Mein Lebensentwurf zum Rentenalter | Und Ihrer?

«Ich bin nun bald 60 Jahre alt, aber trotzdem gibt es noch viel, das ich kennenlernen möchte, solange ich noch munter und — töricht bin. So gedenke ich, meine nächsten 20 Jahre mit Dingen auszufüllen, die zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen und zu wissen ich mir immer wünschte. Hier sind die wichtigsten Daten meiner Agenda für diese Zeit:

   Ich möchte in einer Hütte aus unzerbrechlichem Glas auf irgendeiner Bergspitze Westindiens sitzen und zuschauen, wie die Welt in einem grauen, nassen, wütenden Hurrikan zugrunde geht. Und möchte auf den wilden Klippen von Aran, abseits Irlands Westküste, stehen, während eine Riesenwelle von Grönland her an die erbebenden Felsen donnert, mit Wellen, die beim Aufschlagen und Niederbrechen 300 Fuß hoch in die Luft aufspritzen und aufsprühen. Und dann möchte ich eine Woche tief unter Wind und Sturm auf dem Grund des Meeres verbringen und mir die seltsamen Kreaturen der Tiefe betrachten.

   Ich möchte weitere 100 Sonnenuntergänge im einsamen Wattenmeer erleben, wo stets zur gleichen Stunde die Sonne langsam in vielfarbigem F’euer untergeht und Gewitterwolken über dem halben Himmel leuchten und blitzen, und schüchtern Sterne im ungetrübten Blau des Himmels funkeln.

   Meine Ohren können wenig mehr verlangen, als sie schon hörten. Ich hatte der Welt schönste Musik genossen; ich hörte die Lieder der Bantus und der Samoaner; ich hörte in den Alpen eine Lawine grollen, während sie sich ihren schneeigen Weg 2000 Fuß bergabwärts in den Abgrund brach; mein Rückgrat hat ein Frösteln durchlaufen, als ich das unterirdische Rascheln des Nordlichtes hörte, während es seine raumweiten Säume durch die fernen flimmernden Sterne hinter sich herschleppte. Ich hörte einen Waldbrand menschliche Rede zu Boden dröhnen — und wünsche das nicht nochmals zu erleben. Aber bevor ich 80 bin, möchte ich noch einen großen Vulkan bei einer Eruption hören und nicht zuletzt das Trommelkonzert von 500 Pavianen.

   Lasst mich noch viele Male zwischen dem Ende und heute den Duft spanischen Flieders eines Frühlings in Neu-England verspüren und schenkt mir noch eine stille Blütennacht in einem Orangenhain von Florida. Lasst mich wieder und wieder die erfrischende Sauberkeit salziger Meerluft einatmen. Für meine Zunge schenkt mir noch einige Tausend weiterer Dessertmelonen, die aufgelesen wurden, wie sie von den Stämmen fielen und vor Sonnenaufgang gegessen werden, so dass sich in ihnen noch die Kühle der Nacht verbirgt.

   Und für den Durst und Hunger meines Geistes schenkt mir das Erleben, wie es einem zukünftigen Astronomen beschieden sein wird, der den Mond mit einem 200zölligen Teleskop wird betrachten können. Gebt mir Zeit, die Geheimnisse von Ameise und Biene zu erforschen; und mit Hilfe besonderer Apparate lasst mich zu einem Zuhörer ihrer Unterhaltung werden.

   Aber alle diese Dinge würde ich mit Freuden hergeben, wenn ich vor meinem 80. Altersjahr einen neuen Einblick in die menschliche Natur gewinnen, Zeuge Tausender von Experimenten mit den Chemikalien sein könnte, mit denen wir den Charakter erforschen und die die Substanzen finden helfen, die verwirrte Geister wieder klären, den Sorglosen und Unbekümmerten Vorsicht bringen, den Trägen und Gleichgültigen Lebensatem einblasen, Fleiß den Drückebergern bescheren und Ehrlichkeit den Falschen und lügnerischen Seelen schenken. Für mich birgt das Leben kein größeres Abenteuer mehr, als zu sehen, wie der Mensch seine eigene Natur zu beherrschen lernt, gleich wie er heute die Atome beherrscht.

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