oder dem Hunde.
Aber der unsterbliche Geist, der ihr eingepflanzt worden war, konnte weder sterben noch verstümmelt werden; und obwohl ihm die meisten Mittel, sich mit der Welt in Verbindung zu setzen, abgeschnitten waren, begann er doch sich durch die noch übrigen zu offenbaren. Sobald sie laufen konnte, fing sie an, das Zimmer und dann das Haus zu untersuchen; sie lernte die Form, die Dichte, das Gewicht und die Wärme jedes Körpers kennen, auf den sie ihre Hände legen konnte. Sie folgte ihrer Mutter und befühlte deren Hände und Arme, wenn sie im Hause beschäftigt war; ihre Neigung zur Nachahmung bewog sie, aus freien Stücken alles zu wiederholen. Sie lernte selbst ein wenig nähen und stricken.«
Es wird indes kaum nötig sein zu erwähnen, daß die Mittel und Wege, sich ihr mitzuteilen, sehr beschränkt waren und daß die moralischen Wirkungen ihres elenden Zustandes sich bald zu zeigen begannen. Wer nicht durch die Vernunft gebildet werden kann, der kann bloß durch Gewalt in Schranken gehalten werden; und dies, in Verbindung mit ihrem traurigen Schicksale, würde sie bald in eine schlimmere Lage versetzt haben, als die der Tiere ist, welche ohne rechtzeitige, unverhoffte Hilfe umkommen müssen.
Um diese Zeit war ich so glücklich, von dem Kinde zu hören, und eilte sogleich nach Hanover, um es zu sehen. Ich fand eine wohlgebildete Gestalt, mit einem stark ausgeprägten, nervös sanguinischen Temperament und einem großen, schöngeformten Kopf; der ganze Körper war in gesunder Tätigkeit. Die Eltern waren leicht zu bewegen, sie nach Boston kommen zu lassen, und am 4. Oktober 1837 brachten sie sie in die Anstalt.
Eine Zeitlang war sie sehr bestürzt; nachdem man ungefähr zwei Monate gewartet hatte, bis sie mit ihrer neuen Umgebung bekannt und mit den Hausbewohnern etwas vertrauter geworden war, wurde der Versuch gemacht, ihr eine Kenntnis von willkürlichen Zeichen beizubringen, wodurch sie andern ihre Gedanken mitteilen konnte.
Zu diesem Ende konnte man zweierlei Wege einschlagen. Man mußte entweder eine Zeichensprache wählen, wobei man die natürlichen Zeichen benutzte, durch die sie sich schon auszudrücken wußte, oder sie die gewöhnlich angewandte, gänzlich willkürliche Sprache zu lehren suchen, das heißt, man mußte ihr für jedes Ding ein Zeichen geben oder ihr eine Kenntnis von Buchstaben beibringen, durch deren Zusammensetzung sie ihren Begriff von dem Dasein und der Art und Weise des Daseins irgendeines Dinges ausdrücken konnte. Das erstere wäre leicht, allein von nur geringem Nutzen gewesen; das letztere schien sehr schwer, aber wenn es erreicht war, mußte es sich als sehr brauchbar erweisen. Daher wählte ich das letztere.
Den ersten Versuch machte ich damit, daß ich auf allgemein gebrauchte Dinge, wie zum Beispiel Messer, Gabeln, Löffel, Schlüssel usw. Zettel kleben ließ, auf welchen der Name des Gerätes in erhabenen Buchstaben gedruckt war. Diese Buchstaben befühlte sie sehr sorgfältig und unterschied natürlich gar bald, daß die gekrümmten Linien des Wortes Löffel ebensosehr von den gekrümmten Linien des Wortes Schlüssel unterschieden waren, wie die Form des Löffels von der des Schlüssels.
Dann wurden kleine besondere Zettel, worauf dieselben Worte gedruckt waren, ihr in die Hände gegeben, und sie bemerkte bald, daß sie den auf die Geräte geklebten ähnlich waren. Sie bezeigte ihre Wahrnehmung dieser Ähnlichkeit dadurch, daß sie den Zettel ›Schlüssel‹ auf den Schlüssel und den Zettel ›Löffel‹ auf den Löffel legte. Hierin wurde sie durch das natürliche Zeichen der Billigung, durch Klopfen auf den Kopf, aufgemuntert.
Dasselbe Verfahren befolgte man mit allen Gegenständen, die sie in die Hand nehmen konnte; und bald lernte sie, die richtigen Zettel auf dieselben zu legen. Es versteht sich indessen, daß die einzige Geisteskraft, die sich hier übte, die Kraft der Nachahmung und des Gedächtnisses war. Sie erinnerte sich, daß der Zettel ›Buch‹ auf ein Buch gelegt war; sie wiederholte das Verfahren erst aus Nachahmung und dann aus dem Gedächtnis; dabei hatte sie bloß den Beweggrund der Liebe zum Beifall, aber, wie es schien, ohne geistige Wahrnehmung irgendeiner Beziehung zwischen den Dingen.
Nach einiger Zeit wurden ihr statt Zettel die einzelnen Buchstaben auf besonderen Stücken Papier gegeben: diese wurden so nebeneinandergelegt, daß man das Wort ›Buch‹, ›Schlüssel‹ usw. herauslesen konnte; dann wurden sie in einen Haufen gemischt, und man gab ihr ein Zeichen, die Buchstaben selbst so zu legen, daß man die Worte ›Buch‹, ›Schlüssel‹ lesen könnte, und dies tat sie auch.
Bis jetzt war das Verfahren mechanisch gewesen und der Erfolg ungefähr ebenso groß, wie wenn man einen recht klugen Hund mehrere Kunststücke lehrt. Das arme Kind hatte in stummem Staunen dagesessen und geduldig alles nachgeahmt, was ihr der Lehrer vormachte. Aber jetzt schien ihr das Licht der Wahrheit aufzugehen; ihr Verstand begann zu arbeiten: sie bemerkte, daß sie jetzt Mittel hatte, sich ein Zeichen von etwas, was vor ihrer Seele stand, zusammenzusetzen und dies einer andern Seele zu zeigen, und sogleich strahlte ihr Antlitz von menschlicher Vernunft; sie war nicht mehr einem Hunde oder Papagei zu vergleichen – der unsterbliche Geist ergriff jetzt begierig das neue Glied der Vereinigung mit andern Geistern! Ich könnte fast den Augenblick angeben, als diese Wahrheit in ihrem Gemüt aufdämmerte und Licht über ihr Antlitz goß. Ich sah, daß das große Hindernis nunmehr beseitigt war und daß von nun an nur Geduld und Ausdauer erforderlich seien, denn das allerdings schwer zu erreichende Ziel lag offen und klar vor mir.
Das Resultat ist soweit schnell erzählt und leicht zu begreifen; allein das Verfahren war es nicht, denn viele Wochen scheinbar vergeblicher Arbeit vergingen, ehe man so weit kam.
Wenn ich eben sagte, daß ein Zeichen gemacht wurde, so soll das soviel heißen, daß der Lehrer die Handlung verrichtete; sie befühlte dabei seine Hände und ahmte dessen Bewegungen nach.
Nachher wurde ein Satz Metalltypen angeschafft, auf deren Enden sich die verschiedenen Buchstaben des Alphabets befanden, sowie auch ein Brett, in welches viereckige Löcher geschnitten waren, in die sie die Typen setzen konnte, so daß die Buchstaben bloß auf der Oberfläche gefühlt werden konnten.
Wenn man ihr nun irgendeinen Gegenstand reichte, zum Beispiel einen Bleistift, eine Uhr, so wählte sie die zu dem Worte gehörenden Buchstaben, ordnete sie auf ihrem Brette und schien sie mit Vergnügen zu überlesen.
Auf diese Weise wurde sie mehrere Wochen geübt, bis ihr Wortreichtum ausgedehnter wurde. Dann wurde der wichtige Schritt getan, sie zu lehren, die verschiedenen Buchstaben statt mit der unbehilflichen Vorrichtung des Brettes und der Typen durch die Lage ihrer Finger darzustellen. Sie lernte dies schnell und leicht, denn ihr Verstand hatte begonnen zu arbeiten, und ihre Fortschritte waren bedeutend.
Dies war die Zeit – ungefähr drei Monate nach ihrer Aufnahme –, als der erste Bericht von ihr gemacht wurde, worin angegeben wird, sie habe eben das Fingeralphabet gelernt, wie es die Taubstummen brauchen, und daß es Vergnügen und Verwunderung errege zu sehen, wie schnell, richtig und begierig sie mit ihren Übungen weitergehe. Ihre Lehrerin gibt ihr einen neuen Gegenstand, zum Beispiel einen Bleistift, läßt sie ihn erst untersuchen, um einen Begriff von seinem Gebrauch zu erhalten; dann zeigt sie ihr, wie der Name desselben buchstabiert wird, indem sie ihr die Zeichen der Buchstaben mit ihren eigenen Fingern vormacht. Das Kind ergreift ihre Hand und befühlt ihre Finger, so wie die verschiedenen Buchstaben gebildet werden; es hält den Kopf etwas auf eine Seite, wie jemand, der angestrengt horcht; seine Lippen sind halb geöffnet, es scheint kaum zu atmen; die Spannung seines Antlitzes verändert sich nach und nach in ein Lächeln, sowie es die Lektion begreifen lernt. Es hält dann seine kleinen Finger empor und buchstabiert das Wort in der Fingersprache; dann ergreift es seine Typen und ordnet die Buchstaben, und zuletzt, um ganz sicherzugehen, nimmt es alle Typen, aus denen das Wort besteht, und legt sie auf oder neben den Bleistift, oder was sonst der Gegenstand der Lektüre sein mag.
Das ganze folgende Jahr wird damit verbracht, die begierigen Fragen der armen Schülerin nach den Namen aller Gegenstände, die sie in die Hand nehmen konnte, zu beantworten, sie im Gebrauche des Fingeralphabets zu üben, auf jede mögliche Weise ihre Kenntnis der physischen Beziehungen der Dinge zu erweitern und ihre Gesundheit gehörig zu pflegen.
Am Ende dieses Jahres ward ein Bericht von ihr erstattet, wovon Folgendes ein Auszug ist:
›Es ist jetzt außer allem Zweifel, daß sie nicht den kleinsten Lichtstrahl sehen, nicht den geringsten Ton hören kann und nie gezeigt hat, daß sie den Sinn des Geruchs besitze. So ruht ihre Seele in Finsternis und Stille, wie in einem verschlossenen Grabe um Mitternacht. Von schönen Aussichten, angenehmen Tönen und gefälligen Farben kann sie sich keinen Begriff machen; trotzdem erscheint sie so glücklich und mutwillig wie ein Vogel oder ein Lamm; die Anwendung ihrer intellektuellen Fähigkeiten oder die Auffassung eines neuen Begriffes machen ihr lebhaftes Vergnügen, das sich in ihren ausdrucksvollen Zügen deutlich widerspiegelt. Sie scheint sich nie zu grämen, sondern zeigt immer die heitere Munterkeit der Jugend. Sie liebt Scherz und Lustigkeit, und wenn sie mit den übrigen Kindern spielt, so übertönt ihr heiteres Lachen alle übrigen.
Wird sie allein gelassen, so scheint sie am glücklichsten, wenn sie ihr Strickzeug oder ihre Näherei bei sich hat; sie beschäftigt sich dann wohl stundenlang. Hat sie keine Beschäftigung, so unterhält sie sich augenscheinlich durch Phantasiegespräche oder damit, daß sie sich vergangene Eindrücke zurückruft. Sie zählt an ihren Fingern oder buchstabiert die Namen von Dingen, die sie vor kurzem gelernt hat, in der Fingersprache der Stummen. In diesen einsamen Selbstgesprächen scheint sie zu urteilen, zu überlegen und zu folgern; buchstabiert sie mit ihrer rechten Hand ein Wort falsch, so schlägt sie sich sogleich mit ihrer linken darauf, wie der Lehrer, zum Zeichen der Mißbilligung; buchstabiert sie es richtig, so klopft sie sich selbst auf den Kopf und sieht zufrieden aus. Sie buchstabiert zuweilen vorsätzlich mit der linken Hand ein Wort falsch, sieht einen Augenblick lang recht schelmisch aus, lacht dann und schlägt mit der Rechten die Linke, um sie zu korrigieren.
In einem Jahre hat sie eine große Geschicklichkeit in dem Gebrauch des Fingeralphabets der Stummen erlangt und buchstabiert die Worte und Sätze, die sie kennt, so schnell und gewandt, daß nur die, welche sich an diese Sprache gewöhnt haben, den schnellen Bewegungen ihrer Finger folgen können.
So wunderbar aber auch die Schnelligkeit ist, mit welcher sie ihre Gedanken in die Luft schreibt, so ist es noch mehr die Ruhe und Genauigkeit, womit sie die solchergestalt von andern geschriebenen Worte liebt; sie nimmt dabei die Hände der letztern in die ihrigen und folgt jeder Bewegung der Finger, so wie Buchstabe auf Buchstabe deren Bedeutung ihrer Seele zuführt. Auf diese Weise unterhält sie sich mit ihren blinden Gespielen, und nichts kann deutlicher die Kraft der Seele zeigen, alles zu dem erforderlichen Zweck anzuwenden, als eine Zusammenkunft zwischen diesen Blinden. Denn wenn schon große Geschicklichkeit und hohes Talent bei Mimikern dazu erforderlich ist, um Gedanken und Gefühle durch die Bewegungen des Körpers und den Ausdruck des Gesichts zu malen, wieviel größer muß nicht die Schwierigkeit sein, wenn beide von Dunkelheit umgeben sind und der eine noch dazu nicht hören kann!
Wenn Laura mit vor sich hingestreckten Händen durch einen Gang geht, so kennt sie sogleich jeden, dem sie begegnet, und geht mit einem Zeichen, daß sie ihn erkannt, an ihm vorüber: aber wenn die ihr begegnende Person ein Mädchen ihres Alters oder vielleicht ein Liebling von ihr ist, so fliegt augenblicklich ein heiteres Lächeln des Erkennens über ihre Züge; beide umschlingen sich, drücken sich die Hände und tauschen mit schnellen Fingerbewegungen gegenseitig ihre Gedanken aus. Da gibt es Fragen und Antworten, Verkündigungen von Freude oder Sorge, Küsse und Scheidegrüße, just wie zwischen kleinen Kindern, die alle Sinne haben.‹
Während dieses Jahres – sechs Monate, nachdem sie das Elternhaus verlassen hatte, kam ihre Mutter, sie zu besuchen; die Szene ihres Wiedersehens war sehr interessant.
Die Mutter blickte eine Weile mit überströmenden Augen auf ihr Kind, das, ganz unwissend über ihre Gegenwart, im Zimmer umherspielte. Jetzt rannte Laura gegen sie an, begann sogleich die Hände ihrer Mutter zu befühlen, ihr Kleid zu untersuchen, um zu sehen, ob sie sie kenne. Doch da ihr dies nicht gelang, wandte sie sich von ihr ab wie von einer Fremden; die gute Frau konnte den Schmerz, den sie fühlte, als sie sah, daß ihr eigenes geliebtes Kind sie nicht mehr kannte, nicht verbergen.
Sie gab hierauf dem Kinde eine Perlenkette, die sie zu Hause zu tragen pflegte, welche Laura sogleich wiedererkennte; sie wand sie mit großer Freude sich um den Hals und suchte mich begierig auf, um mir zu sagen, sie wisse, daß die Kette aus ihrem Vaterhause sei.
Die Mutter versuchte jetzt, sie zu liebkosen, allein die arme Laura stieß sie zurück und zog es vor, bei ihren Gespielinnen zu bleiben.
Jetzt wurde ihr ein anderer Gegenstand aus dem väterlichen Hause gegeben, und sie fing an, sehr aufgeregt zu werden; sie untersuchte die Fremde genauer und gab mir zu verstehen, daß sie wisse, diese Person komme aus Hanover; sie ließ sich sogar ihre Liebkosungen gefallen, verließ sie jedoch bei dem geringsten Zeichen mit Gleichgültigkeit. Jetzt wurde es peinlich, den Kummer der Mutter zu sehen; denn obwohl sie gefürchtet hatte, daß sie nicht erkannt werden würde, so war es doch zu schmerzlich und kränkend für ein Mutterherz, sich wirklich von ihrem geliebten Kinde mit Gleichgültigkeit behandelt zu sehen.
Nach einer Weile, als die Mutter ihr wieder nahte, schien eine unbestimmte Idee aus Lauras Seele zu schießen, daß dies keine Fremde sein könne; sie betastete daher die Hände derselben sehr eifrig, während ihr Antlitz den Ausdruck gespannten Interesses annahm; sie wurde totenblaß und dann plötzlich rot; die Hoffnung schien mit Zweifel und Ängstlichkeit zu kämpfen, und nie malten sich streitende Leidenschaften stärker auf einem menschlichen Antlitz. In diesem Augenblick peinlicher Ungewißheit zog die Mutter sie zu sich und küßte sie voll Liebe; jetzt leuchtete dem Kinde auf einmal die Wahrheit ein; alles Mißtrauen, alle Ängstlichkeit schwand, als sie sich mit dem Ausdruck der höchsten Freude an den Busen ihrer Mutter warf und sich ihren liebenden Umarmungen überließ.
Jetzt blieben die Perlen und jedes Spielzeug, das ihr angeboten wurde, gänzlich unbeachtet; ihre Gespielen, um derentwillen sie einen Augenblick vorher gern die Fremde verließ, strebten jetzt vergebens, sie von ihrer Mutter hinwegzuzerren; und obschon sie mit ihrem gewöhnlichen augenblicklichen Gehorsam auf mein Zeichen mir nachfolgte, so geschah dies offenbar nur mit schmerzlichem Zaudern. Sie hielt sich fest an mich, wie bestürzt und furchtsam; und als ich sie nach einem Augenblick wieder zu ihrer Mutter nahm, sprang sie in ihre Arme und umschlang sie mit lebhafter Freude. Die nachherige Trennung zwischen beiden zeigte sowohl die Liebe als auch die Intelligenz und Entschlossenheit des Kindes.
Laura begleitete ihre Mutter bis zur Türe, wobei sie sie fest umschlungen hielt; als beide an die Schwelle kamen, blieb sie stehen und fühlte rings umher, um zu wissen, wer in der Nähe sei. Als sie die Lehrerin bemerkte, welche sie sehr liebt, erfaßte sie diese mit der einen Hand, während sie sich mit der andern krampfhaft an ihre Mutter anklammerte. So blieb sie einen Augenblick stehen; dann ließ sie die Hand ihrer Mutter fahren, hielt das Schnupftuch an ihre Augen, wandte sich um und hielt sich schluchzend an die Lehrerin. Indessen entfernte sich die Mutter, nicht weniger bewegt als ihr Kind.
In früheren Berichten ist bemerkt worden, daß sie verschiedene Grade des Verstandes in andern unterscheiden kann und daß sie bald eine Neuangekommene mit Verachtung behandelte, wenn sie nach ein paar Tagen ihre Geistesschwäche bemerkte. Dieser nicht liebenswürdige Zug ihres Charakters hat sich in dem vergangenen Jahre immer mehr und mehr entwickelt.
Zu ihren Freundinnen und Gespielinnen wählt sie diejenigen Kinder, die verständig sind und am besten mit ihr reden können; hingegen ist sie nur höchst ungern in Gesellschaft derjenigen, denen es an Intelligenz mangelt, wenn sie nicht etwa ihrer zu ihren Absichten bedarf, was sie offenbar gern tut. Sie benutzt sie, läßt sich von ihnen bedienen, auf eine Art, wie sie wohl weiß, daß sie es nicht von andern verlangen kann; überhaupt zeigt sie auf mehrfache Weise ihr sächsisches Blut.
Sie hat es gern, wenn andere Kinder, nämlich solche, die sie leiden mag, von den Lehrern beachtet und geliebkost werden; doch darf dies nicht zu weit getrieben werden, sonst wird sie eifersüchtig. Sie will ihren Teil auch haben, welcher, wenn auch nicht der des Löwen, doch immer der größere ist; und wenn sie ihn nicht erhält, sagt sie: ›Meine Mutter wird mich lieben.‹
Ihre Neigung zur Nachahmung geht so weit, daß sie Handlungen vornimmt, die ihr ganz unbegreiflich sein müssen und die ihr kein anderes Vergnügen gewähren können als die Befriedigung einer innern Fähigkeit. Man hat sie halbe Stunden lang sitzen, ein Buch vor ihre gesichtlosen Augen halten und die Lippen dabei bewegen sehen, wie sie bemerkt, daß Sehende es machen, wenn sie lesen.
Eines Tages behauptete sie, ihre Puppe sei krank; sie hätschelte sie auf alle mögliche Weise und gab ihr Arznei ein; dann brachte sie sie sorgfältig zu Bett und legte eine Flasche mit heißem Wasser zu ihren Füßen, wobei sie in einem fort recht herzlich lachte. Als ich nach Hause kam, bestand sie darauf, daß ich zur Puppe hinginge und ihr den Puls fühlte; und als ich ihr sagte, sie solle ihr ein Zugpflaster auf den Rücken legen, schien sie sich ganz erstaunlich zu freuen und kreischte fast vor Entzücken.
Ihre geselligen Gefühle und ihre Neigungen sind sehr stark; wenn sie bei der Arbeit oder beim Lernen neben einer ihrer kleinen Freundinnen sitzt, unterbricht sie sich alle Augenblicke in der Arbeit, um ihre Nachbarin mit großem Eifer und rührender Wärme zu küssen.
Allein gelassen, beschäftigt und unterhält sie sich und scheint ganz zufrieden; ja so stark scheint das natürliche Streben ihrer Gedanken zu sein, sich in das Gewand der Sprache zu kleiden, daß sie in der Fingersprache oft Monologe hält, so langsam und beschwerlich dies auch ist. Jedoch nur wenn sie allein ist, verhält sie sich ruhig; denn wenn sie gewahr wird, daß sich noch jemand im Zimmer befindet, ruht sie nicht eher, als bis sie dicht neben ihm sitzen, seine Hände erfassen und durch Zeichen mit ihm sprechen kann.
Es ist erfreulich, in intellektueller Beziehung bei ihr einen unersättlichen Durst nach Kenntnissen und eine schnelle Auffassung der Beziehungen der Dinge untereinander zu beobachten. Noch mehr Vergnügen macht es, in ihrem moralischen Charakter ihre beständige Fröhlichkeit, ihre hohe Freude über ihr Dasein, ihr rückhaltloses Zutrauen, ihr Mitgefühl mit fremdem Leiden, ihr Selbstbewußtsein, ihre Wahrheitsliebe zu bemerken.«
Dies sind einige Fragmente aus der einfachen, aber höchst interessanten Geschichte von Laura Bridgman. Der Name ihres großen Wohltäters, der ihre Geschichte niedergeschrieben hat, ist Dr. Howe. Ich glaube sicherlich, daß es wenig Personen gibt, die, nachdem sie diese Bruchstücke gelesen, den Namen dieses Mannes je mit Gleichgültigkeit werden aussprechen hören.
Außer dem Bericht, aus dem ich einen Auszug entnommen habe, ist noch ein zweiter von Dr. Howe erschienen. Er schildert die schnellen geistigen Fortschritte seiner Schülerin während des nächsten Jahres und führt ihre kleine Geschichte bis zu Ende des vorigen Jahres fort. Es ist erstaunlich: Wie wir in Worten träumen und Unterhaltungen mit Luftgestalten fortspinnen, worin wir für uns und die Schatten reden, die uns in diesen nächtlichen Visionen erscheinen, so gebraucht Laura, da sie keine Worte hat, ihre Fingersprache im Schlafe. Und man hat beobachtet, daß, wenn ihr Schlummer unterbrochen oder sehr durch Träume gestört wird, sie ihre Gedanken auf unregelmäßige und verwirrte Weise durch ihre Finger ausdrückt, gerade wie wir unter ähnlichen Umständen undeutlich murmeln würden.
Ich blätterte in ihrem Tagebuch und fand es mit schöner, leserlicher, fester Hand geschrieben und in einem Stil, der ohne weitere Erklärung ganz verständlich war. Als ich sagte, daß ich sie gern selbst schreiben sehen möchte, gebot ihr der Lehrer, der neben ihr saß, in ihrer Sprache, ihren Namen ein paarmal auf einen Streifen Papier zu schreiben. Als sie dies tat, bemerkte ich, daß sie mit ihrer Linken stets der Rechten, in welcher sie die Feder hielt, nachfolgte. Es war durchaus keine Linie angegeben, allein sie schrieb trotzdem grade.
Bis jetzt wußte sie noch nichts von der Gegenwart eines Fremden, doch als sie ihre Hand in die des Herrn legte, der mich begleitete, schrieb sie sogleich dessen Namen in die Handfläche ihres Lehrers. Ihr Tastsinn ist in der Tat jetzt so ausgebildet, daß sie eine Person, mit der sie einmal bekannt geworden ist, fast nach jedem noch so langen Zeitraum wiedererkennt. Dieser Herr war, glaube ich, nur sehr selten in ihrer Gesellschaft gewesen und hatte sie sicher seit mehreren Monaten nicht mehr gesehen. Meine Hand stieß sie sogleich zurück, wie sie dies mit jedem Manne macht, der ihr fremd ist. Allein meine Frau hielt sie mit Vergnügen bei der Hand fest, küßte sie und untersuchte ihr Kleid mit mädchenhafter Neugier.
Sie war munter und fröhlich und zeigte viel unschuldige Schalkhaftigkeit im Umgang mit ihrem Lehrer. Ihr Entzücken, als sie eine ihrer liebsten Spielgenossinnen – selbst ein blindes Mädchen – erkannte, die schweigend und in freudiger Erwartung der kommenden Überraschung einen Sitz neben ihr einnahm, bot eine schöne Szene dar. Dies entlockte ihr, wie einige Male andere unbedeutende Umstände während meines Besuchs, einen häßlichen Laut, der fast peinlich zu hören war. Als ihr aber der Lehrer die Hand auf den Mund legte, enthielt sie sich dessen sogleich und umarmte ihre Gespielin lachend und liebevoll.
Ich war vorher in einem andern Zimmer gewesen, wo eine Anzahl blinder Knaben sich schwang, kletterte und mit verschiedenen Spielen unterhielt. Als wir eintraten, riefen sie alle dem Hilfslehrer, der uns begleitete, zu: »Sehen Sie einmal mich, Mr. Hart! Bitte, Mr. Hart, sehen Sie einmal!« So bezeigten sie auch hierin den ihrem Zustande eigentümlichen Wunsch, gesehen zu werden. Es befand sich ein kleiner lachender Bursche unter ihnen, der fern stand und sich mit gymnastischen Übungen zur Kräftigung der Arme und Brust unterhielt, woran er sich höchlich ergötzte, besonders wenn er etwa beim Ausstrecken seines rechten Armes mit einem anderen Knaben in Berührung kam. So wie Laura Bridgman war dieses Kind taubstumm und blind.
Dr. Howes Beschreibung des ersten Unterrichts dieses Zöglings ist so frappant und so eng mit Laura selbst verknüpft, daß ich mich nicht enthalten kann, einen kurzen Auszug daraus zu geben. Der arme Knabe heißt Oliver Caswell, ist dreizehn Jahre alt und war im vollen Besitz all seiner Sinne, bis er drei Jahre und vier Monate alt war. In dieser Zeit bekam er das Scharlachfieber: nach vier Wochen wurde er taub, einige Wochen darauf blind und in sechs Monaten stumm. Er bezeigte sein ängstliches Gefühl über diesen letzten Verlust dadurch, daß er oft die Lippen anderer Personen befühlte, wenn sie redeten, und dann seine Hand auf seine eigenen legte, als wollte er sich überzeugen, daß er sie noch in der rechten Lage habe.
»Sein Durst nach Kenntnissen«, sagt Dr. Howe, »offenbarte sich, sobald er in die Anstalt kam, durch seine eifrige Untersuchung eines jeden Dinges, das er in seiner neuen Umgebung fühlen oder riechen konnte. Als er zum Beispiel auf das Register eines Ofens trat, bückte er sich sogleich nieder, betastete es und entdeckte bald die Art und Weise, wie sich die obere Platte auf der unteren bewegte; allein dies war ihm nicht genug; er legte sich nieder auf das Gesicht, beleckte erst die eine und dann die andere Platte und schien zu merken, daß sie von verschiedenem Metall waren.
Seine Zeichen waren sehr ausdrucksvoll, und seine Natursprache, Lachen, Schreien, Seufzen, Küssen, Umarmungen usw., war vollkommen.
Einige der analogen Zeichen, die er sich (geleitet von seiner Nachahmungsfähigkeit) selbst gemacht hatte, waren sehr deutlich und leicht verständlich, zum Beispiel die wellenförmige Bewegung seiner Hand für die Bewegung eines Kahnes, die kreisförmige für die eines Rades usw.
Das erste, was man tat, war, ihm den Gebrauch dieser Zeichen abzugewöhnen und dafür rein willkürliche zu lehren.
Die Erfahrung benutzend, die ich in andern Fällen gemacht hatte, unterließ ich mehrere Schritte, die ich bei dem früheren Verfahren angewandt hatte, und begann sogleich mit der Fingersprache. Ich nahm daher mehrere Gegenstände, die kurze Namen haben, zum Beispiel Dose, Uhr usw., rief Laura zu meiner Unterstützung herbei, ergriff seine Hand und legte sie auf einen der Gegenstände; dann machte ich mit meiner eigenen die Buchstaben ›Uhr‹. Er befühlte eifrig meine Hand mit seinen beiden, und als ich die Buchstaben wiederholte, versuchte er augenscheinlich, die Bewegungen meiner Finger nachzuahmen. Nach einigen Minuten gelang es ihm, die Bewegungen meiner Finger mit der einen Hand zu fühlen und mit der andern mir nachzuahmen, wobei er herzlich lachte, wenn ihm dies gelang. Laura zeigte sich dabei sehr gespannt; überhaupt war es interessant, beide zu betrachten. Ihr Gesicht verkündete lebhafte, ängstliche Aufmerksamkeit, und ihre Finger verschlangen sich so eng mit den unsrigen, daß sie jeder Bewegung folgen konnte, ohne uns dabei zu hindern; Olivier stand aufmerksam dabei, hielt den Kopf etwas zur Seite und das Gesicht emporgerichtet, seine Linke erfaßte die meine, und seine Rechte hielt er ausgestreckt; bei jeder Bewegung meiner Finger verkündete sein Gesicht die gespannteste Aufmerksamkeit; man sah eine gewisse Ängstlichkeit in seinen Zügen, wenn er es versuchte, die Bewegungen nachzuahmen; dann stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht, wenn er glaubte, sie nachmachen zu können, welches in ein freudiges Lachen überging, sobald es ihm gelang und wenn er fühlte, daß ich ihm auf den Kopf und Laura ihm herzhaft auf den Rücken pochte und dabei fröhlich emporsprang.
Er lernte mehr als ein halb Dutzend Buchstaben in der halben Stunde und schien mit seinem guten Erfolg zufrieden, wenigstens damit, daß er Beifall erhielt. Dann begann seine Aufmerksamkeit zu ermatten, und ich fing an mit ihm zu spielen. Es war offenbar, daß er hierbei immer nur die Bewegungen meiner Finger nachgeahmt und seine Hand auf die Dose, Uhr usw. gelegt hatte, ohne weitere Wahrnehmung der Beziehung zwischen den Zeichen und dem Gegenstand.
Wenn er des Spielens müde war, nahm ich ihn wieder an den Tisch, und er war gern bereit, das Verfahren der Nachahmung von neuem zu beginnen. Er lernte bald die Buchstaben für Dose, Uhr usw. machen, und da ich ihm dabei wiederholt den bezüglichen Gegenstand in die Hand gab, bemerkte er endlich die Beziehung zwischen demselben und dem Worte; denn wenn ich die Buchstaben ›Dose‹ oder ›Uhr‹ machte, ergriff er allemal den rechten Gegenstand.
Die Wahrnehmung dieser Beziehung war jedoch bei ihm nicht von dem heitern Strahl der Intelligenz, der glühenden Freude begleitet, welche diesen schönen Moment bei Laura bezeichneten. Ich legte nun die Gegenstände auf die Tafel, ging mit den Kindern einige Schritte weg davon, buchstabierte mit Olivers Fingern das Wort ›Dose‹, und Laura ging und holte den Gegenstand herbei, Der Kleine schien dadurch sehr unterhalten und sah recht aufmerksam und heiter aus. Ich ließ ihn hierauf die Buchstaben ›Brot‹ machen; augenblicklich ging Laura und holte ihm ein Stück. Er roch daran, hielt es an seine Lippen, richtete mit listigem Blick den Kopf empor, schien einen Augenblick nachzudenken und lachte dann aus vollem Halse, als wollte er sagen: ›Aha! jetzt weiß ich, wie daraus was zu machen ist.‹
Es war jetzt klar, daß er Fähigkeit und Neigung zum Lernen hatte und bloß ausdauernder Aufmerksamkeit bedürfe. Ich übergab ihn daher einem verständigen Lehrer und zweifelte gar nicht an seinen schnellen Fortschritten.«
Wohl mag dieser Menschenfreund das einen schönen Augenblick nennen, wo eine ferne Aussicht auf ihren jetzigen Zustand in der umdunkelten Seele Laura Bridgmans zu schimmern begann. Während seines ganzen Lebens wird ihm dieser Augenblick eine Quelle reinen, unverwelklichen Glückes sein und wird nicht weniger hell am Abende seiner der leidenden Menschheit gewidmeten Tage strahlen.
Die Neigung zwischen beiden – dem Lehrer und der Schülerin – ist ebenso fern von aller gewöhnlichen Aufmerksamkeit und Rücksicht, wie die Umstände, unter welchen sie entstand und gepflegt wurde, fern von den gewöhnlichen Vorfällen des Lebens sind. Er beschäftigte sich jetzt damit, Mittel und Wege zu ersinnen, um ihr höhere Kenntnisse und einen Begriff von dem großen Schöpfer jenes Weltalls beizubringen, in welchem, so dunkel und still es für sie auch ist, sie sich ihres Daseins so innig freut.
Ihr, die ihr Augen habt und nicht seht, die ihr Ohren habt und nicht hört; ihr, die ihr seid wie die Heuchler mit trübseligen Mienen und die ihr euer Antlitz verzerrt, um die Menschen glauben zu machen, daß ihr fastet, lernt reinen Frohsinn und ruhige Genügsamkeit von den Taubstummen und Blinden. Ihr selbstgewählten Heiligen mit finstern Stirnen, dies gesichtslose, gehörlose, sprachlose Kind kann euch Lehren geben, denen zu folgen euch wohl anstünde. Laßt seine arme Hand sanft auf eurem Herzen ruhen; denn vielleicht hat sie eine ähnliche Heilkraft wie die des großen Meisters, von dessen Liebe und Sympathie für die ganze Welt nicht einer unter euch so viel weiß wie viele der Schlechtesten unter jenen Gefallenen, gegen die ihr mit nichts freigebig seid als mit dem Geschrei der Verdammung!
Als ich aufstand, um aus dem Zimmer zu gehen, kam ein hübsches kleines Kind hereingerannt, um seinen Vater zu begrüßen. Für den Augenblick machte ein Kind mit sehenden Augen unter dem blinden Haufen fast einen ebenso schmerzlichen Eindruck auf mich wie vor zwei Stunden der blinde Knabe vor dem Hause. Oh, um wieviel heller und heiterer schien mir jetzt die Landschaft draußen, im Vergleich mit der Dunkelheit so vieler jugendlicher Wesen drin!
*
In Süd-Boston, wie es genannt wird, in einer vortrefflichen Lage, befinden sich mehrere wohltätige Anstalten nebeneinander. Eine derselben ist das Staatshospital für Geisteskranke, das auf bewundernswürdige Weise nach jenen aufgeklärten Grundsätzen der Güte und Aussöhnung geleitet wird, die vor zwanzig Jahren für die ärgste Ketzerei gegolten hätten und welche mit so vielem Erfolg in unsrem Armenasyl zu Hanwell beobachtet werden. »Man muß Vertrauen selbst gegen Geisteskranke zeigen«, sagte der Arzt des Hospitals, als wir in den Galerien umhergingen, während sich seine Patienten ungezwungen um uns versammelten. Von denen, die die Weisheit dieses Satzes bezweifeln oder leugnen, wenn es überhaupt solche gibt, kann ich bloß sagen, daß ich nicht aufgefordert werden möchte, als Geschworner über sie zu entscheiden, ob sie geisteskrank sind oder nicht; denn ich würde sie sicherlich bloß auf dieses Zeugnis hin für sinnlos halten.
Jede Abteilung in dieser Anstalt ist wie eine lange Galerie gebaut, nach welcher sich zu beiden Seiten die Schlafgemächer der Patienten öffnen. Hier arbeiten sie, lesen, spielen Kegel und andere Spiele, und wenn das Wetter ihnen nicht erlaubt auszugehen, bringen sie den ganzen Tag hier zu. In einem dieser Säle saßen, als wenn es so sein müßte, unter einer Menge schwarzer und weißer geisteskranker Weiber des Arztes Gattin und eine andere Dame nebst ein paar Kindern. Beide waren schön, und man konnte gleich auf den ersten Blick bemerken, daß ihre Gegenwart hier einen höchst wohltätigen Einfluß auf die Kranken übte, die sich um sie gruppiert hatten.
Den Kopf an den Kaminsims gelehnt, mit großer Würde und höchst vornehmer Miene, saß eine ältliche Frau, mit so vieler Lappen und bunten Schnitzeln behängt wie Madge Wildfire. Besonders war ihr Kopf ringsum so besteckt mit Stückchen Gaze, Kattun, Papierstreifen und allerhand zusammengesuchten Läppchen, daß er wie ein Vogelnest aussah. Sie strahlte von falschen Juwelen und trug eine ohne Zweifel echt goldene Brille; als wir uns ihr näherten, legte sie mit vielem Anstand eine seht alte, zerrissene Zeitung in ihren Schoß, in welcher sie vermutlich eine Schilderung ihrer eigenen Vorstellung an irgendeinem auswärtigen Hofe gelesen hatte.
Ich habe sie deshalb so genau beschrieben, weil ich sie als Beispiel für die Art und Weise des Arztes, sich das Vertrauen seiner Patienten zu erwerben und zu erhalten, anführen will.
»Diese Dame«, sagte er laut, indem er mich bei der Hand nahm und mit großer Höflichkeit zu der phantastischen Gestalt hinführte, wobei er auch nicht durch den flüchtigsten Seitenblick oder das leiseste Flüstern ihren Argwohn erregte, »diese Dame ist die Gastgeberin dieses Hauses. Es gehört ihr. Niemand weiter hat was darin zu befehlen. Es ist eine große Anstalt, wie Sie sehen, und erfordert eine große Anzahl von Dienern. Sie lebt, wie sie bemerken, im vornehmsten Stil. Sie ist so gütig, meine Besuche anzunehmen und meiner Frau und Familie zu erlauben, daß wir hier wohnen. Sie ist äußerst höflich, wie Sie bemerken« – auf diesen Wink verbeugte sie sich sehr herablassend –, »und wird mir das Vergnügen gönnen, Sie ihr vorzustellen: ein Herr aus England, Madame, just von England angekommen, und zwar nach einer sehr stürmischen Überfahrt: Mr. Dickens – die Dame des Hauses!«

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