Menschenbilder | Edward Jean Steichen & seine wunderbare Idee von «The Family of Man»

Es gibt in der deutschen Sprache ein sehr altes und sehr einfaches Wort, mit dem wir ausdrücken wollen, dass wir von etwas eine Vorstellung haben, dass wir etwas deuten, vergleichen, sichtbar machen. Wir sagen, wir machen uns ein Bild.

Edward Steichen | Foto: F. Holland Day - Library of Congress Prints and Photographs Division | 1901
Edward Steichen | Foto: F. Holland Day – Library of Congress Prints and Photographs Division | 1901

Wir machen uns ein Bild vom Leben, ein Bild vom Dasein, ein Bild von uns selbst. Wir wissen, dass wir das Sein nicht unmittelbar begreifen, wir sind Menschen, wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, und erkennen heißt, über Sinn und Bedeutung der Welt nachdenken, sich ein Bild machen. Wir haben uns eine neue Welt geschaffen, heute würde man sagen: eine Welt der Symbole, eine Welt der Mythen, der Religion, der Sprache, der Kunst, der Wissenschaft, um uns ein Bild zu machen von unserem Dasein. Eine der konzentriertesten, ausdrucksvollsten und vielleicht auch reinsten Formen dieser Symbole ist das Bild, das der Künstler schafft, in Lehm, in Stein, in Farbe, seit den frühesten Zeiten der Menschheit.

Zu diesem alten Begriff des Bildes, von dem wir uns immer bewusst sind, dass er nicht das Sein selbst gibt, sondern eine Deutung des Seins, kommt um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Art von Bild, etwas Unglaubliches, ein Bild, das kein Bild mehr ist, weil es scheinbar die Welt selbst gibt, so wie sie ist, ungedeutet und unmittelbar. Das gleiche, was das Auge sieht, was die Linse des Auges auf die Netzhaut projiziert, wird durch einen analogen Vorgang, durch eine analoge Linse auf eine ebenfalls lichtempfindliche Schicht geworfen und dort, im Gegensatz zum Auge, für alle Zeiten, für alle Menschen festgehalten. Was ein Mensch sieht, kann nun jeder Mensch sehen. Wir lösen Teile der sichtbaren Welt ab, fangen sie auf, übertragen sie heute schon mit allen Konsequenzen der Farbe, der Bewegung, der Gleichzeitigkeit. Man hat diese für die Erkenntnis unserer Welt ungeheuer wichtige Erfindung, die der französische Staat wegen ihrer Bedeutung sofort aufgekauft und für alle Menschen freigegeben hat, mit einer der typischen Wortkonstruktionen des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Man nennt sie Photographie, das heißt Lichtschrift, Lichtzeichen, und nennt auch ihre Erzeugnisse, umständlich genug, Photographien. Bis heute zögern viele, sie mit dem Wort Bild zu bezeichnen. Man spricht von Abbildungen, das heißt von Abformungen, oder von Aufnahmen, und meint damit, dass etwas wieder aufgenommen wird, das schon da ist. Immer ist man sich bewusst, dass die Photographie ein Teil der Realität selbst ist. Im Unterschied zum Bild des Malers ist sie ein Dokument, ein Beweis, kein Vergleich, kein Symbol. Wir wollen die Frage offen lassen, ob es so ist. Jedenfalls hat um 1900 ein junger Maler, der sich gleichzeitig mit Photographie beschäftigte, sich ebenfalls diese Frage gestellt, und er hat versucht, diese Grenze zwischen Malerei und Photographie zu durchbrechen. Dieser Maler schickte an eine große Kunstausstellung in Paris bewusst keine Malereien, sondern Photographien und schrieb dazu, es seien Bilder, die er mit Hilfe des Lichts gemalt hätte. Er brachte die Juroren in einige Verlegenheit. Sie anerkannten, dass die Bilder einen künstlerischen Wert hätten, sie hatten aber Angst vor den Folgen. Die Bilder wurden zurückgewiesen. Der junge Mann, der diesen Vorstoß wagte, war Edward Steichen, der Schöpfer der Ausstellung «The Family of Man», der, wie er selbst sagt, vielleicht weitreichendsten und herausforderndsten photographischen Schau, die je versucht wurde. Mehr als hundert Jahre seit der Erfindung der Photographie hat es gedauert, bis jemand auf die Idee kam, uns diese Spiegelbilder unseres Seins vorzuhalten, um uns zu zeigen, was wir sind. Edward Steichen gehört zu den großen Erneuerern der Jahrhundertwende, zu den wenigen, die noch da sind. Ich glaube, sein Leben verdient es, dass wir darüber sprechen. Steichen wird in diesem Jahr dreiundachtzig Jahre alt. Er hat als Schulbub angefangen zu photographieren. Er entwickelte seine Aufnahmen auf dem Küchentisch seiner Mutter in Wisconsin, Bilder seiner Familie und seiner Freunde. Mit einundzwanzig Jahren ging Steichen nach Paris. Er machte halt in New York und zeigte seine Aufnahmen dem fünfzehn Jahre älteren, damals schon berühmten Stieglitz. Stieglitz war überrascht. Er wollte dem jungen Mann Mut machen und kaufte drei Bilder, jedes zu fünf Dollar. Steichen erzählt, dass er heute, jedes Mal, wenn ein vielversprechender junger Photograph zu ihm kommt, ihm drei Bilder abkauft, jedes zu fünf Dollar. In Paris war er ein Künstler unter anderen, mit breitem Hut und fliegender Krawatte. Er studierte Malerei und bekam später bis zu fünftausend Dollar für ein Bild. Aber er glaubte, dass er sich besser ausdrücken könne durch die Photographie. Er kämpfte weiter mit Stieglitz zusammen um die Anerkennung der Photographie als Kunst. Er schrieb 1903: «Warum will man eigentlich ein künstlerisches Ausdrucksmittel, das schon jetzt, in dem ersten Kindheitsstadium seiner Entwicklung, zu den bedeutendsten Faktoren modernen Wissens und Könnens gehört, warum will man das eigentlich einengen durch wissenschaftliche, künstlerische oder sonstige Beschränkungen? Ein Ausdrucksmittel, das noch gar keine Sondergesetze haben kann? Warum von Beschränkungen, von Grenzen reden, wo wir mit den Möglichkeiten, die noch gar nicht erschöpft sind, vielleicht wirklich etwas erreichen? Es handelt sich hier nur um die alte Frage: Beherrscht der Geist den Stoff oder der Stoff den Geist?»

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Joachim Köhler | Schild der Foto-Ausstellung „The Family Of Man“ in Clerf (fr.: Clervaux) Luxemburg | CC BY-SA 3.0 | Quelle: wikipedia

Steichen suchte allerdings in seinen frühen Aufnahmen weniger nach den Sondergesetzen der Photographie, als dass er versuchte, Gesetze der Malerei auf die Photographie anzuwenden.
Seine Aufnahmen sind Kunstdrucke. Man könnte sie manchmal
mit Malereien verwechseln. Man sagt, dass er den Apparat während der Aufnahme vibrieren ließ, dass er auf die Linse spuckte, um eine malerische Wirkung zu erzielen. Steichen, der bald in New York, bald in Paris ist, kennt viele berühmte Leute. Er photographiert Bernard Shaw, Richard Strauss, Maurice Maeterlinck, Anatole France. Er wird befreundet mit Rodin, und er bricht in seinem Atelier zusammen, weil er unzufrieden ist mit seiner Arbeit. Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg lebt er auf einem kleinen Gut in Voulangis bei Paris, malt, photographiert und züchtet Rittersporn.

Als Amerika 1917 in den Krieg eintritt, wird er technischer Berater für Luftaufnahmen und bekommt später das Kommando über alle photographischen Operationen in Frankreich. Mit dem Krieg ändert sich sein Leben. Luftaufnahmen müssen klar und scharf sein, und Steichen sieht in der Präzision einen neuen Weg der Photographie. Er wird beeinflusst von den Schrecken des Krieges. Er will künftig sein Leben enger mit dem Leben seines Nebenmenschen verbinden, und er glaubt, dass die Photographie ihm helfen könnte. Mit der Malerei ist es zu Ende. Er macht mit seinem Gärtner in Voulangis einen großen Haufen von diesen «gerahmten Tapeten» im Wert von fünfzigtausend Dollar.
Seine zweite photographische Lehrzeit beginnt. Er sagt: «Ich bin bestimmt wie Ebbe und Flut, und geduldig wie die Römische Kirche.» Mehr als tausendmal photographiert er während eines Jahres eine weiße Tasse und eine Untertasse, damit ihm die photographische Technik in Fleisch und Blut übergeht. Er geht zurück nach Amerika, macht Modeaufnahmen für «Vogue» und «Vanity Fair», arbeitet mit einer Reklameagentur und photographiert berühmte Menschen. Um seine Auftraggeber abzuschrecken, verlangt er tausend Dollar für eine Aufnahme und hat in der Folge noch mehr zu tun. Er kauft eine Farm in Connecticut, achtzig Mal größer als Voulangis, und züchtet Delphinium.

Fragen der Vererbung interessieren ihn schon lange. Er sagte, dass alles, was wächst, im Grunde ähnlichen Gesetzen der Vererbung unterworfen ist, auch der Mensch. Er wollte die Menschen bessern, und seine einzige Hoffnung waren damals erbbiologische Methoden. Aber er fand weder einen Weg, noch wusste er das Ziel. 1938 hatte er sein New Yorker Studio geschlossen, um sich ganz mit Pflanzenzucht beschäftigen zu können. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Als die Japaner Pearl Harbour angriffen, übernahm der Zweiundsechzigjährige das Kommando über viertausend Photographen, die die amerikanischen Operationen in der Luft und auf dem Meer festgehalten haben. Die Aufnahmen wurden zu einem dramatischen Bericht über die Operationen. Sie zeigten die menschlichen Qualitäten der Kämpfenden, aber sie waren auch eine verheerende Anklage gegen den Krieg. 1947 wurde er, der um die Anerkennung der Photographie gerungen hatte, Direktor der photographischen Abteilung des Museum of Modern Art in New York.

Fünf Jahre später, 1953, läutete in der Photoklasse der Zürcher Kunstgewerbeschule das Telephon. Robert Frank, der junge, begabte Schweizer Photograph, der in heute in (New Scotia) Kanada lebt, war am Telefon. Er würde in Kürze mit Edward Steichen vorbeikommen. Steichen, diese legendäre Figur, von der die SchülerInnen so oft gesprochen hatten; das Museum of Modern Art, ein Museum modernster Kunst, also auch modernster Photographie: Sie suchten rasch zusammen, was an Experimenten, an extremen Aufnahmen vor Ort war. Dann war er da, freundlich, kameradschaftlich; man hatte sofort Kontakt mit ihm, aber was ihm gezeigt wurde, beachtete er kaum. Ob denn keine Reportagen gemacht würden? Ob niemand Aufnahmen von Menschen gemacht hätte? Er ließ den Studierenden allerdings keine Zeit, etwas zusammenzusuchen. Steichen begann zu erzählen. Von seinem Plan einer Ausstellung von der Einheit des Menschengeschlechts, von den Menschen als einer großen Familie. Unabhängig von Rasse, unabhängig von der Kulturstufe, vom Land, von den sozialen und politischen Gliederungen sind alle Menschen den gleichen Gesetzen des Lebens unterworfen. Sie verbinden sich, Kinder werden geboren, sie verlangen nach Nahrung, nach Schutz. Die Menschen arbeiten und sind müßig, traurig und fröhlich, gut und böse, lieben sich und hassen sich. Sie suchen das Leben zu begreifen, sie haben Angst und haben Hoffnung. Und wie die Blätter welken und fallen, werden die Menschen alt, sie sind einsam, sie sterben.
«Wir wollen nicht nur die positiven Seiten des Menschen zeigen», sagte Steichen, «wir werden vielleicht eine Aufnahme haben aus Afrika oder Südamerika, wo ein Vater seinem Sohn beibringt, wie man seinen Feind mit einem Giftpfeil tötet. Wir wollen die ursprünglichen Triebe der Menschen zeigen; nicht die Religionen, aber das Religiöse; keine sozialen Systeme, aber ein soziales Bewusstsein. Aussprachen der größten Menschen und Worte der größten Weisheit werden die Aufnahmen begleiten.» Die Ausstellung «The Family of Man» wurde 1955 im Museum of Modern Art in New York eröffnet und anschließend in vielen Städten und Ländern gezeigt. Millionen Besucher haben sie gesehen.

«The Family of Man» ist als bewusster Beitrag zur Idee des Friedens und der Verständigung, zur Freundschaft zwischen den Nationen angelegt. Sie will die schöpferischen Kräfte der Liebe und Wahrheit den zerstörenden des Bösen und der Lüge gegenüberstellen. Ferdinand Hodler sagte einmal: «Ich sehe das, was die Menschen verbindet, nicht das, was sie trennt. Alle Menschen essen gleich, schlafen gleich, lieben gleich. Es ist die Aufgabe des Künstlers, den stärksten, sinnfälligsten Ausdruck dieser Funktionen zu finden.» Steichen hat ein langes Leben sich bemüht, dem nahezukommen, was die Photographie auszudrücken vermag. Er hat lange Jahre nachgedacht, wie man die Menschen zu einem besseren Leben bringen könnte, und er hat schließlich mit all seiner Kraft und seiner Erfahrung die große Schau von der Einheit des Menschengeschlechts geschaffen.

Seit 1994 befindet sich die Sammlung «The Family of Man» als Dauerausstellung im Schloss Clervaux (Clerf (luxemburgisch Klierf, Cliärref, französisch Clervaux) ist eine Gemeinde im Großherzogtum Luxemburg und Hauptort des gleichnamigen Kantons Clerf) und umfasst 503 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern und wurde von Edward Steichen für das Museum of Modern Art in New York (MoMA) zusammengetragen. Seit ihrer Schaffung hat die Ausstellung über 10 Millionen Besucher gehbat und geht somit als Legende
in die Geschichte der Fotografie ein. 2003 wurde sie ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.

Mehr Informationen zur Ausstellung finden sie auf den Seiten der steichencollections.

Cover
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Literatur: 
The Family of Man (Englisch) Taschenbuch
Carl Sandburg & Edward Steichen
192 Seiten
Verlag: Museum of Modern Art; Auflage: 1. (2013)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0870703412
ISBN-13: 978-0870703416

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