Menschen im Hotel • Ein lauer Sturm am Fensterkreuz

Um 3 Uhr morgens begannen die Vögel leise den werdenden Tag zu begrüßen, noch andeutungsweise. Meine Sorgen wuchsen und wuchsen derweil. Es begann in meinem Hirn wie mit einem rollenden Steinchen, riss Hoffnungsgedanken mit; die Lebensleichtigkeit, wurde zur zerstörenden Lawine, begrub die Fähigkeit, dem Tage zu genügen und der unerbittlichen gebieterischen Stunde! Den Zufällen! Ein lauer Sturm vergnügte sich in den Baumwipfeln vor meinem Fenster.
Ich hatte also wegen nichts und wieder nichts das Leben der süßen Frau Lorenz belastet und gestört. Auch verweigerte mir einer meiner Gönner vom nächstem Monat an die kleine Monatsrente. Er hatte irgend etwas über mich und meine Ansichten gehört. Sie waren ihm zu radikal und unsympathisch.
Mein ästhetisches Ideal, Frau Wohlleben, gehört seit langem denen, die sie bezahlen können.
Ich, der den »mystischen Kult der Schönheit« mit ihr trieb, war ihr stets zu unelegant, unverständlich und überhaupt durchgeknallt. Wenn ich auf die Knie niedersank, von ihrer körperlichen Vollkommenheit zutiefst gerührt, sagte sie, ich sei pervers, ich solle sie nicht blamieren!

Mein Hotelzimmer erhellt sich, meine Seele verdunkelt sich. Es wird Morgen. Das Singen der Vögel in den Baumkronen wird deutlicher, die Ansätze ihrer Melodien sind erkennbar. Der laue Sturm drängt den Geruch der erwachenden Stadt hinein.

Es wäre nun die schicklichste Stunde, – – –.

© 2016 Oliver Simon nach einem Motiv von Peter Altenberg

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Menschen im Hotel: Textfragmente & Bildergeschichten die Leser & Leserin einladen, den Faden zur persönlichen Geschichte weiter zu spinnen.

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