Mein Freund Bleistift | Der Zeichner

Wenn ich zeichne, so geschieht es in der Regel nicht mit irgendeinem Bleistift — im Gegenteil, ich bin sogar sehr wählerisch. Die Mine soll geschmeidig und ausgeglichen sein; ist sie es nicht und bin ich grad daran, zum Beispiel die feinen Haare eines Mädchens oder die hauchdünnen Blätter einer Blüte zu zeichnen, so gibt es plötzlich einen unangenehm kratzigen Strich — das passt dann gar nicht zur Zärtlichkeit des darzustellenden Gegenstandes, und ich ärgere mich. Um derartige Unliebsamkeiten von Anfang an zu verhüten, wähle ich zur Arbeit die mir passenden Bleistifte in zwei oder drei Härtegraden. Die sogenannten «praktischen» oder «neuzeitlichen» Luxusstifte in ihren kühlen, gewichtigen Metallhüllen aus schwerem Silber oder gar vergoldet mag ich nicht zum Zeichnen; sie sind mir irgendwie «hinten zu schwer», nicht im Gleichgewicht, zu kompliziert und wider das Gefühl. Hingegen benütze ich gerne die leichten, eisernen Röhrchen für zu kurz gewordene Bleistifte, die ich auf diese Weise bis zum kleinsten Stummel aufbrauche.
Nehme ich also einen einfachen, guten Zeichenstift zur Hand, so trete ich zu ihm in eine Art freundschaftlichen Verhältnisses; sehr sorgfältig spitze ich sein edles, wohlriechendes Holz und die Mine (die geringen Sorten erkennt man meistens schon am abscheulichen Holz), aber beileibe nicht mit der «Spitzmaschine» so charakterlos mechanisch, sondern ich nehme mir die Zeit und tue es eigenhändig mit meinem immer wieder geschärften Sackmesser, das ich schon seit 25 Jahren benütze. Mit dem Spitzen beginnt also bereits mein Handwerk; das Werkzeug passt sich meiner Hand und meinen persönlichen Wünschen an. Sobald ich die ersten Striche auf das gleichfalls ausgewählte Papier setze, denke ich kaum mehr an den zeichnenden Stift; dieser ist mit meiner Hand wie verwachsen, nimmt meine Empfindungen und Regungen gewissermaßen in sich auf und überträgt sie auf die Unterlage. Um Zartes oder Feines wiederzugeben, berührt er sie kaum; Helles und Dunkles vermag er auszudrücken, auch Hartes und Scharfliniges oder Weiches. Überaus viele Möglichkeiten enthält er, Abstufungen vom hellsten Grau bis zum tiefsten Schwarz, es liegt nur an mir, alles herauszuholen. Immer wünsche ich mir das Gelingen, und jedes Mal möchte ich’s beim nächsten Versuch besser machen!


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