Menschenbilder | HEINRICH SURBECK | Der Schweizer Chemiker & Ingenieur auf Sumatra

Das aber ist der Glauben aller, die guten Willens sind, dass Hass und Wahn vergehen, Vernunft und Güte schließlich ihren Sieg davontragen.

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Heinrich Surbeck vor dem gigantischen Blutenstand eines Amorphophallus an der Westküste Sumatras [1937]

Heinrich Surbeck wurde am 16. Februar 1876 in Hailau geboren, neben zwei Schwestern der einzige Sohn eines Landwirtes, der auch eine Bauernmetzgerei betrieb. Die Mutter stammte ihrerseits aus einer alteingesessenen, angesehenen Bauernfamilie der gleichen Gegend. Früh erlebte er die ökonomischen Sorgen des Elternhauses; als sich der Vater notgedrungen wieder vermehrt auf den heimatlichen Weinbau verlegte, brach über diesen die große Krise der achtziger Jahre herein. Das zwang die ältere Schwester zur Auswanderung in die USA.
Der junge Heinrich aber lernte das Große und Harte der Natur zu achten, er träumte sich in das Lockende und Rettende fremder, ferner Länder hinein und sah, dass sich das Leben nur im eigenen Einsatz leisten lässt, dass Fleiß, Geduld und Zähigkeit seine Krisen überwinden. Seine Begabungen sollten auch ihn bald aus dem Hallauer Stammkreis herausführen; so weit sie es taten, so kehrte er doch stets zu dieser seiner geliebten Heimat zurück, wo er später ein Haus kaufte, das den tief symbolischen Namen «Zur Brunnquell» trägt. Den Lehrern am Schaffhauser Gymnasium fielen vor allem die Neigungen des Knaben zu allen Naturwissenschaften auf, zur Geologie, Botanik und Chemie; aber auch die fremden Sprachen wuchsen ihm mit Leichtigkeit zu. Dem beugten sich die sparsamen Eltern freudig; dann aber starb, viel zu früh, der Vater.
Nun wurde der Student erst recht die tragende Hoffnung für Mutter und Schwester, die alles für ihn einsetzten. Mit Erfolg studierte er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich Chemie und Ingenieurwissenschaften, aber nach der Ablieferung des Diplomes warf ihn ein schweres Lungenleiden auf das Krankenlager. Der Aufenthalt in der Höhe, wo er Heilung erhoffte, stellte seine Getreuen in Hallau erneut vor das Nichts.

Seeigel aus Insulinde. Neben den stachelbesetzten Tieren Hegen auch einzelne Gehäuse, denen die Stacheln abgefallen oder abgescheuert sind, sie sitzen jeweils auf den Buckeln. In beiden Fällen haben wir hier herrliche Kunstformen der Natur vor uns.
Seeigel aus Insulinde. Neben den stachelbesetzten Tieren Hegen auch einzelne Gehäuse, denen die Stacheln abgefallen oder abgescheuert sind, sie sitzen jeweils auf den Buckeln. In beiden Fällen haben wir hier herrliche Kunstformen der Natur vor uns.

Da vernahm er 1902, dass eine von Schweizern gegründete Gambir-Plantage in Indragiri auf Sumatra einen technischen Leiter suchte. Surbeck griff entschlossen zu und gewann den Einsatz. Unter südlichen Sternen brachte der mit einem widrigen Schicksal Ringende die zähen Tugenden seiner Klettgauer Vorfahren zur vollen Entfaltung. Als ein goldlauterer, tiefbescheidener Charakter wird er geschildert, dem minutiöse Pflichterfüllung alles war, voller Initiative und realistischer Phantasie und einer innerlichsten Aufgeschlossenheit und Liebe zur Natur. Sein Leiden heilte in den Tropen aus, nun schritt er in breitem Gelingen vorwärts, wurde
Mitbegründer einer weiteren Korporation auf der Basis der Gambir-Gerbstoffabrikation, schließlich unabhängiger Erbauer von Limonaden- und Eisfabriken, vor allem aber vorbildlicher Wasserwerke in Siantar und Padang Sidempuan an der Westküste Sumatras. Während eines Europaaufenthaltes heiratete er 1908 seine Lebensgefährtin, eine Bernerin, die ihm unerschrocken in die Pionierwelt der Tropen folgte, ihm vier gesunde, hoffnungsvolle Kinder schenkte, die nah dem Busch und seinem mächtigen Leben ihre Jugend verbrachten. Sie wuchsen ganz in der malayischen Umwelt auf und ließen sich schaudernd vom humorvollen Vater erschrecken, der im Urwald mit dem Stock einen Tiger aus dem Gebüsch zu klopfen vorgab. Erst die Schuljahre zwangen die Kinder wieder in die Schweizer Heimat zurück und ließ sie so im Heimweh nach zwei Welten groß werden. In seiner Mußezeit sammelte Heinrich Surbeck hauptsächlich Farne, Bärlappe und Moosfarne; das umfangreiche Herbar schenkte er schließlich einem bekannten Farnliebhaber, dem Lehrer E. Oberholzer in Zürich, der ihm nun jede wissenschaftliche Pflege angedeihen lässt.

Als die japanische Besatzung über dem Lande lastete, alles lähmend, war es der Trost des Vaters, auf Hunderten von Blättern die Tier- und Pflanzenwelt der tropischen Umgebung für seine Kinder malend festzuhalten. So sind Dokumente entstanden, aus denen die Abbildungen in diesem Beitrag stammen. Von 1942 bis im August 1945 dauerte die japanische Besetzung, eine Zeit der Schrecken und Qualen für das ganze Inselland. Gewiss wurden die Schweizer geschont, aber ihr tätiges Gewissen brachte sie selber in Gefahr.

Die Familie Surbeck hat nichts unterlassen, um den anderen Europäern in den Gefängnissen und Konzentrationslagern vor allem medizinische Hilfe zukommen zu lassen, sie durften sich wohl auf die Treue ihrer malayischen und chinesischen Helfer verlassen; aber der Verdacht solcher Hilfe richtete sich schließlich auch auf sie selbst. Das Ende taucht in die blutigen Schrecken eines furchtbaren Massakers. Noch nach ihrer Niederlage mussten die Japaner eine Art Ordnungsdienst aufrechterhalten, die von ihnen aber schon früher aufgestachelten Malayen setzten ihre Raubzüge fort, so dass schließlich auch Heinrich Surbeck und seine Freunde von dem grauenhaften Schicksal erreicht wurden, in die Hände dieser verwirrten Horden zu fallen. Das geschah am 15. Oktober 1945; die Schiffe der Alliierten befanden sich schon in den Häfen, da führte eine zügellose Bande von Eingeborenen die letzte Rache der Japaner aus. Sie setzten das flügelartig aufgebaute Hotel in Brand, rückten von Zimmer zu Zimmer mordend vor und konnten schließlich die Frauen von den kämpfenden Männern trennen: als die tapferen Töchter später von den Alliierten befreit wurden und nach dem Vater forschten, war es zu spät.

Auch Heinrich Surbeck hatte die Todeskugel erreicht. Über vierzig Jahre hat er mitgeholfen, Sumatra technisch zu erschließen, im Glauben an den Sinn dieser Leistung für Land und Volk; nun liegt er auch dort begraben. Das aber ist der Glauben aller, die guten Willens sind, dass Hass und Wahn vergehen, Vernunft und Güte schließlich ihren Sieg davontragen. In ihnen ist kein Einsatz und keine Mühe verloren und sie tragen ihre Früchte tröstlich ins Kommende.

Heinrich Surbeck (16.2.1876 – 15.10.1945)
Geboren: Hallau/SH
Gestorben: Pematang/Siantar/Sumatra

Surbeck verbachte seine Jugendzeit in Hallau und erlangte die Matura in Schaffhausen. Sein Naturkundelehrer war Dr. Jakob Meister (1850-1925). Mitglied der Scaphusia.
Studium der Botanik, ein Semester in Lausanne dann 1895-1900 Chemiestudium an der ETHZ.
1904 zog er nach Sumatra und wurde technischer Leiter der Gambirplantage Gading Estate in Indragiri, die Schweizern gehörte.
Ab 1916 hatte er in Pematang Siantar an der Ostküste Sumatras eine Eis- und Limonade Fabrik. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges baute er ein Elektrizizätswerk und eröffnete ein modernes Hotel. Auch in Padangsidimpoean (Tapanoeli) besass er einen Industriebetrieb.
Seit 1930 war er Mitglied der NGSchaffhausen. Etwa 400 Herbarpflanzen, davon 200 Farne von 1914-1917 offerierte er Prof. Schröter der ETH. Dieser akzeptierte die Offerte jedoch nicht, da er die meisten Pflanzen schon besaß.
1939 schenkte er die Farne E. Oberholzer in Samstagern und die restlichen Pflanzen an ZT.
Durch Prof. Dr. Walo Koch wurde er ermuntert seine botanische Arbeit in Sumatra wieder zu aktivieren, vor allem auf dem Gebiete der Wasserpflanzen. Surbeck wurde 1945 bei einem Eingeborenenaufstand in Sumatra ermordet.


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